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Im Auge des Sturms

FACING
THE
STORM

Tritt ein in eine düstere Welt aus Macht, Verrat und alten Schwüren.

Thema

beneath northern skies

Baumstrukturmodus
Szeneninformationen
Szeneneinstellung
feste Postreihenfolge
Datum
18. September 1016
Ort
Markt in Wintergard
Tageszeit
08:00
#21
„Unsere Mutter hat uns Kindern beigebracht sie zu backen“, erwiderte Veith, als genüge dieser eine Satz, um alles Weitere zu erklären. Ein kaum wahrnehmbares Zucken lag in seinem Mundwinkel. Die Kekse waren in Wallydor kein besonderes Gebäck, sondern etwas Selbstverständliches, etwas, das in vielen Häusern auf schmalen Holzbrettern auskühlte, während draußen der Wind durch junge Blätter strich. Das Rezept wurde nicht aufgeschrieben, sondern von Generation zu Generation weitergegeben. Je nach Gegend veränderte es sich unmerklich. Manche mischten mehr Honig unter den Teig. Nahe der südlichen Grenze kam eine Spur Gewürz dazu, kaum wahrnehmbar und doch unverkennbar für jene, die es kannten. Veith betrachtete das Gebäck einen Moment länger, als hinge mehr daran als Mehl und Süße. Dann hob er den Blick wieder, ruhig wie zuvor.

Veith entging die leise Sehnsucht in Aleenas Gesicht nicht. Nicht sofort, er war zu sehr damit beschäftigt gewesen, das Gewicht des Kindes in seinen Armen auszubalancieren und das Köpfchen vor dem Absinken zu bewahren. Doch dann sah er, wie ihre Augen immer wieder zu dem Säugling glitten. Dieses kaum verborgene Ziehen in ihrem Ausdruck und die unbewusste Bewegung ihrer Hand. Sein Blick folgte ihr. Blieb an ihren Fingern hängen, die unbewusst über ihren noch flachen Bauch strichen. Etwas in seinem Gesicht wurde still.

„Sagt das besser nicht. Meine Schwester wird Euch beim Wort nehmen“, erwiderte er schließlich und wandte sich mit einer ruhigen Bewegung wieder Helvi zu, als läge die Verantwortung für alles Weitere ohnehin bei ihr. Doch die Reaktion der Prinzessin war ihm nicht entgangen. Die Wärme in ihrem Lächeln, die unbewusste Geste ihrer Hand, es brauchte keinen ausgesprochenen Satz, um zu verstehen, welche Nachricht vielleicht schon bald das Licht der Welt erblicken würde. Gerade deshalb zwang er sich zur Zurückhaltung. Es stand ihm nicht zu, sie darauf anzusprechen. Er war Leifs Freund und sein Gefolgsmann. Zur Prinzessin verband ihn nichts, zumindest nichts, das über Höflichkeit und die Grenzen ihres Standes hinausging. Genauso würde es bleiben, trotz des Versprechens, das sie ihm zu Beginn ihres Spaziergangs abgerungen hatte. Es ziemte sich nicht. Nicht für eine Frau ihres Ranges. Nicht für einen Mann wie ihn. Nach diesem Besuch würde alles wieder an seinen Platz zurückkehren. Sie in ihre Welt aus Pflicht und Krone. Er in seine aus Stahl und Eid.
Und genauso war es richtig.

„Das ist nicht nötig. Ich kenne genügend Wege, ihn zur Kooperation zu bewegen“, erwiderte Helvi mit einer Gelassenheit, die keinerlei Zweifel daran ließ, wer in diesem Raum tatsächlich die Fäden hielt. Das Lächeln, das sie ihrem Bruder schenkte, war freundlich und doch lag darin eine unmissverständliche Selbstsicherheit. Veith hob leicht eine Braue. „Das kann ich bezeugen“, sagte er trocken. Ein seltenes Lächeln huschte über seine Züge - kurz, aber echt genug, um die Schärfe seiner sonst so beherrschten Miene aufzubrechen. Helvi ignorierte ihn mit würdevoller Großzügigkeit. Stattdessen griff sie nach dem Krug, schenkte der Prinzessin und ihrer Zofe nach, ohne zu fragen, und legte weiteres Gebäck auf ihre Teller, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt. Wenn es um Gastfreundschaft ging, duldete seine Schwester weder Zurückhaltung noch Widerspruch. Wer ihr Haus betrat, verließ es satt und mit dem unbestreitbaren Eindruck, umsorgt worden zu sein, ob er wollte oder nicht.
„Ich habe alle Zeit der Welt, Prinzessin“, erwiderte Veith schließlich auf ihre Frage hin. Eldar war in seinen Armen eingeschlafen. Der kleine Körper lag nun vollkommen entspannt an seiner Brust, der Atem ging gleichmäßig. Eine winzige Hand hatte sich in eine Falte des Hemds gekrallt. „Heute jedenfalls“, fügte er leise hinzu.
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#22
Während ihr Blick immer wieder abwechselnd auf dem kleinen Kind in seinen Arm und auf seinem durchaus zufriedenem Gesicht lag, spürte die Kronprinzessin gar nicht, wie die Zeit verstrich. Die Minuten rannen ihr durch die Finger, wie Sand und während sie an ihrem Getränk nippte und das Gebäck aß bemerkte sie kaum, wie sich das Tageslicht draußen veränderte. Der Sturm, der sie her begleitet hatte, nahm ein wenig ab und vielleicht waren es auch die ein oder anderen verborgenen Strahlen Sonne, die den letzten Rest des Tageslichts ankündigten. Die Wolkendecke brach hier im Winterland nur selten auf, doch wenn, dann erfreute sich die junge Prinzessin immer sehr daran. Warme Sonnenstrahlen auf der Haut zu spüren ist das, was sie am meisten vermisste. Oft wurde ihr das erst wieder klar, wenn sie in den Genuss dieser allumfassenden Wärme kam, doch gerade jetzt in diesem Moment konnte sie nachvollziehen, wie es sich anfühlte. Sie konnte die Wärme spüren, ohne sie tatsächlich zu erleben. Und es war sogar noch mehr als das: sie fühlte sich zum ersten Mal in ihrem Leben gewissermaßen angekommen. Sie wusste, dass Norsteading niemals an Walledor heranreichen würde, doch das hier war nun ihre Heimat. Und sie würde dafür Sorge tragen, dass es in den nächsten Monaten einen neuen Erdenbürger in diesem Land gab: ihren Sohn. Oder ihre Tochter. Auf jeden Fall ihr Kind. Und sie selbst würde Alles dafür tun, um besser hier rein zu passen. So, wie es bei den Alvarssons der Fall war. Von außen ließ
sich die Verbundenheit zum Frühlingsland nicht mehr erkennen. Und Aleena wünschte sich das gleiche für sich und ihr Kind. Sie wollte den Winter in ihrem Herzen willkommen heißen. Sich selbst dabei nicht zu verlieren würde die eigentliche Herausforderung werden, doch sie war bereit sich diesem neuen Lebensabschnitt zu stellen.

Das Familienleben ging weiter, auch wenn eine Prinzessin am Tisch saß. Veith Schwester kramte in der Küche und summte leise vor sich her, während ihre Gäste speisend und trinkend am Tisch saßen. Auch wenn es ihr Leben lang schon so gewesen war, kam es ihr in diesem Moment irgendwie ungerecht vor, dass Aleena nie einen Finger krumm machen musste und andere Menschen stundenlang arbeiteten. Sie blinzelte ein paar Mal, sah noch einmal aus dem Fenster, nur um festzustellen, dass nun auch der letzte Rest des Tageslichts beinahe verschwunden war. "Ich glaube wir sollten uns langsam wieder auf den Rückweg machen", stellte sie leise fest und warf ihrer Zofe einen traurigen Blick zu. Diese schielte möglichst unauffällig auf den weißhaarigen Krieger und bekam den Seiteblick der geborenen Stafford gar nicht mit. "
Helvi? Wärt ihr so gut, noch einmal kurz zu uns zu kommen?
", rief sie die Schwester von Veith herbei, stand selbst auf und kam neben ihr zum Stehen. Sie nahm ihre Hände in die ihren, fühlte die Schwielen an den Handflächen. "
Ich bedanke mich von ganzem Herzen für eure Gastfreundschaft. Es war wunderbar ein Stückchen Heimat kosten zu können, aber wir sollten uns langsam wieder auf den Weg in Richtung unserer Burg machen
", verabschiedete sie sich schweren Herzens von der Frau und schenkte ihr ein wehmütiges Lächeln. "
Ihr habt hier eine ganz wundervolle Familie
", flüsterte sie leise und warf noch einmal einen Blick auf Veith und seinen Neffen, der noch immer in seinem Arm lag und schlief. 'Es tut mir leid', formte sie lautlos mit den Lippen, als sie Veiths Blick aufschnappte. Würden sie weit nach Einbruch der Dunkelheit erst wieder in die Burg zurück kommen, würde man ihnen sicher merkwürdige Fragen stellen, daher fasste sie sich ein Herz und beendete diesen Besuch, wenn er eigentlich gerade am Schönsten war...
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#23
Veith bemerkte die lautlosen Worte auf ihren Lippen sofort. Es tut mir leid. Für einen kurzen Moment hielt sein Blick den ihren fest. Kein sichtbares Zeichen verriet, was der Satz in ihm auslöste und doch lag darin dieses stille Verstehen, das keine Antwort brauchte. Vielleicht gerade deshalb senkte er den Blick anschließend wieder auf das schlafende Kind in seinen Armen, als gäbe ihm dessen ruhiger Atem einen Halt, den Worte niemals hätten bieten können.
Behutsam trat er zu seiner Schwester hinüber. Helvi nahm Eldar mit geübter Selbstverständlichkeit entgegen, rückte die kleine Decke zurecht und strich dem Jungen sanft über den Haarschopf, ohne zu bemerken, wie lange Veith den Jungen noch einen Herzschlag länger festgehalten hatte, bevor er ihn losließ. „Danke für den Besuch“, sagte Helvi warm, während sie die Prinzessin noch einmal kurz an den Händen hielt. Veith selbst schwieg. Er griff lediglich nach seinem Umhang, zog den schweren Stoff über die Schultern und trat schließlich zur Tür.

Draußen hatte der Sturm deutlich nachgelassen. Kalte Abendluft strömte herein, trug den Geruch von Schnee und nassem Holz mit sich. Über den verschneiten Wegen lag bereits die Dämmerung, dieses blaugraue Licht, das den Winterlanden kurz vor der Nacht etwas beinahe Friedliches verlieh.
Veith hielt der Prinzessin die Tür auf, wartete, bis auch ihre Zofe an ihm vorbeigegangen war, und folgte ihnen anschließend nach draußen. Hinter ihnen schloss sich die Tür des Hauses wieder und schnitt die Wärme, das Licht und Helvis leises Summen vom Rest der Welt ab. Für einen Moment blieb Veith auf der kleinen Holztreppe stehen und ließ den Blick über die verschneite Siedlung gleiten. Aus einigen Fenstern fiel warmes Licht nach draußen, irgendwo bellte ein Hund, weiter entfernt knackte Holz im Wind. Alles wirkte stiller als zuvor.

Dann setzte er sich wortlos in Bewegung. Seine Schritte waren ruhig und sicher im Schnee, die breite Gestalt dicht genug bei den beiden Frauen, um Schutz zu bieten, ohne sich aufzudrängen. Der Weg zurück zur Burg lag bereits dunkel vor ihnen, eingerahmt von Tannen und gefrorenen Wegen. Und obwohl kein weiteres Wort zwischen ihnen fiel, lag etwas Seltsames in dieser Stille. Keine Beklommenheit. Eher das Bewusstsein, dass dieser Abend etwas verändert hatte, auch wenn keiner von ihnen es aussprach. Veith sagte nichts dazu. Er brachte die Prinzessin einfach nach Hause.
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