Facing the Storm
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just a ghost with a beating heart - Lindgard Stelhammer - 15-07-2025

Der Schlaf hatte Lindgard nicht gefunden, er hatte sie überwältigt. Heimlich, aus dem Hinterhalt, wie eine Natter im hohen Gras, als sie zu lange ins flackernde Licht der Feuerstelle gestarrt hatte. Vielleicht war es auch die Stille gewesen. Oder die Müdigkeit, die sich wie ein schwerer Schleier auf ihre Schultern gelegt hatte, während sie wach im Bett gelegen und dem Pochen ihres eigenen Herzens gelauscht hatte, wie damals als Kind, wenn die Ereignisse des Tages zu aufregend gewesen waren, um sie schlafen zu lassen. Vielleicht war es auch die Wärme gewesen, die sich durch die unzähligen Pelze über ihr in die Glieder geschlichen hatte, viel zu üppig, viel zu weich, fast wie eine Falle aus Gemütlichkeit. Oder es war schlicht die Erschöpfung gewesen, die sie übermannt hatte, als sie endlich sicher gewesen war, dass Jorin sie heute Nacht nicht mehr aufsuchen würde. Nicht aus Gleichgültigkeit, das wusste sie. Nein, Jorin war zu rücksichtsvoll, zu achtsam. Zu gut. Und genau das war es, was ihr so furchtbar leidtat. 

Sie hatte den Moment nicht registriert, in dem ihr die Augen zugefallen waren. Keine Erinnerung an einen letzten Gedanken, kein Bewusstsein, dass der Schlaf kam. Und so war es ein Absturz ins Nichts gewesen – ein kurzer, taumelnder Fall in einen dunklen, traumlosen Schlund. Zuerst. Doch dann hatte sie es gespürt. Das Knistern. Oder eher: das Fehlen davon. Kein Knistern mehr. Kein Flackern. Keine Wärme. Nur Dunkelheit. Zäh, erstickend, lautlos. So vollkommen lautlos, dass ihre Sinne begannen, Dinge zu hören, die nicht da waren. Schwere Schritte. Grunzende, erregte Atemzüge. Das grobe Schaben von Stiefeln auf gefrorenem Waldboden. Und plötzlich war alles wieder da – nicht wie eine Erinnerung, sondern wie ein Fallen in eine Zeit, die nicht vergangen war. Nicht für sie.

Sie lag da, gefangen in ihren eigenen Gedanken. Wach genug, um zu wissen, dass sie schlief, aber nicht mit genug Bewusstsein, um sich zu bewegen. Ein bleiernes Gewicht legte sich auf ihre Brust – vielleicht das schwere Fell, vielleicht ihre eigene Panik – und ihre Lider blieben wie zugenäht. Selbst das Zittern ihrer Glieder spürte sie nur dumpf, als wären sie nicht mehr Teil von ihr.

Dann dieser grobe Stoff, der an ihrer zarten Gesichtshaut rieb. Wie damals. Der Leinensack, sie roch ihn – feucht, modrig, mit einem Hauch von altem Metall. Sie hörte das schmutzige Gelächter, spürte, wie Hände über sie glitten. Rau. Fremd. Gierig. Ihr Mund war trocken, der damalige Schrei heute nur Wimmern tief in ihrer Kehle. Ihre Brust hob und senkte sich zu schnell. Die Kälte des eiskalten Waldbodens, der Gedanke, den Fremden ausgeliefert, entblößt zu sein ... die Erinnerungen waren so präsent, so greifbar, dass sie erstickt aufschluchzte. Zuerst leise, dann lauter. Der gellende Schrei brach aus ihr hervor, ehe sie ihn unterdrücken konnte – roh und keuchend, das Geräusch eines gehetzten Tieres, das aus dem Schlaf gerissen wird.

Und dann war da diese Gestalt. Vor ihrem Bett. In der Finsternis. Hochgewachsen, breitschultrig. Eine Silhouette nur, doch in ihrem panischen Zustand war das Bild längst vervollständigt: Es war einer von ihnen. Wieder einer von ihnen. Wimmernd fuhr ihre Hand zur Seite. Ihr Dolch, wo war ihr Dolch? Er war immer da gewesen – unter ihrem Kissen, in Reichweite. Doch jetzt war da nur das Fell, nur Leere. Ihre Finger tasteten, krallten sich in weiches Leinen, während sie zurückwich, tiefer ins Bett hinein, das viel zu groß war, viel zu leer. Viel zu fremd.  Ihre Stimme war nur ein Flüstern, gebrochene, unverständliche Worte, ihre Kehle rau vom Schreien, das zu eine Krächzen verebbt war.

Dann – eine Lichtquelle – blass, golden und zögerlich. Ein Hauch von Flamme, irgendwo neben dem Bett. Und mit dem Licht: ein Gesicht. Weder fremd noch feindlich, vielmehr vertraut. Jorin. Ein Keuchen entwich ihren Lippen, doch nicht aus Erleichterung. Es war vielmehr die Erkenntnis, von was genau er just Zeuge geworden sein muss, die auf Lindgards Seele schlug wie eine Axt auf gefrorenes Holz.

Sein Blick wirkte verwirrt, vielleicht sogar besorgt. Ihre Brust hob und senkte sich viel zu schnell, der Schweiß hatte ihr das hellblonde Haar an die Schläfen geklebt, und ihre Wangen glänzten von Tränen, die sie nicht bewusst vergossen hatte. Dann das Bewusstsein ihres Körpers: das dünne Nachtgewand, das Frigga ihr hatte anlegen lassen – aus fließendem, dunklem Leinen, tief ausgeschnitten, fast durchsichtig, mit zarten Stickereien entlang der Kante, die kaum etwas verhüllten. Ihre Schultern waren nackt, ebenso wie ihre Schenkel, über die der Stoff sich nur lose legte. Sie fühlte sich bloßgestellt. Nein, entblößt. Nicht durch ihn – nicht durch Jorin – ondern durch sich selbst, durch diese Nacht. Durch die Albträume, durch das Zittern, durch das Unvermögen, endlich so zu sein, wie man es von ihr erwartete.

Ihr Blick suchte seinen. Fand ihn einen Herzschlag lang, nur um ihn nicht halten zu können. Ihre Lippen bebten, ihr Gesicht zeigte eine Mischung aus Scham, Angst und einem bitteren, brechendem Stolz. Sie öffneten sich, doch kein Wort kam über sie. Lindgard wollte sich aufrichten, sich sittsam bedecken, doch der Schwindel kam zu schnell. Ihre Finger gruben sich in das Fell und zogen es mühsam über ihren spärlich bedeckten Körper. Sie lebte, das musste reichen. Doch in ihrem Innersten pochte nur die Gewissheit, dass ihr Ehemann so viel mehr verdient hatte als diesen Schatten einer Gemahlin.



RE: just a ghost with a beating heart - Jorin Stelhammer - 26-07-2025

Seit Stunden harrte Jorin nun hier in der Schenke mit seinen Freunden aus. Das Bier war schal, die Würfelspiele repetitiv, das Lachen an seinem Tisch ein wenig zu laut, zu forciert. Wie so oft in letzter Zeit fühlte er sich fehl am Platz, als hätte er sich in eine Rolle verirrt, die ihm einst besser stand. Seine Gedanken aber waren bei ihr. Bei seiner Ehefrau. Er konnte sich nicht erinnern, wann genau sie ihm entglitten war. Vielleicht hatte sie es nie ganz zu ihm geschafft. Nicht so, wie er es sich erträumt hatte. Als die Verlobung beschlossen wurde, war sein Herz übervoll gewesen mit Hoffnung. Sie war seine Kindheitsfreundin, sein leuchtender Stern in den dunkleren Stunden der Jugend. Wie oft hatte er sich vorgestellt, wie es sein würde, sie an seiner Seite zu wissen, nicht nur als Braut, sondern als Gefährtin, als Geliebte, als seine Ehefrau.
Doch seit der Hochzeit war alles anders geworden.
Kälter und stiller.
Lindgard hatte sich verschlossen, als hätte der Ring an ihrem Finger ein Tor hinter ihr zugeschlagen. Ihre Blicke blieben flüchtig, ihre Worte höflich, doch leer. Ihre Berührungen – nun, es hatte nie welche gegeben, die mehr waren als das flüchtige Streifen eines Ärmels im Vorübergehen. Die Nacht, auf die alle gewartet hatten, war nie gekommen und je mehr Zeit verging, desto mehr verwandelte sich Jorins Hoffnung in eine zähe Ungewissheit.

Als Frigga schließlich entschieden hatte, dass Lindgard von nun an in seinem Gemach nächtigen sollte, hatte er nichts entgegnet. Wie auch? Die Königin sprach selten im Ton eines Vorschlags. Vielleicht hatte auch ein Teil von ihm sich danach gesehnt, Lindgard näher zu kommen. Ihr wenigstens im Schlaf nah zu sein, wenn sie es ihm bei Tage schon verwehrte. Doch als der Abend nun endlich gekommen war, hatte Jorin das Weite gesucht. Die Vorstellung, sie dort zu sehen, inmitten seiner Gewohnheiten, seiner Bücher, seiner Waffen – so fremd, so unberührbar –, hatte ihn geängstigt. Deshalb war er hier gelandet, zwischen leerem Gelächter und überfüllten Krügen, mit einem Herz, das zu laut schlug.
Als er endlich den Weg zurück ins Schloss einschlug, war es bereits tiefe Nacht. Der Wind hatte sich gelegt, nur das leise Flackern der Fackeln in den Fluren begrüßte ihn, als er durch das Hauptportal trat. Seine Schritte hallten auf dem Steinboden, begleitet von dem pochenden Rhythmus seines Herzens. Er öffnete die Tür zu seinen Gemächern vorsichtig, fast zögerlich, obwohl er sich sicher war, dass seine Frau bereits schlafen würde.

Und dann hörte er es.

Ein Keuchen. Erst leise, kaum wahrnehmbar, dann ein Schrei, gellend, roh, voller Schmerz, so tief, dass er Jorin wie ein Faustschlag traf. Er stürzte ans Bett. Lindgard lag im zerwühlten Bett, die Augen geschlossen, das Gesicht vom Licht der Kerze nur schwach erhellt. Ihr Atem ging stoßweise, ihre Glieder zuckten, als wehrte sie sich gegen etwas Unsichtbares. Er sah, wie sich ihre Stirn kräuselte, wie sich Tränen über die Schläfen stahlen, lautlos und fremd. Und Jorin? Er stand nur da, reglos, gefangen zwischen Sorge und Hilflosigkeit. Dann ein leiser Laut, ein Wimmern, gefolgt von einem weiteren Schrei, rauer noch als der erste. Lindgard wand sich im Bett wie eine Ertrinkende. Ihre Augen rissen sich auf, weit geöffnet, aber leer, voller Panik, als sähe sie Dinge, die nicht hier waren. Der Prinz widerstand dem Impuls, sofort zu ihr zu eilen und sie in die Arme zu schließen. Etwas in ihren Augen hielt ihn zurück. Die nackte Angst, die sich darin spiegelte, richtete sich nicht nur gegen das, was in ihrem Inneren tobte, sie schien auch ihm zu gelten. „Lindgard“, sagte er leise. Seine Stimme klang fremd in diesem Raum voller Schatten. Er trat einen Schritt näher, langsam, vorsichtig, als wolle er ein aufgescheuchtes Reh nicht weiter verschrecken. Sie rührte sich nicht. Ihr Blick fuhr kurz über ihn, huschend, beinahe ohne ihn zu erkennen, bevor sie ihn senkte. Ihre Finger krallten sich ins Laken, der Stoff ihres Nachtgewandes klebte an ihrer Haut – zu dünn, zu durchsichtig, als hätte sie keinen Schild mehr zwischen sich und der Welt. Jorin spürte den Schmerz dieser Erkenntnis fast körperlich, nicht, weil sie ihn so ansah, sondern weil sie sich selbst nicht mehr schützen konnte und er wusste, mit jeder Faser seines Wesens, dass er sie jetzt weniger denn je berühren durfte.
Er kniete sich neben das Bett, eine Hand auf das zottige Fell gelegt, das sie sich panisch um den Körper gezogen hatte. „Ich bin es, Jorin“, flüsterte er. „Du bist in Sicherheit.“ Er setzte sich auf die Bettkante, ein gutes Stück entfernt. Saß dort still, reglos, wie ein Wächter, der wusste, dass sein Platz nicht an ihrer Seite, sondern nur in ihrer Nähe war. Er vermied es, näher zu rücken, denn er hatte Angst, dass sie das noch mehr dazu veranlasste, in Panik zu geraten. So viel Schmerz, so viel Scham lag in ihren Augen, dass es ihm das Herz brach. Er hätte geschworen, ihr jedes Leid vom Leib zu halten, doch da lag sie, zerbrochen in einer Schlacht, die er nicht verstand.


RE: just a ghost with a beating heart - Lindgard Stelhammer - 08-09-2025

„Lindgard.“

Ihr Name, gesprochen in seinem ureigenen Timbre – tief, vertraut, und doch so fern, dass er sie fast noch mehr erschreckte als beruhigte. Ein Teil ihres Geistes klammerte sich an ihren Namen, an seine Stimme, wie an einen Ast im tosenden Strom. Langsam, mit Mühe, drängte sie die Schatten zurück, die noch in ihren Eingeweiden wüteten. Der Leinensack war fort, die fremden Hände ebenso. Nur das Stolpern ihres Herzens war geblieben, wild und unbändig, als wollte es sich aus ihrer Brust befreien.

Die Felle um sie herum fühlten sich noch immer wie ein Gewicht an, das sie niederdrückte, und doch war ihre Haut dankbar für ihre Wärme. Sie atmete tiefer, konzentrierte sich auf die Gerüche des Raumes: das verbrannte Harz der Kerzen, das feine Leinen an ihrem Leib, das unangenehme Prickeln von kalter Luft auf ihrer schweißfeuchten Haut, die durch den Spalt der Tür gekrochen war, als Jorin hereingekommen war. Sie spürte, dass sie nicht mehr im Wald war, nicht mehr ausgeliefert, und ein winziger Teil von ihr glaubte daran, dass sie jetzt wieder in Wintergard war. In Sicherheit. An seiner Seite. So wie er es ihr in diesem Augenblick versicherte.

Ihre Finger krallten sich in die Pelze, während ihre Gedanken wie hunderte Gänsedaunen durch die Nacht tanzten. Sie war schwach. Schwächer, als eine Winterländerin es je sein dürfte. Eine Stelhammer-Gemahlin durfte nicht so daliegen, mit tränennassem Gesicht und bebenden Gliedern, unfähig, sich gegen lächerliche Geister zu wehren. Eine gute Ehefrau würde den Mut haben, stolz neben ihrem Mann zu bestehen, würde stark genug sein, ihm das zu geben, was er verdiente: Kinder. Nähe. Vertrautheit. Stattdessen hatte er sie so sehen müssen: erschüttert, schreiend, entblößt. Schwach.

Die Scham brannte wie Frost in ihrem Magen, bereitete ihr Übelkeit. Mit einer fahrigen Bewegung zog sie die Felle enger um ihren Körper, obwohl sie wusste, dass sie das nicht sollte. Sie sollte sich nicht verhüllen, sondern geben. Frigga hatte ihr genau diesen Ratschlag erteilt. Wobei dieser Ratschlag eher einem königlichen Dekret gleichgekommen war. Doch die Erkenntnis, dass sie das nicht konnte, durchsetzte ihren Geist wie das schlimmste Gift. Sie konnte es nicht. Und vielleicht würde sie es nie können.

Trotzdem zwang sie sich, den Kopf zu heben. Der Stolz, der noch immer in ihren Genen lebte, gebot es ihr. Sie musste Jorin ansehen, musste erkennen, was in seinen Zügen geschrieben stand. Blaue Augen, hell und klar wie das ewige Eis der Einöde, glitten zögerlich zu ihm hinüber. Und er war so, wie sie ihn kannte: hochgewachsen, kräftig, die Schultern gerade, scharfe Gesichtszüge, wie gemeißelt. Sein dunkles Haar streng zurückgebunden, der Bart dicht, dessen Kupferschimmer der Kerzenflamme ähnelte. Und in seinen Augen fand sie endlich das, was sie suchte.

Verwirrung. Unsicherheit auch, ein kaum wahrnehmbares Flackern. Doch über allem lag dieser Ausdruck, der sie erstarren ließ: Mitleid, dessen war sie sich sicher. Mitleid für ihre Schwäche, für ihre Unzulänglichkeit, für das Salz ihrer Tränen. Das Blut stieg ihr heiß ins Gesicht, und sie wandte den Blick ab. Besser, er sah ihr Erröten nicht, sie wollte nicht bemitleidet werden. Sie war Lindgard Stelhammer. Eine stolze Winterländerin. Eine Prinzessin. Keine Frau, die schwach dalag wie ein wehrloses Kind. Doch hier war sie nun. Und er hatte es gesehen.

“Verzeih.“ Das Wort kam brüchig, als sie ihre trockenen Lippen endlich öffnete. Eine Entschuldigung, kaum mehr als ein Wispern, verloren in der lastenden Stille des Raumes. Keine Erklärung, keine Ausflucht. Nur das Eingeständnis, dass dies alles zu viel war. Dass sie ihm diesen Augenblick zugemutet hatte, so ungewollt, so beschämend. Es war alles, was sie geben konnte: ihre Entschuldigung für ihr Versagen.

Ihre Augen sanken auf seine Hand, die auf dem Fell ruhte, das sie bedeckte, nah und doch nicht ganz bei ihr. Er hielt Abstand. Natürlich, sie konnte es ihm nicht verdenken. Sie war kein schöner Anblick, so verschwitzt und tränenverschmiert. Und doch schmerzte es, zu wissen, dass er ihr nicht nahe sein wollte. Unbewusst streckte sie die Finger aus, als müsste sie die emotionale Distanz zwischen ihnen überbrücken. Ihre Hand legte sich auf seine. Zögernd, suchend, fast schuldbewusst. Die Wärme seiner Haut drang zu ihr, ließ die Panik für einen Moment zurückweichen. Mit dieser Berührung zwang sie sich, den Rücken zu straffen, die Felle fielen ein Stück zurück, als sie sich langsam aufrichtete.

Sie hob den Blick erneut, er tastete unsicher über sein Gesicht, über die tiefen, nachdenklichen Linien auf seiner Stirn, die Unlesbarkeit seiner dunklen Augen. Ein Kloß in ihrer Kehle machte ihr die Worte schwer, doch sie musste etwas sagen, um nicht wieder im Schweigen zu ertrinken. „Es...wird nicht wieder vorkommen.“ Es war kaum mehr als ein Hauch, mit einem flehentlichen Unterton, was über ihre Lippen kam. Doch es war echt. Ein so echtes Versprechen, dass es ihr selbst Angst machte. Sie versuchte alles, um ihm einen Ausweg zu bieten – eine Möglichkeit, sich nicht mit den Dämonen beschäftigen zu müssen, die sie nur ganz allein zu bekämpfen gedachte.



RE: just a ghost with a beating heart - Jorin Stelhammer - 19-10-2025

„Verzeih.“
Das Wort war kaum mehr als ein Hauch – brüchig, zerbrechlich, so leicht, dass Jorin fast fürchtete, die Bewegung seines Atems könnte es zerschneiden. Trotzdem traf es ihn mit der Wucht eines Schlages.
Verzeih? Wofür?
Für das Zittern, das sie nicht verbergen konnte? Für Tränen, die längst getrocknet sein sollten, bevor sie ihn trafen? Für eine Schwäche, die keine war, sondern ein Aufschrei des Körpers gegen etwas, das er nicht verstand? Er sah sie an, sah die Spuren der Angst, die sich in ihr Gesicht gegraben hatten, die Wimpern noch dunkel von Feuchtigkeit, die Lippen trocken, das Haar wirr und golden zugleich. Sie war ihm nie fremder erschienen und nie so menschlich. Ein Teil von ihm wollte sofort handeln und sie in die Arme ziehen, ihr Halt geben, etwas tun, um diesen Ausdruck aus ihrem Gesicht zu vertreiben. Aber er tat es nicht. Etwas an der Art, wie sie atmete, wie ihr Blick ihn nur streifte, hielt ihn zurück. Also blieb er dort, am Rand des Bettes, unbeholfen, wie ein Mann, der die Grenzen seines eigenen Herzens nicht kannte.
Natürlich begannen auch seine Gedanken zu rasen. Ein entsetzlicher Verdacht schlich sich in sein Bewusstsein, leise, aber hartnäckig: dass ihr jemand Leid zugefügt haben musste. Etwas, das tiefer reichte, als Worte oder Vernunft. Etwas, das sie verändert hatte und sie zu der Frau formte, die ihm nun gegenübersaß – schön, stolz, und doch wie aus Glas gefertigt.
In diesem Augenblick, in dem er sie so sah, verstand er zum ersten Mal, warum sie ihn fernhielt. Nicht aus Kälte. Nicht aus Ablehnung. Sondern vielleicht, weil Nähe für sie kein Trost war, sondern eine Wunde, die nie richtig verheilt war.

Ein Laut, kaum hörbar, entrang sich seiner Kehle, ehe er ihn zurückhielt. Was sollte er sagen? Dass sie sich nicht entschuldigen müsse? Dass sie keine Schuld traf, wo er doch selbst Teil dieser Nacht war und sie geweckt hatte.
Seine Finger ruhten noch immer auf dem Fell, dicht bei ihrer Hand. Und dann spürte er es: die Berührung. Zart, zögernd, beinahe scheu. Als fürchte sie, dass er zurückweichen würde.
Doch Jorin tat es nicht. Er ließ sie gewähren, fühlte, wie ihre Finger sich vorsichtig auf die seinen legten und wie die Wärme dieser Geste langsam durch die Kälte der letzten Wochen sickerte. Etwas in seiner Brust zog sich zusammen – ein schmerzhaftes, seltsam süßes Ziehen.

„Lindgard“, sagte er leise. Der Klang ihres Namens fühlte sich mit einem Mal fremd an in seiner Kehle. „Du musst dich nicht entschuldigen.“ Seine Stimme klang rau, zu tief, als hätte sie den Weg aus einer langen Stille erst wiederfinden müssen. Er wartete auf eine Reaktion, doch sie sagte nichts. Er senkte den Blick ebenfalls, folgte der Linie ihrer Finger über seine Haut. Es war fast lächerlich, wie viel ihm diese kleine Berührung bedeutete. Wie lange hatte er sich vorgestellt, dass sie ihn so ansah, so berührte, ohne Zwang, ohne Pflicht? Und nun, da es geschah, fühlte er nur Schmerz. Nicht wegen ihr, sondern wegen allem, was sie offenbar mit sich trug, verborgen unter Schichten aus Stille und Zurückhaltung, die er nie zu durchdringen vermocht hatte.

„Ich wusste nicht, dass du…“ Er verstummte. Der Rest des Satzes fiel ihm schwer. ...diese Träume hast, hätte er sagen wollen. Oder ...so kämpfst. Aber das klang falsch. Er hatte kein Recht, das auszusprechen, nicht jetzt, nicht so. „...dass du keine Ruhe findest“, beendete er schließlich und die Worte klangen unzureichend, blass gegen die Tiefe dessen, was er gerade gesehen hatte. Er wagte, sie wieder anzusehen. Die Kerze flackerte, warf unruhige Schatten über ihr Gesicht. Er konnte nicht deuten, was in ihr vorging, nur die angespannte Stille spüren, die sie umgab wie ein Schild. Er seufzte leise, strich unbewusst mit dem Daumen über den Rand ihrer Finger, ehe er die Hand wieder zurückzog, langsam, um sie nicht zu erschrecken. „Wenn du willst, dass ich gehe…“, begann er, und seine Stimme brach beinahe, „dann sag es. Ich werde nicht bleiben, wenn du meine Nähe nicht erträgst.“


RE: just a ghost with a beating heart - Lindgard Stelhammer - 09-11-2025

Lindgard verstand ihn nicht. Zumindest nicht so, wie er es wohl meinte. Das ’Du musst dich nicht entschuldigen’ – es hallte in ihr nach wie ein Urteil, keine Absolution. Er sprach mit jener sanften Stimme, die ihr sonst Trost sein konnte, Verständnis versprach, doch in dieser Nacht hörte sie nur, was ihr eigener getriebener Geist daraus machte: dass er ihr nicht verzeihen konnte. Oder schlimmer: dass es nichts gab, was zu vergeben war, weil ihr Verhalten ihn schlicht beschämte. Natürlich tat es das. Wie hätte es auch nicht? Sie hatte geschrien wie eine Wahnsinnige, ihn verstört mit Lauten eines gehetzten Tieres. Sie hatte gezittert, geweint, war praktisch nackt und schwach zugleich vor ihm zusammengebrochen. Was sollte ein Mann wie Jorin nur denken? Ein Prinz des Winterlands, so stark und fähig, die Hoffnung eines mächtigen Volkes, war gezwungen, seine besten Jahre mit einer Frau zu verbringen, die ihn zurückstieß, die ihm das verweigerte, was ihm zustand. Ihren Körper, ihr Vertrauen, die Zukunft, die man ihnen gemeinsam auferlegt hatte.

Ein bitterer Geschmack legte sich auf ihre Zunge, als sie daran dachte, was man von ihr erwartete. Was ihre liebe Mutter getan hätte. Was Königin Frigga wohl gedacht haben musste, als sie die Anordnung traf, sie beide in dieses gemeinsame Gemach zu drängen, in der Hoffnung, dass sich alles, was falsch war, durch Nähe korrigieren ließe. Und sie? Sie war nichts als eine Enttäuschung. Eine Ehefrau, die man schon längst seltsam ansah. Eine Prinzessin, die ihre größte Pflicht eines Erben nicht erfüllte. Wie konnte er also so ruhig bleiben? Wie konnte er, Nacht für Nacht, nichts fordern, wo andere Männer längst genommen hätten, was ihnen zustand? Es war nicht unüblich in Norsteading. Nicht grausam, sondern schlicht so, wie es einfach war. Doch Jorin war keiner dieser Männer, das hatte er so lange bewiesen. Er wartete, dämpfte stets seine dröhnende Stimme in ihrer Gegenwart, hielt Abstand, und das machte es für sie nur schlimmer. Denn sie wusste, dass er nie sein würde wie die anderen. Aber auch, dass er sich ihr gegenüber nicht verhielt, wie er wirklich war. Und das Wissen schnürte ihr die Kehle zu.

Seine Worte holten sie in die Gegenwart zurück. Seine Stimme, ruhig, tief, von jener Wärme durchzogen, die sie gleichzeitig suchte und fürchtete. Er sagte etwas – etwas über ihre Unruhe, über die Schlaflosigkeit, die sie nicht länger zu verbergen wusste. Sie konnte ihm darauf nicht antworten. Nicht sagen, dass er recht hatte. Nicht erklären, dass sie die Nächte fürchtete, weil sie dann unweigerlich mit dem konfrontiert wurde, was sie tagsüber so leidenschaftlich zu verdrängen versuchte: Gesichter, Schatten, die eigene Machtlosigkeit. Er konnte es nicht wissen. Und er durfte es nicht. Ihre Augen wanderten über seine Züge. Über den Schatten seines dichten Bartes an seinem kräftigen Hals, das müde Spiel der Muskeln unter seiner Kleidung, seinen forschend-ernsten Blick, der zu lange an ihr haftete. Und sie spürte, wie Scham in ihr aufstieg, heiß und gnadenlos. Es war, als würde die Schande selbst sie entblößen, viel mehr als das dünne Gewand, das ohnehin nichts verbarg. Sie hatte keine Worte für das, was in ihr tobte, nur dieses drängende Gefühl, ihn bitten zu müssen, zu vergessen, was er gesehen hatte.

Doch bevor sie die Kraft dazu fand, zog er sich zurück. Eine Bewegung, kaum merklich, ein sanftes Lösen seiner Finger unter ihrer Hand hervor, und doch spürte sie es wie einen Peitschenschlag. Sie hatte das zarte Streichen seines Daumens fast übersehen, so flüchtig war es gewesen. Nur die Erinnerung von Wärme war geblieben. Und dann diese Leere. Seine Worte, die nun folgten, trafen sie unvorbereitet.  Etwas in ihr brach auf – nicht laut oder sichtbar, aber tief und still. Wie dünnes Eis, das unter einem unüberlegten Schritt nachgibt. Er verstand nicht, was sie zurückhielt, und doch machte ihn das nicht wütend. Nur…traurig? Und das war schlimmer. Es war unerträglich. Ihr Atem stockte. Sie wollte sprechen, wollte sagen, dass er sich irrte. Dass sie ihn nicht fürchtete. Nur das, was noch viel zu oft in ihr aufstieg, wenn jemand ihr zu nahe kam. Doch die Worte kamen nicht, lediglich ein gepresstes Flüstern, kaum hörbar.

„Bleib.“ Ein einziges Wort, heiser gesprochen, aber echt. Ihre Finger fanden wieder Halt im Fell, ihre Schultern strafften sich leicht, obwohl sie innerlich zitterte. Wenn sie ihm weiterhin auswich, würde sie ihn verlieren. Vielleicht nicht in Taten, aber in all den kleinen Dingen dazwischen: dem Vertrauen, dem Blick, dem unausgesprochenen Wunsch, dass sie eines Tages vielleicht wirklich seine Frau sein konnte. Sie wusste, dass sie ihn nicht ewig auf Abstand halten konnte. Früher oder später würde der Druck für sie beide zu groß werden. Vielleicht war es also besser, wenn es heute geschah. Wenn sie ihm endlich gab, was ihm zustand. Wenn sie die Dunkelheit mit einer Tat überstimmen konnte, die ihr vielleicht sogar wieder Kontrolle zurückgab. Aber konnte sie das wirklich? Ihr Herz pochte wild gegen ihre Rippen, während sie ihn ansah. Er saß dort, wie ein Fels in der Brandung, und doch schien sie jeden Herzschlag von ihm zu spüren. Ihr Mund öffnete sich, aber die Worte waren zu klein für das, was sie fühlte. Also tat sie das Einzige, was ihr einfiel: Sie rückte ein Stück zur Seite, schob die Felle beiseite und sah ihn an – fragend, unsicher und verletzlich. „Es ist kalt“, murmelte sie leise, beinahe entschuldigend. Ein erster, zaghafter Schritt.



RE: just a ghost with a beating heart - Jorin Stelhammer - 13-02-2026

Er hätte es wissen müssen. Schon in dem Moment, als seine Mutter den Vorschlag mit dieser ruhigen Selbstverständlichkeit ausgesprochen hatte, die keinen Widerspruch duldete, hatte er gespürt, dass es ein Fehler war. Zwei Schlafgemächer zusammenzulegen bedeutete keine Nähe, sondern eher Erwartung und Anspannung. Die Diskussion hatte sich über Tage gezogen, doch am Ende hatte er nachgegeben. Nicht, weil er überzeugt gewesen wäre, sondern weil man Frigga in solchen Dingen nicht widersprach. Schon gar nicht, wenn sie sich einmal entschieden hatte. Ihre Stimme blieb stets sanft, beinahe mild, doch unter der Oberfläche lag ein Wille, der ganze Reiche in Bewegung setzen konnte und im Augenblick kannte sie nur ein Ziel.
Einen Erben.
Sein Bruder war seit Jahren verheiratet und lange hatte man vergeblich auf das erlösende Zeichen gewartet. Inzwischen wuchs unter Aleenas Herzen zwar neues Leben, doch ein ungeborenes Kind war noch keine gesicherte Zukunft. Ein einzelner Erbe war ein Hoffnungsschimmer, gewiss, aber Hoffnung allein trug kein Reich.
Was zunächst mit Geduld betrachtet worden war, hatte sich in den vergangenen Jahren in eine stille, hartnäckige Sorge verwandelt. Frigga wusste das besser als jeder andere. Ein Thron, der nur auf einem Namen ruhte, war angreifbar. Also hatte sie beschlossen, das Schicksal nicht länger dem Zufall zu überlassen. Ein Erbe war gut. Zwei waren Sicherheit. Mehr waren Stabilität. Mit derselben ruhigen Entschlossenheit, mit der sie einst politische Bündnisse geknüpft hatte, ließ sie die Gemächer neu zuweisen, als ließe sich Nähe anordnen wie eine Truppenbewegung. Als könne man die Zukunft planen wie einen Feldzug.

Das Wort traf ihn anders, als alles andere, was sie jemals gesagt hatte. „Bleib.“ Es war kaum mehr als ein Hauch und doch lag kein Zögern darin. In ihrer Stimme schwang noch der Nachhall dessen mit, was sie aus dem Schlaf gerissen hatte - etwas Dunkles, Unausgesprochenes, das sich wie ein Schatten an ihre Worte klammerte. Jorin wollte sie verstehen. Nicht oberflächlich, nicht in jenen höfischen Mustern aus Annahme und Rücksicht, sondern wirklich. Wollte begreifen, was in ihr vorging, wenn die Nacht sie heimsuchte, wollte die Sprache lesen, die ihr Schweigen sprach. Doch in diesem Moment erschien ihm seine eigene Anwesenheit plötzlich fehl am Platz. Deshalb war er überzeugt gewesen, sie würde sein Angebot, zu gehen, dankbar annehmen. Dass Erleichterung in ihrem Blick aufblitzen würde, sobald er Abstand schuf. Doch nun war es anders. Oder war es das wirklich?
Ein flüchtiger Zweifel regte sich in ihm. Sagte sie es, weil sie es wollte oder weil sie wusste, was man von ihr erwartete? Weil man ihr beigebracht hatte, dass eine Ehefrau ihren Gemahl nicht fortschickt? Dass Nähe kein Wunsch, sondern Pflicht sei?
Er wollte diesem Gedanken keinen Raum geben. Wollte ihn nicht weiterverfolgen, nicht in diesem Augenblick, der ohnehin schon zu zerbrechlich war, um ihn mit Misstrauen zu beschweren. Trotzdem blieb die Unsicherheit wie ein kaum sichtbarer Riss im Glas zwischen ihnen bestehen.

Er griff nach der schweren, wollenen Decke, die vom Bett geglitten war, und hob sie langsam auf. Mit ruhigen, bedachten Handgriffen legte er sie um Lindgards Schultern, zog den Stoff höher, bis er die zarte Linie ihres Schlüsselbeins verbarg und die Kälte, die sich unbemerkt an sie geschlichen hatte, aussperrte. So nah, dass er ihren Atem auf seiner Haut spüren konnte - warm, noch leicht unregelmäßig, als müsse er sich erst wieder sammeln. Eine kaum wahrnehmbare Bewegung ihres Brustkorbs, das leise Streifen ihrer Haare an seinem Handgelenk, der feine Duft von Fell, Kerzenwachs und ihr selbst. Für einen flüchtigen Moment verharrte er in dieser Nähe. Seine Finger glitten ein Stück über die Decke, strichen sie glatt, ohne ihre Haut zu berühren und doch war jede Geste von einer Vorsicht durchzogen, die mehr sagte als Worte. „Du sollst nicht frieren“, murmelte er dann. Obwohl seine Stimme ruhig blieb, verriet die Spannung in seiner Haltung, wie bewusst ihm diese Nähe war, wie sehr er darauf achtete, sie nicht zu bedrängen, während er doch spürte, wie schwer es ihm fiel, sich wieder von ihr zu lösen. „Hattest du einen Alptraum?“


RE: just a ghost with a beating heart - Lindgard Stelhammer - 05-04-2026

Als sich die schwere Decke um ihre Schultern legte, zuckte Lindgard unwillkürlich zusammen. Nicht aus Furcht, sondern aus etwas, das sich erst einen Herzschlag später als Erleichterung entpuppte. Die Wärme der fein gesponnenen Wolle schloss sich um ihre schmalen Schultern wie ein stilles Versprechen, nahm dem Zittern in ihren Gliedern die Schärfe, dämpfte das Nachhallen der grausamen Bilder, die noch immer in ihr flackerten. Für einen Moment erlaubte sie sich, tiefer zu atmen. Doch beinahe im selben Atemzug kam das andere Gefühl: Erkenntnis. Seine Sorgfalt. Wie bewusst er darauf achtete, sie nicht zu berühren. Wie seine Hände den Stoff glätteten, ohne ihre Haut zu streifen. Es war respektvoll, rücksichtsvoll. Alles, was eine Frau sich von einem Ehemann wünschen sollte. Und doch fühlte es sich an wie ein Schritt zurück, wie eine unsichtbare Grenze, die er selbst zog. Nicht aus Pflicht, sondern aus Notwendigkeit. Als wäre sie etwas Zerbrechliches.

Oder etwas, das man besser nicht anrührte.

Ein dumpfer Schmerz kroch durch ihre Brust, hieb seine Krallen in ihr wild schlagendes Herz. Sie senkte den Blick auf die Decke, die er ihr umgelegt hatte, auf die schweren Falten, die nun verbargen, was das dünne Nachtgewand kaum zu verhüllen vermocht hatte. Dieses Stück Stoff, das ihre Zofe ihr mit schuldbewusst gesenktem Blick gereicht hatte, als wüsste das Mädchen genau, wessen Wille dahinterstand. Frigga hatte nichts sagen müssen. Lindgard hatte es auch so verstanden. Und nun saß sie hier, gehüllt in Wärme, die sie sich nicht verdient hatte, während ihr eigener Ehemann Abstand hielt, als wäre Nähe etwas, das man ihr nicht zumuten konnte.

War es das also? War das ihr Leben von nun an? Ein Dasein zwischen Vorsicht und Schweigen, zwischen Pflicht und einem Körper, der ihr nicht gehorchte? Ein Mann, der sie behandelte wie ein rohes Ei – nicht, weil er sie verachtete, sondern weil er sie nicht zerbrechen wollte? Und doch tat genau das weh. Nicht nur als Ehefrau, auch als Winterländerin. Sie wollte stark sein. Wollte es zumindest vor ihm, für ihn sein. Doch stattdessen saß sie hier, versteckt unter Fellen und Decken, während er sich zurückzog. Und sie konnte es ihm nicht einmal verdenken. Sie selbst fand diesen Zustand abstoßend. Diese Schwäche. Dieses Zittern.

Ihre Finger schlossen sich fester um den Stoff, als könnte sie sich daran festhalten, während ihre Gedanken in alle Richtungen stoben. Es gab nur einen Weg, das zu ändern. Nur einen. Ihm zu geben, was ihm zustand. Nicht aus Angst, oder aus Zwang, sondern weil sie es musste. Weil sie es wollte. Zumindest wollte sie es wollen. Weil er es verdient hatte. Und doch wich er zurück. Ihre Lippen pressten sich aufeinander, während sie seinen Worten lauschte. Die Frage lag zwischen ihnen, leise ausgesprochen, beinahe vorsichtig. “Hattest du einen Albtraum?“ Wie harmlos das klang. Wie klein.

Sie nickte kaum merklich, brachte jedoch zunächst keine Antwort hervor. Stattdessen glitt ihr Blick kurz zur Feuerstelle. Dunkel, erloschen, falsch. Alles daran war falsch. Sie brauchte Licht, um ihre Gedanken zu ordnen. Mehr, als es die flackernde Kerze ihnen bot. „Das Feuer…“, begann sie leise, ihre Stimme noch rau, doch fester als zuvor. „Könntest du es neu entzünden?“ Ein kaum verhüllter Hauch von Dringlichkeit lag darin, mehr als sie beabsichtigt hatte. Ihre Finger krallten sich unbewusst in die Decke. „Bitte…“

Mehr brauchte es nicht. Jorin erhob sich, und sie verfolgte jede seiner Bewegungen aus dem Augenwinkel, hörte das Rascheln, das Knistern, als er das Holz neu schichtete, die Flamme wieder zum Leben zwang. Als das erste Licht wieder aufflackerte, zog sich etwas in ihr zusammen, und ließ dann langsam nach. Die Schatten des Gemachs wichen. Nicht ganz, aber genug. Erst dann fand sie ihre Stimme wieder. „Ich… finde manchmal schwer zur Ruhe.“ Die Worte kamen zögerlich, tastend, als müsste sie jedes Einzelne erst prüfen, bevor sie es aussprach. Es war nicht die Wahrheit, aber auch keine Lüge. Nur ein Bruchteil von dem, was wirklich in ihr tobte.

Ihr Blick hob sich langsam wieder zu dem seinen hinauf, hielt ihn diesmal länger. „Es ist nichts, womit ich meinen Ehemann belasten sollte.“ Ein schwacher Versuch, die Schwere von ihm fernzuhalten. Von ihnen beiden fernzuhalten. Ihre Finger glitten über die Decke, strichen sie unruhig glatt, bevor sie innehielten. Dann, leiser, beinahe vorsichtig: „Du musst nicht gehen, Jorin.“ Jetzt hatte sie es ein zweites Mal gesagt, doch diesmal anders. Ruhiger. Klarer. Und während das Feuer hinter ihm wuchs und das Gemach wieder mit Wärme füllte, hielt sie seinen Blick einen Herzschlag länger, als sie es sich sonst erlaubt hätte.



RE: just a ghost with a beating heart - Jorin Stelhammer - 31-05-2026

„Hattest du einen Alptraum?“ Kaum ausgesprochen, bereute er seine eigene Frage beinahe wieder. Nicht, weil sie unangebracht war, sondern weil sie plötzlich viel zu klein wirkte für das, was er in ihrem Blick gesehen hatte. Es hatte nicht wie die gewöhnliche Verwirrung eines Menschen ausgesehen, den ein schlechter Traum geweckt hatte. Da war etwas anderes gewesen. Etwas, das noch immer an ihr haftete wie Nebel an den Hängen eines Fjords. Jorin ließ die Hand sinken, nachdem er die Decke um ihre Schultern gelegt hatte. Die Wärme ihres Atems schien noch auf seiner Haut zu liegen. Für einen Augenblick blieb er reglos sitzen, als würde jede hastige Bewegung das fragile Gleichgewicht zwischen ihnen stören.

Das Feuer war inzwischen fast heruntergebrannt. Wo zuvor Flammen getanzt hatten, glommen nur noch einige rotgoldene Nester zwischen geschwärzten Holzscheiten. Das matte Licht reichte kaum aus, um die Konturen des Raumes zu zeichnen. Die Schatten hatten längst die Oberhand gewonnen. Sein Blick blieb einen Moment auf den sterbenden Glutresten liegen, ehe er sich langsam erhob. Die Bewegung geschah beinahe lautlos. Er trat an den Kamin, ging in die Hocke und legte mit geübten Händen zwei Holzstücke über die noch lebende Glut. Vorsichtig schob er sie so zurecht, dass Luft zwischen ihnen bleiben konnte. Danach griff er nach dem Schürhaken und zog einige der glimmenden Kohlen näher zusammen. Für einen Augenblick geschah nichts. Dann beugte er sich vor und blies langsam in die Glut. Ein schwaches oranges Leuchten breitete sich aus. Erst zaghaft, dann kräftiger. Die Hitze antwortete mit einem leisen Knistern. Ein dünner Faden Rauch stieg auf, ehe sich an den Kanten des Holzes die ersten Flammen zeigten. Jorin blieb noch einen Moment hocken und beobachtete, wie sie sich langsam festfraßen. Kleine Lichtzungen leckten über die trockenen Fasern, wurden größer, fanden Nahrung und richteten sich schließlich auf.

Nach und nach kehrte Wärme in den Raum zurück. Das flackernde Licht strich über die Steinwände, über das Bett und über die schweren Felle, die überall verteilt lagen. Für einen kurzen Augenblick wirkte die Dunkelheit weniger erdrückend. Erst dann stellte er den Schürhaken wieder beiseite. Als er sich umdrehte, fiel sein Blick unwillkürlich wieder zu Lindgard. Ein Teil von ihm wollte nachfragen. Wollte verstehen, was sie erschreckt hatte, wollte die Ursache greifen und ihr nehmen wie einen Feind auf dem Schlachtfeld. Doch das hier war kein Kampf, den man mit Entschlossenheit gewinnen konnte. Also blieb er still. Die Anspannung in seinen Schultern löste sich nur langsam, während er zu seinem Platz an ihrer Seite zurückkehrte. Er setzte sich wieder auf die Bettkante und verschränkte die Hände lose ineinander. Eine Haltung, die ihm selbst überraschend vorkam. Fast wirkte sie geduldig.

Seine Gedanken wanderten unweigerlich zurück zu den vergangenen Wochen. Zu all den Momenten, in denen er geglaubt hatte, Abstand sei das Rücksichtsvollste, was er ihr geben konnte. Zu jedem Schritt zurück, den er gemacht hatte, um ihr Raum zu lassen und nun saß er hier, mitten in der Nacht, weil ein einziges leises Wort ihn davon abgehalten hatte zu gehen.
Bleib.
Je länger er darüber nachdachte, desto weniger gelang es ihm, den Klang davon aus seinem Kopf zu verbannen. Nicht weil es eine besondere Bitte gewesen wäre. Sondern weil sie überhaupt ausgesprochen worden war. Sein Blick senkte sich auf die Decke, deren Falten er eben noch geglättet hatte. Die Bewegung war beinahe lächerlich fürsorglich gewesen. Etwas, das ihm normalerweise nicht einmal aufgefallen wäre. Doch in diesem Augenblick hatte er jede einzelne Berührung bedacht, jede Geste abgewogen, als würde er über dünnes Eis gehen. Schließlich hob er den Kopf wieder leicht. In seinen Zügen lag noch immer dieselbe ruhige Zurückhaltung wie zuvor, doch die Unsicherheit darunter war schwerer zu verbergen. Nicht die Unsicherheit eines Mannes, der Angst vor Zurückweisung hatte. Eher die eines Menschen, der verzweifelt vermeiden wollte, etwas falsch zu machen. „Ich bin dein Ehemann, Lindgard. Du kannst mich mit allem belasten“, erklärte er schließlich leise. Nicht, weil er glaubte, ein Recht darauf zu haben, sondern weil er wollte, dass sie verstand, dass sie diese Last nicht allein tragen musste.