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Im Auge des Sturms

FACING
THE
STORM

Tritt ein in eine düstere Welt aus Macht, Verrat und alten Schwüren.

Thema

A breath of life

Baumstrukturmodus
Szeneninformationen
Szeneneinstellung
feste Postreihenfolge
Datum
06. November 1016
Ort
Gemächer der Fürsten
Tageszeit
21:00
#1
Das Feuer war längst heruntergebrannt. Nur hin und wieder knackte noch ein Stück Holz in der Glut und ließ das warme, sanfte Licht flackernd über die Steinwände ihrer Gemächer wandern. Draußen drückte der Wind immer noch gegen die Mauern Kenmaras... nun, er ließ das einfach nie. Es war hier immer stürmisch, rannte der Wind doch wie tausend Mann stürmisch übers Meer gegen die Klippen und erzeugte dort das rauschende Heulen und Stöhnen, dass Maebh schon immer an den Atem der Welt erinnert hatte. Für gewöhnlich fand sie Trost im Sturm. Doch heute machte er sie nur nervös. Heute fühlte es sich an, als würde derselbe Sturm auch von innen gegen ihre Brust drücken.
Sie stand bereits seit einigen Minuten am Fenster, obwohl sie da draußen gar nichts mehr erkennen konnte. Ihre Finger lagen ineinander verschränkt, so fest, dass ihre Knöchel hell hervortraten. Als er hereingekommen war, hatte sie ihm erklärt, dass er sich bitte hinsetzen sollte. Das sie reden musste. Er hatte ein paar besorgte Rückfragen gestellt, sich aber dann hingesetzt und wartete nun schweigend darauf, dass sie begann zu sprechen. Maebh rang sich ein tiefes Einatmen ab. Mehr als einmal hatte sie in den letzten Wochen überlegt, wie sie das angehen sollte. Mehr als einmal hatte sie die eigenen Worte im Kopf wieder verworfen, weil sie zu hart klangen. Oder nicht gut durchstrukturiert. Gesprochen hatte sie mit niemandem – außer mit Yue.
Sie wollte aber auch nicht klingen, als wollte sie sich rechtfertigen. Oder ihren Fehltritt legitimieren. Sie wollte einfach nur, dass sie wussten, woran sie waren. Sie wollte Ehrlichkeit in ihrer Beziehung. Und genau davor hatte sie jetzt fürchterliche Angst.
Langsam wandte sie sich schließlich zu Eanruig um. Allein ihn anzuschauen, wie er da saß, geduldig, schweigsam, ruhig... es zog ihr die Kehle zusammen und den Brustkorb enger. Es wäre so viel leichter gewesen, einfach zu schweigen. So, wie sie es bisher getan hatte. So zu tun, als gäbe es all diese Dinge nicht zwischen ihnen. Aber seit ihrem Gespräch fühlte sich das falsch an. Grausam, beinahe. Sie hatte sich und ihm Zeit gegeben, nachdem sie gesprochen hatten. Hatte die Nähe zwischen ihnen stärker aufblühen lassen. Aber je näher sie sich kamen, umso schmerzhaft schwerer wog die Wahrheit in ihrem Herzen.
Sie liebte ihn. Sie liebte ihn so sehr, dass sie ihm die Wahrheit nicht länger vorenthalten konnte und so schrieb sie lieber mit schwarzer Tinte auf die Reinheit ihrer Beziehung, weil sie glaubte, dass ein paar Flecken dunkler Farbe am Ende in der Gesamtheit nichts ausmachen konnten und maximal zu einem schönen Bild ausgearbeitet werden würden. Wenn er sie ließ. Wenn er sie noch liebte. Wenn er sie nicht verstieß.

«Ich muss mit dir über etwas sprechen», begann sie leise und ihre Stimme war ruhig und fest. Nur ihre Hände, die verrieten sie. Sie löste die Finger kurz voneinander, nur um sie wieder ineinander zu verschränken, als müsste sie sich selbst festhalten. «Und ich glaube, wenn ich es jetzt nicht sage, dann werde ich es nie tun. Und damit alles am Ende Sinn ergibt, bitte ich dich, mir von Anfang bis Ende zuzuhören. Denn ich werde am Anfang beginnen.»
Sie ließ zu, dass ihr Blick sich kurz in der glimmenden Glut im Kamin verfing. Gönnte sich diesen Augenblick Abstand. Nur für einen Herzschlag.
«Meine Mutter starb, als ich klein war. Ich erinnere mich kaum noch an sie. Aber daran, wie sie gerochen hat. Nach Lavendel, meistens. Und daran, dass sie immer kalte Hände hatte. Als Kind dachte ich, das sei normal. Feine Damen, die erwachsen wurden, hatten eben immer kalte Hände. Dann wurde sie krank. Recht plötzlich, laut meiner Erinnerung. Und ständig war meine Tante da. Kümmerte sich um sie. Um mich. Um meinen Vater. Sie war überall. Als Kind fand ich das völlig normal. Und meine Mutter starb einige Zeit später.»
Die Worte hingen schwer zwischen ihnen. Denn diese Dinge hatte sie noch nie jemandem erzählt. Er hatte sie gar nicht sehen können. Hatte nicht verstehen können, wie es ihr ging. Sie hatte ihm nie gesagt, was sie durchgemacht hatte. Ihr Herz schlug schneller, härter, gegen die eigene Brust, so als wollte es den Takt ihres Atems vorgeben, doch sie zwang sich dazu, ruhig zu bleiben.
«Mittlerweile glaube ich, dass das kein Zufall war. Eanruig, ich glaube, dass meine Stiefmutter das... irgendwie eingefädelt hat. Und ich weiß», hob sie die Hände, «dass das harte Anschuldigungen sind. Wir werden nichts davon beweisen können. Vielleicht irre ich mich auch? Oder suche nur einen Grund, wie ich diesen so schlimmen Verlust irgendwie verarbeiten kann... das ist alles möglich. Aber ich ... ich traue meinem Bauchgefühl. Und meinen Beobachtungen. Denn kurze Zeit später heiratete sie meinen Vater. Und am Anfang dachte ich noch...» Maebh brach ab und schüttelte kaum merklich den Kopf. «Ich weiß auch nicht. Ich dachte, dass sie mich genauso liebte wie meine Mutter das getan hat? Mutter war ganz wundervoll. Du hättest sie sehr gerne gemocht, glaube ich», stellte sie noch fest. «Aber meine Tante liebt mich nicht. Und sie wollte mir auch nie helfen.»
Maebh begann im Raum auf und ab zu laufen. Ihre Nervosität ließ gar nicht zu, dass sie auch nur einen Moment lang still stand und ihn ruhig anschaute. Der Stress musste irgendwie abgebaut werden und ihr Körper reagierte ganz instinktiv mit Bewegung.
«Am Anfang war sie freundlich. Also... sie war nicht besonders warm oder liebevoll, aber aufmerksam eben. Kämmte mir die Haare, brachte mir Sachen bei. Sagte mir, wie ich mich zu verhalten hätte. Ich dachte wirklich, dass das vielleicht einfach anders war. Und sie eben nicht so sanft wie Mutter. Menschen sind unterschiedlich», sie schlang die Arme fest um den eigenen Körper, fast so, als würde sie frieren. «Aber irgendwann verstand ich, dass es nie um Fürsorge gegangen war. Sie wollte mich erziehen. Ich durfte nicht mehr lachen. Nicht mehr barfuß durch den Garten laufen. Mich nicht schmutzig machen oder überhaupt laut reden. Zu still sein war nicht in Ordnung. Widersprechen schon gar nicht. Und irgendwann begann ich ständig darüber nachzudenken, ob ich irgendwas falsch mache. Selbst dann, wenn gar nichts passiert war.»
Maebh löste sich aus der Selbst-Umarmung und strich sich das dunkle Haar zurück, ehe sie den Mantel enger um ihren schlanken Körper zog.
«Mein Vater stand immer hinter mir. Aber er konnte nicht alles von mir fernhalten und die Situation ist wirklich verfahren, weil er sich nicht traut, sich von ihr zu trennen. Meine Kindheit war nicht schön, Eanruig. Ich weiß, dass ich damit nicht alleine stehe. Aber diese Situationen zwischen mir und meiner Stiefmutter, die haben etwas mit mir gemacht, verstehst du? Und dann bekam ich ein besseres Verhältnis zu meinem Vater, er band mich ein, ließ mich Dinge erledigen. Buchhaltung, die Pferde... ich hatte eine Aufgabe und dann, ganz plötzlich, sehe ich mich mit dir konfrontiert. Einem Mann, der fast doppelt so alt ist wie ich. Der Kinder hat, die eher in meinem Alter sind und für die ich nun... was genau sein soll?»

Maebh zwang sich nun doch zur Ruhe und ging zum Tisch, um sich ihm gegenüber zu setzen und die Unterarme au dem Tisch abzulegen, während sie ihn mit ungewohnt ernsten Augen ansah. Bis jetzt hatte er sie nicht unterbrochen, auch wenn all diese Dinge für ihn vielleicht noch keinen Sinn ergeben würden.
«Ich hatte Angst vor dir», gestand sie. «Also... nicht vor dir als Person. Aber du warst groß, verschlossen, älter... und ich wusste überhaupt nicht, wie ich mich dir gegenüber verhalten sollte. Mein ganzes Leben lang», nun traten Tränen in die großen dunklen Augen der jungen Fürstin, «habe ich immer versucht, Ärger zu vermeiden. Habe gelernt, wie man sich so verhält, dass niemand wütend wird. Und plötzlich war ich hier in einer fremden Burg. Mit einem Mann verheiratet, von dem ich nicht mal wusste, was er dachte. Und du warst für mich so... unglaublich schwer zu lesen.»
Ihre Stimme zitterte. Mittlerweile weinte sie. Aber sie würde nun weitersprechen. Es brachte nichts, wenn sie damit aufhörte. Sie musst es zu Ende bringen. «Und du hattest Kinder. Kinder, die trauerten. Ihre Mutter vermissten. Und mich schon aufgrunddessen ablehnten.»
Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Wange, um eine Träne aufzufangen.
«Und ich wollte... ich wollte so sehr», sie biss sich auf die Unterlippe, verdrehte die Augen und sah kurz zur Decke, ehe sie sich wieder auf ihn fokussierte, «dass du mich magst.»
Das klang schon fast beschämt. Bedürftig. Als dürfte sie das eigentlich gar nicht zugeben.
«Ich wollte nicht einfach nur respektiert oder akzeptiert werde. Ich wollte, dass du froh bist, dass ich da bin und dass du mir vielleicht sogar irgendwann sagen kannst, dass du mich liebst. Du hättest mein Ritter sein können. Denn ich habe viel zu spät begriffen, dass er mich zu dir geschickt hat, damit ich endlich meine Stiefmutter los bin.»

Sie gönnte sich eine Pause. Sich und ihm. Nahm einen Schluck von dem süßen Wein, der in einer Karaffe auf dem Tisch stand und füllte die Wärme in dem Raum mit der Stille ihrer Gedanken. Sie waren frei, schwirrten zwischen ihnen umher, ohne das sie zu greifen gewesen wären.
«Aber wir haben einfach nebeneinander hergelebt. Und ich glaube nicht einmal, dass wir das absichtlich getan haben. Wir waren beide vermutlich einfach nur vorsichtig?», sie sah ihn fragend an, wartete aber keine Antwort ab, sondern sprach weiter. «Du hattest deine eigene Trauer und ich wusste nicht, wie ich Bedürfnisse äußern soll, ohne mich schuldig zu fühlen.»
Sie holte tief Luft. Es fiel ihr schwer, was sie zusagen hatte, auszusprechen.
«Und ich war einsam, Eanruig. Ich war so einsam, dass ich es fast nicht mehr ertragen habe. Ich vemisste alles. Mein zu Hause. Meine Mutter. Meinen Vater. Meine gewohnte Umgebung. Liebe und Nähe. Deine Kinder wollten verständlicherweise Abstand zu mir und ich wusste nicht, wie ich sie erreichen sollte, ohne mich unnötig aufzudrängen. Und gleichzeitig hatte ich ständig das Gefühl, dass ich versagt habe. Obwohl ja niemand sagte, dass das der Fall war. Oder ich die Möglichkeit gehabt hätte, es besser zu machen.»
Das war das schlimmste gewesen. Die Stille. Der Schwebezustand. Diese Stasis.
«Ich glaube, dass ich damals selbst gar nicht mehr wusste, wer ich eigentlich war. Und dann kam... er. Ich möchte keinen Namen sagen, Eanruig. Bitte zwing mich nicht dazu. Es war nur einmal und wir... ich habe mich für einen kurzen Moment wichtig und geliebt gefühlt.»
Mittlerweile weinte sie richtig, ihre Stimme brach immer wieder und sie schaffte es nicht mehr, ihm in die Augen zu sehen.
«Und ich hasse mich so sehr dafür», weinte sie. «Und ich verstehe, wenn du wütend bist. Aber mir ist so wichtig, dass wir ehrlich sind. Jetzt, wo wir einander sehen. Und für die Zukunft. Und nach unserem Gespräch und der Nähe die wir aufbauen», ihre Stimme klang verzweifelt, zerrissen, «kann ich es nicht mehr für mich behalten. Ich will keine Lügen zwischen uns. Ich liebe dich so sehr. So sehr, dass mir die Wahrheit wichtiger ist als der Fakt, dass du mich vielleicht wegschickst. Oder mich hasst.»
Sie verstummte, die zitternden Hände um den Weinkelch geschlungen, den Blick auf den Kamin gerichtet, weil sie seine Augen gerade nicht ertrug.
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#2
Sie war zu ihm gekommen, unruhig und von etwas getrieben, das er nicht wirklich verstand, hatte darum gebeten, mit ihm zu sprechen, und unweigerlich war es die Sorge gewesen, die sich in die Wirrungen seines Bauches, in ihre Krallen, in die Tiefen seiner Brust gegraben hatte. Zurück erinnert an dieses eine Mal, als der Heiler mit der gleichen fahrigen Unruhe zu ihm getreten war, die Hände gerungen hatte mit der Nachricht, die so vieles in seinem damaligen Leben verändert hatte, mit der Nachricht, dass er nichts mehr tun könne … für Áinfean. Doch dies hier war nicht die gleiche Situation, es war eine andere, eine, die er noch nicht vollends verstand, während sein Blick ruhig und abwartend auf ihr lag, auf Maebh, auf der Frau, die so viel mehr für ihn war, als dass er es sich nur jemals hatte träumen lassen, und die in ihm Gefühle, Emotionen weckte, die tiefer waren als alles, was er jemals zuvor für eine Frau empfunden hatte. Es erschreckte ihn selbst noch immer und doch erfüllte es ihn ebenso mit Glück, mit einer Form dessen, was er niemals für möglich gehalten und niemals zuvor gekannt hatte und was doch der Wahrheit entsprach, wenn er sie anblickte, ihr zusah, wie sie im Erkerfenster saß und stickte oder ihren gemeinsamen Sohn auf dem Arm trug und lachte. Sie war alles und nichts, was er sich jemals hätte wünschen können, und noch immer war er dabei, diese Gefühle, das, was er dabei in den Tiefen seiner Brust, dort wo sein Herz in einem Käfig aus Fleisch und Knochen schlug, zu verstehen, denn zu allumfänglich war es, als dass er es mit einem Mal begreifen könnte.

Als sie schließlich das Wort ergriff mit der Bitte, am Anfang zu beginnen, entstand eine kleine, aber doch deutliche Falte zwischen seinen Augen und doch hörte er zu, lauschte dem, was über ihre Lippen drang und was von Augenblick zu Augenblick immer größer, immer schwermütiger wurde und in ihm doch unweigerlich noch mehr Verwirrung entstehen ließ Gewiss, sie hatte nie über ihre Mutter gesprochen. Eanruig wusste um die Umstände ihres Todes, da Celleach es ihm in einem Brief mitgeteilt hatte, doch dies, was Maebh nun äußerte, waren wahrlich schwerwiegende Anschuldigungen. Anschuldigungen, die wohl ebenso schwer zu beweisen wären und ebenso weitreichende Folgen hätten. Und doch sprach Maebh weiter, weitere Worte verließen ihren Mund und füllten die Stille des Raumes und die, die zwischen ihnen ruhte, und Eanruig hörte weiterhin schweigsam und aufmerksam zu und doch blieb die Verwirrung und die Fragen, die ihm unweigerlich auf der Zunge lagen und die doch nicht zum Ausdruck kamen, nicht, als ihre Stimme zu zittern begann und Tränen ihre Sicht trübten und er instinktiv nach ihrer Hand griff, sie festhielt und noch immer nicht verstand, bis … sie Worte aussprach, die ihn den Kontakt abbrechen ließen, seine Hand zurückziehen ließen, als habe er sich verbrannt und ja … vielleicht hatte er das auch an ihren Worten und dem, was sie mit sich brachten.

,,Und dann kam... er.“ irgendwo in Eanruig Verstand irgendwo zwischen eben jenen Windungen in seinem Kopf zerbrach etwas.

Er erhob sich, nicht mehr fähig, in diesem jenen Augenblick ihren Anblick in sich aufzunehmen, wie sie dort saß, ihre schlanke Gestalt so viel kleiner, so viel zarter als seine eigene … Diesen Anblick dieser Frau, die in diesem jenen Augenblick so schrecklich verloren wirkte und in ihm unweigerlich das Bedürfnis aufkommen ließ, auf sie zuzugehen, den Abstand, der sie zueinander trennte, zu reduzieren und nach ihren Händen zu greifen, wie bereits vor einigen Wochen zuvor, als sie gesprochen hatten, wahrlich gesprochen, und es sich nun zu wiederholen schien, doch in einem vollkommen anderen Kontext, in einem vollkommen anderen Augenblick und mit etwas, das ihm ins Herz schnitt, tiefer als jede Messerklinge es jemals schaffen würde, es schnitt tief und scharf und ließ es brennen. Und ganz gleich, wie sehr es ihn auch auf sie zu treiben mochte, das Bedürfnis nähren mochte, ihr Leid in diesem Augenblick, das sie unweigerlich zu durchleben schien, zu lindern, so waren diese Worte doch das, was ihn von ihr forttrieb. Und dann kam … er. Die Worte hielten nach und wurden mit jedem verstreichenden Herzschlag lauter und lauter, bis sie seinen Verstand, seinen Geist auszufüllen schienen und wie dröhnende Trommelschläge im Takt seines Bluts pulsieren. Die Beine des Stuhles, auf dem er saß, schoben sich mit einem kratzenden Geräusch über die Steine, die den Boden des Zimmers bildeten. Das Geräusch schnitt wie ein Peitschenschlag durch die in sich ruhende, die doch unweigerlich dröhnende Stille und unterstrich sein Erheben.

Eanruig erhob sich von seinem Platz am Tisch und auch wenn alles in ihm schrie, sich ihr zuzuwenden, ihr… Maebh, der Frau, für die er so viel mehr empfand, als dass er es jemals auch nur ansatzweise in Worte fassen oder gar selbst begreifen könnte, wandte er sich ab. Von ihr und dem Augenblick, dem Moment, und schritt hin dorthin, wo die zuckenden Flammen des Kamins ihre flackernden Schatten und verzehrten Muster über die steinernen Wände des Zimmers warfen und wie die stummen Zeugen dieses Augenblicks wirkten. Er blieb stehen, dort am Feuer, und starrte hinein in die Flammen. Seine Zunge fühlte sich dick und schwer in seinem Mund an, die Gefühle, die in seinem Inneren loderten … Schienen nicht die seinen zu sein, denn es schien ihm, als würde er in diesem jenen Augenblick von außen auf sie blicken, von außen auf diese Szene, dieses Schauspiel, denn war dies nicht ein solches? War es nicht ein Schauspiel, das er miterlebte, und war er selbst darin nur eine Randfigur, die zum Schafott geführt wurde? Denn als solches fühlte es sich an, das, was ihre Worte mit sich gebracht hatten, und hatte ihn zuvor noch das Bestreben ergriffen, eine Möglichkeit zu finden, ihre Vermutung hinsichtlich ihrer Stiefmutter zu beweisen, so erfüllte ihn jetzt nur eines … Leere.

Eine alles verschlingende Leere, die mit einem Riss einherging, der sein Inneres zu durchtrennen schien und das … was er glaubte zu empfinden für sie, für eben diese Frau, die ihm nun das wohl Schrecklichste offenbart hatte, was sie ihm hätte antun können. Ob er es verstand? Seine erste Antwort wäre wohl ein Nein gewesen … Denn rückblickend auf die Jahre, die er bereits erlebt hatte, auf das, was er bereits zuvor mit Áinfean durchgestanden hatte, auf das, was sie beide verloren hatten, bevor Cathal geboren worden war. Niemals … wahrlich niemals hatte er auch nur einen Gedanken daran verschwendet, sich von ihr abzuwenden, seine Befriedigung oder auch nur die Wärme in einem anderen Bett zu suchen, selbst als Áinfean ihm schlussendlich nach vier Ehejahren zitternd darum gebeten hatte, dass sie Zeit bräuchte, nachdem sich die Lacken ein weiteres, drittes Mal rot gefärbt hatten. Niemals, wahrlich niemals, denn der Betrug, der Verrat, der damit einherging, war für ihn etwas so Tiefgreifendes, so Erschütterndes … dass er es sich niemals hätte verzeihen können. Denn was hatte sie dafür gekonnt … wenn die Mutter es doch entschieden hatte, dass diese drei zuvor empfangenen Kinder nicht das Licht der Welt erblicken könnten … nichts und so hatte er gewartet, bis schlussendlich Cathal geboren worden war. Unweigerlich.

Als er schließlich mit noch in den Ohren widerhallendem Herzschlag die Stimme erhob, war sie ruhig, leise und doch unweigerlich von einer tiefen Müdigkeit geprägt und von etwas, das so viel tiefer ging als alles, was er jemals zuvor empfunden hatte. „Wütend … ist nicht das Wort, das ich ergriffen hätte, und es ist auch nicht das Wort, das ich ergreifen werde“, erklärte er schließlich, den Blick noch immer fest in die Flammen gerichtet, auf die zuckenden Gebilde aus Rot und Orange, die sich durch die dort aufgestapelten Scheite fraßen. „Ist Aedán mein Sohn oder ist er von ihm …?“ In seiner Stimme sammelte sich ein Hauch von Anspannung bei diesem Gedanken und er spürte den kalten Griff der Wut, die sich wie ein Kettenhandschuh um sein Innerstes schloss, während die Linie seines Kiefers zu einer harten Linie wurde. „Ich… denke nach all der Zeit und nach all dem, was ich glaubte zu fühlen … ist dieses Geständnis wohl das… Schlimmste, was du hättest tun können … ist dir dies bewusst?“ Sein Blick wandte sich von den Flammen ab und er sah hin zu ihr, zu der Frau, zu seiner Frau, für die er glaubte, mehr zu fühlen, als er jemals für möglich gehalten hatte, und die ihn mit eben diesem Geständnis nicht nur ein Messer, sondern wahrlich ein ganzes Schwert bis zum Heft in die Brust gerammt hatte. Einfach so. Als sei es nichts. „Du musst wissen … Du hättest mich darum bitten können … darum zu gehen. Maebh … und ich hätte es dir erlaubt, weißt du das? Ich hätte dir erlaubt, zu gehen, ganz gleich, wohin auch … Ich hätte es verstanden, denn wer will schon mit einem Mann leben, dessen Herz in Trauer gefangen ist, der blind ist für das, was ihm geschenkt wurde von der Mutter, und dessen Kinder es ebenso sind. Ich habe es dir bereits vor Wochen gesagt, du kannst gehen, zurück zu deinem Vater und zu demjenigen, der dein Herz erfüllt, denn ich bin es anscheinend nicht und wahrlich … wahrlich, ich kann es verstehen.“ erklärte Eanruig und um seinen Mund bildete sich ein harter, ein bitterer Zug, der sich in seinen Augen widerspiegelte, die doch unweigerlich so ruhig wirkten wie die See. Denn das, was in ihm widerhallte, das, was ihm drohte, die Brust zu zerreißen, war so übermächtig, so allumfassend, dass es nicht möglich schien, nach außen zu dringen.

„Auch ich war einmal jung … jung und einsam und verzweifelt, glaube mir, es gab diese Augenblicke, diese Zeiten damals, als Áinfean …“ Seine Stimme brach für einen Augenblick zitternd, bevor er sie durch ein Räuspern erneut stärkte. „… es hat bald fünf Jahre gedauert, bis uns Cathal geboren wurde … Fünf Jahre, in denen uns die Mutter drei Kindern das Leben verwehrte und kein einziges Mal … Kein einziges Mal habe ich auch nur den Gedanken erwogen, mich jemand anderem zuzuwenden … und es gab Gelegenheiten zu Dutzenden, aber ich tat es nicht, weil ich ein Versprechen geleistet habe, ein Versprechen vor der Mutter, und ein solches halte ich, weil ich mein Wort stets halte … immer.“ Seine Stimme wurde fester, eine Spur härter, und erneut war es die Wut, die drohte, die Überhand zu gewinnen, die kalt und nachdrücklich nach außen drängte und in seinen blauen Augen Sturm aufkommen ließ „Aber gewiss … dies waren andere Umstände, andere wie bei dir …“ Er presste die Lippen aufeinander und sein Blick wandte sich von ihr ab, während er hin zu der Dunkelheit blickte, die hinter den Fenstern des Schlafzimmers ruhte und unweigerlich drohte ihm ein Lachen die Kehle hinaufzusteigen, voller Bitterkeit und Nachdrücklichkeit, während er leicht den Kopf schüttelte. „Du hättest so vieles tun können … so vieles, Maebh, und doch hast du dich für diesen Weg entschieden, einen, der ihm die Brust zerriss und das, was dort langsam zu keimen begonnen hatte, erstickte. Unweigerlich.

„Du kannst gehen … Wenn dich das glücklich werden lassen sollte, dann geh. Verlass Kenmara, dass dir nie ein Heim war. Ich werde dich nicht aufhalten, denn das ist das letzte, was ich will, der Grund für dein Missfallen, deine Einsamkeit sein. Du wirst Áinfean sehen dürfen, denn er liebt dich … er liebt dich so wahnsinnig … Dafür wird ein Weg gefunden werden. Geh zu diesem … Mann oder demjenigen, der dein Herz mit Glück erfüllt, denn ich mag es nicht, zu füllen, und dies … dies ist in Ordnung“, erklärte er schließlich und in diesem jenen Augenblick war seine Stimme nur noch von einer unendlichen Müdigkeit erfüllt, von der Müdigkeit eines Mannes, der geglaubt hatte, zu lieben, und doch nur einer Illusion nachgejagt war wie verblassenden Nebelschwaden.
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#3
Nicht wütend, also. Immerhin. Er war nicht wütend. Aber wenn sie seinen Gesichtsausdruck korrekt deutete, so war er mindestens verletzt. Zutiefst gekränkt. Und überfordert. Und natürlich hatte sie mit seiner nächsten Frage gerechnet.
«Er ist dein Sohn. Alles andere ist unmöglich», stellte sie fest. Auch wenn die Frage schmerzte, sie hatte damit gerechnet. Es war nur nachvollziehbar, dass er das wissen wollte. Aber trotzdem hinterließen die Worte einen glühenden Graben in ihrem Inneren, der sich bis in ihr Gesicht grub und dafür sorgte, dass es sich erwärmte. So sehr schmerzte es. Sie errötete, weil er sie das fragte. Aber das war eine gute Strafe. Eine faire Strafe. Sie hatte ihn fürchterlich verletzt. Schlimmer, als ein Schwert es je gekonnt hätte. Keine Rüstung hätte ihn gegen diesen heimtückischen Pfeil schützen können.
«Ich weiß», gab sie zurück. «Ich ertrug dieses Geheimnis nur nicht mehr zwischen uns. Ich fühle mich schrecklich.»
Er sprach weiter. Und sie sah ihn ein wenig fassungslos an. So vieles wollte sie ihm sagen, aber kein Wort drang über ihre Lippen. Sie sah ihn einfach nur geschockt an und fragte sich, ob sich so sterben anfühlte. War es das, was man spürte, wenn man sein Leben aushauchte? Noch nie hatte sie sich so fürchterlich gefühlt. Nicht einmal, als ihre Mutter gestorben war. Und das war sehr schlimm gewesen. Daran konnte sie sich noch gut erinnern. Aber nicht einmal das kam an diese Ohnmacht heran, die seine Worte auslösten. Aber auch jetzt sagte sie nichts. Er hatte ihr schweigend zugehört, also ließ sie ihm diese Freiheit ebenfalls. Sie wollte ihm seinen Zorn, seinen Schmerz, gar nicht nehmen. Denn er gehörte ihm alleine.
Seine Zusammenfassung... zum ersten Mal überhaupt sprach er über seine Frau. Und Maebh sah ihn geschockt und zutiefst erschüttert an. Verständnislos schüttelte sie ihren Kopf. Langsam. Nicht ablehnend. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Nur ihr Kopf arbeitete. So schnell, dass sie kaum hinterherkam. Natürlich hatte er sich nie eine andere Frau gesucht. Er hatte sie so sehr geliebt. Aber als Maebh hier angekommen war, da hatte er sie nicht geliebt. Er hatte sie gar nicht gesehen. Maebh war allein gewesen. Überfordert. Aber vermutlich konnte Eanruig das nicht verstehen. Und sie würde es ihm jetzt auch nicht erklären. Er konnte das gerade ohnehin nicht aufnehmen.

Als er allerdings weitersprach, kam sie auf die Beine. Ruckartig und mit neuer Stärke, auch wenn ihr immer noch Tränen übers Gesicht liefen. Mit einem Mal empfand sie eine Stärke, die sie in den letzten Jahren so sehr benötigt hätte, um sich in eine Position zu bringen, in der man sie hörte.
«Eanruig Fraser!», herrschte sie ihn an. «Du hörst mir jetzt zu! Ich erzähle dir das nicht, weil ich einen anderen Mann liebe! Ich erzähle dir das, weil ich dich so sehr liebe, dass ich nicht eine einzige noch so kleine Lüge zwischen uns ertrage! Ich erzähle dir das, weil ich... lieber unsere Beziehung riskiere, als dich zu belügen! Es ist einmal passiert. Ein einziges Mal. Verdammt nochmal», fluchte sie und ihre Hand schlug auf den Tisch. «Ich verstehe, dass dich das so tief verletzt hat. Ich verstehe auch, dass es ... unverzeihlich ist. Aber ich bitte dich gar nicht um Verzeihung. Ich bitte dich dazu, mich dennoch zu lieben. Mit meinen Fehlern. So wie ich dich auch mit deinen Fehlern liebe. Ich würde keinen anderen Mann wollen, verstehst du das? Für mich gibt es nur dich! Und wenn du mich fortschickst...»
Ihr stockte der Atem, sie brauchte einen Moment um sich zu sammeln.
«Dann kannst du mich auch gleich töten. Ich wüsste nicht, was ich ohne dich tun sollte. Oder ohne meinen Sohn. Mein Herz gehört doch nur euch.»
Das war die Wahrheit. Die pure Wahrheit. Aber vermutlich brachte es auch nichts. Sie stand einen Moment lang völlig verloren neben dem Tisch, dann fuhr sie sich durchs Haar und fasste nach dem Mantel, der noch über die Bettkante hing. Besser war vermutlich, sie ließ ihm Freiraum. Zog sich zurück. Vielleicht konnte sie sich zu Aedán ins Bett kuscheln? Oder sie schliem im Stall?
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#4
Unmöglich. Dieses Wort ließ ihn den Blick für einen Moment über sie schweifen. Eine unweigerliche Traurigkeit durchzog seinen Blick, während sich eine ebensolche Bitterkeit um den harten Zug seines Mundes einschlich. Denn er wollte ihr glauben, in diesem Augenblick wollte er es, wollte sich sicher sein, dass der Sohn, den sie ihm geschenkt hatte, wirklich sein Eigen Fleisch und Blut war und dass dieses eine Mal wahrlich nur einmal gewesen war und doch schon darin zu viel. Wer konnte als wirklich wissen, ob es nicht bereits zu Hauf geschehen war? Weil sie sich nicht gesehen, nicht geliebt genug gefühlt hatte und die Einsamkeit, die die Ehe mit ihm mit sich gebracht hatte, sie zu erdrücken gedroht hatte und es einfacher gewesen war, sich einem anderen zuzuwenden, als das Wort zu ergreifen? „Ich möchte… dir gern glauben schenken“, schloss er schließlich auf ihre Worte hin und wandte erneut den Blick von ihr ab, richtete ihn zurück in die Flammen und selbst wenn ihm bei diesem Gedanken die Wut ergriff, heiße in sich selbst verbrennende Wut, so war sie doch unweigerlich von einer tiefen… Leere umspült und von etwas, das sich wie das Nichts anfühlte, wie ein Meer, in das er stürzte. Kopflos und ohne Halt, ohne die Möglichkeit, die Arme auszubreiten und sich über die Wellen tragen zu lassen. Ob sich so Ertrinken anfühlte? Seine Lungen brannten allemal und er holte zitternd Atem, während er sich aufrichtete und versuchte, eben jenes Zittern, das drohte, seine Hände zu ergreifen, in geballten Fäusten zu verbergen, die er fest neben seinem Körper hielt. In diesem jenen Augenblick, in dem all das, was er jemals geglaubt hatte zu lieben, in sich zusammenbrach und zerfetzt wurde, vom Wind davongetragen und nur Stille zurückließ … Stille und Leere und ein unsägliches Nichts, das lauter dröhnte als jeder Sturm es jemals hätte tun können. Unweigerlich.

Ihr Ausbruch Er ließ in ihm kaum eine Regung erkennen, während sein Blick gar ausdruckslos auf ihr ruhte und um seinen Mund die Bitterkeit obsiegte. „Und doch … ist einmal zu viel, nicht wahr Du bittest nicht um Verzeihung, um was dann … Vergebung? Du wirst nichts davon erhalten, denn dies … Es ist Verrat, Maebh. Verrat an dem, was wir uns vor der Mutter schworen, und dies ist für mich …“ Seine Worte stockten und er schüttelte den Kopf, während er den Blick von ihr abwandte. „Ich soll es akzeptieren, vielleicht gar verstehen, und doch kann ich es nicht … Wenn du bleiben willst, so tue es, aber verlange nicht von mir, dass ich es als gegeben hinnehme …“ Denn dies würde er nicht können und wer wusste schon, ob er es jemals könnte, denn für ihn war dieses Verbrechen, diese Tat unentschuldbar und der Gedanke … der Gedanke, dass es vielleicht nur das eine Mal gewesen sein könnte und doch die Möglichkeit bestand, dass sie es wiederholte … Wenn er nicht erneut genug wäre, nicht erneut ausreichend … Dann würde er sich alsbald von dem abwenden, was er geglaubt hatte, zu fühlen, zu empfinden für sie … Für diese Frau denn mit dem Gedanken zu leben, dass dies erneut geschehen würde, wenn er nicht genügen würde … Diesen Gedanken würde er nicht ertragen können. Niemals mehr.

„Du hättest mir nichts Schlimmeres antun können … So vieles hättest du tun können und doch…“ Erneut blieben ihm die Worte im Halse stecken, drohten seine Kehle zu zerquetschen, während der Schmerz in seiner Brust zunahm und er unweigerlich die Faust über die Stelle rieb, an der sein Herz in einem unruhigen Takt gegen die Wände seines Brustkorbes schlug. Als er sah, wie sie nach dem Mantel griff, der über der Kante des geschnitzten Bettrahmens ruhte, schüttelte er den Kopf. „Du wirst hier bleiben … ich werde gehen, ich kann nicht …“ Er schüttelte erneut den Kopf, allein bei dem Gedanken, sich in das Bett zu legen, in dem sie zusammen … Es ließ den Schmerz nur noch tiefer dringen und drohte ihm, die Luft zum Atmen zu verwehren. Seine Hand griff zitternd nach der Lehne des Stuhls, der ihm am nächsten war, und Eanruig umklammerte sie mit weißen Knöcheln und kalten Fingern, während der Druck, der sich in seiner Brust wiederfand, hinauf zu seinem Kopf wanderte. Seine Sicht schien zu verschwimmen und er presste die Augen zusammen in der Hoffnung, dass es sich besserte, doch als er sie öffnete, war es dazu nur geringfügig gekommen. Er musste hinaus … hinaus nach draußen in den Sturm, in den Wind, der unaufhaltsam gegen die Burgmauern stürmte und das Salz der See mit sich brachte. Fort von diesem Augenblick … fort von ihr und dem, was sie ihm mit ihrem Geständnis angetan hätte … indem sie ihm das Herz nicht nur aus der Brust gerissen, sondern es zugleich verbrannt hatte, bis nichts mehr übrig war außer Leere und Asche, die vom Wind davongetragen wurde. Wenn sie doch nur geschwiegen hätte. Unweigerlich kam ihm dieser Gedanke und durchschnitt die Leere seines Verstandes und wahrlich … Auch wenn es für ihn ebenso nichts Schlimmeres gab als Lügen, so war dieses Geständnis doch alles und nichts, mit dem sie ihn hätte in die Knie zwingen können, und wog es noch so viel schwerer, war noch so tiefer gedrungen mit dem, was er begonnen hatte zu fühlen, für sie und für das, was sie ihm offenbart hatte, nur um es dann unweigerlich zu zerstören.
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#5
«Nein. Ich bitte dich auch nicht um Vergebung. Ich bitte dich um Verständnis für meine Situation und ein Gespräch von gleichauf zu gleichauf», gab sie zurück, aber sie wusste schon, dass es nicht möglich war, das zu bekommen. Sie sah es in seinen Augen, als er zu ihr aufschaute und wusste, dass sie diesen Kampf verloren hatte. Er hielt es für Verrat. Und nun entrang sich ihr doch ein dumpfes Schnauben.
«Verrat? Du hast eine wildfremde Frau geheiratet. Aus einer Gefälligkeit heraus. Ich wusste nicht, dass ich überhaupt mit dir darüber sprechen darf. Du stellst dich hier als Opfer hin. Als der Verratene. Aber offenbar hast du mir überhaupt nicht zugehört und du stellst auch nicht in Frage, wie ich mich damit fühle. Ich kann verstehen, dass dich das verletzt hat. Aber ich lebte immer im Schatten anderer Personen. Ich ging nicht davon aus, dass wenn ich schon verheiratet werde, dass ich großes Mitspracherecht hätte. Eanruig, die ersten Wochen und Monate hier, da hast du mich nicht einmal angesehen», informierte sie ihn so gefasst, wie es ihr möglich war.
Dann warf sie die Arme in die Luft. Schüttelte den Kopf. Und beobachtete ihn dabei, wie er sich auf dem Stuhl abstützte. Er war so tief in den eigenen Gefühlen gefangen, dass sie nicht wusste, wie sie damit umgehen sollte. Was sie tun sollte.
Sie holte Luft. Wollte etwas sagen und ließ es dann doch. Sie ging gar nicht davon aus, dass er verstand, worum es hier ging. Wie sehr sie ihn liebte. Wie sehr er sie liebte. Er sah nur seinen Schmerz. Genauso wie er damals nur seinen Schmerz gesehen hatte.
«Weißt du», stellte sie schließlich in die Stille hinein fest, «du hast mir vor einigen Wochen gesagt, dass du mich sehen wirst. Dass du nicht mehr wegschaust. Aber sieh dich jetzt an. Du bist nicht einfach nur gekränkt, Eanruig. Du bist so in dich selbst gekehrt vor Schmerz darüber, dass eine Frau, die du zu diesem Zeitpunkt nicht geliebt hast sich ein wenig Nähe geholt hat, dass du nicht einmal in der Lage bist, dein Versprechen zu halten.»
Es klang nicht nach einem Vorwurf. Es war auch keiner. Es klang besorgt. Verängstigt. Überfordert. Sie liebte ihn so sehr. So sehr, dass ihr gleich war, ob er sie hasste. Aber Hass wäre besser gewesen als diese nach innen gekehrte Verzweiflung.
«Bitte versprich mir nur eines... such dir jemanden zum reden», bat sie. «Steh das nicht alleine durch. Wenn du schon nicht mit mir sprechen willst, sprich mit jemand anders.»
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#6
Verständnis?! Wie sollte er Verständnis für eine Tat für eine Situation gleich auf aufbringen die für ihn unweigerlich Verrat bedeutete. Verrat an ihm aber viel schlimmer noch an dem was sie sich vor der Mutter geschworen hatten. Gewiss… in ihren Positionen war ihnen keine Liebe vergönnt dies war eine Tatsache. Unweigerlich. Und doch hatte Eanruig stets auf an dem festgehalten was ihm einst geleert worden war. Das die Ehe ganz gleich das es sich dabei nur um ein Konstrukt handelte dies doch als Heilig zu erachten war, als nicht nur eine politische oder finanzielle Möglichkeit um den Namen einer Familie zu erhalten oder diesen zu bestärken sondern ebenso um eine zu bewahren. Darin hatten schlicht und ergreifend keine anderen Personen Platz und was waren dort schon Emotionen wenn es doch sich einzig und allein um das gegebene Wort, den Schwur an sich handelte den es einzuhalten und zu bewahren galt. Seine Mutter war es gewesen die ihn stets daran erinnert hatte das man sich zusammen zu nehmen hatte, das ganz gleich auch wenn man nur Negative Gefühle für denjenigen empfand der einem zum anderen Teil der Ehe gegeben worden war man darüber hinaus zu sehen hatte. Das man gleichermaßen die eigenen Gefühle und Emotionen zurückhalten sollte denn was war schon das persönliche Glück im Gegensatz zum Erhalt der Familie und des Namens Fraser? War dies doch wahrlich ein viel kleineres Übel und eines das man zu erbringen hatte wenn das eigene Leben doch einem so viel höheren Zweck diente, dem Erhalt der Linie, dem Erhalt des Namens.

Seine Kiefernmuskulatur spannte sich an, die Linie seines Kiefers wurde zu einer festen, einer harten Linie, während ihre Worte auf ihn einprasselten wie Regen, der vom Sturm getragen wurde. Die Wut war es, die ihn erfasste, die seinen Bauch überflutete und doch nicht nach außen drang. Das, was nach außen drang, war nur kalte, ruhige Gefasstheit und ein Blick, der vollkommen emotionslos war. Er zog sich zurück von dem, was sie sprach, und von dem, was er fühlte, weil es zu viel war. Er sah ebenso, dass sie seine Meinung dazu nicht verstand. Er sollte Verständnis haben, diesen Verrat, der es unweigerlich für ihn darstellte, zu akzeptieren, als sei es nichts? Als sei es nur ein falscher Schritt bei einem Tanz gewesen, eine Nebensächlichkeit, eine Lappalie, über die man hinwegsehen und die man gar belächeln könnte. Unweigerlich fragte er sich, ob es nicht nur bei diesem einen Mal geblieben war und ob sie es wieder tun würde.

„Wie soll ich mit dir sprechen …“ sprach er schließlich mit leiser Stimme aus, die doch vor unweigerlicher Emotionslosigkeit zu dröhnen schien. „Wie soll ich es tun, wenn du es doch ebenso bist, die nicht erkennt …“ Er schüttelte seicht den Kopf und wand sich um. Langsam, Stück für Stück, entfernte er sich von ihr und brachte sich und seinen Körper näher zu der Tür, die nach draußen führen würde. Fort von ihr und dem Schmerz, den sie ihm gebracht hatte, mit den Worten, die von ihren Lippen gedrungen waren. „Ich werde gehen. Such nicht nach mir und frage ebenso nicht nach mir. Wenn du so auf Verständnis aus bist, dann verstehe, dass ich es nicht ertragen kann.“ Sie und das, was ihr Anblick mit sich brachte.

Eanruig ging. Er verließ das gemeinsame Gemach, den Ort, der ihm eben so viel Freud wie nun auch unweigerlich Leid gebracht hatte. Er verließ ihn und seine Schritte hallten in der Stille der Feste wieder, während er die Gänge Schritt um Schritt hinter sich ließ, Abstand zwischen sich und den Ort brachte, an dem sein Herz unweigerlich zerrissen worden war. Seine Schritte verlangsamten sich erst, als er die schwere Tür nach außen aufstieß, die auf einen der Türme von Kenmara führte, dorthin, wo die Dunkelheit bereits schwer und drückend ruhte und doch das Brechen der Wellen ebenso zu vernehmen war. Es schien in diesem Augenblick alles zu übertönen und so übertönte es auch den Schrei, der unweigerlich von den Lippen des Mannes drang, der sonst niemals wankte, niemals schwankte und stets bestehen blieb und doch hier und jetzt zusammenbrach. Eanruig Fraser.
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