Tropf. Tropf. Tropf.
Löcher in die Luft starrend saß sie da. Abgemagert. Frierend. Und doch völlig gefühlskalt. Dass sich die Härchen auf ihren Armen aufgestellt hatten, um das letzte Rest Wärme ihres Körpers irgendwie noch bei sich zu behalten, merkte sie schon nicht mehr. Genauso wenig wie den harten Stein unter ihren Knochen. An der ehemaligen Königin des Sommerlandes war noch nie besonders viel Fett gewesen, sie war schon immer von schlanker und eher athletischer Statur gewesen, doch mittlerweile war sie kaum noch wieder zu erkennen. Nicht nur dunkle Schatten unter ihren Augen, die von den schlaflosen Nächten und dem fehlenden Zeitgefühl erzählten, sondern auch die Spuren der letzten Tage. Blaue Flecken an Armen und Beinen, eine kleine Wunde, die sich entzündet hat hier und Haare, die mittlerweile völlig verfilzt sind dort. Yasirah ben Sahid hat den Glanz, den sie einst hatte, längst verloren. Er endete in der Sekunde, als das Herz ihres Sohnes stehen blieb. Nicht das, ihres Mannes. Das war unvermeidbar. Entweder durch das Opium, durch die eigenen Hände oder eben durch die Hände der Attentäter. Doch dass man zusätzlich noch den Thronerben ermordet und ihr ihren Sohn genommen hat, das hat der Königin den Todesstoß verpasst, obwohl sie dieses Attentat überlebt hat.
Und seitdem ist nichts, wie es mal war. Nichts ist mehr von Bedeutung. Keine Nahrung, kein Wasser. Nicht mal ihr eigenes Leben. Sie weiß nicht, was draußen passiert. Bekommt nur leises Geflüster der Wachen mit, die Tag und Nacht vor ihrer Zelle ausharrten. Niemand davon sprach mit ihr, doch alle sprachen ÜBER sie. Über Yasirah, die ehemalige und nun gefallene Königin des Sommerlandes. Über sie als Frau (obwohl man das schon gar nicht mehr wahrnimmt, nach den zehn Tagen ihrer Gefangenschaft), über sie als Mutter und über sie, als Königin. Als Ehefrau, die nicht gut genug war. Als Mutter, die versagt hat. Als Mensch, der nicht mehr wert war, als der Dreck zwischen den nackten Steinen.
Langsam blinzelte die Frau. Es war das einzige Zeichen, dass sie noch lebte. Die Lippen völlig ausgetrocknet und aufgesprungen. Die Haare stumpf und verfilzt. Vor ihr auf dem Boden die letzten Reste der Nahrung, die sie jeden Tag in die Zelle geschoben bekam und die sie kaum anrührte. Alles war zu viel. Jede Bewegung war eine, die ihr Sohn nicht mehr tun konnte. Jeder Atemzug erinnerte sie daran, dass sie ihre Hände auf die Wunde gepresst hatte. Noch immer waren die letzten Reste seines Blutes unter ihren Fingernägeln. Noch immer war die Last des Versagens so schwer, dass sie sich sicher war, sie nicht tragen zu können. Nicht, dass das noch von Bedeutung war, denn schließlich war sie seit zehn Tagen die Gefangene einer kriminellen Organisation. Doch auch das war nicht mehr von Bedeutung. Selbst die Tatsache, dass es noch zwei Kinder gab, um die es sich zu kämpfen lohnte, war nicht von Bedeutung.
Yasirah war tot, obwohl sie noch lebte.
Wenn man nach Tariqs Auffassung ging, so war das inhaftieren einer Person nur dann sinnvoll, wenn man damit auch etwas bezwecken wollte. Wenn man etwas verhindern wollte. Aber im Grunde war Yasirah in ihrem Gefängnis völlig verschwendet, wenn man ihn fragte.
Sie wäre doch ein viel besseres Werkzeug gewesen, an den richtigen Stellen platziert hätte sie eine gute Ablenkung abgegeben aber stattdessen versauerte sie hier unten im Halbdunkel ihrer Zelle und vegetierte vor sich hin.
Tariq hätte sie als trauernde Witwe auftreten und vor ihr Volk treten lassen. Sie hätte sich, wenn man ihn fragte, rechtfertigen müssen. Ihr Name hätte in aller Munde sein sollen. Als Mahnmal für alles, was in ihrer Gesellschaft falsch lief.
Arrest, Gefangenschaft… das brachte nur etwas, wenn die Person, der es zuteilwurde, auch eine tiefere Lehre daraus zog. Doch das war etwas, das sich bei Yasirah vermissen ließ.
Stattdessen war sie tief in ihre eigene Trauer gefallen, wenn er dem, was die Wachen erzählten, Glauben schenken durfte.
Heute hatte er entschieden, dass er sich selbst ein Bild von ihrem Zustand machen wollte. Das er mit ihr sprechen und in Erfahrung bringen wollte, wie es ihr ging. Wie sie sich fühlte. Im Dreck, dort, wo auch ihr Volk lebte.
Er hatte sich in die dunklen Gewänder gehüllt und die Schlangenmaske aufgezogen, die aufgrund ihrer Beschaffenheit nicht nur sein Gesicht vollständig verdeckte, sondern auch seine Stimme veränderte.
Begleitet von drei Frauen, die ihre Gesichter ebenfalls verhüllt hatten und sich mit geduckten Köpfen neben ihm bewegten, betrat er den Vorraum zu ihrem Gefängnis und musterte sie einen Moment lang ruhig.
Er ließ sich Zeit dabei und neigte leicht den Kopf, als er ihres langsamen Blinzelns gewahr wurde.
„Wascht sie“, befahl die hochgewachsene Gestalt mit dem Schlangenkopf und bedeutete den Wachen, die Zellentür zu öffnen.
Gerade bestand keinerlei Fluchtgefahr. Und selbst wenn, sie würde nicht weit kommen. Sie war jetzt schon abgemagert, ein Schatten ihrer selbst. Ihr Essen hatte sie einmal mehr kaum angerührt und Tariq konnte den Dreck trotz Maske riechen. Vermutlich fiel sie nicht um, weil sie gerade zu vor Schmutz erstarrt war.
Er beobachtete die drei Frauen, die in das Gefängnis der König eilten und sich daran machten, sie vorsichtig aufzurichten.
Tariq wusste nicht, womit er rechnete, während seine behandschuhten Finger nach den Überresten der Mahlzeit griffen und den Teller nach draußen reichten.
„Bringt etwas Frisches“, befahl er den Wachen. „Etwas, das leicht bekömmlich ist. Sie bringt uns nichts, wenn sie stirbt.“
Erst dann wandte er sich wieder um und blieb in der Tür stehen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, während er beobachtete, wie die drei Mädchen die Königin aus ihren Kleidern schälten.
Ihre Vorzüge waren ihm ohnehin völlig gleich. Frauen interessierten ihn nicht und gegenwärtig erfreute sich Yasirah ohnehin keiner besonderen Schönheit, sofern sie das überhaupt jemals getan hatte.
Völlig im Delir gefangen wälzte sie sich auf dem harten Steinboden hin und her. Die Fesseln ihrer Erinnerungen lagen schwer auf dem mittlerweile gebrochenem Geist der einstigen Königin. Weder wusste sie, wie viele Tage seit ihrer Gefangenschaft vergangen waren, noch, was nun mit ihrem Land passierte. Doch tief in dem Flüstern der Schatten wurde sie sich einer Wahrheit allumfassend bewusst: es war ihr egal. Es spielte keine Rolle. Sie war keine Königin mehr, das wusste sie. Man hatte ihr symbolisch das Genick gebrochen. Dabei war ihr die Krone klirrend vom Kopf gefallen. Und mittlerweile, nach so vielen Tagen und Nächten in absoluter Einsamkeit, zweifelte sie nicht nur an ihrem Verstand, sondern auch an ihrer vergangenen Herrschaft. Eigentlich haben sich in der triefenden Dunkelheit Zweifel an allem in ihren Verstand gekrallt. An sich selbst, an ihren Erinnerungen, an ihren Taten, an ihrem Denken. Immer wieder war sie jede einzelne Sekunde des Attentats durchgegangen, immer wieder meinte sie sich an das warme Blut zu erinnern, das zwischen ihren Fingern entlang floss, nur um am Ende doch wieder in dem Gedankenkarussell zu landen, ob das Alles wirklich so geschehen war.
Auch in dem Moment, als sie leise Geräusche zu hören meinte, die immer lauter wurden, war sie sich sicher, dass sie nun anfangen würde zu halluzinieren. Die fehlende Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme würde sie über kurz oder lang umbringen, dessen war sie sich sehr wohl bewusst. Doch dass ihr ihre Augen vorher solche Streiche spielen würden von Männern mit Schlangengesichtern, das überraschte sie für einen kurzen Moment. Nicht so sehr, dass es sie aus ihrer Trance gerissen hätte, doch zumindest so, dass sie anfing sich zu bewegen. So gut es eben ging. Nach all der Zeit waren ihre Gelenke steif und ihre Muskeln verkrüppelt. Yasirah hatte nichts mehr mit eleganten und stolzen Königin gemein, die jahrelang das Sommerland regiert hatte. Übrig war nur noch eine leere Hülle.
Als Hände sie berührten, zuckte sie zurück und versuchte sich in eine der steinernen Ecken zu flüchten. Versuchte auszuweisen und zu überleben. Menschliche Wärme fühlte sich in diesem Moment so unnatürlich und fremd an. Die Angst, einem weiteren Streich ihres Bewusstseins zu unterliegen, war zu hoch. Doch als plötzlich eine tiefe Männerstimme erklang, wusste sie, dass sie nicht träumte. Sie konnte diese Stimme spüren. Konnte die Gänsehaut wahrnehmen, die über ihren geschundenen Körper jagte. Und wusste, dass diese Realität nur wenig besser sein würde, als das, was ihre Fantasie sich für sie zusammenbraute.
Die Worte zu verstehen war eine Herausforderung, der sie unterlag. So lange hatte sie keine menschliche Stimmen gehört, die zu ihr sprachen. So lange war man ihr stumm und respektlos begegnet, dass sie nicht mehr mit dieser Art der Kommunikation umzugehen wusste.
Ein leises Stöhnen entkam ihr, als die Frauen anfingen sie zu entkleiden. Die frische Luft, die dabei plötzlich an ihre dreckige Haut strömte, ließ sie frösteln. Sie wollte das Alles nicht. Wollte in Ruhe gelassen werden. Wollte eigentlich nur noch ihren letzten Atemzug tun und ihrem Mann und Sohn folgen. Wünschte sich so sehr, dass ihr Mann, wo auch immer er nun war, endlich wieder einen gesunden Geist hatte. Und sie würde Alles dafür tun, es mit eigenen Augen zu sehen.
Doch das, was hier geschah, war das genaue Gegenteil. Während Wachen stumm einen neuen vollen Teller mit Essen brachten, wurde Yasirah völlig nackt ausgezogen und mit einem rauen Lappen abgerubbelt. Sie konnte spüren, wie ihr ganzer Körper rebellierte. Zu viel Berührung. Hitze stieg ihr zu Kopf und sie spürte einen unangenehmen Schwindel aufkommen, sodass sie sich mit der freien Hand an der nackten Steinmauer abstützen musste. Noch immer versuchte sie erfolglos die Hände, die sie wuschen, abzuwehren, versuchte sich wegzudrehen und ihren Körper zu schützen. Dass dort noch ein Mann stand und diese ganze Szenerie beobachtete, hatte sie längst vergessen. Und selbst wenn sie noch dran gedacht hätte, wäre es ihr egal gewesen. Vor einigen Tagen hätte sie ihm vielleicht noch ins Gesicht gespuckt, doch dafür gab es weder die nötige Energie, noch die nötige Spucke. Jedes Quäntchen Flüssigkeit musste ihre Körper bei sich behalten, um sich über Wasser zu halten.
Nein. Das war ja zauberhaft. Sie leistete Gegenwehr. Zumindest versuchte sie es und damit erheiterte sie den Mann unter der Maske doch sehr, wenngleich mehr als ein kurzes Beben der Schultern nicht darauf hindeutete, was gerade in seinem Gesicht passierte. Genauso gut konnte es sein, dass er ob des doch recht scharfen Gestankes hier unten eine Gänsehaut hatte unterdrücken müssen.
Tatsächlich war die Maske und das fein parfümierte Tuch vor seinem Gesicht ausgesprochen praktisch. Die Minze und die schweren Öle verdrängten den Geruch weitestgehend und er konnte sich so sicher noch ein paar Minuten aufhalten.
Die Mädchen, die er mitgebracht hatten, machten ihre Arbeit anständig und gründlich und sie ließen wirklich keine Stelle am Körper der Königin aus. Immerhin war es wichtig, dass sie sich rein hielt, nicht wahr?
Tariq legte den Kopf ein wenig zur Seite und musterte sie von oben bis unten mit einem schmalen Lächeln, dass sie nicht zu Gesicht bekam. Aber sicher kannte.
Immerhin waren sie einander nicht fremd. Ein Grund mehr für ihn, die Maske zu tragen.
Nicht zuletzt um zu vermeiden, dass sie ihn erkannte. Ihn verriet, sollte sie es – wider Erwarten – doch irgendwie aus diesem Loch herausschaffen, in das sie sich selbst so erfolgreich hineinkatapultiert hatte.
Tariq nickte knapp, als eines der Mädchen sich fragend zu ihm umwandte.
„Zieht sie wieder an. Und dann will ich, dass Sie isst.“
„Werdet Ihr bei ihr bleiben, Herr?“, ertönte eine sanfte, fast noch sehr junge Stimme.
„Ich bleibe. Jetzt tut, was ich gesagt habe“, befahl er mit einem Handwink und nahm schließlich auf einem herbeigebrachten Schemel Platz, während die verschleierten Frauen – oder Mädchen – die Königin in frische Kleidung zwangen.
Sie war zweckmäßig und sicher nicht besonders bequem. Aber sie war nun sauber und trug frische Sachen, damit bekam sie schon mehr, als die meisten Menschen in ihrem Land bekamen.
„Ich bin beeindruckt“, stellte er schließlich fest und schob ihr den Teller zu, „dass du nicht einmal ein paar Tage in der Hölle durchhältst, in der deine Untertanen täglich vegetieren müssen. Du gibst ein regelrecht erbärmliches Bild ab für eine Königin, Yasirah. Wenn es nach mir ginge“, er schob ihr Messer und Gabel rüber, damit sie essen konnte, „würdest du dich vor deinem Volk für alle deine Gräueltaten verantworten müssen. Und für den Mord, den du zu verantworten hast."
Angst vor einem Angriff hatte er nicht. Selbst, wenn sie in Höchstform gewesen wäre, wäre er sicher gewesen. Und sie tot, bevor sie ihn erreichte.
Obwohl. Davon hätte er abgesehen.
Qualvoller schien für sie das Leben.
Und all das wäre absolut unnötig gewesen, hätte sie sich einer Königin als würdig erwiesen und dafür gesorgt, das es ihrem Volk gut ging. Das Blut des Königs klebte, wenn man Tariq fragte, nicht nur sinnbildlich an ihren Händen. Sie hätte etwas tun müssen.
„Wie ist es so? Wenn man keine Perspektive hat? Nicht im Reichtum schwelgt? Lernst du etwas von deinem Aufenthalt hier bei uns?“
Er gab dem Teller einen Schubs.
„Iss, Yasirah. Du wünschst dir nicht, dass ich dafür sorge, dass etwas in deinem Magen landet. Du wirst lieber freiwillig essen und trinken. Glaub mir.“
Ansonsten konnten sie es auch mit einem Schlauch versuchen. Damit sie sich erinnerte, wie man schluckte und damit der Magen nicht verkümmerte.
Sie brachte ihnen noch weniger, wenn sie hier unten den Hungertod starb.
Gedämpft drang die Stimme des Mannes an ihr Ohr, die ihr so seltsam bekannt vorkam. Die Worte hallten durch die Stille wie Peitschenhiebe und die ehemalige Königin zuckte zusammen, als er mit der Hand eine Bewegung durch die Luft machte. Es dauerte keine zwei Sekunden, ehe die Hände der Bediensteten an ihren Armen und Beinen zerrten und dafür sorgten, dass sie nur wenige Minuten später in ordentlichen, sauberen und sogar duftenden Klamotten in ihrer Gefängniszelle saß. Die Wärme, die sich plötzlich unter dem Stoff sammelte, fühlte sich beinahe unangenehm und erdrückend an. Tage - oder waren es Wochen? - waren vergangen, in denen sie gefroren hat. In denen sie Husten und Halsschmerzen bekommen hat, weil es hier unten nass und kalt war. In denen sie sich gewünscht hatte warme Kleidung zu tragen, doch mittlerweile waren selbst diese Wünsche alle Vergangenheit. Die Bedürfnisse hatte ihr Geist einfach ausgeklammert. Sie wurden sowieso nicht befriedigt, daher brachte es auch nichts ihnen hinterher zu hängen. Genauso wenig wie der Liebe zu ihrem Mann und zu ihrem Sohn, wobei sie vor allem letzteres zu keiner Sekunde abstellen konnte. Es war, als wäre es das einzige, woraus sie bestand: Schmerz und Trauer. Die Worte des Mannes, die er nun an sie richtete, taten nicht einmal mehr weh. Sie erinnerte sich dunkel daran, dass sie mal geschmerzt hätten. Dass es Zeiten gegeben hat, wo sie alles mit Elan und Eifer dementiert und sich mit Stolz dagegen gewehrt hätte. Doch jetzt entlockte es ihr nicht mal mehr irgendein Geräusch, das auf ein Registrieren hingedeutet hätte.
Minuten vergingen, während die jungen Mädchen unsicher und unbeholfen neben der Frau standen, die zusammengekauert auf dem Boden saß. Der Teller mit dem Essen lag direkt vor ihren immer noch nackten Füßen, doch alleine der Gedanke daran etwas zu essen, sorgte dafür, dass ihr speiübel wurde. Sie wusste jedoch, dass dieser Mann keine leeren Drohungen aussprach. Nicht, weil sie ihn kannte, sondern weil sie an seiner Stimme hören konnte, wie egal sie ihm war. So egal, dass er auch auf anderen Wegen dafür sorgen würde, dass sie etwas aß. Also bewegte sie langsam ihre Hände und griff nach dem Brot, das verheißungsvoll auf dem Teller lag. Es war nahezu nur ein Krümel, den sie vom Brot abbiss. Das Gefühl sich plötzlich übergeben zu müssen war so allmächtig, dass sie das Brot beinahe fallen gelassen hätte. Yasirah fing an zu würgen.
Es dauerte etwas, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Und nachdem weder der Mann, noch die beiden jungen Frauen bislang gegangen waren, dämmerte ihr, dass sie nicht drum herum kommen würde, etwas zu sagen. Sie wusste nicht, was er sich davon erhoffte oder was seine Erwartungen waren, ob er sich nur an ihrem Leid ergötzen wollte oder ob er ein Ziel verfolgte, doch ehrlich gesagt spielte das Alles auch gar keine Rolle mehr. Ihr Land war sowieso verloren. Sie war verloren. Alle waren verloren.
"
Weder habe ich Gräueltaten, noch einen Mord zu verantworten
", erklang ihre Stimme leise und brüchig. Es erinnerte nichts mehr an die weiche Stimmfarbe, die sie noch vor wenigen Wochen gehabt hatte. "
Frauen sind nichts wert in unserer Gesellschaft. Sie haben nichts zu sagen, nichts zu entscheiden und schon gar nicht irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Sie sind dazu da, um euch
" - und dabei hätte sie ihm am liebsten vor die Füße gespuckt - "
zu befriedigen. Ihr seid scheinheilig und ein armseliger Feigling, wenn Ihr Euch die Werte so zurecht legt, wie Ihr sie gerade braucht. Sich nachts von uns beglücken lassen und tagsüber plötzlich behaupten, dass unsere Worte einen Wert besäßen
", ihre Worte fühlten sich an wie ätzende Säure in ihrem Mund. Begierig griff sie nun nach dem Wasserglas und versuchte den unangenehmen Geschmack herunter zu spülen. Hoffentlich würde dieser Mann sie einfach gleich wieder ihrem Schicksal überlassen und verschwinden.
Unter der Maske hob sich eine dunkle Augenbraue und Tariq musste sich fragen, ob sie einen Korken brauchten, den sie ihr in die Speiseröhre schoben, damit sie gar nicht erst auf die Idee kam zu würgen. Allerdings würde diese Methode das Atmen doch arg erschweren und eine tote Königin, selbst wenn sie entthront war und vor ihm im Dreck saß, war eine schlechte Königin.
Also legte er schlicht den Kopf ein wenig zur Seite und wartete. Wartete, ob sie es schaffte, wenigstens ein paar Bissen zu sich zu nehmen.
Klug wäre, langsam zu essen und den Magen vorsichtig wieder daran zu gewöhnen, dass er etwas zu sich nahm. Es mochte ihm nicht gefallen, dass sie aufgehört hatte, zu essen, aber das bekamen sie schon wieder hin.
Wenn sie jetzt noch weiter abmagerte und hungerte und sich in ihrem Selbstmitleid erging, dann würde sie ihnen auch nichts bringen.
Er hatte es schon Keeran gesagt und er hielt daran fest.
Sie brauchte eine Verbesserung ihrer Unterkunft.
Damit ihr Zustand sich verbesserte. Man konnte auch einfach leben, ohne das man am Ende an irgendeiner Krankheit starb.
Und Armut sowie Demut taten der Königin sicher gut.
Offenbar schien Yasirah die Situation auch aussitzen zu wollen. Etwas, das ihn gleichermaßen belustigte wie auch frustrierte. Es nervte ihn wirklich, dass er an dieser Stelle offenbar den längeren Atem brauchte und dass sie es ganz offenkundig nicht schaffte, sich einen Moment zurückzunehmen und das zu tun, was sie sollte. Nämlich essen und mit ihm sprechen.
Es störte ihn massivst, dass er sich nun für sie in Geduld üben musste.
Für seine inneren Regungen war es gleich, ob er eine Maske trug oder nicht. Auf seinem Gesicht passierte allgemein recht wenig, wenn er mit jemandem sprach und seine Mimik nicht ganz bewusst für einen bestimmten Zweck einsetzte.
Auch seine Körperhaltung blieb weiterhin völlig entspannt.
Als wäre das hier nichts weiter als ein flauschiges Örtchen, an dem man sich prächtig unterhalten konnte.
Und dann sprach sie endlich. Ihr schien aufgegangen zu sein, dass sie sprechen musste, wenn sie wollte, dass er und die Frauen, die er mitgebracht hatte, wieder gingen. Irgendwann. Vielleicht.
„Oh, du magst es jetzt noch nicht sehen“, stellte er gelassen fest, „aber auch Frauen haben die Möglichkeit, sich entsprechend zu… orientieren. Und wenn du nicht einmal das hinbekommen hast, dann steht es offenbar nicht nur um deine Fähigkeiten als Königin schlecht. Sondern auch um deine Fähigkeiten als Frau. Verwirrend, ich konnte immerhin alles sehen und rein körperlich“, unter der Maske wanderte sein Blick einmal von oben nach unten an Yasirahs hagerem Körper entlang, „bist du eine Frau. Vielleicht ist dein Gehirn einfach nur nicht ausreichend gefaltet und du bist zum Denken einfach nicht gut in der Lage.“
Das konnte sein.
Dafür konnte sie in diesem Fall nichts. Das kam in den besten Familien vor und in diesen Sonderfällen gab es schlichtweg keine Heilung. Man konnte es einfach nur erdulden oder man erschlug es mit dem nächsten herumliegenden Knüppel.
In Yasirahs Fall hatte sie offenbar Glück gehabt. Wenngleich das Denkvermögen schon nicht ausreichend zu funktionieren schien, so war sie immerhin hübsch. Und hatte einen ansehnlichen Körper. Das reichte den meisten Männern aus und so brachte sie immerhin der Familie noch was ein, indem man sie verscherbelte. Obgleich die Aussteuer einer solch hübschen Frau sich vermutlich auch sehen lassen konnte.
Immerhin musste man den Mann dafür entschädigen, dass er das Denken von der Heirat an nicht nur für sich selbst übernehmen musste.
Dann begann er zu Lachen.
„Yasirah, ich fürchte, ich muss dich enttäuschen. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie eine Frau gefickt und ich habe nicht vor, damit anzufangen“, stellte er fest. „In meinen Augen könntet ihr so viel mehr sein, aber ihr entscheidet euch lieber dazu, wegen allem hysterisch oder melodramatisch zu werden. So wie jetzt“, er deutete auf sie. „Ein Bissen Brot und du würgst, als hätte man dir was verdorbenes hingestellt. Du solltest dankbar sein, dass wir nicht zugelassen haben, dass du auch gestorben bist.“
Er ging vor ihr in die Hocke und legte die behandschuhte Hand um ihr Kinn, um ihren Kopf ein wenig anzuheben.
„Du hast nichts getan um deinen Mann zu retten. Nichts um irgendwen zu retten. Du warst eine schlechte Ehefrau. Eine schlechte Mutter. Und eine wahrhaft grauenvolle Königin. Und jetzt, wo du leben musst wie dein Volk, hast du allen Lebenswillen einfach so verloren?“
Er schnalzte leise mit der Zunge, während er den Kopf schüttelte.
„Ich bitte dich, Yasirah. Wer soll dir das glauben, hmh? Glaubst du dir überhaupt selbst?“
Dass sie ihm die Worte regelrecht entgegengeschleudert hatte, tangierte ihn nun eher peripher. Für ihn hatte ihr Tonfall keinerlei Relevanz. Alles, was ihr einen stärkeren Willen schenkte und dafür sorgte, dass sie aktiv wurde, anstatt melodramatisch vor sich hinzuvegetieren war ihm gerade willkommen.
„Sei nicht so dramatisch, Yasirah. Das steht dir nicht. Als hätte dich jemals wer anders gefickt als dein Mann. Du hattest sicher noch nie das Pech, jede Nacht einen anderen Schwanz zwischen deine Beine lassen zu müssen“, gab er roh und gleichermaßen grob wie sie zurück. „Aber das ist kein Thema. Wir sorgen dafür, dass du ein wenig mehr an Gewicht hast und mehr als ein paar Minuten sauber bist und dann bieten wir dich an, hmh? Ich bin mir sicher es finden sich ein paar Männer, die Gefallen an dir haben werden. Ich möchte dich natürlich keineswegs um diese doch für eine Frau offenbar sehr wichtige Erfahrung bringen.“
Man konnte das Lächeln durchaus hören, dass um seine Lippen spielte.
Dann schüttelte er den Kopf.
„Oder“, er ließ sie wieder los und trat einen Schritt zurück, „du bist einfach höflich zu mir und wir führen eine anständige gesittete Unterhaltung. Ich bin mir sicher, du bekommst das hin. Der Demütigungen gab es genug, schätze ich. Und wenn du brav bist und mich überzeugst, dann habe ich vielleicht sogar eine kleine…“, er sah sich kurz in dem Loch um, in dem Yasirah derzeit ihr Leben fristete, „Verbesserung für dich. Was das Wohnarrangement betrifft.“
Er fand, dass das ein faires Angebot war.