Dieses Forum nutzt Cookies
Dieses Forum verwendet Cookies, um deine Login-Informationen zu speichern, wenn du registriert bist, und deinen letzten Besuch, wenn du es nicht bist. Cookies sind kleine Textdokumente, die auf deinem Computer gespeichert sind; Die von diesem Forum gesetzten Cookies düfen nur auf dieser Website verwendet werden und stellen kein Sicherheitsrisiko dar. Cookies auf diesem Forum speichern auch die spezifischen Themen, die du gelesen hast und wann du zum letzten Mal gelesen hast. Bitte bestätige, ob du diese Cookies akzeptierst oder ablehnst.

Ein Cookie wird in deinem Browser unabhängig von der Wahl gespeichert, um zu verhindern, dass dir diese Frage erneut gestellt wird. Du kannst deine Cookie-Einstellungen jederzeit über den Link in der Fußzeile ändern.


Conditio humana
28.09.1016 - 02:00
Palast der Castellanos, Bibliothek
Ariadne Trakas Stavros Castellanos

Unregistered
Ariadne Trakas
Alter
Beruf
Wohnort
Stand
User
#1
Die Mitternachtsstunde war schon lange verstrichen, bald würde ein neuer Morgen anbrechen. Wie spät genau es war, das konnte Ariadne nicht sagen, sie hatte völlig die Zeit vergessen. Nachdem sich das Brautpaar kurz vor Mitternacht von den Feierlichkeiten zurückzog, verabschiedete sie sich ebenfalls von den Anwesenden. Sie hatte mit allen Gästen höflich Konversation getrieben, genau wie es von ihr erwartet wurde. Sie war nicht unbedingt jemand, dem gesellschaftliche Verpflichtungen übermäßig lästig waren, im Gegenteil, sie waren in diesen Zeiten eine willkommene Abwechslung. Doch bis ins Morgengrauen feiern, das war dann doch eher etwas für die jungen Leute. Da fühlte sie sich in ihrem Alter fehl am Platze. Schlafen gehen konnte sie allerdings auch noch lange nicht, also entschied sie sich, der Palastbibliothek einen Besuch abzustatten, die dürfte sie zu dieser Zeit mit Sicherheit ganz für sich alleine haben. Den Freuden des Lesens konnte sie seit ihrer Flucht aus Eastergold Meadow kaum noch nachgehen, was sie sehr bedauerte. Seit ihrer Kindheit war nämlich kaum ein Tag vergangen, an dem sie nicht irgendetwas gelesen hatte. Zunächst waren es vor allem alte Abenteuergeschichten, im Erwachsenenalter eher gelehrte Abhandlungen.
Nach Letzterem durchsuchte sie, mit einer Laterne in der Hand, nun die Regale der Bibliothek, in denen unzählige Schriftrollen und schwere Foliante lagerten. Im schwachen Lichtschein konnte sie kaum die Titel und Namen der Autoren erkennen, doch irgendwann stieß sie auf einen ihr bekannten alten Gelehrten, den Philosophen Aristomachos. Ein Gelehrter der fernen Vergangenheit, er lebte in der dunklen Zeit vor der Stiftung der Neuen Religion. Seine Lehren schienen aber durchaus mit der Lehre Heofaders kompatibel zu sein, was man daran erkannte, dass seine Schriften von Mönchen unzählige Male abgeschrieben wurden und so bis in die heutige Zeit erhalten blieben. Wie viele Gelehrte dagegen dem endgültigen Vergessen überantwortet wurden, darüber konnte man nur spekulieren.

Sie stellte ihre Laterne auf einem Tisch in unmittelbarer Nähe ab und versuchte, den schweren Folianten aus dem Regal zu wuchten, was kein sehr einfaches Unterfangen war. Sie war nie besonders kräftig gewesen und deshalb brauchte es mehrere Versuche, bis sie den Folianten so zu fassen bekam, dass sie ihn den kurzen Weg zum Tisch tragen konnte. Sie nahm auf einem der Sessel Platz und verschaffte sich einen ersten Überblick über den Folianten. Er deckte mehrere Wissensgebiete ab, darunter die Naturphilosophie, die Staatsphilosophie und die Ökonomie. Sie widmete sich zunächst der Staatsphilosophie und vertiefte sich mit der Zeit so sehr in die Ausführungen des Aristomachos zur Entstehung von Staaten und ihren Zielen, dass sie gar nicht bemerkte, wie jemand die Bibliothek betrat.
Neues Inplayzitat
Inplayzitat hinzufügen
Zitat
Folgendes Zitat wird als denkwürdiger Inplay-Moment eingetragen.
 
Unregistered
Stavros Castellanos
Alter
Beruf
Wohnort
Stand
User
#2
Es war ein langer Tag und ein noch längerer Abend gewesen. Stavros hasste solche groß angelegten Feiern zumeist, einfach, weil er mit so riesigen Menschenmassen nur wenig anzufangen wusste. Zudem war ihm seine Mutter zuvor in den Ohren gelegen, sich ein weiteres Mal auf die Suche nach einer geeigneten Partie für eine Heirat zu machen… und dieses Thema hasste Stavros manchmal noch mehr als große Menschenmassen und prunkvolle Feierlichkeiten. War es ein Wink von Heofader gewesen, dass er genau an diesem Abend Rajani Parikh kennengelernt hatte? Die Gesellschafterin der frisch vermählten Sommerprinzessin, die Frau, die er sich besser hätte nicht so genau ansehen sollen. Sie war alles und doch keine geeignete Partie. Doch Stavros waren solche Dinge einerlei, und er hoffte, diese junge Dame bald wiedersehen zu können: solch einen wachen Geist fand man selten und sie erfrischte seine eigenbrötlerische, grummelige Seele. Von alledem würden seine Eltern natürlich nie erfahren, Rajani war viel zu sehr unter seinem Stand; zudem hatten sie sich heute das erste Mal gesehen und wer wusste schon, was Heofader noch so vor hatte. Stavros konnte sich vorstellen, dass Heofader einen guten Sinn für Humor und Drama hatte.

Es dauerte nicht lange, bis sich Stavros schließlich erneut der Feierlichkeiten entzog, die sich nun aber schon am späten Ende befanden. Für heute hatte er definitiv genug, und so hatte er sich wie ein perfekter Gentleman vom Brautpaar verabschiedet und war hierher geschlendert, im Wissen, in seinen geliebten Schriften Ruhe für den Geist zu finden. Nichts beruhigte seinen aufgeweckten Geist so sehr wie alte Schriften, Erzählungen oder Abhandlungen. Ohnehin war er gerade dabei, eine besonders spannende Abhandlung über ein sehr philosophisches Thema zu lesen, und er konnte es kaum erwarten, sich wieder darin zu verlieren und mit anderen belesenen Freunden darüber zu diskutieren. In diesem Teil der Burg war es bereits dunkel, sodass sich Stavros in weiser Voraussicht eine Laterne mitgenommen hatte; doch staunend bemerkte er, dass sich bereits eine davon in der Bibliothek selbst befand. Überrascht hob er seine Augenbrauen und hoffte, dass es kein junges Pärchen war, das sich hier vergnügte… es wäre unehrenhaft gewesen, aber solche Dinge passierten. Auch hier. Doch zu noch größerer Überraschung sah er plötzlich ein halb-bekanntes Gesicht und er verneigte sich leicht, als er in der Frau Ariadne Trakas erkannte. “Euer Gnaden”, hieß er sie in der angenehmen Stille der Bibliothek willkommen. “Entschuldigt, ich wollte Euch weder erschrecken noch stören.” Natürlich sprach Stavros sie trotz der ganzen Dinge mit dem richtigen Titel an, und er kannte Euer Gnaden nicht gut genug, um inniger mit ihr zu sprechen. “Ist es für Euch in Ordnung, wenn ich mich eine Weile zu Euch geselle und meine begonnenen Schriften weiterlese? Nach langen Feierlichkeiten brummt mir immer der Kopf und ich weiß wenig mit mir anzufangen.” Natürlich wusste er um die ganze Dramatik rund um die Familie Trakas, doch Stavros wusste nicht, wie er heute und hier und jetzt damit umzugehen hatte; also überließ er es der Fürstin, das zu entscheiden.
Neues Inplayzitat
Inplayzitat hinzufügen
Zitat
Folgendes Zitat wird als denkwürdiger Inplay-Moment eingetragen.
 
Unregistered
Ariadne Trakas
Alter
Beruf
Wohnort
Stand
User
#3
Ariadne war vollkommen in den Gedankengang des Aristomachos vertieft. Es war höchst interessant, nachzuvollziehen, wie er die Entstehung eines Staates beschrieb. Selbst die näherkommenden Schritte bemerkte sie nicht. Es brauchte schon die direkte Ansprache, um sie aus ihren Gedanken zu reißen. Sie zuckte kurz zusammen, blickte auf und sah ein halbwegs vertrautes Gesicht. Es handelte sich um Stavros Castellanos, einen Neffen des Großkönigs. Sie wurden während der Feierlichkeiten schon einander vorgestellt, wie das in ihren Kreisen eben so üblich war, aber miteinander gesprochen hatten sie bisher nie, erst recht nicht in einem solchen Kontext. Wäre sie noch eine junge Dame, wäre es höchst unangebracht, sich mit einem Mann alleine in einem Raum aufzuhalten, aber als Witwe Ende 40 hatte sie solche Sorgen längst hinter sich gelassen. Nach dem ersten Schreck hat sie sich dann auch schnell wieder gefasst und erhob sich von ihrem Sessel, um den jungen Castellanos mit einem höflichen Knicks zu begrüßen. Dass sie auch von ihm, wie von den meisten Leuten bei Hofe, noch mit korrektem Titel angesprochen wurde, ist ihr natürlich nicht entgangen. Man könnte zwar sagen, dass sie ihres Titels de facto verlustig gegangen ist, doch rein rechtlich wurde von Castandor die Zugehörigkeit Eastergold Meadows immer noch aufrechterhalten.

"Euer Gnaden, selbstredend stört Ihr nicht, ich habe auch die Gelegenheit genutzt, meine Studien so gut es geht wieder aufzunehmen. In letzter Zeit kam ich leider nicht so oft dazu wie ich es mir gewünscht hätte." Der Grund dafür war allen klar, daher musste sie darauf nicht genauer eingehen. "Die Bibliothek ist immer genau der richtige Ort für mich wenn ich noch nicht schlafen kann. Unter den jungen Leuten, die bis zum Morgengrauen feiern, wäre ich in meinem Alter auch Fehl am Platze." Sie deutete auf den schweren Folianten vor ihr auf dem Tisch. "Ich war ganz begeistert als ich diese Abschrift des Aristomachos entdeckt habe. In Eastergold Meadow hatten wir auch eine in unserer Bibliothek, allerdings keine vollständige wie diese hier. Philosophie, Ökonomie, Staatskunst, das waren die Wissensgebiete, in die ich mich immer gerne vertieft habe. Ihr wurde plötzlich bewusst, dass sie den Castellanos in ein Gespräch verwickelte, obwohl dieser doch in die Bibliothek gekommen war, um sich seinen eigenen Studien zu widmen. Er hatte wahrscheinlich keine Lust, sich mit ihr groß über die Abhandlungen des Aristomachos oder über Philosophie und Politik im Allgemeinen zu unterhalten, also hörte sie auf zu reden, damit ihm nicht noch weiter der Kopf brummte."
Neues Inplayzitat
Inplayzitat hinzufügen
Zitat
Folgendes Zitat wird als denkwürdiger Inplay-Moment eingetragen.
 
Unregistered
Stavros Castellanos
Alter
Beruf
Wohnort
Stand
User
#4
Natürlich wusste Stavros um das Leid und die Geschichte von Ariadne Trakas, und wie sie da vor ihm saß, mitten in der Dunkelheit und beschienen nur von einem leisen Licht, beeindruckte ihn. Trotz allem steckte eine Kraft in ihr, die ihn überraschte, und von ihr ging eine Klugheit und Offenheit aus, die er nicht recht einzuordnen wusste. Dieser Abend gestaltete sich mehr und mehr zu einem kleinen Wunder, und er wusste, was er die nächsten Tage und Nächte auf Pergament verewigen würde. Poetische, philosophische Gedanken und Fragen, dessen war er sich sicher. Erst zuvor auf der Feier waren sie einander vorgestellt worden, doch jetzt, hier in der Einsamkeit der finsteren Bibliothek, sah Stavros neben ihrer Stärke auch eine gewisse Zerbrochenheit, und es berührte ihn irgendwo tief in seinem Innersten. Sie hatte viel durchlebt, und dass sie hier und heute zugegen gewesen war, erstaunte ihn. Wahrscheinlich sollte er sich entschuldigen und sie alleine lassen, doch er brauchte genauso Ruhe und Abgeschiedenheit wie sie. Und wer wusste schon, vielleicht fand er in ihr wirklich einen guten Gesprächspartner? Als er sie höflich ansprach und seine Absichten, hier zu bleiben, verbalisierte, sprach die Dame voller Respekt und Intelligenz in ihrer Stimme. Er war beinahe sofort von der Fürstin eingenommen und setzte sich ihr gegenüber.

“Wenn es Euch nicht zu viel Mühe macht, Euer Gnaden, würde ich sehr gerne mehr über Eure Studien erfahren. Ob Ihr es glaubt oder nicht, aber hier finden sich oftmal nur wenige gute Gesprächspartner.” Er sah sie mit blitzenden Augen an und schloss dann gleichermaßen müde und hellwach seine Augen. Solche Feierlichkeiten raubten ihm den Nerv… und mit einer gewissen Sommerländerin hatte er ohnehin viel zu lebhafte Gedanken. Es war ein geradezu verwirrender Abend. Als Fürstin Trakas erneut sprach, sah Stavros automatisch auf den Tisch zwischen ihnen, wo ein dicker Foliant lag. Interessiert blickte seine Augen zum Titel, und er lächelte sie respektvoll an. “Was interessiert Euch an diesen Gebieten am meisten? Gibt es ein philosophisches Thema, das Euch die letzten Monate sehr begleitet hat? Oder eine ökonomische Strategie, die Euch gefällt? Es sind spannende Thematiken, die Ihr Euch da ausgesucht habt.” Dann holte er von einem Nebentisch seine eigene Lektüre, was nur ein Ausstrecken seiner Hand vonnöten hatte, um sie zu erreichen. “Ich befasse mich mit der herbstländischen Geschichte und deren Hingabe zur Großen Mutter”, erklärte er mit tiefer, samtener Stimme und seine Gedanken wanderten zu seiner letzten Reise dorthin. “Ich finde es geradezu spannend, dass die Menschen dort immer noch an der Alten Religion hängen.”
Neues Inplayzitat
Inplayzitat hinzufügen
Zitat
Folgendes Zitat wird als denkwürdiger Inplay-Moment eingetragen.
 
Unregistered
Ariadne Trakas
Alter
Beruf
Wohnort
Stand
User
#5
Ariadne wusste bisher nicht viel über Stavros Castellanos, abgesehen davon, dass er ein Neffe des Großkönigs war. Sie wurden einander nur kurz vorgestellt und dadurch lernte man einen Menschen nicht kennen. Man erfuhr nicht viel über einen Menschen, wenn man seinen Namen kannte und vielleicht noch seinen Stand und seine Verwandtschaftsverhältnisse. Sie hatten zuvor keine Worte gewechselt und selbst wenn das der Fall gewesen wäre könnte sie nun nicht sagen, etwas über Stavros Castellanos erfahren zu haben. Gespräche auf Festen, erst recht innerhalb des Hochadels, waren eine höchst formalisierte Angelegenheit. Man sagte, was von einem erwartet wurde und vermied Themen, die als unhöflich oder ungeeignet für die Konversation in diesem Rahmen galten. Dazu zählten allzu persönliche Themen genau so wie tiefschürfende Debatten über Politik, Ökonomie oder Vorgänge in der Natur. Sie hatte damit auch nicht grundsätzlich ein Problem. Es konnte durchaus sinnvoll sein, in einer größeren Runde bestimmte Themen nicht anzuschneiden. So wurde z.B. vermieden, dass zwei Personen über einen ihnen naheliegendes Thema einen Dialog führen und den Rest der Runde zu teilnahmslosen Zuhörern degradierten. Ebenso konnte es zu Streit und schlechter Stimmung führen wenn kontroverse Themen aufkommen. Nein, es war schon vernünftig, dass man sich bei Festen und anderen gesellschaftlichen Anlässen auf leichte Konversation beschränkte. Für alles andere gab es andere Gelegenheiten, wie ein Zwiegespräch in der Bibliothek.

Sie war durchaus angetan von der Aussicht, mit dem jungen Mann, der offenbar mindestens ebenso sehr den Wissenschaften zugetan war sie, über ihre Studien zu sprechen. In aller Offenheit legte sie ihm also dar, was sie derzeit und schon länger beschäftigte. "Mich haben schon immer die ganz grundsätzlichen Fragen des Lebens interessiert. Besonders die Frage nach dem menschlichen Zusammenleben. Warum leben wir Menschen in einer Gesellschaft?" Sie deutete auf den vor ihr liegenden Folianten. "Aristomachos würde sagen, dass der Mensch von Natur aus ein Gesellschaftswesen ist. Er beschreibt ausführlich, wie Menschen sich zu Familien zusammenfinden, mehrere Familien zu einem Dorf und mehrere Dörfer schließlich zu einem Staat. Ich finde seine Ausführungen durchaus einleuchtend aber könnte die Art wie wir zusammenleben nicht auch bloßer geschichtlicher Zufall sein?" Sie ließ die Frage offen und hörte sich an, womit der Castellanos sich beschäftigte. Das Herbstland war ein sehr interessantes Studienthema. Sie hatte sich schon oft gefragt, warum man in Farynn so sehr an der alten Religion festhielt. "Ein sehr faszinierendes Thema. Ich muss allerdings gestehen, dass ich bisher nie so richtig ergründen konnte, warum das Herbstland als einziges Land in Arcandas an der alten Religion festhält. Was ist so besonders an Farynn? Habt Ihr in der Literatur Antworten darauf gefunden?
Neues Inplayzitat
Inplayzitat hinzufügen
Zitat
Folgendes Zitat wird als denkwürdiger Inplay-Moment eingetragen.
 
Unregistered
Stavros Castellanos
Alter
Beruf
Wohnort
Stand
User
#6
Stavros war es gewohnt, mit anderen Männern über grundlegende Dinge zu philosophieren, doch mit einer Frau war es doch eine große Überraschung. Es war nicht so, dass er das nicht mochte; nein, er konnte an Ariadne Trakas´ Augen eine gewisse Intelligenz erkennen, die man bei seinem Geschlecht nur lange suchen konnte, doch überrascht war er dennoch. Ihm war es egal, ob sein Gegenüber männlich oder weiblich war, Hauptsache, derjenige hatte etwas im Köpfchen. Dieser Tag hatte sich zu einem furchtbar interessanten Abend und nun zu einer spannenden Nacht entwickelt, und Stavros empfand in diesem Moment die Gewissheit, dass es auch etwas Gutes hatte, sich mit anderen Menschen abzugeben. Er war wahrhaftig ein Einsiedler; doch zuerst Rajani und jetzt Euer Gnaden Trakas höchstpersönlich, die über Aristomachos sprach. Eine Wohltat für seinen Kopf. “Ich widerspreche Euch nur sehr ungerne, Euer Gnaden, aber ich denke wirklich nicht, dass das Zusammenleben, so wie wir es kennen, rein bloßer Zufall ist. Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen, war es immer schon, und zieht seinen größten Nutzen eben aus dieser Gemeinschaft. Und dass Menschen nur nach dem größten Nutzen für sich selbst suchen… nun, da stimmt Ihr mir bestimmt zu, nicht wahr?” Ein mildes Lächeln legte sich auf seine Lippen, und er setzte sich ihr gegenüber auf einen alten, durchgesessenen Sessel. Meine Güte, wie er es hier liebte. Diese Stille, die Klugheit, so viel Wissen.

Dann schenkte er sich etwas von einer dunklen Flüssigkeit in einen Becher, der wie immer auf einem der Lesetischchen stand. Er trank, überlegte und sah dann Euer Gnaden erneut an. “Farynn hat als einziges Land immer sehr strikt an den alten Traditionen festgehalten; weshalb das so ist, nun, darüber kann ich auch nur spekulieren. Es hat zumindest Geschichte, dass sich die Bewohner Farynns und die Könige selbst stets geweigert haben, den Fortschritt anzuerkennen. Man glaubt, im Alten liegt Beständigkeit, und man denkt, dass das bereits Ergründete Sicherheit schenkt. So erkläre ich es mir zumindest.” Nachdenklich glitt sein Daumen über seine Lippen, sich selbst fragend, wie viel er Lady Trakas erzählen sollte. “Ich war schon dutzende Male im Herbstland, es ist immer eine Reise wert. Die Menschen dort sind anders als in den anderen Ländern, es ist wahrhaft schwer zu beschreiben. Man bekommt dort beinahe das Gefühl, in einer anderen Welt zu leben, und darin empfinde ich viel Neugierde. Denn tatsächlich hat es auch sein Gutes, im Alten weiterzuleben, Traditionen zu feiern, die sich als nützlich erwiesen haben. Wie steht Ihr dazu?”
Neues Inplayzitat
Inplayzitat hinzufügen
Zitat
Folgendes Zitat wird als denkwürdiger Inplay-Moment eingetragen.
 
Unregistered
Ariadne Trakas
Alter
Beruf
Wohnort
Stand
User
#7
In jüngeren Jahren hat sie noch oft darauf geachtet, sich nicht allzu sehr zu exponieren wenn es um intellektuelle Gespräche ging. Viele Männer hatten nämlich eine Abneigung gegenüber Frauen, die sich in bestimmte Wissensgebiete vertieften. Vor allem konnten sie den Gedanken nicht ertragen, unter Umständen vielleicht sogar weniger gut informiert zu sein als eine Frau. In ihrem Alter hat sie aber längst jede Rücksicht auf fragile männliche Gemüter aufgegeben. Stavros Castellanos schien auch keiner dieser Männer zu sein. So wie er redete machte er viel mehr den Eindruck als sei es ihm wichtiger was gesagt wird und nicht wer es sagt. Er wirkte wie jemand, für den das konkrete Argument mehr zählte als das Geschlecht oder der soziale Status des Sprechers. "Ich stimme Euch da selbstredend zu und Aristomachos würde es sicher auch. Gemeinschaften entstehen wegen ihres Nutzens für die darin lebenden Menschen. Sie machte eine kurze Pause und holte zu einem Gegenargument aus. "Allerdings gab es sowohl zu Zeiten des Aristomachos als auch in unserer Zeit gewisse radikale Denker, die in Zweifel zogen, dass wirklich alle Menschen einen Nutzen davon haben, wie die menschliche Gemeinschaft eingerichtet ist. So manch einer sagt, dass der Adel einen viel größeren Nutzen davon hat als etwa die Bauern, die Handwerker oder die Kaufleute. Allerdings waren diese Denker ziemlich randständig und es war kaum vorstellbar, dass ihre Vorstellungen irgendwann einmal in die Tat umgesetzt würden, von daher konnte man es sich ohne weiteres erlauben, ihren Gedanken einen gewissen Reiz zuzugestehen und vielleicht sogar ein wenig advocatus diaboli zu spielen. " Ich finde es zuweilen höchst interessant, mich auch in eine Gedankenwelt hineinzuversetzen, die der meinen völlig entgegengesetzt ist. Die Menschen in Farynn würden ihr Land und ihre Geschichte sicher völlig anders beurteilen als wir es hier tun. Sie würden sich wahrscheinlich weder als sture Verweigerer des Fortschritts sehen noch unser Verständnis von Fortschritt überhaupt anerkennen. Ihr Land mag ihnen erscheinen als eines, das, aus ihrer Sicht, die Fehlentwicklung der anderen Länder aus Gründen nicht gemacht hat, die ihnen selbst vermutlich völlig einsichtig sind. Wie Ihr schon sagtet, die Kultur und die Traditionen Farynns scheinen den Menschen dort so großen Nutzen zu bringen, dass Sie eine Änderung nicht in Betracht ziehen. Da sie selbst Farynn nur aus der Literatur kennt und es nie mit eigenen Augen gesehen hat, lässt sie sich aber nicht zu weitergehenden Spekulationen hinreißen. Es muss in jedem Fall höchst faszinierend sein, ein so fremdes Land selbst zu erleben.
Neues Inplayzitat
Inplayzitat hinzufügen
Zitat
Folgendes Zitat wird als denkwürdiger Inplay-Moment eingetragen.
 
Unregistered
Stavros Castellanos
Alter
Beruf
Wohnort
Stand
User
#8
Stavros genoss den kleinen, feinen Austausch. Vor allem jetzt, nach solch einer lauten, fabulösen Feier, die er nicht so zu schätzen wusste wie andere Menschen. Dafür mochte er aber genau das hier: intellektuelle Diskussionen, um die man sich Gedanken machen konnte. In diesen Momenten stieg Ariadne Trakas in seinem Ansehen, und er wusste, er würde sie nie wieder mit denselben Augen sehen. In dieser Frau steckte ein kluger Kopf, und sie war anders als viele andere Frauen in dieser Welt: sie jagte nicht der Frage hinterher, wie sie ihre Kinder gut verheiraten konnte, sondern sie las, bildete sich Meinungen und wusste darüber zu philosophieren. Es war ein schönes Hin und Her und ein feines Jonglieren von klugen Worten, und Stavros genoss es sehr. „Es ist durchaus problematisch, dass es im Zusammenleben seit jeher ein Arm und Reich gibt. Aber auch das ist unabdingbar, wage ich zu behaupten. Es wird immer Menschen geben, die mehr wollen als der Rest, und somit entsteht immer ein Ungleichgewicht, das sehr zu bedauern ist.“ Hatte sie sein Missfallen in der Stimme gehört? Missfallen darüber, dass er genauso wenig den Adel zu schätzen wusste wie Aristomachos damals? Es war ein notwendiges Übel, wie er gerade erklärt hatte, aber er hasste es. Er hatte rein gar nichts dazu beigetragen, in die „richtige“ Familie geboren worden zu sein, und hatte mehr Geld und Anspruch als die meisten Bürger Arcandas. „Wie steht Ihr dazu, Euer Gnaden? Seht Ihr es als notwendiges Übel oder als mehr? Etwas, das Euch gut tut?“ Angesichts ihrer Historie und Biographie wahrscheinlich nicht, aber vielleicht genoss sie dennoch das gute Leben einer Adelsdame.

„Es ist in der Tat immer wieder faszinierend, nach Farynn zu reisen, und ich hoffe, dass Euch das Glück auch mal trifft, dorthin zu kommen“
, begann Stavros und nahm einen Schluck vom scharfen Alkohol. „Ich weiß gar nicht, ob Farynn sagen würde, dass die anderen Länder Fehlentwicklungen gemacht haben. Die Bewohner dort sind trotz allem anerkennend und aufmerksam, selten höre ich ein schlechtes Wort über ihre Lippen kommen. Vielleicht sind sie einfach so in sich gekehrt, dass sie kaum eine eigene Meinung über etwas Anderes haben, als über sich selbst?“ Stavros dachte darüber nach und sein Blick fand eine einsame Kerze. „Darf ich Euch auch etwas Persönliches fragen, Euer Gnaden?“ Seine Augen blickten nun nach oben, direkt in die Augen der älteren Dame, und verweilten dort, wartend auf eine Erwiderung.
Neues Inplayzitat
Inplayzitat hinzufügen
Zitat
Folgendes Zitat wird als denkwürdiger Inplay-Moment eingetragen.
 
Unregistered
Ariadne Trakas
Alter
Beruf
Wohnort
Stand
User
#9
Der junge Castellanos war wirklich anders als die meisten anderen adligen Männer. Er schien sich nicht nur für mehr zu interessieren als Frauengeschichten, Gelage und die Jagd, sondern zeigte auch keinerlei Abneigung gegenüber gelehrten Diskussionen mit einer Dame. Seine Ansichten trug er klug vor ohne zu sehr auszuufern. Man hatte jederzeit die Möglichkeit, entsprechend zu antworten. Indem er gezielt nachfragte äußerte er Wertschätzung für die Meinung seiner Gesprächspartnerin. Über die Frage, wie eine Gesellschaft organisiert sein könnte, hatte sie auch schon öfters nachgedacht und kam dabei zu ähnlichen Ergebnissen wie Castellanos. "Es ist in der Tat bedauernswert, dass die Unterschiede zwischen Armen und Reichen in der Welt so groß sind, doch ich bin wie Ihr der Auffassung, dass sich dies kaum vermeiden lässt. Es kann auch nicht jeder Mensch ein Herrscher sein oder an der politischen Gestaltung eines Reiches Anteil haben. Sie machte eine kurze Pause und führte dann einen Gedanken aus, den sie bei einem radikalen Staatstheoretiker einmal gelesen hatte. "Nehmen wir an, es gäbe eine große Versammlung, an der alle Bewohner des Reiches ungeachtet ihres Standes teilnehmen könnten, um politische Beschlüsse zu fassen. Wie sollte man dies in der Praxis organisieren? Könnte ein Bauer vom anderen Ende des Landes die wochenlange Reise auf sich nehmen und währenddessen die Feldarbeit liegen lassen? Könnte ein Händler seinen Laden in dieser Zeit geschlossen lassen? Es mag ein Übel sein, dass Macht und Geld in wenigen Händen konzentriert sind, doch eins, dass sich nicht vermeiden lässt.

Sie sprachen noch ein wenig über die Besonderheiten der gesellschaftlichen Entwicklung Farynns, bis der Castellanos ihr eine Frage stellte, die sie so nicht erwartet hatte. Sie hatten die ganze Zeit über philosophische Theorien und Politik gesprochen, doch plötzlich bat er sie, eine persönliche Frage stellen zu dürfen. So wie sie ihn bisher kennengelernt hatte, war sie aber davon überzeugt, dass er keine unangemessene Frage stellen würde. Aber natürlich, Euer Gnaden, stellt Eure Frage!
Neues Inplayzitat
Inplayzitat hinzufügen
Zitat
Folgendes Zitat wird als denkwürdiger Inplay-Moment eingetragen.
 
Unregistered
Stavros Castellanos
Alter
Beruf
Wohnort
Stand
User
#10
Geduldig und aufmerksam hörte Stavros der Dame vor ihm zu, eine Seltenheit, das musste er zugeben. Nicht, weil sie eine Dame war, aber diese waren in diesen Landen einfach nicht so erpicht darauf, über derartiges zu lernen und zu sprechen. Euer Gnaden Trakas bildete also eine große Ausnahme und eine sehr willkommene. Selten war auch, dass Stavros so gefangen war, und er mochte es, heute gleich von zwei Frauen überrascht worden zu sein. Mit einer hatte er sich physisch gut verstanden, und mit dieser hier konnte er sich über allerlei wichtige philosophische Dinge unterhalten. Eine Wohltat für Körper und Gehirn. “Eine Versammlung aller Bewohner des Reiches”, lachte Stavros und nippte an seinem starken Getränk. “Eine sehr spannende Vorstellung. Er lauschte ihr und nickte an den richtigen Stellen. “Wichtig wäre es, den Menschen Ausgleiche zu schaffen. Wenn ein Bauer teilnehmen soll, muss man es schaffen, die ausgefallene Arbeit von ihm aufzufangen. Das ist für jeden Beruf wichtig, doch wie man das macht, müsste weiter diskutiert werden. Vielleicht kann die Frau das Feld bestellen, wenn der Mann unterwegs ist? Diese Tatsache können wir heute schon im Sommerland beobachten, beispielsweise.” Durch die einberufenen Männern waren viele Frauen in Matariyya alleine zuhause zurückgeblieben und schmissen die Arbeit der gesamten Familie.

Eine persönliche Frage wurde dann genehmigt und Stavros ließ die Stille ein wenig auf sie beide wirken. Er hoffte, dass Lady Trakas wusste, dass er nie etwas Anrüchiges fragen würde. “Wie ergeht es Euch in den letzten Tagen? Gibt es irgendetwas, das man für Euch tun kann? Und wo habt Ihr gelernt, so klug und frei zu sprechen? Das ist wirklich bewundernswert.”
Neues Inplayzitat
Inplayzitat hinzufügen
Zitat
Folgendes Zitat wird als denkwürdiger Inplay-Moment eingetragen.
 


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste