| Amra Akhdir |
| Keeran Neshat |
|
|
|
| Alter |
42 |
| Beruf |
Händler/ Schmuggler |
| Wohnort |
Dharan al-Bahr |
| Stand |
Verheiratet |
| User |
Letha |
|
|
23-08-2025, 08:48 - Wörter:
Das Rad der Zeit drehte sich weiter, auch wenn man seinen Zähnen Einhalt gebieten wollte. Es war die erste Lektion, die man früher oder später lernen musste, zu akzeptieren und als Teil des eigenen Lebens anzunehmen, ob man wollte oder nicht. Familie kam und ging, Freunde, Bekanntschaften, Positionen, Titel… Keeran hatte den Verlust am Sterbebett seiner Mutter kennen gelernt und nie vergessen. Sein Schmerz war verjährt und zugewachsen, aber immer noch präsent in seinen dunkelsten, einsamsten Stunden; dann, wenn er realisierte, dass ihn das ständige Vorwärtsstreben nie weit genug treiben konnte, um die Leere zu füllen, die ständig an seinen Fersen lauerte. Und wenn sie ihn einholte, würde er dann alles verlieren?
Nicht so, wie Nadir ben Sahid alles verloren hatte.
Weil er von Geburt an bereits alles gehabt hatte, was er im Laufe der Zeit würde verlieren können.
Familie? Er hatte viele gehabt, von einem älteren Bruder bis hin zu einer Frau, Kindern, Neffen und Nichten, die ihm alle viel bedeuteten und jetzt das Herz brachen, wo er sie beerdigen musste. Sein erster Fehler.
Freunde? Am Hof war er bekannt wie ein bunter Hund, außer Lande kannte man seinen Ruf und Namen. All das half ihm nicht in seiner Situation. Sein zweiter Fehler.
Titel? Was war ein Prinz, der nicht regieren konnte. Was war ein Diplomat, der den Palast nicht verlassen durfte. Was war ein Krieger, dem alle Waffen genommen wurden; selbst die Fähigkeit, zu sprechen.
Für jemanden wie Keeran vermittelte Nadir in seiner Situation ein klares Bild - eins von Menschlichkeit und deren Fehlen, sich aus der Starre von Schicksalsschlägen zu lösen, während die Zeit weiterlief. Oft hatte der Händler die Ohnmacht in seinem Umfeld erlebt und beobachtet, wenn Menschen verloren und sich nicht mehr zu helfen wussten. Immer von außen hatte er ihren Zerfall körperlicher und spiritueller Natur gesehen und sich gefragt: Warum? Wenn man den Lauf der Zeit nicht stoppen konnte, warum hielt man sich an ihr fest wie an einer Säule, während der Strom früher oder später jedes Konstrukt mit sich reißen würde? Vielleicht war es seine Losgelöstheit vom Mensch-sein, die ihn so weit gebracht hatte, vielleicht würde sie es auch sein, die seiner Leere schließlich den Halt geben würde, um sich an seinen Fersen hochzuziehen. Irgendwann hatte alles ein Ende; das wusste vor allem er, der sich immer mit der Zeit bewegte.
Heute besuchte er als Berater des noch nicht gekrönten Königs die Gemächer des Prinzen, der (mehr oder weniger) freiwillig auf seinen Thronanspruch verzichtet hatte. Er trat von seiner Freiheit, die er sich erarbeitet hatte, hinein in geschlossene, überwachte Räume, in denen die Luft gedrückt und schwer war. Nicht einmal seinen Gehstock führte er mit sich, als hätte die große Mutter ihn für den heutigen Tag zehn Jahre jünger gemacht. Bevor er sich durch ein Klopfen bei Nadir ankündigte, ließ er sich von den beiden Wachen vor der Tür auf Waffen und sonstige Mittel abklopfen, die im Beisein des Prinzen verboten war; nicht weil sie ihm gefährlich werden konnten, sondern weil er mit ihnen gefährlich werden konnte. Keeran wusste das. Er hatte mitunter angeordnet, dass man Nadir so akribisch unter Beobachtung stellte, und doch glaubte jeder im Palast, dass er nur ein rücksichtsloser Händler war, der sich durch Einfluss, Gold und Leichen einen Platz im königlichen Beraterstab gesichert hatte. Jemand, der sich den Tod von Ridvan zunutze machte, aber nicht sein Ursprung war. Die Welt war ein brutaler Ort ohne Platz für die Mitfühlenden, und Keeran trug diese Weisheit auf dem Gesicht, als er eintrat.
Nadir und er pflegten eine einfache Beziehung zueinander. Die Aufgeschlossenheit des Prinzen hatte es überhaupt möglich gemacht, dass sie ins Gespräch gekommen waren, und (im Gegensatz zu seiner Frau) folgten auf seine Versprechen tatsächlich Taten, oder auch einfach gutes, reines Opium, was er bei ihrem ersten Treffen im Bordell so angemängelt hatte. Die Beziehung war deswegen einfach, weil sie einander für das zu akzeptieren schienen, was sie waren, oder auch einfach nicht weiter nachfragten. Nadir wusste, dass Keeran sich seinen gesamten Einfluss erarbeitet hatte und dabei sicher nicht immer mit sauberen Händen in sein Heim zurückkehrte. Keeran hingegen wusste um die hedonistischen Veranlagungen des Prinzen, die nicht selten Priorität über seine Pflichten verlangten, und stellte sie nie in Frage. Mit einer Pfeife in ihrer Mitte regten sie einander hin und wieder zu geistreichen Gesprächen an und bereicherten ihre Ansichten mit unterschiedlichen Weltanschauungen. Der Händler konnte aufrichtig behaupten, dass er im Beisein von Nadir eine Art geistige Stimulierung fand, wenn die Luft schwer, seine Sinne betäubt und der Kopf zugänglich war.
Als einfacher Händler, der er sicher war, fiel ihm natürlich auf, dass Nadir nicht alleine war. Im Raum standen zwei weitere Wachen, der Schal des Turbans halb ihre Gesichter am verdecken, während ihre Augen doch an ihm und seinem raschelnden, festlichen Gewand klebten. In einen dunklen, mit golden schimmernden Fäden durchzogenen Mantel gekleidet blieb er in der Mitte des Raumes stehen, die verzierte Schachtel unter seinem Arm, und deutete eine Verbeugung an. “Prinz Nadir. Mein aufrichtiges Beileid” , begrüßte er ihn mit höflicher Distanz, ließ die letzten Worte aber den Raum füllen. Man konnte von Keeran nicht behaupten, dass er viel Empathie an den Tag legte, doch sicher wusste er, was er der Form und Gepflogenheiten wegen zu sagen hatte. Tatsächlich bezweifelte er, dass Nadir überhaupt mehr dergleichen aus seinem Mund hören wollte; jene falsche Anteilnahme hatte man ihm in den letzten Tagen zu Haufe vor die Füße geworfen und gehofft, sich damit bei ihm in ein gutes Licht zu stellen. Viele hatten ihn vermutlich erst gar nicht angesprochen, weil er doch ständig in Begleitung war - und die Palastwände redeten. Es hatte einen Grund, warum er nur mit Wachen aus seinen Gemächern schritt, auch wenn niemand es wagte, ihn auszusprechen.
|
|
|
|
| Sommerland |
| Nadir ben Sahid |
|
|
|
| Alter |
44 |
| Beruf |
Prinz von Matariyya |
| Wohnort |
Dharan al-Bahr |
| Stand |
Verheiratet |
| User |
Pat |
|
|
10-11-2025, 00:37 - Wörter:
Was tat jemand, der alles verlor? Eine nachvollziehbare, tiefgreifende Frage. Eine Frage, die er jeden Tag, jeden Abend, jeden Morgen durchdachte und nie zu einer Antwort zu kommen schien - so, als würde er sich im Kreis drehen. Für ihn drehte sich kein Rad der Zeit, nein. Nadir war in einer Endlosschleife gefangen und spürte nur jeden Tag, was es eigentlich hieß, ein Gefangener zu sein. Was es hieß ein Gefangener zu sein, der - irgendwie - alles verlor.
Die Analyse des Händlers, dem er heute begegnen würde, war wohl durchaus treffend, doch ... was war die Lösung? Was war die Möglichkeit, sich aus der Starre des Schicksals zu lösen? Ehrlicherweise ... sah er keine - bis auf die Tatsache, das eine Messer, das er für das Essen nutzte, gegen sich selbst zu wenden, doch dafür war er entweder zu mutig oder zu feige, das hatte er noch nicht entschieden.
Aber ja, das war er: Ein Bruder ohne Familie, ein Prinz ohne Menschen, ein freier Mann ohne Freiheit. Wenig blieb von dem bunten Vogel, selbst seine Roben waren zugeknöpfter und dunkler; das Gesicht - einst voller Freude, Strahlen und Lächeln - war finster, mit dunklen Augenringen und eingefallenen Wangen und müdem Blick. Nein, viel war nicht übrig von dem Mann, der einst Glück, Freude und Lust durch die Welt brachte. Sein Hoffnungsschimmer? Seine Frau. Womöglich gab er nicht auf, weil sie nicht aufgab. Sie allerdings war eher die Frau, die kämpfte - so jedenfalls schien es; diesen Eindruck machte sie.
Besuch erwartete er nicht. Er erwartete eigentlich überhaupt gar nichts, hm? Er wusste manchmal kaum, wann die Tage begannen oder endeten. Man präsentierte ihn - so, dass er als ben Sahid kein Gefangener war und er der Gnade der neuen Herrschaft nur danken musste. Und hier war er nun mit den Wachen, die ihn durchgehend beobachteten, dort standen und darauf achteten, dass er nichts tat, was gefährlich sein konnte. Er wusste zwar nicht, was er hier in seinem Zimmer - oder im Zimmer von Aamina und ihm - anstellen konnte, aber gut, sollten sie ihn beobachten. Manchmal sprach er mit ihnen und sie antworteten nicht. Manchmal machte er sich lustig über sie. Manchmal verfluchte er sie. Ein Leben war das alles nicht.
Was war passiert? Nadir wollte nicht daran denken. Nicht daran, dass ein Putsch von innen stattfand, um die Familie ben Sahid zu stürzen, sie auszulöschen und loszuwerden. Und von da an verstand er den Spruch, dass dasselbe Volk, das einem bei der Krönung zujubelte, es auch bei der Hinrichtung tat. Bedienstete, die er als Freunde erachtete, wendeten sich ab; Liebhaberinnen sprachen nicht mehr mit ihm und einst loyale Gefolgsleute lachten nun zu neuen Herrschern. Die Wut, die der hochgewachsene ben Sahid empfand, war groß - zugleich tat er alles, um sie zu betäuben, weshalb der heutige Besuch gar kein so unglücklicher Zufall war.
Da stand er plötzlich, ein Händler, und Nadir war gar nicht dazu imstande, großartig zu fragen, warum er hier eintreten durfte. Es war auch keine Freude, die Nadir empfand, sondern vielmehr ... Akzeptanz. Ehrlicherweise gab es kaum eine Regung, sodass man sich fragte, ob Nadir den Besucher, der soeben eintrat, überhaupt wahrnahm. Das Opium galt dabei auch seiner Verletzung, weshalb er einen Moment brauchte, um sich zu erheben, nachdem er den Tag quasi im Bett verbrachte. "Ach, wofür?" , sprach er sarkastischer als sonst. "Ich habe Gesellschaft, wenngleich ich sie mir weiblicher und freizügiger gewünscht hätte." Nadir sah sich um. "Ein wunderbares Zimmer, alles, was ich brauche, kann ich in nur wenigen Schritten erreichen." Er sah auf einen unangerührten Teller mit frischer Kost. "Gesorgt wird auch um mich." Natürlich trieften die Sätze nur so von Sarkasmus. "Wie kommt Ihr hier rein? Und vor allem: Was wollt Ihr hier? Ein Händler spaziert ja auch nicht in ein Armenviertel." Ob er insgeheim froh war, ausgerechnet ihn zu sehen? Vielleicht. Es war eine Art ... Vergangenheit; wie ein Strohhalm, den es zu packen galt, um zu besseren Zeiten zurückzukehren. Und wenn es nur ein Mittel sein mochte, das Keeran ihm auf jeden Fall nicht einfach hier vor den Wachen verkaufen würde können.
|
|
|
|
| Amra Akhdir |
| Keeran Neshat |
|
|
|
| Alter |
42 |
| Beruf |
Händler/ Schmuggler |
| Wohnort |
Dharan al-Bahr |
| Stand |
Verheiratet |
| User |
Letha |
|
|
16-11-2025, 16:53 - Wörter:
Keeran respektierte Menschen, die am Boden waren und trotzdem ihren Sinn für Humor nicht verloren, auch wenn er an makabren Galgenhumor kratzte. Man konnte sogar sagen, dass er sich daran amüsierte; an der leeren Heiterkeit hinter Worten, die jegliches Gewicht verloren hatten. An Gesten, denen die Passion fehlte. Augen, denen nur noch der selbstzerstörerische Funken des Sarkasmus geblieben war. Ruhig beobachtete der Händler, wie Nadir sich von seinem Bett erhob und im Raum stehen blieb in Gewändern, die verrieten, dass er seine Gemächer heute noch nicht verlassen hatte. Da standen sie also, der Prinz und der Händler. Der Hochgeborene und die Straßenratte. Der, der in Festgewänder gehüllt war und der, an dessen Morgenmantel der Schlaf klebte. Der mit dem Reichtum in der Hand und der mit den leeren Händen.
Man konnte durchaus sagen, dass Keeran in ein Armenviertel getreten war.
In seinen Augen spiegelte sich das Amüsement, das er stets für Nadirs Humor übrig hatte. Auch, als dessen Zunge noch nicht so scharf und noch nicht gegen sich selbst gerichtet gewesen war, hatte es ungezwungene Momente gegeben, in denen er den Prinzen für seine unernste Art wertgeschätzt hatte. Die Schwere von Nadirs Lage hingegen, so wie die Präsenz der Wachen, hielten ihn davon ab, etwas zu erwidern, bevor er direkt angesprochen wurde. Als er endlich die Stimme erhob, zog ein kleines Lächeln an seinem rechten Mundwinkel. “Wenn ich anmerken darf, Ihr seid lange nicht im Armenviertel gewesen. Es geht Euch besser als achtzig Prozent der Bevölkerung.” Mit einer kleinen Kopfverbeugung nahm er den sarkastischen Schneid aus seiner Bemerkung und wandelte auf derselben Ebene an Humor wie Nadir, wenn auch mit mehr Respekt vor seinem Gegenüber. Oder vor den Wachen? Es ließ sich schwer herauslesen, ob er sich wegen Nadirs Titel zurückhielt oder der Tatsache, dass sie nicht alleine waren. Was war ihm als einfacher Händler schon erlaubt, zu sagen? Wenn überhaupt, dann war er doch derjenige, der sich in die Höhle des Löwen begab, aus der Nadir schon längst ein Zuhause gemacht hatte.
“Ich bin gekommen, um einem alten Freund einen Besuch abzustatten. Die netten Herren vor Eurer Tür haben sich sogar vergewissert, dass von mir keinerlei Gefahr ausgeht, wie zuvorkommend.” Ein Seitenblick zu der Wache im Raum, die ungerührt mit der Hand an der Scherpe an dem Eingang zum Balkon stand, und in Keerans Augen trat ein Funkeln, das zurückgehaltene Worte verriet. Einmal in Nadirs Gegenwart, war er genauso gefangen wie er. Nicht nur die Palastwände hatten Ohren.
Zum eigentlichen Teil seines Besuchs also, und auch der Grund, warum man ihn hineingelassen hatte. Keeran nahm die verzierte Schachtel, die er mit sich führte, in beide Hände und präsentierte sie vor seiner Mitte. “Spricht etwas dagegen, etwas Zeit mit einem Freund zu verbringen, Prinz Nadir?” Was er ihm anbot, trug kein Gewicht aus ungesagten Bedingungen, sondern war genau das, wonach er fragte. Er fragte nicht nach viel, nur nach einem Bruchteil von dem, was Nadir ohnehin zur Genüge besaß: Zeit. Und er war gekommen, um mit etwas zu tauschen, was der andere sicher mindestens genauso willkommen heißen würde. Der Blick des Händlers wanderte zu der Sitzecke, wo die Wasserpfeife neben dem angerührten Essen stand. “Darf ich mich setzen?”
|
|
|
|
|