31-05-2025, 17:14 - Wörter:
Sanna hatte sich schon am Morgen von Valda und Tyra verabschiedet – gesagt, sie würde auf die Jagd gehen. Sie brauchte das. Sie musste raus, weg aus dieser Stadt, die ihr fremd war – die weder Heimat war, noch jemals sein würde. Sie wusste nicht, was sie hier eigentlich tat. Wohin sie wollte. Woran sie sich halten konnte. Sie fühlte sich verpflanzt, entwurzelt. Und sie hasste es. Diese Mauern, die warme Luft, die Gerüche, die Blicke. Alles daran.
Sie konnte nichts mit den Dingen anfangen, die Valda mit großen, staunenden Augen betrachtete. Irgendetwas starb hier in ihr. Etwas leises, zähes, das ihr sonst half, durchzuhalten. Es zehrte an ihr. Raubte ihr die Kraft. Löste Stück für Stück ihre Engelsgeduld auf.
Sie weinte oft. Immer dann, wenn sie glaubte, dass Valda und Tyra schliefen. Weinte um ihr altes Leben. Um das, welches sie gerade lebte. Um den Frust. Und weil sie sich für schwach hielt. Erbärmlich. Kraftlos. Sie vermisste Eydis. Deren Stimme, deren ruhige, aufbauende Worte. Eydis hätte sicher etwas Kluges gesagt – etwas, das ihr geholfen hätte, durch diesen Morast zu waten, als wäre es nur ein Spaziergang. Ein Spaziergang durch den Wald bei Wolfsmark.
Ein festes Leinenhemd bedeckte ihren Oberkörper und sie trug die wettergegerbte Lederhose, an der wie immer ein paar Jagdutensilien baumelten. Die Damen auf dem Markt sahen sie jedes Mal befremdet an – mit diesem Blick, halb Mitleid, halb stilles Urteil. Aber sie war eben keine Lady. Nie gewesen. Anders, als Farid es in ihrem ersten Gespräch so eifrig behauptet hatte. Vielleicht hatte er es geglaubt. Sie selbst tat es nicht.
Ihr Blick war auf den Boden gerichtet, wachsam, konzentriert. Der Bogen lag locker in ihrer Hand, ein Pfeil bereits eingeklinkt – doch die Sehne noch nicht gespannt. Seit einer Weile verfolgte sie die Spuren eines Hirsches. Ein großes Tier, das deutlich humpelte. Vermutlich alt. Verletzt. Vielleicht ein Wolfsangriff. Vielleicht ein Bär. Wie auch immer – er würde ohnehin nicht mehr lange überleben. Also war es wohl auch keine Schande, wenn sie ihn der Natur entnahm.
Der Wald verdichtete sich, wurde dunkler. Wie eine Raubkatze bewegte sich Sanna durch das Unterholz, lautlos zwischen Sträuchern und Wurzeln. Dann stand er plötzlich vor ihr. Mitten auf einer kleinen Lichtung. Ein gewaltiger Hirsch. Hellbraunes Fell, mächtiges Geweih – einst sicher ein stolzes Tier. Sanna hielt inne. Ihr Blick glitt prüfend über den Körper, suchte nach Spuren eines Angriffs – nach Reißwunden, Prankenschlägen, zerrissener Haut. Doch sie sah nichts dergleichen. Nur weiter unten, am Bein – Eine Drahtfalle. Stümperhaft gebaut. Vermutlich von einem dieser schlechten Wilderer. Die Wunde hatte sich entzündet und eiterte. Ihre Brauen zogen sich zusammen. Schon im Winterland hatte sie solche Fallen entdeckt – und zerstört. Sie brachten nichts als Leid wenn das Tier sich losriss. Langsames Verenden. Feige. Grausam. Menschlich.
Sanna nahm einen ruhigen, tiefen Atemzug. Langsam spannte sie den Bogen. Der Hirsch würde keine gute Mahlzeit mehr abgeben – zu alt, zu ausgezehrt, zu krank. Aber sie konnte sein Leiden beenden. Ein Herzschlag. Zwei. Dann zuckten die Ohren des Hirsches. Ein Ruck ging durch seinen Körper, und mit der letzten Kraft, die ihm blieb, humpelte er ins Gebüsch, als könnte er dem Tod doch noch entwischen.
Sanna senkte den Bogen.
Im nächsten Moment hörte sie Hufschläge. Nicht die des Hirsches – schwerer, zielgerichteter. Ein Reiter. Sie richtete sich auf. Ihr Blick fand ihn, scharf, unbewegt. Vielleicht lag ein stiller Vorwurf in ihrem Gesicht – vielleicht aber auch nur das leise Bedauern für ein schönes Tier, das allein hätte sterben dürfen. Und nun noch weiter litt.
Sie konnte nichts mit den Dingen anfangen, die Valda mit großen, staunenden Augen betrachtete. Irgendetwas starb hier in ihr. Etwas leises, zähes, das ihr sonst half, durchzuhalten. Es zehrte an ihr. Raubte ihr die Kraft. Löste Stück für Stück ihre Engelsgeduld auf.
Sie weinte oft. Immer dann, wenn sie glaubte, dass Valda und Tyra schliefen. Weinte um ihr altes Leben. Um das, welches sie gerade lebte. Um den Frust. Und weil sie sich für schwach hielt. Erbärmlich. Kraftlos. Sie vermisste Eydis. Deren Stimme, deren ruhige, aufbauende Worte. Eydis hätte sicher etwas Kluges gesagt – etwas, das ihr geholfen hätte, durch diesen Morast zu waten, als wäre es nur ein Spaziergang. Ein Spaziergang durch den Wald bei Wolfsmark.
Ein festes Leinenhemd bedeckte ihren Oberkörper und sie trug die wettergegerbte Lederhose, an der wie immer ein paar Jagdutensilien baumelten. Die Damen auf dem Markt sahen sie jedes Mal befremdet an – mit diesem Blick, halb Mitleid, halb stilles Urteil. Aber sie war eben keine Lady. Nie gewesen. Anders, als Farid es in ihrem ersten Gespräch so eifrig behauptet hatte. Vielleicht hatte er es geglaubt. Sie selbst tat es nicht.
Ihr Blick war auf den Boden gerichtet, wachsam, konzentriert. Der Bogen lag locker in ihrer Hand, ein Pfeil bereits eingeklinkt – doch die Sehne noch nicht gespannt. Seit einer Weile verfolgte sie die Spuren eines Hirsches. Ein großes Tier, das deutlich humpelte. Vermutlich alt. Verletzt. Vielleicht ein Wolfsangriff. Vielleicht ein Bär. Wie auch immer – er würde ohnehin nicht mehr lange überleben. Also war es wohl auch keine Schande, wenn sie ihn der Natur entnahm.
Der Wald verdichtete sich, wurde dunkler. Wie eine Raubkatze bewegte sich Sanna durch das Unterholz, lautlos zwischen Sträuchern und Wurzeln. Dann stand er plötzlich vor ihr. Mitten auf einer kleinen Lichtung. Ein gewaltiger Hirsch. Hellbraunes Fell, mächtiges Geweih – einst sicher ein stolzes Tier. Sanna hielt inne. Ihr Blick glitt prüfend über den Körper, suchte nach Spuren eines Angriffs – nach Reißwunden, Prankenschlägen, zerrissener Haut. Doch sie sah nichts dergleichen. Nur weiter unten, am Bein – Eine Drahtfalle. Stümperhaft gebaut. Vermutlich von einem dieser schlechten Wilderer. Die Wunde hatte sich entzündet und eiterte. Ihre Brauen zogen sich zusammen. Schon im Winterland hatte sie solche Fallen entdeckt – und zerstört. Sie brachten nichts als Leid wenn das Tier sich losriss. Langsames Verenden. Feige. Grausam. Menschlich.
Sanna nahm einen ruhigen, tiefen Atemzug. Langsam spannte sie den Bogen. Der Hirsch würde keine gute Mahlzeit mehr abgeben – zu alt, zu ausgezehrt, zu krank. Aber sie konnte sein Leiden beenden. Ein Herzschlag. Zwei. Dann zuckten die Ohren des Hirsches. Ein Ruck ging durch seinen Körper, und mit der letzten Kraft, die ihm blieb, humpelte er ins Gebüsch, als könnte er dem Tod doch noch entwischen.
Sanna senkte den Bogen.
Im nächsten Moment hörte sie Hufschläge. Nicht die des Hirsches – schwerer, zielgerichteter. Ein Reiter. Sie richtete sich auf. Ihr Blick fand ihn, scharf, unbewegt. Vielleicht lag ein stiller Vorwurf in ihrem Gesicht – vielleicht aber auch nur das leise Bedauern für ein schönes Tier, das allein hätte sterben dürfen. Und nun noch weiter litt.
