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Gold turns to rust - Desdemona Castellanos - 01-07-2025


Die Schritte, die Desdemona durch die Gänge des Palastes der Castellanos setzte, waren kontrolliert, bedacht – nicht langsam, aber auch nicht eilig. Ihre stahlblauen Augen glitten über die hohen Wände, verweilten auf den Gemälden vergangener Könige, und schenkten ihnen die Aufmerksamkeit, die ihnen sonst längst niemand mehr zuteilwerden ließ. Das Haus der Castellanos war dem Verfall nahe, und die toten Augen der Porträts ruhten richtend auf der Tochter Augustos. Vermutlich würden sie dasselbe denken wie sie, wenn sie ihren Vater erneut über einer Flasche Wein zusammensinken sahen, oder ihren Bruder, der des Nachts torkelnd zurückkehrte, den Kragen schief, das Haar zerzaust vom Rausch oder fremden Händen. Sie waren eine Schmach für das Haus der Könige – keine Träger seiner Würde, sondern Risse im Fundament, durch das die Geschichte sickerte wie vergiftetes Wasser. Eine Beleidigung für den Namen Castellanos, die man am liebsten aus dem Stammbaum tilgen, herausbrennen sollte wie eine Krankheit, bevor sie weiterwucherte.
Daran änderte auch nichts, dass ihr Vater sich nun, wie durch ein Wunder wachgeküsst, wieder in die Belange des Reichs einzubringen schien – als ließe sich Verantwortung wie ein Mantel ablegen und beliebig wieder überwerfen. Und auch nicht, dass Leandros’ Leine plötzlich kürzer lag, als wolle man seine Ausschweifungen nun mit spät entdeckter Strenge zügeln. Ein paar Wochen gespielter Selbstdisziplin – oder wie auch immer er diesen Anflug von Pflichtgefühl nennen mochte – wogen keine Jahre des moralischen Bankrotts auf. Man konnte einen morschen Thron polieren, aber er blieb morsch.

Orpheus wäre ein leichter zu ertragender König als Leandros. Zwischen seinen Schläfen saß immerhin ein denkender Kopf – einer, der sich nicht nur für den Glanz der Krone interessierte, sondern für das, was sie bedeutete. Einer, der bereit war, aus der Geschichte zu lernen, statt sich seine Zukunft aus Wein, Eitelkeit und den Schenkeln käuflicher Zuneigung zu formen. Und Naila? Es war keine Qual, sich einzugestehen, dass auch sie eine gute Königin abgeben würde. Ihr Intellekt war geschärft, und ihre Fürsorge – so sehr Desdemona sich dagegen zu wehren versuchte – besaß eine Wärme, die fast berührte. Ihr einziger Makel: Sie könnte mehr strahlen. Doch das würde sie mit der Zeit sicher.

Die Absage ihrer Familie an der Krönung des neuen Königs im Sommerland hatte Desdemona kaum berührt. Es war in ihren Augen ein taktischer Fehltritt, nicht mehr. Ihre Neugier auf das Machtvakuum nach dem Mord an Nailas Familie wog schwerer als jede moralische Entrüstung. Dort, wo Blut floss, öffneten sich Türen – und ihr Vater, vermutlich getrieben von gekränktem Stolz, hatte sie mit einem Handwedeln wieder geschlossen.
Seine Beweggründe? Nicht unverständlich. Aber vielleicht töricht. Denn während er sich als stolzer Castellano ins Schneckenhaus zurückzog, könnten sich andere Königreiche positionieren. Wenn dieser Verbündete fiel, was blieb dann noch? Das Herbstland war neutral wie immer – also würde Castandor isoliert dastehen. Umringt von Barbaren des Winterlandes und der Sippe aus dem Frühlingsland. Noch hatte Castandor das größere Heer, doch der Punkt würde kommen - da war sich Desdemona sicher - da diese Größe nicht mehr genügen würde.

Als die junge Blondine bei ihrem Urgroßvater ankam, lächelte sie schwach, ehe zielstrebige Schritte sie aus ihren Gedanken rissen. Ihr Blick wanderte durch den langen Marmorflur und entdeckte eine beschäftigte Gestalt. Vermutlich hatte er noch unfassbar viel zu tun, denn soweit Desdemona wusste, würde er heute abreisen. Es gab also keinen Grund, warum sie ihn dabei stören sollte, außer dem, dass allein sein Anblick reichte, um den Fluss ihrer Gedanken zu unterbrechen. Denn wenn sie eines in den vergangenen Jahren beobachten konnte und gelernt hatte, war es, dass Zephyr zu allem eine Meinung hatte und nicht selten war diese interessant.
Desdemona ließ ihren Blick einen Moment zu lange auf der Gestalt ruhen – auf dem strebsamen Gang, der mühelosen Eleganz, mit der er sich durch die Halle bewegte, als gehöre sie ihm. Vielleicht tat sie das auch. Nicht im rechtlichen Sinne, aber in der Art, wie gewisse Männer jeden Raum beherrschten, ohne ein Wort zu sagen. Sie sollte ihn nicht aufhalten. Nicht heute. Und doch... Sie ließ ihre Ahnen hinter sich, ging ihm drei Schritte entgegen, ein schwaches Lächeln auf den Lippen. "Zephyr, wie so oft in letzter Zeit beschäftigt unterwegs — aber es ist schön, Euch zu sehen. Ich hoffe, der Tag gönnt Euch einen Moment zum Durchatmen… und für ein Gespräch." Sie machte eine kleine Geste, als wäre sie bereit, sich seinem Tempo anzupassen, falls er nur kurz verweilen wollte und bald weiterging.



RE: Gold turns to rust - *Zephyr Athanas - 11-07-2025

Zephyrs Großvater wäre stolz, wenn er sähe, wie viel er in den letzten Monaten erreicht hatte - das wollte er sich zumindest einbilden, als er in den Korridor seiner Ahnen mütterlicherseits trat. Generationen der Castellanos hatten zugelassen, dass an dem Thron, auf dem sein Cousin nun saß, Spinnen zu brüten und ihre Netze zu spinnen begannen. Ironischerweise lag es an einer dieser Spinnen, den Thron überhaupt noch zusammen zu halten; genau der Thron, der Zentrum all der Gemälde war, die in dem Korridor hingen. Der Vater seiner Mutter, ein gemütlicher und fauler Mann, der nur von seinem amtierenden Enkel in Völlerei überboten wurde, zeigte sich natürlich von seiner besten Seite. Wahrscheinlich hatte er jegliche Momentaufnahmen von seinen weniger stolzen, letzten Jahren auch einfach strikt verboten, wie man das nunmal so macht, wenn man die Macht hat. Es wunderte Zephyr, dass niemand bisher niemand aus seiner Familie dem Impuls gefolgt war, Blumen oder Bücher zu verbieten - dann wiederum kam die Verschiebung einer Millionenstadt auf der Karte dem schon ziemlich nah.
Er hatte eigentlich keine Zeit, durch Korridore zu laufen. Wenn es nach ihm ging, dann hätte er seine Stute die dreihundert Stufen zum Palasttor erklimmen lassen, nur um Zeit zu sparen, die er heute einfach nicht erübrigen konnte. Sie waren so nah dran. Alle scharrten sie bereits in dem abgebauten Lager, Waffen und Zelte auf Karren verladen, Ritter in ihren Rüstungen und auf getränkten Pferden, bereit zum Aufbruch. Es galt nur noch, die Prinzen abzuholen (Heofader, wenn Leandros denn aus den Federn gekommen war…) und sich im Thronsaal von Augusto zu verabschieden. Ein offizieller Segen, eine offizielle Übergabe der Verantwortung für ihren Sieg; und Zephyrs größte Sorge, seine Kontrolle zur selben Zeit hier in der Hauptstadt aufzugeben. Natürlich wäre er nicht Zephyr, hätte er nicht bereits Vorkehrungen getroffen, und dennoch…

Mit seinem Federhelm unter dem Arm erwischte er sich dabei, so in Gedanken versunken zu sein, dass die Stimme seiner Nichte ihn von der Seite überraschte. Seine sonst sehr kontrollierte Miene löste sich für einen Moment auf, als er seinen Schritt verlangsamte und schließlich stehen blieb, der jungen Castellanos zugewandt. “Prinzessin Desdemona, was für eine angenehme Überraschung, Euch vor der Abreise noch einmal zu Gesicht zu bekommen.” Eine Mischung aus höflichen Floskeln und Ehrlichkeit lag in seiner Stimme, unklar, welches davon überwog. Er verneigte sich leicht und folgte ihrer Geste mit seinem Blick. “Ich werde meiner Nichte nie den Wunsch auf ein Gespräch ausschlagen”, schlussfolgerte er auf ihr Angebot und gab den Schritt vor, deutlich langsamer, als er eben noch in den Korridor getreten war. Auch wenn er es eilig hatte, würde er wohl zehn Minuten erübrigen können. Mit einem Ziel im Kopf, aber den Weg umgedacht, schlug er deswegen mit einer Handgeste vor, früher abzubiegen in Richtung kleinerer, geschlossener Korridore - dort, wo die Worte nicht so nachhallten. “Was liegt Euch auf dem Herzen?”


RE: Gold turns to rust - Desdemona Castellanos - 28-07-2025

Er wirkte so gehetzt, dass sich ein leiser, amüsierter Glanz in die hellen Augen der Prinzessin legte. Ihr Großcousin war für viele sicher das Bild eines Mannes, des einen Mannes. Groß, breit gebaut und mit den strengen Linien im Gesicht, die darauf hindeuteten, dass er schwierige Entscheidungen traf. Für Desdemona war er in mancher Hinsicht ein Vorbild gewesen. Vielleicht war es gut, dass sie sich vor dem Krieg noch einmal sahen – wer wusste schon, ob er zurückkehren würde? Ähnlich wie Leandros oder Orpheus. Die Möglichkeit bestand, dass alle drei starben. Wer dann auf dem Thron Castandors sitzen würde, wusste sie nicht auf Anhieb. Zephyrs winterländischer Wildling hatte ihm schließlich noch kein Kind geschenkt und beide wurden nicht jünger.

Seine Begrüßung entlockte ihr ein sanftes Lächeln – weich, doch mit dem Anflug jener gefährlichen Selbstsicherheit, die ebenso gut einer Wölfin hätte gehören können. Mit müheloser Eleganz passte sie sich seinem Schritt an, ihre Bewegungen von jener geschulten Grazie, die sich nur schwer von angeborenem Hochmut trennen ließ. Gemeinsam durchquerten sie die Korridore des Palasts, deren hohe Wände die Schritte ihrer Stiefel in stiller Ehrfurcht widerhallen ließen. „Es ist immer wieder schön zu wissen, dass Ihr ein offenes Ohr für mich habt“, sagte sie mit gespielter Erleichterung, ihre Stimme eine Mischung aus Wärme und berechnender Milde. Ihre Hände verschränkten sich ineinander, und für einen Moment hob sie den Blick zu ihm – ein Seitenblick, flüchtig und doch so gezielt wie ein Dolchstoß zwischen die Rippen.

Sie folgte seinem Umweg mit einem kaum merklichen Nicken, der gleichsam Zustimmung wie Wachsamkeit ausdrückte. Ihre Schritte blieben ruhig trotz des Tempos, die Haltung aufrecht, doch in ihrem Blick lag ein Flimmern – ein Zeichen innerer Bewegung hinter der perfekt kontrollierten Fassade. „Mich würden Eure Gedanken zu dem neuen Sommerkönig interessieren“, begann sie, die Stimme ruhig, beinahe beiläufig, als wolle sie ihn nicht drängen – und doch lag ein gezielter Unterton darin, der keinen Zweifel daran ließ, dass sie seine Einschätzung nicht nur wünschte, sondern als Prüfstein betrachtete.
„Und zu unserer Absage zur Krönung…“, fuhr sie leiser fort, wobei sich ihre Lippen zu einem nachdenklichen Ausdruck verzogen, der mehr über ihre eigene Unzufriedenheit verriet, als sie es vielleicht beabsichtigt hatte. Ihre Augen ruhten fest auf ihm, während sie die nächsten Schritte durch die langen Hallen setzten – abwartend, tastend, und bereit, auf jede Regung in seiner Miene zu reagieren.


RE: Gold turns to rust - *Zephyr Athanas - 17-08-2025

Zephyrs Gesichtsausdruck verriet nichts von dem Unmut, den die Frage seiner Verwandten auslöste, obwohl ihn das Bedürfnis überkam, sie für ihre prompte Frage tadeln zu wollen. Sicher war die Frage selbst entschuldbar mit der Neugierde einer Prinzessin und hatte, gerade wie Desdemona sie stellte, etwas von dem Übermut der Jugend. Die Antwort hingegen, die sie herauskitzeln wollte, war nicht für die Flure und Hallen des Palastes gemacht. Egal, in welcher Ecke man sich befand, die Wände hatten Ohren, und Zephyr war nicht gewillt, jene vor seiner Abreise mit Informationen zu speisen. “Es gibt wenig über den neuen matariyyanischen König zu denken, Prinzessin”, antwortete er daher knapp, mit einstudierter Neutralität, ohne seinen Schritt zu verlangsamen. “Ich hatte bisher nicht das Vergnügen, ihn persönlich kennen zu lernen. Alles, was ich weiß, bezieht sich auf seinen familiären Hintergrund und ist kaum genug, um mir eine Meinung von ihm zu bilden.” Viele Dinge blieben ungesagt, standen allerdings im Raum und waren greifbar für jemanden, der wusste, wie sorgfältig Zephyr stets seine Worte verpackte. Die Tatsache, dass er über die familiäre Situation des neuen matariyyanischen Königs Bescheid wusste, verriet, dass er sich bereits Informationen über ihn eingeholt hatte; genug, um sich sehr wohl eine Meinung zu bilden. Matariyya war ein Fass, das übergelaufen war mit all den Problemen, denen Ridvan nicht hatte Herr werden können. Nun einen neuen König auf dem Thron zu wissen - selbst gewählt und nicht mit den Castellanos abgestimmt -, warf ihnen so viele politische Wandlungen entgegen, denen sie schnellstmöglich Herr werden mussten, wenn sie wollten, dass ihnen die Verbündeten nicht abhanden kamen. Es wurmte den Fürsten, dass er nicht hier sein konnte, um die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, doch das war eine Information, die er nur in seinen privaten Gemächern mit seiner Frau teilte. Hier, mit Desdemona, von der er wusste, dass sie sich ihre eigenen Gedanken um die Situation machte, würde er nicht sein Gesicht verlieren und die ganze Maskerade aufs Spiel setzen, die er dem Palast mühevoll in den letzten Jahren verkauft hatte.

Natürlich erwartete sie seine Meinung zu der Absage. Wenn überhaupt, dann stand Augusto vollkommen alleine da mit seiner Pikiertheit darüber, dass man ihn nicht gefragt hatte, bevor man einen neuen König krönte. Kosma hätte am liebsten ihre beiden Töchter geschickt in stiller Hoffnung, dass sie die Aufmerksamkeit von Samir Al-Mazhir würden erhaschen können. Leandros wäre vermutlich am liebsten selbst gegangen und hätte den Krieg abgeblasen. Nur Augusto berief sich auf alte Traditionen und sein Recht als Großkönig, der - wie alle um ihn herum längst festgestellt hatten - mehr Titel als Wert besaß. Wäre Zephyr wirklich ehrlich mit seiner Nichte zweiten Grades, hätte er sie eingeweiht, dass er ihren Vater für töricht hielt und ihm fast die Entscheidung abgesprochen, sich hingesetzt und selbst einen Brief verfasst hätte mit den Worten Augusto Castellanos schickt seine älteste Tochter Desdemona an seiner statt, Samir Al-Mazhir’s Krönung als Diplomatin und Kronenträgerin beizuwohnen. Doch natürlich behielt er das für sich. Natürlich würde er weder sie, noch die Flure mit Informationen füllen, die ihn oder seine Position gefährdeten.
“Euer Vater, Großkönig Augusto, hat seine Gründe, die Einladung auszuschlagen. Wir müssen uns auf den Krieg konzentrieren”, antwortete er ruhig, dabei einen Seitenblick zu Desdemona werfend. Er hielt große Stücke von ihr, und er wusste, dass ihre Gedankengänge weitaus elaborierter waren, als man ihr zutraute. Ein Vogel im Käfig fand oft seine Wege, um durch die Gitterstäbe auszubrechen. “Samir Al-Mazhir wird sich nach der Krönung aufmachen und persönlich Eurem Vater vorstellen. Spätestens dort werdet Ihr Gelegenheit haben, Euch persönlich ein Bild von ihm zu machen.” Die letzten Worte ließen keinen Platz für Endgültigkeit, waren sie doch fast gewoben wie der Anfang einer Geschichte. Was Augusto wollte und was Zephyr wollte, waren oft zwei unterschiedliche Dinge; während der Großkönig in seinem trunkenen Zustand kaum wusste, seine beiden Töchter auseinanderzuhalten, sah Zephyr das Potential der Prinzessin. Zu Orpheus verband ihn etwas Persönliches, etwas Väterliches, doch Desdemona… er kannte den Stich in ihren Augen, weil er ihn oft in seiner eigenen Frau gesehen hatte. Während er nicht zugegen war, würde sie vielleicht Dreh- und Angelpunkt des Schicksals ihrer Familie sein, wenn sie es nur richtig anstellte… oder einen Fehler beging.