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where the hay remembers - Rowan Fraser - 12-08-2025

Als Rowan die Flügeltür zum Stall aufstieß, wehte ihm stickige Luft entgegen. Luft, die nach frischem Heu, warmen Pferdekörpern und dem einen oder anderen gerade herabgefallenen Pferdeapfel roch. Für den 31-Jährigen bedeutete dieser Duft ein Stück Heimat, ähnlich einer wohligen Decke, die sich an kalten Wintertagen um die Schultern legte und damit den eisigen Wind aussperrte, der an der Kleidung zog und zerrte. Ein Grund, weshalb ihn einer seiner ersten Wege nach dem Frühstück immer zu seinem Wallach Sandokan führte. Sei es nun, wie hier an einem überdachten Ort oder aber auch draußen, wenn sie unterwegs waren: Es gab kaum eine Person, die es in den letzten Jahren geschafft hatte, dem Söldner so nahe zu kommen wie sein Schlachtross, auch wenn sich die Schlachten eher in Grenzen hielten. Vielmehr war das Tier, dessen Fell in den ersten Strahlen des hereinfallenden Sonnenlichts rötlich braun glänzte, sein treuster Weggefährte. Ein Geheimniswahrer und trostspendende Präsenz in dunklen Stunden. Schon von weitem meinte der Fraser das Schnauben und Prusten seines Tieres aus der Menge der anderen Pferde heraushören zu können. Wahrscheinlich war es pure Einbildung, aber es erfüllte Rowan dennoch mit einer gewissen Vorfreude. Das war auch der Grund, weshalb er seinen gewohnt eintönigen Haferschleim wie immer in Rekordzeit hinuntergeschlungen und damit dann auch schon den Speiseraum der Kaserne verlassen hatte. Viele seiner Kameraden – einige darunter kannte er bereits viele Jahre – hatten seiner Einschätzung nach ohnehin mehr Schlaf in den Augen als Haare auf dem Kopf gezeigt, weshalb er es tunlichst vermieden hatte, eine Unterhaltung zu beginnen. Wer mochte denn auch bitte schon gleich nach dem Aufwachen mit einer Flut aus Worten belagert werden? Er selbst ganz bestimmt nicht, schließlich suchte er sich, wenn er denn schon einmal in Begleitung war, einen der abgelegensten Sitzplätze, um selbst in Ruhe wach zu werden. Abends war das eine andere Geschichte, da konnte man ihn an Geselligkeit oft kaum übertreffen. Aber ein müder Fraser war nunmal ein grummeliger Fraser. Und ein grummeliger Fraser warf gern mit Dingen nach Menschen, die es nicht schafften, schnell genug wegzulaufen.

In einer Hand einen rotbackigen Apfel jonglierend näherte sich der Braunhaarige der Box seines Tieres, ehe er abrupt stehen blieb, als sein Blick um die Ecke und damit auf eine zierliche Person fiel, die einem der Pferde gerade zart über den Nasenrücken strich. Leicht neigte er den Kopf, um die junge Frau genauer zu betrachten. So lange, bis er sich wirklich sicher war, wer da in weniger Entfernung vor ihm stand. Rowan hielt mit dem Spiel des Apfels in seiner Hand inne, ein leises Lächeln auf den Lippen, als er sich daran erinnerte wie genau diese Finger, die jetzt so vertraut und sanft mit dem Pferd umgingen, einst durch sein eigenes, halblanges Haar gestrichen waren. Fast schon kam es ihm vor als wäre dies zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort gewesen. “Maebh.“ Nur ein Wort. Keine Frage, sondern eine Feststellung mit ruhiger Stimme und sanfter Mine, getragen von gemeinsamen, gestohlenen Momenten in der Vergangenheit. Ein Echo, das nachhallte und einst leere Räume mit Wärme und Vertrauen gefüllt hatte. “Ich hatte nicht erwartet dich hier zu treffen. Aber du siehst aus, als wärst du genau da, wo du hingehörst, da wo du sein wolltest.“


RE: where the hay remembers - Maebh Fraser - 15-08-2025

Nähe und Zuwendung waren wichtige Dinge für die meisten Lebewesen. Insbesondere Säugetiere schienen darauf regelrecht angewiesen zu sein. Ihre sozialen Speicher mussten aufgeladen und gepflegt werden, wenn man nicht wollte, dass sie unnötig verkümmerten und sich schließlich ganz und gar verabschiedeten.
Mit Pferden war es in dieser Hinsicht nicht anders als mit Menschen.
Nicht mit Gewalt kam man zum Ziel. Aber mit viel Verständnis, Akzeptanz, Ruhe und Gelassenheit.
Céo besaß zumindest von letzterem heute nicht besonders viel.
Er war offenkundig mit dem falschen Huf zuerst aufgestanden und bediente sich emotionstechnisch allgemeiner Grummligkeit.
Bereits zweimal hatte er den Kopf weggezogen, nur um sie kurz darauf zu schubsen und sich harsch Streicheleinheiten einzufordern.
Maebh hatte ihm das Halfter schließlich vom Kopf genommen und ihn zu sich gezogen, die Stirn gegen die des Pferdes legend.
„Ich weiß“, murmelte sie leise. „Ich habe auch manchmal einen wirklich schlechten Tag und würde es gerne genauso handhaben wie du. Aber das steht uns wirklich nicht zu Gesicht,hmh?“, wollte sie wissen und belohnte seine einkehrende Ruhe mit einem Haferkeks.
Sanft fuhren ihre Fingerspitzen über die Nase ihres Pferdes. Ganz unaufdringliche Nähe. Liebe, die ein ungestümes Männerherz nun einmal brauchte.
Manchmal.

Eine Stimme ließ sie innehalten.
Und prompt wandte sie sich um, die Augen überrascht geweitet. Und pure Freude leuchtete in ihren Zügen auf, als sie erkannte, wer sie angesprochen hatte.
„Du meine… Rowan!“
Sie schob sich aus Céos Box, nachdem sie mit einem schnellen Blick sicher gestellt hatte, dass niemand sie sehen würde. Und umarmte den Mann voller Freude.
Auch wenn sie eindeutig würden reden müssen.
Es war Zeit vergangen. Und es hatten sich Dinge entwickelt.
„Es tut so gut, dich zu sehen“, stellte sie ehrlich fest und blinzelte überrascht, als Céo sie mit der Schnauze anstieß, wie um sie zur Seite zu schieben.
Er hatte es ganz entschieden auf den Apfel in Rowans Hand abgesehen und Maebh drückte die Nase ihres Pferdes sanft ein wenig zurück.
„Wie lange bleibst du? Was hast du alles erlebt? Wie geht es dir? Du musst mir alles erzählen!“
Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus. Ungewohnterweise schnell und ungestüm, so wie sie früher einmal gewesen war.
Bei Rowan hatte sie nie darüber nachdenken müssen, wie sie sich gab. Er schien genau diese Dinge an ihr zu mögen, die ihrem Stand keineswegs entsprachen.


RE: where the hay remembers - Rowan Fraser - 02-09-2025

Rowan wusste nicht genau, welche Reaktion er eigentlich erwartet hatte. Höfliche Zurückhaltung? Eine Art aufgesetzter Distanz, die ihre gemeinsame Vergangenheit verleugnete? Der Söldner hätte beides akzeptiert, wusste er doch, dass die Karten seit der gemeinsamen Zeit neu gemischt worden waren und das Blatt sich damit gewendet hatte. Maebh war die Frau seines Onkels, war es auch damals schon gewesen, auch wenn die Umstände zu dieser Zeit noch andere gewesen waren. Doch jetzt war er bereit das zu akzeptieren. Das, was er damals für sie empfunden hatte, lebte noch als Nachhall in seinem Herzen, war eine Erinnerung, die er sein Leben lang in Ehren halten würde. Gerade auch deswegen überraschte ihn die herzliche Reaktion der Hausherrin, traf ihn beinahe unvorbereitet, auch wenn er bereits nach wenigen Wimpernschlägen die Umarmung erwiderte und die Kraft seiner Arme die Dunkelhaarige dabei für einen Moment leicht über dem staubigen Stallboden schweben ließ. Vorsichtig, so als wäre sie wertvolles Porzellan, ließ er Maebh schließlich wieder auf ihre Sohlen hinab. Dass die Frau alles andere war als zerbrechlich war, war dem Fraser durchaus bewusst. Dennoch, für ihn war sie etwas Wertvolles, ein Mensch, der eine deutliche Kerbe in das Holz seines Lebensbaumes geschlagen hatte und wertvolle Dinge behandelte er immer mit Bedacht, auch wenn er den Wert an sich wohl anders bemaß als so mancher seiner Kameraden oder gar seine Familie. So konnte zum Beispiel nichts und niemand eine sternklare Nacht auf einer ruhigen Waldlichtung in Gold oder gar Edelsteinen aufwiegen, deren Stille nur durch das leise Schnauben seines Pferdes und dem Rauschen des Windes in den Blätterdächern durchbrochen wurde. Ja, Rowan hatte bereits sehr früh gelernt, dass seine Freiheit unbezahlbar war und dass er sie um nichts missen wollte.

Ein beinahe bubenhaftes Lächeln legte sich auf die Lippen des Braunhaarigen als er die Worte Maebhs vernahm und dabei den Kopf leicht schief legte, den Apfel noch immer in der Hand. “Es tut auch gut dich zu sehen, Maebh.“ Aus seiner Stimme klang Aufrichtigkeit, war er doch an sich kein Mann der schlangenhaft schmeichelnden Worte, um sich die Gunst anderer zu erschmeicheln. Aus dem Augenwinkel nahm er den Versuch des Pferdes wahr, den Apfel näher zu beäugen, was Rowan mit funkelndem Schalk in seinen Augen quittierte und ihn prompt dazu veranlasste, die rote Frucht in zwei Hälften zu reißen. “Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass ich deinen Freund hier vor dem Verhungern retten muss.“ Lachfältchen zeichneten sich um seine braunen Augen herum ab, als er grinste und die eine Hälfte des Apfels um Maebh herum ihrem Pferd zu reichen. Dann wandte er sich jedoch wieder voll und ganz der Dunkelhaarigen zu. “Vergiss vor lauter Fragen nicht zu atmen bitte.“ Entspannt lehnte er sich gegen einen der Holzbalken, die die Boxen untereinander abtrennten, wobei sein Blick aber wachsam blieb. “Mir geht es gut, ich bleibe allerdings nur ein paar Tage, da ich auf der Durchreise bin.“ Beiläufig wischte er sich die nun vom Pferdeatmen und Apfelsaft benetzte Hand an seiner Hose ab, ehe er sie auf die Absperrung der Box legte. “Du hast doch sicher von der Drachenjagd gehört, nicht wahr?“ Fragend legte er den Kopf schief. Das Gesuch hatte sich bestimmt schon in der gesamten Region herumgesprochen, weshalb es ihn überrascht hätte, wenn es nicht auch bis an Maebhs Ohren gedrungen wäre. “Du siehst gut aus…“ Sein Blick wurde nun weicher und er legte den Kopf leicht schief, musterte sie. “Wie ist es dir ergangen?“


RE: where the hay remembers - Maebh Fraser - 05-09-2025

War er überrascht davon, dass sie ihn umarmte? Sie hatte mit einer anderen Reaktion seinerseits gerechnet. Oder auch nicht? Hatte sie sich eine andere Reaktion gewünscht?
Aber im Grunde war es doch wie immer, oder? Er schloss die Arme um sie, hob sie ein Stück nach oben, bevor er sie vorsichtig wieder abstellte. Als würde sie kaputt gehen, wenn er sich zu schnell oder zu heftig bewegte.
Aber als sie ihn ansprach und seine Augen eine Spur wärmer wurden, sein Gesicht sich zu einem bubenhaften Ausdruck verformte, fühlte sie sich erleichtert.
Zu gerne hätten ihre Finger sich erneut in dieses volle Haar gegraben. Zu gerne hätte sie sich ihm erneut hingegeben, aber die Sachlage hatte sich seit ihrem letzten Zusammentreffen geändert.
Dennoch schenkte sie ihm ein warmes Lächeln und sah dann über die Schulter zu ihrem Pferd.
„Verhungern?“, wollte sie trocken, fast schon ein wenig spöttisch wissen. „Du missverstehst das. Wenn überhaupt stirbt er an schlimmer Vernachlässigung. Er wurde seit bestimmt fünf Minuten nicht mehr gekrault. Du weißt doch, wie er ist.“
Die beiden kannten sich immerhin.
Céo war schon lange kein Fohlen mehr. Genausowenig wie sie es war.
Die auftauchenden Lachfältchen um Rowans Augen herum waren wirklich hinreißend und Maebh ertappte sich dabei, sich zu fragen, wann sie Eanruig das letzte Mal hatte lachen sehen. Hatte er diese Lachfältchen ebenfalls? Sie überlegte einen Moment nahezu fieberhaft, ob er überhaupt jemals mehr tat, als vielleicht einmal kurz die Mundwinkel nach oben zu heben.
Das glich in Eanruigs Fall schon einem vollständigen Gefühlsausbruch.
Meistens war er ernst. Viel zu ernst. Maebh wünschte sich sehr, dass es mehr Leichtigkeit in ihrem Leben gegeben hätte.
Diese Leichtigkeit, die sie spürte, wenn Rowan sie so ansah, wie er das jetzt tat.

„Keine Sorge“, winkte sie ab und ihre Augen blitzten ebenso vergnügt wie die seinen. „Ich komm schon klar. Ich atme einfach durch die Nase wieder ein, während ihr spreche.“
Ihr Blick folgte seinen Bewegungen und Maebh hätte gerne genauso lässig und entspannt gewirkt wie er. Doch sie stand gerade und ruhig da, die Hände vor dem Körper ineinander geschoben und lächelte ihm freundlich zu, auch wenn die Mimik kurz ins Wanken geriet.
„Oh.“
Es war kein begeistertes Geräusch.
Es war Enttäuschung darüber, dass sie einander nur so kurz sehen würden.
„Nun… das… ja. Ich habe davon gehört.“
Standhaft bleiben, hätte man einem Soldaten jetzt gesagt. Aber das war es auch, was man Töchtern beibrachten, wenn sie lernen mussten, mit einer emotionalen Situation angemessen umzugehen.

Also blieb sie standhaft.
„Ich kann verstehen, dass du dich daran… nun… beteiligst. Ich finde nur schade, dass wir so nicht viel miteinander werden sprechen können.“
Sie lächelte ein wenig schief. Und ein Teil von ihr fragte sich sehr verzweifelt, wie genau sie dieses Thema jetzt ansprach.
„Es geht mir gut“, stellte sie fest. „Eanruig und ich sind uns … ein wenig näher gekommen. Und Aedán wächst, als würden wir ihn jeden Tag düngen. Es ist… besser geworden, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben.“
Sah man einmal davon ab, dass ihre Stiefkinder sie zumeist mieden und sie sich schrecklich einsam fühlte.
Immer noch nicht vollständig zu Hause.
Zugegebenermaßen wäre sie lieber mit auf Drachenjagd gegangen, als sich den kommenden Tagen zu stellen.


RE: where the hay remembers - Rowan Fraser - 07-11-2025

Die ganze Situation fühlte sich für Rowan an wie eine Farce und er selbst empfand sich darin als Hofnarr. Diese gezwungene Distanz lag ihm nicht, vor allem wenn es sich um eine Person handelte, die ihm einmal so nah gewesen war. Und hatte Maebh sich nicht schon immer in ihrer Art von all den Höflingen unterschieden, die gefühlt einen Stock im Allerwertesten trugen? Der Söldner schüttelte den Kopf und sein Lächeln wurde etwas breiter, als seine Gegenüber von der schrecklichen Vernachlässigung ihres Vierbeiners sprach. “Vier Minuten können furchtbar lang sein, meine Liebe.“ Er nickte bedächtig, ehe sich einer seiner Mundwinkel etwas höher hob als der andere. „Vor allem, wenn man auf der falschen Seite der Latrinentür steht.“ Das bübische Grinsen auf seinen Lippen verbreiterte sich, ehe er leicht den Kopf schüttelte, nach einer von Maebhs langen, dunklen Haarsträhnen griff und sanft daran zupfte. “Darf ich ehrlich sein? Ich hab’s nicht so mit den höfischen Gepflogenheiten. Und gerade komm‘ ich mir vor, als würd ich dir ein Schmierentheater vorspielen.“ Er seufzte. “Was hältst du also davon, wenn wir einfach so tun als wärst du nicht…“ Seine Stirn runzelte sich für einen Augenblick, als er nachdachte. “… meine Stieftante?“ Rowan verzog den Mund. Das hörte sich gerade ganz und gar falsch an, auch wenn es der Realität entsprach. Ein Grund mehr warum er sich in Gegenwart seines Onkel und Maebh lieber zusammenreißen sollte und den nötigen Respekt an den Tag legen. Nicht etwa, dass er die Dunkelhaarige jetzt respektlos behandelte. Nein, auf die Idee wäre er niemals gekommen, so gar keiner Frau gegenüber. Aber hier im Schutz und in der Einsamkeit der Stallungen, wo nur das Schnauben der Tiere und der leise Duft von Heu und frischen Pferdeäpfeln sie umgab, war es ungezwungener. Leichter.

Ihre Enttäuschung gab seiner Freude einen kleinen Dämpfer, ließ ihn die soeben gefasste Haarpracht leicht über ihre Schulter streichen, ehe er seine Hand wieder an den Hals ihres Pferdes legte. “Ich hätte auch gerne mehr Zeit hier verbracht.“ Das leise mit dir schluckte er hinunter, denn es war in keiner Weise angebracht. Es gehörte in eine andere Zeit, die sie miteinander geteilt hatten und die er für ewig in seinem Inneren als Erinnerung verkorkt mit sich tragen würde. Ab und an würde er diesen Korken aufmachen, in dem, was damals war, schwelgen und vielleicht einen Tropfen Wehmut verspüren. Der Fraser war allerdings niemand, der ob verpasster Chancen oder dem Schicksal einen Groll hegte. Wer auch immer die Fäden ihres Daseins lenkte, hatte sich sicher etwas dabei gedacht – so hoffte Rowan zumindest, auch wenn er doch der Meinung war, zu einem Großteil seines eigen Glückes Schmied zu sein. Ein Glück, das er eben jetzt auf der Drachenjagd versuchen wollte. “Nur, wann bekommt man sonst schon einmal die Chance, ein so seltsames Wesen zu suchen? Alleine die Reise ist die Sache schon wert denke ich. Du weißt ja, dass ich an keinem Ort so sehr zu Hause bin wie auf der Straße und unter freiem Himmel.“ Ein etwas wehmütiger Ausdruck schlich sich in sein Gesicht, denn diese Tatsache beruhte nicht nur auf seinem innerlichen Entdeckerdrang, sondern auch darauf, dass sein Vater in ihm immer mehr „Notfallplan“ des Hauses gesehen hatte, anstatt einen wirklichen Sohn.
Hinsichtlich des Näherkommens zwischen Maebh und seinem Onkel schluckte Rowan kurz, aber nickte dann. “Es ist gut wenn ihr einen Weg zueinander findet. Ihr verdient es beide glücklich zu sein mit dem, was ihr euch arrangiert habt.“ Sein Blick streifte für einen Moment zur Stalldecke, fing dann aber wieder den der Dunkelhaarigen ein und seine Stimmung hellte sich auf, als sie von Aedán zu berichten begann. “Wenn das so ist kann ich ihm ja bald seine erste Lektion auf dem Pferd erteilen!“ Er lachte brummend und erinnerte sich dabei an das kleine Holzschwert, das er zu seinem vierten Geburtstag geschenkt bekommen hatte und das lange Jahre sein höchster Schatz gewesen war. “Scheint als müsste ich öfters vorbei kommen, damit sein Schwertarm später nicht verkümmert.“ Er zwinkerte Maebh zu und musterte sie dann. “Wie ich gehört habe gibt es ohnehin bald etwas zu feiern?“ Der Kopf des Söldners legte sich schief, denn natürlich hatte Cathal ihm von der bevorstehenden Vermählung erzählt.


RE: where the hay remembers - Maebh Fraser - 16-11-2025

Das Kichern, dass sein Vergleich mit der Latrinentür hinsichtlich der Zeitwahrnehmung ausgelöst hatte, erstarb mit seiner Frage danach, ob sie nicht einfach so tun konnten, als wäre sie nicht seine Stieftante.
Sie fühlte sich wahnsinnig vor den Kopf gestoßen und überfordert und im ersten Moment sorgte das Verziehen seiner Mundwinkel nur dafür, dass sie sich einfach aus der Situation ziehen wollte. Sie verlassen, damit sie nicht noch seltsamer wurde. Noch schmerzhafter. Noch brutaler.
Sie verstand keineswegs, wie er darauf kam, das so auszudrücken. Und warum es überhaupt notwendig war, es so zu sagen.
Sie sah ihn also einfach nur aus großen Augen an, verständnislos, als hätte er sie in einer fremden Sprache angesprochen.
Dann wanderte ihr Blick zu ihrem Pferd und ihre Finger legten sich sanft gegen Céos Nüstern auf der Suche nach Nähe und Trost. Beides konnte sie gerade sehr gut gebrauchen.
War er sich darüber im Klaren, was das gerade ausgelöst hatte?
Oder hatte er unbedacht gesprochen und geglaubt, dass diese Frage die Situation auflockerte?

Für Maebh jedenfalls hatte das keineswegs funktioniert. Viel mehr fühlte sie sich nun erst recht seltsam, aber sie tat das, worin sie gut war.
Sie überging es.
Stattdessen musterte sie zuerst ihr Pferd und dann ihn, ehe sie den Kopf zur Seite kippen ließ und einen Moment nachdachte.
„Und wenn ihr das Tier gefunden habt, was macht ihr dann?“, wollte sie wissen und fürchtete bereits die Antwort. Menschen waren die schlimmsten Monster, wenn man sie fragte. Denn wenn sie etwas fanden, dass so wundervoll und so mystisch war, dann wollten sie es auch besitzen. Sie wollten es dominieren und erforschen und dann vernichteten sie es, weil sie darin eine Bedrohung der eigenen Spezies sahen.
Das war das Problem, wenn man intelligent war. Man glaubte, das man alles kontrollieren musste. Und unterschrieb damit, so zumindest in Maebhs Gedankenwelt, den eigenen Untergang.
Das er die Reise an sich nicht scheute, ja, sie sogar genoss, konnte sie allerdings gut nachvollziehen. Wenn auch nicht den ganzen Rest.

Sie selbst hatte außerdem das Thema mit Eanruig angestoßen, also musste sie damit leben, dass sie nun darüber sprachen.
„Ich denke, es könnte mittlerweile mehr sein als nur ein sich arrangieren, weißt du? Ich glaube, dass ich vielleicht… endlich ankommen kann.“
Es war ein schwieriges Thema. Sicher. Denn zwischen ihnen hatte es auch etwas gegeben. Kurz. Wild. Ungestüm. Sie hatten einander geliebt. Aber sie führten keine Beziehung. Und er hatte sie auch nicht mitgenommen und einfach ihren Zwängen entrissen, sondern er war gegangen. Und hatte sie hier zurückgelassen.
Maebh trug ihm das nicht nach. Aber sie wünschte ich Glück. Und dieses Glück sollte sie doch mit ihrem Ehemann haben, oder?

Dann allerdings begann sie zu grinsen.
„Du willst ihm eine Lektion auf dem Pferd erteilen?“, wollte sie ein wenig neckend wissen und stupste ihm mit dem Zeigefinger gegen die Brust. „Er kann schon reiten, weißt du? Céo wird lammfromm, wenn mein Sohn auf seinem Rücken sitzt.“
Und das, obwohl der Hengst durchaus einen starken Kopf hatte, aber im Umgang mit dem Kind war das Tier absolut liebenswert.
Und schon hob ein tiefes Seufzen ihre Brust, als er nach der Hochzeit fragte.
„Hmh“, machte sie ein wenig unbestimmt. „Sicher hat Cathal dir erzählt, dass er heiraten wird? Hat er sonst irgendwas dazu gesagt?“


RE: where the hay remembers - Rowan Fraser - 20-01-2026

Rowan mochte ein Spezialist sein, wenn es darum ging, nicht nur in Fettnäpfchen zu treten sondern glatte Bauchlandungen darin zu absolvieren, weil er seinen Humor so manches Mal an falscher Stelle platzierte oder so wie jetzt mit schlechten Scherzen den unangenehmen Dingen Namen geben und sie so weniger bedrohlich und erdrückend wirken lassen wollte, doch was das Aufnehmen von Stimmungen betraf, darin ließ ihn nur selten sein richtiger Riecher im Stich. Und genau der sagte ihm jetzt, dass genau diese Stimmung bei Maebh gewaltig kippte. Beinahe schon hätte er wie ein kleiner Junge, dem man auf die Finger klopfte, den Kopf eingezogen, als er wahrnahm wie das Leuchten in den Augen, das gerade noch durch das leise Kichern ob seines kleinen Scherzes verstärkt worden war, deutlich gedimmt wurde und sich so etwas wie eine unsichtbare Wand zwischen ihnen aufbaute. Etwas, das Rowan in keiner Weise beabsichtigt hatte. Hätte er ob der offensichtlichen Situation zwischen ihnen einfach schweigen sollen und so tun, als wäre es das normalste auf der Welt, wie sich ihre Beziehung zueinander nun darstellte - zumindest wenn man nach den gesellschaftlichen Standards ging und nach dem, was nach Außen hin präsentiert wurde? Maebh war in seinem Alter und doch war sie die Frau seines Onkels und somit - wie er zu ihrem sichtbaren Unbehagen ausgesprochen hatte - ihre Stieftante. Zumindest seiner Ansicht nach. Wie genau die Verwandtschaftsverhältnisse sich nach beendeten Ehen - sei es durch den Tod oder eine Trennung vom Partner - darstellten, wenn das leibliche Familienmitglied wieder ehelichte, darüber wollte sich der 31 Jährige jetzt nun wirklich nicht den Kopf zerbrechen. Die endlos zähen Stunden, in denen er als Kind in Etikette unterrichtet worden war, hatten ihm fürs Leben gereicht. Vor allem, da die meisten dieser Stunden damit geendet hatten, dass er in einer Ecke stand und Bekanntschaft mit dem Rohrstock gemacht hatte, weil er sein loses Mundwerk und seine zappeligen Glieder nicht an sich halten hatte können. Seine Lehre hatte er aus der Reaktion der Dunkelhaarigen nun aber deutlich gezogen und schwor sich selbst, das leidige Thema nie wieder anzusprechen. Wenn er genau darüber nachdachte brauchte es schließlich auch keine Bezeichnung dafür, wie sie zueinander standen oder was ihre Heirat mit Eanruig aus ihnen beiden des Standes halber nun gemacht hatte. Zwar waren sie keine Liebenden mehr, wie noch vor einigen Jahren, aber die Zuneigung, von der Rowan hoffte, dass sie immer noch auf Gegenseitigkeit beruhte, ging über reine fleischliche Anziehung hinaus. Sie waren Freunde. Oder konnten es zumindest sein, so Maebh ihn nun nicht ganz verteufelte. Verbündete in einer Welt, in der die einzige Abwehr gegen das Gefressen werden eine harte Schale war.

Glücklicherweise schien seine Gegenüber auf das von ihm auf so tollpatschige Art und Weise angebrochene Thema nicht näher eingehen zu wollen und widmete sich stattdessen wieder der Tatsache, dass er schon in wenigen Tagen auf dem Rücken seines Wallachs auf der Suche nach einem geschuppten Ungetüm sein würde. Ob er den Legenden und Gerüchten glauben schenken wollte - oder eher welchem Teil davon - die sich um die Drachen rankten, wusste er noch nicht so genau. Generell war Rowan Fraser kein Mann, der sich von Märchen und Schauergeschichten in irgendwas hineintheatern ließ. Viel mehr wollte er Dinge mit seinen eigenen Augen sehen, um sie einschätzen zu können und seine Schlüsse daraus zu ziehen. Genau auf diese Art und Weise ging er auch an die Drachenjagd heran. Das war auch der Grund, weshalb ihn Maebhs Frage nachdenklich stimmte. "Nun, der König hat ein Kopfgeld auf das Haupt des Drachen ausgesetzt. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass er ihn gerne lebendig als Schoßtier neben seinem Thron liegen haben möchte..." Die Vorstellung mochte zwar für so manchen Monarchen ein Sinnbild der Macht darstellen, aber Rowan war sich ziemlich sicher, dass dem König von Farynn der Kopf der Bestie als Dekor über seinem Thron völlig zur Machtbezeugung reichen würde. "Bis zu dem Moment, wo ich dem Tier Augen in Auge gegenüber stehe, habe ich jedoch noch gar nicht gedacht." Fast schon entschuldigend senkte er die Schultern und ließ seinen Blick für einen Moment über die Köpfe der Pferde hinwegschweifen, so als suche er in der Ferne nach den richtigen Worten. "Ich denke kein Tier oder Wesen verdient es, einfach aufgrund des Geltungsdranges eines anderen sein Leben zu verlieren. Daher kann ich nur so viel sagen, als dass ich mich zumindest verteidigen werde, sollte es mich oder meine Gruppe angreifen. Worin ich an sich jedoch jetzt keinen kriegerischen Akt sehe." So ganz sicher war er sich seiner Sache nicht wirklich. Immer noch saß da die kleine Stimme in seinem Hinterkopf, die ihm einreden wollte, dass es Drachen gar nicht gab und er somit auch gar nicht erst in die Situation kommen musste, ein solches Wesen zu töten. Doch was, wenn diese Stimme eben Lügen gestraft wurde? Innerlich schluckte Rowan, wurde dann jedoch durch den Themenwechsel auf Maebhs Beziehung zu Eanruig aus seinen Gedanken gerissen.

Ihr Geständnis versetzte ihm für einen Moment einen zarten Stich ins Herz. Ein Stich, der an Gefühle erinnerte, die einmal da gewesen waren, sich aber mittlerweile verändert hatten. So wie er und sie beide sich ebenso verändert hatten. "Du hast echtes Gefallen an ihm gefunden, nicht wahr?" Rowan legte den Kopf leicht schief und sah sie direkt an, jedoch mit keinerlei Vorwurf oder gar Hohn in der Stimme. Vielmehr war es etwas sanftes, das nun seine Augen heimsuchte. Ein Abschluss und ein neuer Anfang zugleich, für Maebh und für ihn. "Wenn dem so ist, dann wünsche ich dir von Herzen, dass er deine Zuneigung erwidert und du glücklich wirst. Denn nichts anderes hast du verdient." Zielgerichtet nahm er seine Hand von Céos Hals und legte sie für einen Augenblick unter Maebhs Kinn. "Sollte er dir nämlich das Herz brechen, dann macht er mich zum Blutsverräter und ich würde nur ungern mein Gesicht auf einem Fahndungssteckbrief sehen, weil ich fürstliches Blut vergossen habe." Sein Blick war ernst, auch wenn seine Mundwinkel leicht zucken. "Außerdem schaffen die es nie, meine Nase auf Portraits richtig zu zeichnen, also täte Eanruig gut daran, uns alle nicht in diese Verlegenheit zu bringen." Ja, er hätte wirklich kein Problem damit, seinem Onkel eine gebrochene Nase zu verpassen oder schlimmeres, sollte er seiner Vermählten seelisches oder physisches Leid antun. Denn auch wenn sie nicht mehr in Liebe und Leidenschaft miteinander verbunden waren, so besaß Rowan doch einen ausgeprägten Beschützerinstinkt Maebh gegenüber - auch wenn er wusste, dass diese im Zweifel jeden noch so großen Mann in die Knie zwingen konnte.

Hinsichtlich der Reitkünste von Maebhs Sohnemann stahl sich dann doch wieder ein Lachen von seinen Lippen. "Perfekt! Wenn er bereits reiten kann, dann können wir ja direkt mit dem Tjosten beginnen! Am Ende wird der Kleine der erste Ritter, der mit einer Drachenschuppe als Schild kämpft." Die Vorstellung war gleichermaßen erheiternd wie faszinierend, auch wenn Rowan noch nicht wirklich eine Ahnung davon hatte, was ihn wirklich erwartete - und OB ihn überhaupt etwas erwartete. Beim Thema Cathal war er sich da dann zumindest schon sicherer. "Ja, er hat mit mir darüber gesprochen, sich aber bei den Details eher zurückgehalten." Rowan rieb sich den Nacken und legte den Kopf leicht schief. "Vielleicht kannst du mir etwas auf die Sprünge helfen, wie es dazu gekommen ist?"


RE: where the hay remembers - Maebh Fraser - 01-02-2026

Maebh kräuselte die Nase. Und schüttelte dann den Kopf. «Menschen», murmelte sie ein wenig enttäuscht. «Natürlich hat er ein Kopfgeld ausgesetzt. Die Welt ist so trostlos. Dann schenkt sie uns etwas fantastisches. Und anstatt das man es genießt und ihm die Freiheit lässt, setzt man ein Kopfgeld darauf aus. Und du machst dabei mit?»
Das enttäuschte sie eigentlich noch mehr als die Sache an sich. Sie konnte verstehen, dass man loszog, weil man einen Drachen sehen wollte. Doch was brachte Menschen dazu, alles schöne und fantastische vom Erdboden tilgen zu wollen? Warum bezahlte man dafür Geld und war dann selbst nicht einmal zugegen? Und was brachte Menschen dazu, sich einem solche unfassbar gefährlichen Unterfangen zu stellen? War es wirklich nur das Gold? Was brachte es einem, wenn man es hatte, aber vielleicht nicht lebend zurückkam? Maebh verstand diese Dinge nicht. Nicht, weil sie eine Frau war. Oder weil sie die einfachsten Dinge nicht umfassen konnte. Sondern weil ihr empathischer Kompass so nicht funktionierte.
Ihre Augenbrauen wanderten also nach oben. Er hatte sich noch keine Gedanken darüber gemacht, was er tun würde, wenn er vor dem Drachen stand? Hatte sich noch nicht damit auseinander gesetzt, wie er sich fühlen würde? Welche Entscheidungen er treffen musste? Warum durchdachten Männer ihr Handeln nicht? Maebh stieß ein unzufriedenes Geräusch aus, das gut und gerne auch als Tadel verstanden werden durfte. Sie kräuselte erneut die Nase.
«Es müsste sich nicht verteidigen, Rowan, wenn ihr es nicht jagen würdet. Ihr könntet es in Ruhe lassen. Die Aussage, dass du dich verteidigen wirst, wenn es dich angreift ist einfach nur deine Art, dir eine Ausrede dafür zu suchen, dass du dem selben Abenteuer beiwohnen willst wie all die anderen, die sich das Kopfgeld sichern wollen. Du scherst dich dabei weder um das Gefühl des Wesens noch darum, wie es dir ergehen wird. Du siehst nur das Abenteuer. Und das ist wirklich unvernünftig. Würdest du auch deinem Pferd Schmerz zufügen, nur weil es sich gegen eine Grenzüberschreitung deinerseits wehrt? Oder mir? Würdest du auch sagen», sie richtete sich ein wenig auf, «wenn du mir nachstelltest und ich wehre mich... dann wäre es meine Schuld, wenn ich durch deine Gegenwehr verletzt werde?»
Das war unerhört. Wie konnte er nur so blauäugig sein? So unfassbar dumm? Er war doch kein kleines Kind mehr, dem man solche Dinge erklären musste! Maebh hatte wirklich mehr von ihm erwartet.
Vor dieser Ansicht schützte ihn auch der Umstand nicht, dass er das Thema wechselte und mit ihr über ihren Ehemann sprach. Viel mehr wünschte Maebh, sie hätte das Thema eben nicht gewechselt. Sie nickte also schlicht und hätte es liegen lassen, wäre er nicht dazu übergegangen, Eanruig zu drohen. «Er wird mir das Herz nicht brechen, Rowan. Ich denke viel mehr, ich repariere seines gerade. Und er meines. Das ist gut so.»
Den Rest des Gesprächs ließ sie zunächst unbeachtet. Sie wollte das ausdiskutieren. Wollte eine Antwort auf ihre Fragen.


RE: where the hay remembers - Rowan Fraser - 15-02-2026

Rowan hatte nicht damit gerechnet, dass Maebh ihm auf diese Art und Weise den Kopf waschen würde. Ja, den Aufbruch in so ein Abenteuer mochte nicht jeder gut heißen, aber wer war sie, um über ihn urteilen zu können? Zu der leichten Beschämtheit, die er zuvor ob seines Fauxpas gefühlt hatte, gesellte sich ein anderes Gefühl, das jenes zuvor mehr und mehr übertünchte: Unmut. Wenn nicht sogar in gewisser Weise sogar Zorn. Dennoch blieb er still, ließ seine Hand vom Nasenrücken des Pferdes sinken und atmete die von Stallgerüchen geschwängerte Luft tief durch die Nase ein. "Nun, im Gegensatz zu anderen habe ich nicht den Luxus, mir in einem gemachten Nest eine schöne Zukunft aufzubauen." Rowans Stimme war ruhig aber bestimmt, als die Worte über seine Lippen drangen. "Besser ein Abenteuer, als im Söldnerquartier meines Vaters zu versauern." Leise schüttelte er den Kopf und wieder einmal wurde ihm schmerzlich bewusst, wie tief die Kluft eines fürstlichen und eines - erzwungen - weltlichen Lebens gehen konnte. Als sie den Drachen nun aber mit sich selbst verglich, zog sich etwas in ihm zusammen. Wie konnte sie nur? Leicht schüttelte der Söldner den Kopf während sein Blick sich verfinsterte. "Du vergleichst hier Dinge, die nicht vergleichbar sind. Und ob du es glaubst oder nicht, manche Gegner schlagen die ihre Waffen - welcher Natur auch immer sie sein mögen - auch ohne die geringste Bedrohung oder einen Angriff in den Leib." Die Zähne zusammenbeißend stieß er sich von der Tür der Box ab und begann langsam auf und ab zu wandern. "Ich weiß nicht ob es dir vielleicht bereits aufgefallen ist, aber ich bin ein Söldner. Nicht weil ich es mir so unbedingt ausgesucht habe, sondern weil man mich für diesen Lebensweg bestimmt hat. Egal ob es mir passt oder nicht. Und lieber verdiene ich mein Gold mit Aufträgen, bei denen ich auch etwas neues, etwas von der Welt zu sehen bekomme, als mein Dasein als kümmerlicher Dorfbüttel zu fristen, in dem alle nur den zweitgeborenen Sohn eines Adeligen sehen, den sie bedauern und bemitleiden!" Seine Stimme war nun doch spürbar lauter geworden, jedoch zügelte er sich weiterhin, um keine ungewollten Besucher in den Stall zu locken. Schließlich blieb er stehen, fuhr sich mit der Hand über den Scheitel und sah Maebh direkt an, der Blick beinahe stechend, eine Herausforderung. "Du hast dir nie darüber Gedanken gemacht, was mein Leben eigentlich ausmacht, nicht wahr? Denn es wäre ohnehin einerlei gewesen. Genauso wenig Gedanken mache ich mir nun eben um die Reise, die mir bevorsteht. Was bringt es mir, mich verkopft in diese Geschichte zu stürzen?" Wieder schüttelte er den Kopf, schluckte den Aufruhr in sich so gut es ging hinunter, doch verbergen konnte er ihn doch nicht. "Hast du dir überlegt was passieren könnte, wenn dieses Tier gefährlich ist? Wenn es Hunger bekommt und sich vielleicht in der Umgebung HIER auf die Suche nach Nahrung macht? Wenn ihm die Schafe und Rinder irgendwann nicht genug sind?" Sein Blick ging über den Kopf der Dunkelhaarigen hinweg. "Ich möchte dein Gesicht nicht sehen müssen, wenn es sich Aedán zum Frühstück einverleibt, nur weil er draußen auf den Wiesen spielt. Nur darüber scheinst DU dir keine Gedanken zu machen." Wieder begann er seinen Weg aufzunehmen, der ihn zwischen den Boxen auf und ab führte. "Besser ist es herauszufinden, ob dieses Wesen existiert und wenn ja, wie es uns Menschen gesonnen ist. Damit wir vorbereitet sein können, sollte etwas seinen Zorn auf sich ziehen." Rowan hatte in seinen 31 Lebensjahren bereits zu viele Dinge gesehen, als dass er noch irgendetwas dem Zufall überlassen wollte. Selbst ein Wolf, der ansonsten die Menschen mied, mochte ein Kind reißen, wenn ihn der Hunger heimsuchte und er im Winter nicht genug zu Essen fand. Mit Grauen erinnerte er sich zurück an den Tag, als er mit seinem Wachtrupp bei einer kleinen Ansammlung von Hütten vorbeigekommen war, deren Bewohner und Bewohnerinnen bis auf den letzten Mann, die letzte Frau und das letzte Kind von wilden Tieren gerissen worden waren. Deutlich hatten sich die leeren Augen des kleinen Mädchens in sein Gedächtnis eingebrannt und ihn tagelang danach noch im Schlaf verfolgt. "Wenn es harmlos ist - was ich hoffe - dann bietet diese Reise auch eine Möglichkeit, Optionen für seinen Schutz zu finden. König hin oder her."


RE: where the hay remembers - Maebh Fraser - 25-02-2026

Ihre Augenbrauen wanderten nach oben und der nächste Tiefschlag ließ in der Tat nicht auf sich warten. Warum auch immer es so war, Maebh schien heute keinerlei Lust zu haben, einfach klein beizugeben. «Was weißt du schon davon», begann sie, «wie es uns geht. Du bist doch nie da, Rowan. Du könntest dich hier genauso zur Ruhe setzen. Wir fänden für alles eine Lösung, aber du entscheidest für dein Leben. Nicht wir. Nicht dein Vater. Du bist ein Mann. Deine Entscheidungsgewalt wird also immer höher sein als die meine. Wie wäre es also zur Abwechslung, wenn du dich einen Moment in Demut übst? Mir gegenüber? Dir gegenüber? Dem Umstand gegenüber, dass du hingehen darfst, wohin du möchtest?»
Sie musterte ihn mit einem durchdringenden Blick und schüttelte dann den Kopf.
«Hunderte Frauen haben diesen Luxus nicht, Rowan. Wir werden verheiratet und setzen uns in das ach so schöne gemachte Nest. Mit einem zumeist fremden Mann, der für uns völlig unberechenbar ist. Wird er uns schlagen? Uns ignorieren? Uns vergewaltigen? Achtet er uns? Säuft und frisst er, während für uns Frauen gerade mal ein Minimum übrig bleibt? Du hast keine Ahnung, Rowan Fraser, was es bedeutet, diese Last zu tragen. Wenn jemand für dich bestimmt. Wenn dir deine Freiheiten genommen werden. Du kannst das gar nicht wissen, denn du bist ein Mann und der Schwanz zwischen deinen Beinen ist dein Grundrecht, dass dafür sorgt, dass du vor all diesen Dingen zum Großteil geschützt bist!»
Dann schnaubte sie. «Was kümmert dich, was alle anderen denken?», sie ging an ihm vorbei und griff beherzt nach einem der großen Heuballen, um den zur Seite zu wuchten. «Dir kann egal sein, was sie denken. Sie müssen nicht in deinem Kopf sein. Du schon. Alles, was du tust, hat eine verdammte Konsequenz, Rowan. Es ist dabei egal, ob du mir auf die Füße trittst und ich dich dafür zur Rechenschaft ziehe. Oder ob du über das Leben einer anderen Person bestimmst. Oder einer Kreatur.»
Der Heuballen landete ein paar Zentimter weiter auf dem Boden und als er ihr dann auch noch vorwarf, dass sie sich ja nie Gedanken gemacht hätte, hielt sie inne. Und wandte sich zu ihm um. Die sonst so sanften Augen funkelten gefährlich im Halbdunkel des Stalls und sie hob anklagend den Zeigefinger, um ihn gegen Rowans Brust zu drücken.
«Wie kommst du nur auf sowas?», wollte sie harsch wissen. «Ich mache mir ständig Gedanken! Um dich! Um Cathal! Um die Mädchen! Um meinen Sohn. Meinen Mann. Ich denke darüber nach, wieviele Männer in den Krieg ziehen müssen, weil der Großkönig es so will! Ich denke ständig über alles nach! Und ich treffe keine meiner Entscheidungen einfach so und mache mir keine Gedanken darüber! Das kann ich mir gar nicht erlaubten, Rowan! Und du solltest dir das auch nicht erlauben können!»
Sie verdrehte die Augen.
«Du sollst nicht verkopft sein. Du sollst rational sein! Und darüber nachdenken, was hier eigentlich los ist! Ihr wisst nichts über diesen Drachen. Aber ihr werdet ihn jagen. Was, wenn er das als Angriff sieht? Was, wenn wir diesen Drachen brauchen?»
Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Und musterte ihren Neffen – ja, ihren Neffen! – einmal von oben bis unten.
«Dann kann ich das nicht ändern, Rowan. Die Welt ist ohnehin voller Gefahren. Und Eltern schützen ihre Kinder so gut wie sie es nun einmal können. Und nein, darüber denke ich nicht nach. Die Welt ist voller Gefahren. Ich weiß das. Aber wenn ich diese Art zu denken zulasse, dann lasse ich mein Kind nicht einmal mehr in den Garten, denn es könnte von einer der zahlreichen Wildbienen gestochen werden. Oder er stürzt beim die Treppe runterlaufen. Es gibt so viele Möglichkeiten und ich kann sie dir alle aufzählen. Aber er könnte keinen Schritt mehr tun, Rowan. Und manche Dinge muss man nehmen, wie sie sind. Aber wir Menschen können uns doch nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit verhalten, als wären wir die absolute Spitze der Nahrungskette! Wir entscheiden diese Dinge doch nicht.»
Das war absonderlich! Merkwürdig! Sie wollte so nicht sein. Jedes Lebewesen hatte dieselbe Daseinsberechtigung. Etwas zu jagen, weil es vielleicht gefährlich sein könnte, das kam ihr nicht in den Sinn. Ohnehin war die Jagd für sie etwas eigenartiges, das man sich weniger zur Lebensmittelbeschaffung ausgedacht hatte als zum Bespaßen der eigenen Grausamkeit. Und überhaupt war die Drachenjagd keine Gefahrenbewertung. Der König wollte eine Trophäe. Sonst hätte man es nicht als Jagd bezeichnet. Dann wäre das alles komplett anders aufgestellt worden. Aber das war es nicht. Diese Männer zogen los, um den Drachen zu töten.
«Der Mensch ist das einzige Tier, dass sich so dermaßen über die Ordnung der Natur hinwegsetzt, Rowan. Wir jagen schon lange nicht mehr, um uns zu ernähren. Wir jagen, weil wir Freude darin empfinden. Es ist ein Sport geworden. Wir haben keine natürlichen Fressfeinde und wir vermehren uns wie die Kaninchen. Und offenbar verlieren wir nun auch unsere Demut vor dem, was wir nicht kennen. Du wirfst mir vor, dass du mein Gesicht nicht sehen willst, wenn etwas schlimmes geschieht. Du wirst das Gesicht auch nicht sehen können, wenn du stirbst. Denn dann kommst du nicht mehr nach Hause. Aber der Schmerz wird genauso real sein. Man wird dich hier vermissen. Und wenn der Drache stirbt ... welche Auswirkungen wird das haben? Nur weil du vielleicht für einen Moment darüber nachdenkst, dieses Wesen zu schützen, wird das nicht für alle so sein. Das wird eine ganz eigene Dynamik entwickeln, im dümmsten Fall. Und dann, Rowan? Was tust du, wenn die größte Gefahr plötzlich nicht mehr der Drache ist sondern die anderen Menschen, die genauso gedankenlos und begeistert auf die Pirsch gegangen sind wie du?»
Sie hatte endlich das Heunetz für Céo zu Ende gestopft und richtete sich nun auf.
«Was ist dann?»