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down to the river to pray
12.10.1016 - 06:00
Maebhs Garten

Test
Maebh Fraser
Herbstland - Admin
Alter 31
Beruf Ehefrau
Wohnort Kenmara
Stand Verheiratet
User Cat
#1
Es war früh genug, dass alle anderen noch schliefen. Maebh hatte in dieser Nacht nur schwer Ruhe gefunden. Ihr lagen die Geschehnisse schwer auf der Seele. Die Gespräche mit ihrem Mann. Das Gespräch mit ihrer zukünftigen Schwiegertochter. Nicht zuletzt auch der Streit mit Rowan.
Eine Weile hatte die schöne Fürstin neben ihrem schlafenden Ehemann in den warmen Laken gelegen und hatte ihn beobachtet. Im Halbdunkel sah man zwar nur wenig, aber sie erkannte seine Konturen. Sie sah ihm gerne beim Schlafen zu. Er wirkte dann entspannt. Friedlich. Es gab keine Sorgenfalten in seinem Gesicht und sie konnte darin für gewöhnlich eigenen Frieden finden. Doch diesmal war es anders. Sie fanden einander gerade. Sie kamen einander näher und sie entwickelten echte Gefühle. Liebe lag in der Luft. Und Maebh genoss diesen neuen Aufwind. Sie wollte ihn nicht missen. Aber die Schuld wog schwer. Sie hatte ihm nicht von der Affäre erzählt. Und es konnte auch nur schwer von einem Ausrutscher die Rede sein.
Sie war schließlich aufgestanden. Noch vor Sonnenaufgang. Vor dem ersten Hahnenschrei. Hatte sich angekleidet und war auf leisen Sohlen aus dem Schlafgemach geschlichen, ohne ihren Mann aufzuwecken. Sie fand ohnehin keine Ruhe. Und so war es besser, sie suchte sich eine Beschäftigung.
Einen Blick in das Zimmer ihres Sohnes ließ sie lächelnd ihrer Wege gehen. Er lag, wie ein kleiner Seestern, tief schlafend in seinem Bettchen. Und träumte vielleicht von heroischen Heldentaten oder davon, wie er auf Céos Rücken die Welt nur noch in bunten Farben wahrnahm, weil er in gestrecktem Galopp einen Weg entlangjagte.
Ihr Weg führte sie durch die noch dunklen Flure der Festung hinunter in Richtung ihres Gartens, in dem auch die uralte Eiche stand, unter der schon sie und Eanruig sich das Ja-Wort gegeben hatten. Heute würden dort Cathal und Muirìn dasselbe tun.
Und tatsächlich war sie nicht alleine. Dort, am Fuß der Eiche, konnte sie die Gestalt der Priesternovizin kennen, nach der sie ohnehin gesucht hatte. Schweigend betrat Maebh ihren Garten und verschränkte die Hände vorm Bauch, als sie auf Yue zuging. Leicht neigte sich ihr Kopf nach vorne.
«Guten Morgen», grüßte sie lächelnd, aber mit einer gewissen Sorge im Blick und blieb neben ihr stehen. «Ich habe nach dir gesucht. Ich hoffte, du hast ein paar Augenblicke. Und lauschende Ohren für mich.»
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The Stranger with the Healing Hands
Yue Bai
Herbstland - Admin
Alter 25
Beruf Priester-Novizin
Wohnort Ceridwens Heiligtum
Stand Verlobt
User Letha
#2
“Keine Sorge, ich mach das”
, wandte sich Yues Stimme an Creidne, mit den Fingern schon die Widerstandsfähigkeit des niedrig hängenden Astes erprobend. “Bist du sicher? Ich kann eine Räuberleiter für dich machen.” Die junge Priesternovizin mit dem haselnussbraunen, gelockten Haar hielt die gefaltete Papierlaterne in der Hand, einen unsicheren Gesichtsdruck aufgelegt - konnte man ihr nicht verübeln, denn in vielerlei Hinsicht war es Creidnes erste richtige Reise mit verantwortung lastigen, betrauten Aufgaben.
“Geht schon. Moment.”
Behände schlüpfte Yue aus ihren Lederpantoffeln, raffte ihren Rock und setzte einen Fuß an die Rinde, den Halt testend, ehe sich ihre Hand am Ast festhielt und sie sich langsam, doch sicher an dem Baum hochzog. Was für ein unnötig schwieriges Unterfangen mit langen Roben mit weiten Ärmeln. Doch sie beschwerte sich nicht. Der Baum, jünger und biegsamer als die Eiche in der Mitte des Gartens, bot genug Halt für eine leichte Person und der Ast auf Kopfhöhe bog sich nur leicht, als sie sich darauf niederließ und die Hand nach unten ausstreckte. Er war noch feucht von dem vergangenen Regen und dem sich bildenden Morgentau. Hier oben roch es nach Laub, das bald abgeworfen werden würde, nur um in wenigen Monaten Platz für neues Leben zu schaffen. Die Farben des Herbstes schimmerten dunkel in dem Dämmerlicht des Morgengrauens und würden heute Nachmittag ihre ganze Pracht entfalten, wenn die eigentliche Zeremonie begann. Es war, wie Yue in den Jahren im Gebirge gelernt hatte, eine der wundersamsten Zeiten des Jahres. Die Fraser hatten richtig damit getan, die Hochzeit auf diesen Tag zu legen, an dem die Natur in Liebe zur Welt singen würde - man musste nur wissen, wie man hinhörte, um sich von den Klängen mitreißen zu lassen.

Yue nahm eben die dritte Laterne von Creidne an und befestigte sie an den Ästen, niedrig genug, um sie später vom Boden aus anzuzünden, da erkannte sie aus dem Augenwinkel, wie sich ihnen jemand ohne Priesterroben näherte. Es dauerte ein bisschen, bis die Gestalt eine scharfe Form annahm, während Creidne die Ablenkung ihrer Freundin richtig deutete und sich zu der Frühaufsteherin umdrehte. Priesterinnen, auch Novizinnen, belegten in Farynn einen hohen Stand, weshalb sie nicht sofort alles stehen und liegen lassen mussten, wenn jemand vom Adel ihnen begegnete. Gerade junge Novizinnen hingegen hatten es sich angewöhnt, den Kopf in einer Begrüßung zu senken.
“Guten Morgen Euer Gnaden”
, sprachen beide deshalb aus reiner Gewohnheit im Chor, wobei Yue sich innerlich dafür einschlug, den richtigen Titel verwendet zu haben. Ihr Gesicht zeigte mehr Vertrautheit, als es Creidnes Gesicht tat; kein Wunder, denn vor beziehungsweise unter ihr stand eine Frau, die sie mittlerweile ihre Freundin nennen durfte. Kein seltenes Unterfangen zwischen Adelsfrauen und Priesterinnen, hatte sie sich sagen lassen - zwischen Fürstin und Novizin schon ein wenig seltener.
“Oh, wirklich?”
, fragte sie ehrlich überrascht und wandte einen Blick in die Richtung, aus der Maebh gekommen war. War sie etwa den weiten Weg bis zu ihrer Priesterkammer gelaufen?
“Natürlich, warte, ich komm kurz runter.”
Es lag in Yues Natur, für Menschen ein lauschendes Ohr zu haben, die es brauchten, für Freundinnen nur umso mehr. Für einen kurzen Moment die Beine über den Ast baumeln lassend, sprang sie schließlich und landete mit einem dumpfen Geräusch auf dem aufgeweichten Gras. Nachdem sie trotz schmutziger Füße zurück in ihre Schuhe geschlüpft war und ihre Handflächen grob an ihrem Rock abwischte, wandte sie sich noch einmal Creidne zu, die schon dabei war, die Bänder an den aufgehängten Lampen zu befestigen.
“Du kannst was für mich übrig lassen, ich komm später wieder”
, bot sie indirekt ihre Hilfe an, worauf Creidne nur lächelte und mit der Hand wedelte. “Geh schon, ich komme hier zurecht.”
Ein dankbarer Ausdruck lag in Yues dunklen Augen, als sie sich von der anderen Novizin verabschiedete und Maebh in die Richtung folgte, die sie für ihr Gespräch angedacht hatte.
“Du weißt, ich habe auch ein paar längere Augenblicke für dich. Warum bist du nicht früher zu mir gekommen?”
In ihrer Stimme lag keine Anschuldigung, sondern mehr eine indirekte Entschuldigung, dass sie in den letzten Tagen keine Zeit miteinander verbracht hatten. Seit Yues Ankunft standen Vorbereitungen an, die sie beansprucht hatten, aber das war nicht der Grund dafür, dass sie sich nicht gesehen hatten. Sie wusste, dass Maebh mit ihren Pflichten als Mutter und Fürstin beschäftigt war, also hatte sie gewartet. Sicher würde sie sich nicht in ihr Leben drängen, wenn sie andere Dinge beschäftigten… die sie scheinbar doch nicht mehr mit sich selbst ausmachen konnte, wie ihre Sorge im Gesicht verriet. Dass Yue sich freute, Maebh zu sehen, war offensichtlich an ihrem leichteren, federnden Gang neben ihrer Freundin, an dem offenen, freundlichen Ausdruck in ihrem Gesicht, doch in ihren Augen lag eine Aufmerksamkeit, die auf das gerichtet war, was Maebh davon abhielt, die selbe leichte Freude mit ihr zu teilen.
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Test
Maebh Fraser
Herbstland - Admin
Alter 31
Beruf Ehefrau
Wohnort Kenmara
Stand Verheiratet
User Cat
#3
Geduldig wartete Maebh, bis Yue auf sie zukam und vertrauter mit ihr sprach. Diese förmlichen Begrüßungen lagen ihr noch immer nicht. Sie fühlte sich den Menschen lieber nah als so... förmlich und fern. Sich mit ‹euer Gnaden> ansprechen zu lassen empfand sie entsprechend als ausgesprochen seltsam. Auch wenn es sich eben einfach so gehörte. Maebh hatte immerhin schon früh gelernt, dass man manche Dinge eben einfach hinnahm und sie nicht weiter hinterfragte. So verhielt es sich, ganz sicher, auch hiermit. Aber umso leichter fiel es ihr, geduldig zu warten. Sie hätte sicher auch noch eine Stunde lang gewartet, wäre das nötig gewesen, aber Yue nahm sich bereitwillig Zeit für sie.
«Ich kann auch helfen, wenn wir mit sprechen fertig sind», schlug sie vor. «Sofern ihr Hilfe von mir wollt.»
Und sie bis dahin keine anderen Verpflichtungen hatte. Beispielsweise in Gestalt eines aufgedrehten Kleinkindes, das an sich schon mehr als eine Handvoll Männer beschäftigen konnte, wenn er es drauf anlegte. Beispielsweise damit, ihn zu suchen. Stundenlang. Nur damit man ihm am Ende schlafend unter irgendeiner Bank fand, versunken in die schönsten Traumwelten.
«Ich dachte nicht, dass es ... ein Thema wäre. Also eines, über das ich sprechen muss. Aber die letzten Tage haben mich eines besseren belehrt und heute nacht blieb mir sogar der Schlaf fern. Als hätte er mich regelrecht gemieden. Ich lag die letzten Stunden wach und meine Gedanken wollen nicht aufhören, zu kreisen. Ich weiß, dass ein Gespräch mit dir meistens hilft, also...»
Sie lächelte ein wenig und bat die Novizin, sie zu begleiten, sodass sie ein Stück miteinander gehen konnten. Und vielleicht war es ja gut, wenn sie gleich mit der Sprache rausrückte.
«Es ist so, dass Eanruig und ich unsere Probleme hatten», stellte sie fest. «Und dass wir... nur schwer zueinander fanden. Und ich weiß, dass ich dir davon nie erzählt habe. Ich habe mich dem Irrglaube hingegeben, dass das niemanden was angeht und ich alleine damit zurechtkommen muss. Aber das war ein Fehler und nach den letzten Tagen ist mir wohl so einiges bewusst geworden. Zum einen... dass ich meinen Mann wirklich liebe. Und er auch mich. Und dass wir uns annähern und er mich sieht und das ist etwas gutes, Yue. Und ich finde schön, wie er mich anschaut. Dass er seine Gefühle zeigt. Sich interessiert. Für mich. Das, was ich tue. Er nimmt Anteil. Und ich fühle mich sehr geliebt und willkommen. Aber... er weiß Dinge nicht. Niemand weiß das. Außer Rowan und mir.»
Musste sie es aussprechen? Reichte es so?
«Es ist schon lange vorbei», fuhr sie fort. «Und ich liebe meinen Mann. Das habe ich ihm, also Rowan, auch gesagt. Es war... nur ein oder zwei mal, aber ich... fühle mich fürchterlich. Doch ich war so einsam. Und Rowan hat mich gesehen. Und jetzt meidet mich der Schlaf, weil ich es Eanruig nicht sagen kann. Ich würde alles zerstören, was ich gerade so mühsam aufgebaut habe», fuhr sie fort und redete sich von der Seele, was auf ihr lastete. «Und jetzt diese Hochzeit... mein Vater wird hier sein. Er bringt einen unserer Hengste mit. Ein Jungtier, der sollte für die Zucht sein. Aber er wird in Cathal schenken. Zur Hochzeit. Und natürlich kommt auch meine Stiefmutter mit», fügte sie an. «Und die ist ein rechtes Monster. Wie man es aus Geschichten kennt. Sie lässt kein gutes Haar an mir und hat ein untrügliches Gespür dafür, wo sie ihr Gift versprühen muss. Und ich fürchte, dass sie das nun auch tun wird. Und das kommt noch auf meine Sorgen oben drauf. Wenn sie später anreisen, muss ich ihr entgegentreten und ich... weiß nicht, ob ich das kann.»
Sie hielt inne und wandte sich zu der Freundin um. Sichtlich verzweifelt. Und merklich in Panik geratend.
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The Stranger with the Healing Hands
Yue Bai
Herbstland - Admin
Alter 25
Beruf Priester-Novizin
Wohnort Ceridwens Heiligtum
Stand Verlobt
User Letha
#4
Yue war eine gute Zuhörerin. Etwas, das sie in den letzten Jahren gelernt hatte, weil Zuhören ihr lange Zeit leichter gefallen war, als selbst zu sprechen; denn wenn sie sprach, dann würden sich die Fragen früher oder später um ihre eigene Person drehen. Dann würde sie den Halt unter den Füßen verlieren, obwohl sie sich doch eigentlich so sicher bewegte. Früher hatte sie sich oft so gefühlt, als würde sie den Kontakt mit dem Boden verlieren - mittlerweile konnte sie gewisse Themen umschiffen und die Aufmerksamkeit auf andere Bereiche legen, dass sie mit ein wenig Straucheln wieder ihre Balance fand. Vermutlich fiel es ihr deswegen so leicht, mit Menschen Kontakt aufzubauen, deren Welt sich relativ klein um ihre eigene Achse drehte, die so viel im Kopf hatten, dass sie schonmal vergaßen, nachzufragen - oder auch einfach gerne redeten. Menschen wie Maebh, die viel über ihren Sohn zu erzählen hatten oder sich an einfachen Dingen begeisterten, die leicht zu greifen waren, wie etwa die Blumen im Garten und der Wind, der einem hier in Kenmara regelrecht ins Gesicht peitschte.
Yue war eine gute Zuhörerin und genau deswegen spitzte sie in den Gängen auch die Ohren, als sie merkte, dass sich Maebhs Worte um etwas drehten, das nicht für jedermann bestimmt war. Während ihre Freundin sich an sie wandte und aus ihrer Seele sprach, drehte sich der Kopf der Novizin leicht über die Schulter, als wolle sie das Geräusch hinter sich dem Garten zuordnen und keinem Menschen, der ihnen folgte. Sie ließ die Fürstin lange reden und obwohl ihr Blick meist nach vorne gerichtet war, merkte man, wie aufmerksam sie lauschte - mit einem leichten Kopfnicken, einem Neigen in Maebhs Richtung, dem kleinen Stoffreiben zwischen ihren Fingern, ohne es zu merken. Ein zartes, ehrliches Lächeln machte ihr Gesicht weicher und runder, als sie zuhörte, wie die andere von Liebe sprach; sie urteilte nicht, als die Worte in Gefilde rutschten, die sie verstand, ohne dass Maebh sie aussprach. Ein oder zweimal? Für Yue gab es da keinen Unterschied. Sie wusste, wie unglücklich ihre Freundin hier lange Zeit gewesen war und was ein seelischer Unfrieden mit jemandem machte, der stets ein Lächeln auf den Lippen zu tragen hatte. Dass sie keinen anderen Ausweg gesehen hatte, bereitete ihr eher Sorgen.
Die sanfte Sorgenfalte zeichnete sich allerdings erst zwischen ihren Augenbrauen ab, als sie auf ihre Stiefmutter zu sprechen kam; nicht, weil sie sich selbst aus eigener Erfahrung über komplizierte Familiendynamiken auskannte, sondern weil sie den inneren Druck spürte, der von Maebh ausging. Ohne groß darüber nachzudenken, schob sie eine Hand um Maebhs Arm und hakte sich bei ihr ein, während sie durch die Gänge der Burg liefen. Mittlerweile hatten sie ein gutes Stück von dem Garten zurück gelegt und ehrlich gesagt wusste Yue nicht so ganz, wo sie sich befanden. Als sie einen der Diener auf sie beide zukommen sah, stieß sie die Fürstin trotzdem sanft dazu an, die nächste Biegung in einen kleineren Gang zu nehmen.
“Du hast zwei große Baustellen, die dich beschäftigen”
, stellte sie schließlich fest.
“Und du bist ein ehrlicher Mensch, Maebh. Ich kann verstehen, dass du dich schlecht fühlst, auch wenn du gute Gründe gehabt hast für das, was du getan hast.”
Yue drückte den Arm ihrer Freundin ein wenig, als würde sie damit ihren Zuspruch deutlich machen wollen.
“Glaub mir, es gibt ganz unterschiedliche Situationen, in denen jemand das tut, wofür du dich jetzt schuldig fühlst. Männer und Frauen. Dass du dich so fühlst, zeigt nur, wie wichtig dir dein Mann ist.”
Absichtlich sprach sie nicht direkt an, was auch Maebh unausgesprochen ließ. Falls ihnen doch jemand zuhörte, wollte sie nicht der Grund dafür sein, warum ihre Freundin in Schwierigkeiten geriet. Ihre Stimme war auch leiser und hatte sich den stillen Wänden angepasst, in denen jedes Wort wie eines zu viel klang, auch wenn der Wind draußen die Standhaftigkeit der Mauern auf die Probe stellte.
Den Blick verständnisvoll auf Maebh gerichtet, sicherte sie ihr ein aufmunterndes Lächeln zu - eines, das in ihrer Ruhe schon den ein oder anderen panischen Anfall gelindert hatte.
“Du hast sie lange nicht gesehen, oder? In der Zeit hast du so viel erreicht.”
Sie hatte einen Sohn. Sie war Fürstin. Die Mutterschaft hatte Maebh, wenn Yue das so beurteilen konnte, noch schöner gemacht, weil sie etwas gefunden hatte, was sie von innen heraus strahlen ließ. Etwas, was für Yue nicht vorbestimmt war, wo sie sich aktiv dagegen entschieden hatte und sie es deswegen nur bewundern konnte - aus einer entfernten, sicheren Position, während sie das Gespräch weiterhin um ihre Freundin kreisen ließ.
“Glaubst du wirklich, du bist nicht stark genug, um dich ihr zu stellen?”
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Test
Maebh Fraser
Herbstland - Admin
Alter 31
Beruf Ehefrau
Wohnort Kenmara
Stand Verheiratet
User Cat
#5
Natürlich war Maebh nicht geübt im Gedankenlesen. Na schön... nicht geübt war vielleicht sogar ein klein wenig übertrieben. Sie konnte es schlichtweg nicht. Das bedeutete auch, dass ihr keineswegs bewusst war, was im Kopf der Freundin vor sich ging. Sie sah nur die Sorgenfalte. Und die war auf dem Gesicht der Novizin sehr präsent. Präsent genug, dass ihre Gedanken sofort begannen, zu rotieren. Urteilte die Freundin bereits über sie? Hatte sie sich ihrer Freundschaft nun entledigt, weil sie ehrlich gewesen war? Wollte Yue jetzt noch was mit ihr zu tun haben? Wollte sie noch mit ihr sprechen? Fast schon hatte sie befürchtet, dass es jetzt vorbei war, sie mit ihren Gedanken und Fehlern allein blieb. Aber dann schob sich eine Hand um ihren Arm, Yue hakte sich bei ihr ein und war ihr plötzlich so nah.
Und das unglaubliche geschah. In ihre Gedanken aus Selbstzweifeln, Scham und Frustration hatte sie so etwas wie Ruhe gebracht. Verständnis. Liebe. Anerkennung! Anerkennung für ... was? Ihre Ehrlichkeit? Sie war nicht ehrlich gewesen. Eanruig wusste nichts davon. Sie war nicht ehrlich. Sie ... verschwieg es ihm. War das lügen?
«Ich weiß genau, warum ich es getan habe. Ich war einsam. Fühlte mich verlassen. Er hat mich gesehen. Aber ich denke, es war ein riesiger Fehler, Yue. Und ich würde gerne mit meinem Mann darüber sprechen, aber ich fürchte, wenn ich es ihm jetzt sage... dann zerbreche ich ihn. Das, was sich zwischen uns entwickelt ist so... sensibel und filigran. Und ich möchte nicht, dass es kaputt geht. Ich könnte alles verlieren. Und ich ... will nicht wieder alleine sein.»
All das Ansehen, der Titel... da war ihr gleich. Aber ihr Kind? Ihre Beziehung? Die Kinder ihres Mannes? All diese Dinge, die zu ihrem zu Hause gehörten? Nein.
«Ich fühle mich..sehr gesegnet. Ich habe einen Sohn geboren, der kerngesund ist und Eanruigs wunderschöne Augen hat. Und mein Haar. Den Göttern sei dank...» Immerhin trug ihr Mann eine wundervolle Glatze. «Und ich hoffe, dass auch seine Kinder mich irgendwann ... annehmen können.»
Was allerdings ihre Stiefmutter anging, so runzelte sie ein wenig nachdenklich die Stirn.
«Ich wünsche mir dieses Selbstbewusstsein an mir... ich glaube, ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, was mein Vater eigentlich wirklich für mich getan hat, als er mich an Eanruig geben hat.»
Und plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Sie blinzelte, ihr Mund formte ein perfektes O, als ihr bewusst wurde, dass ihr Vater dafür gesorgt hatte, dass sie nicht nur als Mensch über ihrer Stiefmutter stand. Sonden auch im Titel. Im Rang. Sie war Fürstin. Ihre Stiefmutter bewegte sich in ihr Herrschaftsgebiet. Und sie hatte die Möglichkeit zu zeigen, was für ein Schlag Mensch sie war.
«Er hat mich beschützt, als er mich Eanruig heiraten ließ. Mir wird gerade erst bewusst, wie viel... Macht ich habe.»
Und die war etwas unglaublich kostbares. In Maebhs Gesicht spiegelte sich keineswegs Gier oder Wahnsinn. Sondern Faszination, Demut und Erkennen. Sie hatte die Macht, besser zu sein. Sich angemessen über die Situation zu stellen und sie zu regulieren. Und wenn ihr nicht gefiel, wie ihre Stiefmutter sich benahm, dann konnte sie die Frau ohne schlechtes Gewissen des Platzes verweisen.
«Ich weiß nicht... ich dachte, ich bin es nicht. Sie macht mir Angst», ergänzte sie noch. «Aber vielleicht sehe ich mich selbst gar nicht richtig. Es... ist, als würde ich gerade zum ersten Mal die Augen öffnen und... mich sehen», sie sah zu Yue. «Verstehst du, was ich meine?»
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The Stranger with the Healing Hands
Yue Bai
Herbstland - Admin
Alter 25
Beruf Priester-Novizin
Wohnort Ceridwens Heiligtum
Stand Verlobt
User Letha
#6
Was Maebh fehlte, war jemand, mit dem sie reden konnte; oder vielleicht war sie jemand, die sich mehreren Menschen ihres Vertrauens zuwandte und ihre Bestärkung brauchte. Die Art, wie sie sich hingegen ausdrückte, die leichte Verzweiflung in ihrer Stimme, der suchende Blickkontakt ihrer großen, braunen Augen machte unverkennbar, dass Yue ihr jetzt Stabilität geben musste, unabhängig davon, von wem sie später noch Rat suchen würde.
Gut, dass die Priesternovizin gut darin war, ihr genau so eine Freundin zu sein. Selbst, wenn sie sich nicht damit identifizieren konnte, jemals in einer solchen Situation gewesen zu sein - ihr selbst lag eigentlich nichts ferner, als einen Mann nahe genug an sich ranzulassen, geschweige denn zwei Männer -, glaubte sie doch zu wissen, was für ein schlechtes Gewissen es in der jungen Fürstin auslöste. Sie war ein starker Mensch, wenn man Yue fragte, stärker als sie selbst in vielerlei Hinsicht, aber ihre Gefühle waren genauso zart wie die eine Blume, die an einer Klippe wuchs und ständig den Naturgewalten ausgesetzt war. Auf Yues Lippen legte sich ein Lächeln, das unverhohlen zeigte, auf was für einen hohen Podest sie Maebh stellte.
“Du bist nicht allein”
, antwortete sie prompt und ehrlich, auch wenn sie wusste, dass es nicht das war, was ihre Freundin in diesem Moment hören wollte. Deswegen knuddelte sie Maebhs Arm ein wenig und fügte noch hinzu:
“Aber ich weiß, was du meinst. Ich… kann nicht für deinen Mann sprechen, ich mein ich kenn ihn kaum, aber”,
hob sich ein Zeigefinger von Maebhs Ärmel.
“Wenn ich dein Mann wäre, ich hätte Verständnis dafür, dass du mich nicht sofort einweihen wollen würdest. Weil du gute Intentionen hast.”
Yue betonte die letzten Worte.
“Du willst nicht, dass das zwischen euch kaputt geht und hey, sind das nicht gute Nachrichten, dass es zwischen euch bergauf geht?”
Ihr Blick war aufrichtig, freundlich und wurde nur für einen kurzen Moment ernst.
“Es ist wirklich schon lange vorbei, oder? Da ist nichts mehr zwischen dir und-...”
Die letzten Worte ließ sie in der Luft stehen; zum einen, weil sie nicht wusste, um wen es sich handelte, und zum anderen, weil sie die Wände nichts hören lassen wollte, was Maebh am Ende noch in den Rücken fallen konnte. Vermutlich war es besser, nicht die ganze Zeit an einem Ort zu verweilen, genau. Aber wo konnte man sich in der Burg denn ungestört unterhalten, wenn der Garten wegen der Vorbereitungen zu der Uhrzeit schon so lebendig war?

Scheinbar schien Maebh ihre Konflikte ganz von alleine zu lösen. Yue beobachtete zufrieden, wie es ihr wie Schuppen von den Augen fiel, wobei sie selbst gar nicht viel gesagt hatte. So war es tatsächlich - ihre Freundin war stärker, als sie glaubte. Sie konnte solche Situationen alleine bewältigen; sie brauchte nur jemanden, der sie ein wenig in die richtige Richtung stupste und ihre Gedanken nachvollziehen konnte.
“Ich verstehe gut, was du meinst.”
Tatsächlich glaubte sie, zu sehen, wie Maebhs Selbstbewusstsein gewachsen war. Im Vergleich zu dem Jahr, in dem sie sich kennengelernt hatten, war sie in ihrer Rolle als Mutter und Frau angekommen, auch wenn ihr das selbst nicht so bewusst schien. Nun zu sehen, wie sie langsam begriff, was das für sie bedeutete, bereitete der Novizin eine unglaubliche, aufrichtige Freude.
“Und es ist okay, Angst zu haben. Aber du bist nicht mehr das Mädchen, das nicht wusste, wie es mit so viel Stress umgehen sollte. Du bist erwachsen, und du hast ein eigenes Kind, und du bist in einem sicheren Umfeld, wo sie dir nichts anhaben kann. Egal, welchen Mitteln sie sich bedienen wird.”
Wenn es nur immer so einfach war, gegen seine eigenen Dämonen zu kämpfen; manchmal halfen aber doch ein paar gut gemeinte, unterstützende Worte, sich der eigenen Stärke erst richtig bewusst zu werden.
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Maebh Fraser
Herbstland - Admin
Alter 31
Beruf Ehefrau
Wohnort Kenmara
Stand Verheiratet
User Cat
#7
Du bist nicht allein.
Dieser Satz schien in Maebhs Gedanken ein Echo auszulösen, dass sich in rapider Geschwindigkeit zu einem wahren Sturm der Emotionen aufbaute. War es Überforderung? Oder Erleichterung? War sie glücklich? Traurig? Fühlte sie sich wahrgenommen? Oder wollte sie sich verkriechen? Wie genau verhielt man sich, wenn einem so ein Satz gesagt wurde? Dabei war er an sich nichts wirklich ‹Besonderes›. Von ihrem Vater hatte sie solche Sätze oft gehört. Ihre Mutter hatte jede Gelegenheit wahrgenommen ihr zu sagen, dass sie geliebt wurde. Maebh wusste, wie sich das anfühlte, aber in den letzten Jahren hatte sie sich selbst nicht erlaubt, auch nur im Ansatz so zu leben. Sie hatte sich dieses Bedürfnis nicht eingestanden und war im Schatten anderer Menschen gewandelt.
Ihrem Sohn hingegen hatte sie genau diese Liebe, dieses Selbstverständnis, durchaus gegeben. Aeadan wusste, dass er geliebt wurde. Dass er niemals alleine war. Das er beschützt wurde.
Sie selbst hatte sich aber lange genug alles andere als beschützt gefühlt. Aber war es am Ende sie selbst gewesen, die sich diesen Schutz versagt hatte? Wäre nötig gewesen, dass sie Eanruig sagte, was sie brauchte? Aber er selbst war noch so in seiner Trauer gefangen gewesen, sie bezweifelte sehr stark, dass er sie hätte sehen können. Sehen auf dieser Ebene, auf der er sie jetzt sah.
«Es war kurz nach meiner Ankunft hier», riss Maebh sich schwerfällig aus den eigenen Gedanken darüber, ob sie selbst ihre Situation zu verantworten hatte. «Rowan und ich waren uns einfach sehr... zugetan, schätze ich.»
Damit hatte sie auch endlich den Namen des Mannes genannt. «Aber es war von Anfang an zum scheitern verurteilt und sein Geschick mit Worten umzugehen, wenn er mit einer Frau spricht, sei jetzt mal dahingestellt.»
Sie verzichtete darauf, der Freundin davon zu erzählen, wie grandios der Fraser die gesamte Unterhaltung in den Sand gesetzt hatte. Obwohl, vielleicht war es doch sinnvoll es anzuschneiden?
«Da ist nichts mehr. Er hat es immerhin auf den Punkt gebracht. Ich bin quasi seine Tante und damit wird es ohnehin... merkwürdig? Und nachdem er mir noch erklären wollte, dass ich als Frau ja gar nicht verstehen kann, wie schwer er es als Mann hat könnte es sein, dass ich ihm den Kopf ein wenig zurechtgerückt habe, nur um ihn dann stehen zu lassen. Aber Liebe ist das nicht. War es nie. Ich war einsam und für ihn eine Gelegenheit. Vielleicht fand er mich auch ansprechend. All das ist durchaus im Rahmen des Möglichen.»
Und am Ende würden sie die Wahrheit vermutlich ohnehin nicht herausfinden können. Sie und Rowan hatten irgendwas ineinander gesehen. Aber was auch immer es gewesen war – spätestens nach der Situation im Stall vor einigen Tagen hatte er alles an Land verloren, was er anfänglich gut gemacht hatte. Und gegenwärtig sah Maebh keinen Grund darin, irgendwas daran zu kitten oder wieder gutzumachen. Sie war immer noch leicht angesäuert und da er sich nicht entschuldigt hatte oder anderweitig auf sie zugekommen war, sah sie auch keinen Grund das ebenfalls zu tun. Sie wusste nicht einmal, ob er wieder abgereist war.
Sie hob also ein wenig die Schultern.
«Ich habe gute Absichten, ja. Aber reicht das aus? Er wird sich dennoch betrogen fühlen und ich weiß nicht, ob meine guten Absichten das aufwiegen, Yue. Es könnte auch sein, dass er wütend wird. Mich verstößt. Ich kann unmöglich vorhersehen, wie er reagieren wird.»
Ihr Blick richtete sich fest auf die Freundin und mit einem Mal fühlte sie sich hilflos und verloren. Als hätte man die Freude einfach aus ihrem Herz gepresst wie Saft aus den Beeren des Spätsommers, wenn man sie für den Winter in Eichenfässern vorbereitete, damit sie dort zu leckerem Wein wurden.
«Was, wenn diese Geschichte im Nachgang alles zerstört, was mir wichtig ist? Wir waren schon verheiratet. Was, wenn er anzweifelt, dass Aedan von ihm ist? Es gibt so viele Möglichkeiten, Yue. Ich weiß gar nicht, wie ich damit umgehen soll.»
Das belastete sie sehr und sie hätte gerne mit Eanruig darüber gesprochen. Ihm versichert, dass keine dieser Befürchtungen der Wahrheit entsprach, gar nicht entsprechen konnte. Dass sie ihn liebte und nicht wollte, dass er sie verstieß. Dass sie auch das gemeinsame Kind liebte und dass sie in Rowan nie verliebt gewesen war. Dass es einfach nur der Einsamkeit zu Schulden war. Sie wollte, dass er sie in den Arm nahm, ihr sagte, dass alles wieder gut würde. Das sie es gemeinsam durchstehen würden. Aber das konnte sie unmöglich von ihm erwarten. Unterm Strich hatte sie ihn betrogen und entweder sie sagte es ihm, früher oder später – ungeachtet der Konsequenzen. Oder aber sie schwieg und nahm dieses Geheimnis mit ins Grab. Aber sie konnte sich auch nicht sicher sein, ob Rowan es schaffte, den Mund zu halten. Immerhin hatte er ja bewiesen, dass er eher wie ein Klotz war, der sich grob in Lücken schob. Blieb an dieser Stelle nur zu hoffen, dass er dieselbe strategische Grütze nicht auch abzog, wenn er mit Eanruig sprach. Denn wenn das geschah, dann war es vermutlich eher schwierig, an dieser Stelle noch irgendwas zu kitten.

«Ich bin nicht mehr das Mädchen, nein. Aber meine Stiefmutter ist immer noch genau dasselbe Monster, dass sie immer schon war. Ich verstehe gar nicht, warum Vater bei ihr bleibt. Und ich bin... unfassbar missgünstig, weil diese Frau wirklich... weißt du, ich finde, man sollte an einem Menschen immer auch das positive sehen. Aber an ihr ist nichts wirklich positiv. Sie war schon immer missgünstig, verachtete jeden unter ihrem eigenen Stand und nur sie ist perfekt. An allem findet sie etwas Schlechtes und hätte ihre Ausstrahlung eine reale Auswirkung, würde vermutlich alles um sie herum verwelken und sterben.»
Und damit lag Maebh komplett richtig, auch wenn sie nicht wusste, dass die Umstände des Todes ihrer Mutter eben die Schuld ihrer Schwester waren. All diese Dinge waren für die junge Fürstin schlichtweg nicht sichtbar und hätten ein sicherlich ganz und gar anderes Bild auf die gesamte Situation geworfen. Und vor allem auf das, was Maebh zu tun gedachte.
«Am liebesten wäre mir, ich hätte eine Möglichkeit die Verbindung zwischen ihnen zu kappen. Er wirkt nicht glücklich, Yue. Er ist sogar sehr unglücklich und sie ist ein richtiges Biest. Der König schickt aus, einen Drachen zu töten? Ich kann ihm einen zeigen», stellte sie ein wenig verbittert fest. «Und dieser Drache trägt das Kostüm eines Menschen und immer nur die teuersten Dinge, die er finden kann. Sie brandschatzt und hortet, was auch immer sie in ihre Klauen bekommt. Sei es nun das Herz meines Vaters, mein Selbstewusstsein oder...»
Sie stockte und blieb ruckartig stehen. Ein wenig überrascht blinzelnd.
«Oder das Leben meiner Mutter. An der Seite eines Mannes, den sie immer wollte. Yue... meinst du, es könnte sein, dass sie was mit dem Tod meiner Mutter zu tun hat?»
Natürlich war die Frage überflüssig. Yue kannte ihre Stiefmutter wenn überhaupt nur flüchtig. Und konnte sich kaum eine Meinung darüber bilden.
Aber war das möglich? War das alles – all das Schlimme, was geschehen war – am Ende völlig außerhalb ihrer Handlungsfähigkeit gewesen? War all das, was geschehen war, nur geschehen, weil es ihre Stiefmutter gab?
Maebh fühlte etwas in sich hochkochen, dass sie nicht kannte. Und dass sie im ersten Moment sehr erschreckte. Es war heiß, fast schon glühend und schien sich mit einem Mal durch ihr gesamtes Empfinden zu fressen wie Glut durch trockenes Laub.
Zorn.
Sie war wütend. Nachvollziehbar und rechtschaffen wütend. Und während sie noch damit kämpfte, diese neue Empfindung zu regulieren geschah etwas anderes, dass sich ihrer persönlichen Wahrnehmung gänzlich entzog.

Ein Wispern ging durch den Flur, in dem sie standen, gefolgt von einem dumpfen Geräusch, dass zunächst leise war. Und dann immer stärker wurde. Es gewann an Rhythmus und Kraft und nahm nach und nach den Klang eines Herzschlages an. Ruhig, stark und stabil. Das Geräusch hüllte die Priesternovizin vollständig in sich ein und würde sie, zumindest für den Moment, von all ihren irdischen Empfindungen abschneiden.
Jahrtausende alte Magie tat ihre Wirkung, blieb für Maebh allerdings gänzlich unsichtbar, während das Bluterbe der Priesternovizin sie so tief mit den Wurzeln des Kontinents verband, dass sie das Herz eines ungeborenen Kindes schlagen hörte, dass sich viel weiter entfernt befand, als der warme Körper direkt neben ihr.
Das Geräusch schwoll zu einem wilden Intermezzo aus wummernden Herzschlägen an und ebbte schließlich völlig ab, als die Magie die Verbindung zu den noch nicht geübten magischen Sinnen der Novizin verlor. Zurück blieb nur die unbändige Lebensfreude eines ungeborenen Organismus, der bereits die Einwirkungen seiner Umwelt wahrnahm und danach strebte, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Das Glück und die Unbedarftheit einer jungen Seele, die noch nicht von der Welt geschädigt und verdorben war. Pure uverfälschte Unschuld.

«Yue?»
Maebhs Stimme unterbrach die plötzliche Stille mit sanfter Besorgnis.
«Geht es dir gut?»
Aufmerksam musterte sie das Gesicht der Novizin und versuchte herausfzinden, was gerade geschehen war. Ihre Wut war verflogen und hatte der Sorge einer Freundin das Feld geräumt.
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The Stranger with the Healing Hands
Yue Bai
Herbstland - Admin
Alter 25
Beruf Priester-Novizin
Wohnort Ceridwens Heiligtum
Stand Verlobt
User Letha
#8
Yue tat das, was sie am besten konnte: Zuhören. Eigentlich fühlte sie sich gar nicht gewachsen für das Gespräch, unsicher, ob Maebh nicht doch eher jemanden brauchte, der eine fundiertere Meinung hatte als eine einfache Novizin… Jemand, der ihr sagen konnte, was sie jetzt besser tun sollte mit all den politischen, familiären und zwischenmenschlichen Konsequenzen im Blick. Sicher wusste die Priesternovizin kaum, wovon sie sprach. Sie handelte aus dem Affekt heraus, ihrer Freundin helfen zu wollen, in einer Herzensangelegenheit, die sie nur am Rande verstand, weil ihr viele Dinge fremd waren. Was sagte ihr schon Rowan, hätte er doch genauso gut ein Verwandter ihrer Freundin wie ein Fremder sein können.
“Aah…”
, nickte sie ein wenig verlegen, als Maebh tatsächlich den Verwandtschaftsgrad ansprach, sich bewusst, dass es hierzulande verpönt war, sich auch innerhalb einer losen Familie romantisch anzunähern. Nach jahrelangem Anpassen und Integrieren verstand sie, dass die Frauen in Farynn mehr innere Stärke zeigten und sie nach außen trugen, die Priesterinnen selbst auf einer Stufe mit königlichen Beratern und darüber hinaus, aber es war ihr doch immer noch ein wenig fremd, wie Maebh so offen das Herz auf der Zunge zu tragen und sich Konflikten entgegen zu stellen, nicht zu umgehen. Überhaupt wusste sie nicht anders zu helfen, als den Worten nur aufmerksam zu lauschen und der Fürstin zu versichern, dass sie gehört wurde. Mit Verständnis. Mit Wärme in ihrem Blick, weil sie Maebh gern hatte und nicht wollte, dass sie sich so den Kopf über etwas zerbrach, das über ihr eigenes Verständnis hinaus zu gehen schien, obwohl sie durchaus verstand, dass sie ihren Mann nicht verletzen wollte. Es musste ein schlimmes, schweres Gefühl sein, in den Augen von jemandem zu beobachten, wie sich Liebe in Schmerz wandelte.
“Warum hast du das Gefühl erst jetzt, wenn es schon so lange her ist?”
, fragte sie vorsichtig, fast so, als würde sie sich langsam nach vorne tasten. Sie würde gerne helfen, aber wusste nicht so recht, wie. All die Zweifel und Ängste waren berechtigt in ihren Augen, die nun Hilflosigkeit ausdrückten, wenn auch aufgeweicht durch ein leichtes Lächeln.
“Ich weiß auch nicht, wie er reagieren wird. Vielleicht hast du recht, vielleicht würde ich an seiner Stelle auch lieber nicht wissen wollen, was geschehen ist. Es war ja auch nur ein Mal…”
Den Blick gesenkt, merkte sie nicht einmal, wie sie sich leicht auf die Unterlippe biss, wie sie es oft tat, wenn sie das Gefühl hatte, jemanden zu enttäuschen. Maebh war zu ihr gekommen, weil sie Klarheit über ihre Gedanken brauchte, und Yue konnte ihr darin nicht helfen.

Mit einem leichten Ziehen deutete sie an, sich ein wenig zu bewegen - zumindest zu dem großen Fenster, das eine fantastische Sicht auf die stürmische See und die Klippen preisgab, die Kenmara umgaben. Die Aussicht gab Yue etwas zutun, während sie sich auf Maebhs Worte konzentrierte; so hoch über den Naturgewalten zu stehen, wie in dieser Burg, fühlte sich irreal für sie an, als wäre sie dem Himmel näher als der Erde. Mehr Vogel als tatsächlich ein Mensch, der nur davon träumen konnte, zu fliegen.
Ein Lächeln füllte ihr Gesicht gepaart mit einem leichten Schnaufen, das einem Lachen nahe kam, als sie das mit dem Drachen hörte. Zwar hatte sie nie so starke, negative Gefühle für jemanden empfunden wie Maebh es tat - überhaupt schien die Fürstin sehr viel stärker zu fühlen als Yue -, aber sie verstand die Frustration, die daher rührte, dass Maebh keine Macht über das Unglück ihres Vaters hatte. Dass sie helfen wollte, ihr aber die Hände gebunden waren. Dass sie-...
“Was?”
Ihr Blick schoss zu ihrer Freundin, ungläubig und fassungslos und suchend nach dem Witz, der nicht aufgelöst wurde. Wie konnte sie vom Hass auf eine Person darauf schließen, dass die Person ihr mutwillig so viel Leid zufügen würde? Nichts davon war im Sinne der großen Mutter, nicht einmal eine Erklärung, die man hernahm für Menschen, die gemordet hatten und Vergebung suchten. Der Folgeschluss schien Yue so abwegig, dass sich eine leichte besorgte Falte zwischen ihren Augenbrauen bildete.

Als würde die große Mutter ihr Zuspruch geben, wehte ein Flüstern an ihr Ohr, das entfernte Pulsieren der Erde unter ihren Füßen, obwohl sie sich meterhoch über den Klippen befand.
“Wie kommst du darauf?”
, hörte sie sich fragen, doch es klang weit weg, als gehöre ihr die Stimme nicht selbst. Das Echo verhallte und wurde verschluckt von dem Herzschlag, schnell und leicht und so fragil, dass er Yue in Wolken hüllte. Vor ihr war nicht mehr das Gesicht ihrer Freundin, sondern nur ein Gefühl, das sie hinaus aus der Burg zog, oder vielleicht hörten die Steinmauern auch einfach auf zu existieren. Wie die Wogen der Wellen an den Stränden von Farynn ebbte der Herzschlag an und erfüllte sie mit Licht, mit Leichtigkeit. Mit Gemeinschaft und Freude. Mit dem Gefühl, über ihrem eigenen Körper zu schweben und sich den Vögeln in den Wolken anzuschließen. Sie fiel, aber sie hatte keine Angst - weil sie wusste, dass sie unten aufgefangen werden würde, von Händen, von Wellen, von dem rhythmischen Pulsieren der Erde, das ihr noch nie so nahe erschienen war.
Und dann war es weg. Yue blinzelte. Das ersten Morgenlicht fiel fade durch die Wolkendecke und Fensterscheiben, das Rauschen der sich brechenden Wellen so weit entfernt, dass sie es sich einbilden musste, um es zu hören. Wieder stand sie in dem Flur einer Burg, die sie von außen abschirmte, die Steinmauern ruhig und unnachgiebig jedes Geräusch verschluckend, das nicht gehört werden sollte. Das Gefühl von Unschuld hallte nach wie ein ferner Traum, von dem sie nicht wusste, dass sie ihn geträumt hatte.
Yue merkte erst jetzt, dass ihre Hand über ihrem eigenen Herzen lag, der unregelmäßige, schnelle Rhythmus das einzige Anzeichen, dass sich etwas ihrer eigenen Wahrnehmung entzogen haben musste. Immer noch lag ihr Blick auf ihrer Freundin, aber diesmal wirklich da, die Gesichtszüge als jemanden erkennend, der ihr bekannt war.
“Ich…”
Ihre Stimme war belegt, aufgewühlt, und sie schluckte, als würde sie erst jetzt wieder in die Realität zurückfinden.
“...hast du das gehört?”
, fragte sie schließlich, während ihr Blick fragend das Gesicht von Maebh absuchte. Sich nicht ganz sicher auf den Beinen fühlend, klammerte sie sich mehr an den Arm, als ihn zu halten, auf einmal die Stütze verlangend, die sie eben noch gegeben hatte.
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Maebh Fraser
Herbstland - Admin
Alter 31
Beruf Ehefrau
Wohnort Kenmara
Stand Verheiratet
User Cat
#9
Maebh hob ein wenig die Schultern an.
«Bis jetzt haben wir mehr nebeneinander her gelebt», stellte sie fest. «Aber gestern Abend hatten wir ein Gespräch und er hat.. er hat mich das erste Mal gesehen. Wirklich gesehen. Emotional. Und er hat sich entschuldigt und ich fühle mich schlecht weil ich weiß, dass ihn zerstören wird was ich zu sagen habe. Ich hatte überlegt, ob ich ihn bitte, unser Gelübde zu erneuern. Uns von unseren Vergehen reinzuwaschen, indem wir sie uns erzählen. Für mich ist das, was ich getan habe nur entstanden, weil er mich nicht gesehen hat. Für ihn hingegen wird es sicher anders sein. Er wird in der eigenen Trauer gar nicht begriffen haben, was ich brauche. Aber jetzt tut er das und ich bin ... glücklich darüber.»
War sie wirklich. Aber auch unglücklich. Denn belogen hatte sie ihn dennoch. Oder eher einfach nichts gesagt. Wie auch immer. Es war erst einmal nur wichtig, dass sie eine Lösung fand. Aber vielleicht gab es auch keinen perfekten Weg.
Am Ende würde sie sich seinem Zorn stellen müssen. Sie würde ihm die Wahrheit sagen, denn sie liebte ihn. Mit ihrer ganzen Seele, von ganzem Herzen mit allem, was diese Welt an Gefühlen für den menschlichen Verstand zu bieten hatte. Sie liebte ihn so sehr, dass sie dafür gerade sogar riskieren würde, weil es ihr wichtiger war, ihm die Wahrheit zu sagen, statt sich selbst zu schützen.
Sie liebte ihn so sehr, dass sie dafür sogar die Beziehung opfern würde, wenn sie nur ehrlich zu ihm sein konnte. Ehrlichkeit war ihr wichtiger als der Selbstschutz, den diese Lüge bedeutete.
«Ich glaube, den perfekten Weg gibt es nicht. Ich kann es nicht noch länger mit mir herumtragen. Vielleicht muss er gar nicht wissen, wer es war. Nur, dass es jemanden gab. Nur, dass er mir wichtiger ist als alles andere.»
Sie spürte es ganz intensiv. Er war ihr wichtig. Und wenn jemand einem wichtig war, dann belog man diese Person nicht auf so eine perfide Art und Weise. Dann sprach man die Wahrheit und stellte sich den Konsequenzen. Weil man die Person liebte. Das gehörte sich so.

Das sie die Freundin allerdings offenkundig abgehängt hatte, als es um ihre Stiefmutter ging, überraschte Maebh nicht einmal. Das Lächeln, dass sich auf ihr Gesicht malte, war eher schief. Einen Witz gab es nicht, denn ihr Verdacht war ihr bitter ernst. Sie hätte es ihr zugetraut. All das, was passiert war, hatte am Ende nur ihr in die Tasche gespielt.
Sie würde mit Eanruig darüber sprechen müssen. Über alles, was geschehen war. Er musste alles wissen. Auch damit er verstand, wie es hatte passieren können, dass sie einen solchen Fehler gemacht hatte. Dass sie sich einen Moment Schwäche erlaubt hatte. Nicht mehr hatte stark sein können. Sie hatte ein wenig Nähe gebraucht. Und sie bekommen. Mit Eanruig an sich hatte das wenig zu tun gehabt. Sie war jung und dumm gewesen.
Nein. Sie musste das anständig machen. Ihm alles erzählen. Und dann was geschehen war. Ihn um Hilfe bitten. Nicht um Verzeihung. Sie musste ihm die Gewissheit geben, dass er wütend sein durfte. Auch auf sie. Sie würde ihm Raum lassen und sich ein wenig zurückziehen, bis er sich wieder gefangen hatte. Oder aber mit ihm streiten? Sie wusste es noch nicht. Am Ende jedenfalls würde sie improvisieren müssen, denn ihr Mann war – was das anging – für sie noch nicht berechenbar.

Immer noch besorgt musterte sie das Gesicht der Freundin, die völlig abwesend wirkte. Und schüttelte dann den Kopf. «Etwas gehört?»
Nein. Sie hörte nichts, außer dem Rauschen des Meeres und dem Dröhnen des Windes, der hart gegen die unerbittlichen Mauern Kenmaras schlug. Etwas, das sie eigentlich liebte, doch jetzt gerade war es eher bedrückend. Sie sorgte sich um die Freundin.
«Ich habe gar nichts gehört. Was hast du denn wahrgenommen?», wollte sie wissen und stützte Yue ein wenig, als sie spürte, wie sie instabiler auf den eigenen Füßen stand. «Wir sollten uns einen Moment hinsetzen», entschied die junge Fürstin und nickte zu einer der Bänke, die hier standen. «Na komm. Und dann erzählst du mir, was das grade war.»
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The Stranger with the Healing Hands
Yue Bai
Herbstland - Admin
Alter 25
Beruf Priester-Novizin
Wohnort Ceridwens Heiligtum
Stand Verlobt
User Letha
#10
Träume waren schon immer ein Teil von Yues Leben gewesen, von den ersten Momenten in ihrem alten Leben an, die ihr als Erinnerungen klar geblieben waren. Man hatte ihr Namen gegeben, die, die mit den Sternen wandelt, bis sie es als Teil ihrer Identität akzeptiert hatte, wie jemand, der sich seinen kleinen Eigenarten bewusst war. Wie ihr Cousin halb gelähmt von einem Schlangenbiss überlebt und sich damit arrangiert hatte. Wie ihre Priesterfreundin nie ein Wort mit anderen wechselte, sondern mit ihren Händen sprach. Und lange hatte sie nicht nach dem Wie gefragt, oder dem Warum, was sie so anders machte, wieso ausgerechnet sie, sondern einfach hingenommen.
Doch mit den Jahren im Hain der Großen Mutter hatte sie angefangen, still darüber zu reflektieren. Hierher war sie dem Ruf einer größeren Kraft gefolgt, die sie dazu getrieben hatte, in die Fremde auszuwandern. Während andere Priesterinnen Besuch von ihren Familien erwarteten, zog sie sich alleine zu dem Teich unter der Trauerweide zurück und versuchte, Heimweh mit Bestimmung zu ersetzen. Aber wozu? Niemand konnte ihr sagen, warum die Große Mutter sie aufs Festland getrieben hatte. Man wusste nicht, warum sie es war, die mit etwas gesegnet zu sein schien, das in den Reihen der Priesterinnen schon lange verschwunden geglaubt war. Entgegen ihrer Hoffnung, hier Antworten zu finden, hatten sich nur mehr Fragen ergeben.

Träume waren also nicht mehr nur ein Teil von ihr, sie waren der Grund für ihr unbefriedigtes Bedürfnis, sich besser zu verstehen. Träume waren es, die sie anders machten, ohne dass sie wusste warum. Sie konnte sie nicht kontrollieren, konnte sie nicht deuten, und immer, wenn sie vollkommen unvorbereitet aus ihrem Alltag gerissen wurde, spürte sie neben dem mentalen Schwindel ein tieferes Gefühl, das sie gerne verdrängen und einschließen würde: Frustration. Klein wie es war, hatte es doch eine tiefe, dunkle Kammer in ihrer Brust gefunden und wirbelte die sonst so gleichmäßigen Strömungen auf. Ja, teilweise fühlte sie sich nicht mehr wie sie selbst. Was war falsch mit ihr?
Dass mit ihr etwas nicht stimmte, sah sie auch in Maebhs Augen, die sich mit Besorgnis füllten. Ein Stich durchzog Yue, fein wie eine Nadel, in der Erkenntnis, dass sie wieder allein mit ihrem Traum gewesen war und wieder nichts Handfestes hatte. Denn wie erklärte man ein Gefühl? Wie machte man es verständlich, dass sie manchmal neben sich stand und auf sich herunter blickte wie eine dritte Person, herausgezogen aus ihrem Körper in eine andere Welt, die sich mit normalen Maßstäben nicht greifen ließ? Yues Mund öffnete sich und schloss sich wieder, als keine Worte auf die Frage folgten. Unsicher blickte sie zum Fenster, dessen Glas sie von den brechenden Wellen abschirmte, nichts als die isolierende Stille einer Burg um sich herum, an deren Mauern der Wind leise pfiff.
“Ich…”
Sie wusste es nicht. Yue wusste nicht, was sie wahrgenommen hatte. Ihr Kopf fühlte sich immer noch leicht an, als hätte sie jeden Sinn für Schwerkraft und Richtung verloren, und sie war dankbar, dass Maebh ihr anbot, sich zu setzen. Mit einem sanften Nicken setzte sie einen Fuß nach vorne, suchte ihr Gleichgewicht und hielt sich an der Schulter der Fürstin fest, bis sie ihr vertrautes eigenes Gewicht beim Sitzen spürte und endlich durchatmete.
Tatsächlich tat sie das, was sie nach ihren Träumen immer tat; sie versuchte, das Gesehene in Worte zu fassen. Früher hatte sie ihre Träume in Geschichten verpackt und den anderen Stammeskindern vorgetragen. Da sie nicht schreiben konnte, wiederholte sie die Erfahrung in eigenen Sätzen auch alleine, wie ein Mantra so lange, bis sie sich einen Sinn daraus bilden konnte, oder im Beisein der Priesterinnen. Maebh war zum ersten Mal Zeuge dieses Prozesses, konnte Yue dabei beobachten, wie ihre Augen einen entfernten Punkt fixierten, während sie versuchte, sich mit Worten wieder in der Realität zu verankern.
“Es war ein Herzklopfen. Nicht mein eigenes, sondern ganz weit weg, und irgendwie auch nicht nur eins, sondern ganz viele”
, begann sie. Ihre Hände hatte sie in ihren Schoß gelegt, akribisch ineinander verschränkt und auf einzelnen Fingern rumdrückend.
“Ich war irgendwie… Ein Teil davon. Ich war nicht hier, sondern da draußen, in den Wolken und da unten…”
Yue zog ihre Augenbrauen ein wenig zusammen, verständnislos. Sie hatte nichts gesehen, wie sonst immer, nur gefühlt…
“Eigentlich passiert sowas nicht hier, nur irgendwo mit Strömungen, mit spiritueller Energie, im Hain…”
Ihre Stimme wurde immer leiser, ehe sie schließlich verstummte. Die Augen auf einmal größer, drehte sie sich zu Maebh um. Die Angst stand ihr klar ins Gesicht geschrieben, weil sie sich an etwas erinnerte. Kein Außenstehender soll von deinen Visionen erfahren. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was in den Köpfen derer vorgeht, die glauben, dich dafür ausnutzen zu können.
“Bitte, erzähl niemandem davon”
, flehte sie also, eben weil sie Maebh vertraute. Leider konnte sie nicht behaupten, dass sie dem Umfeld von Maebh das gleiche Maß an Vertrauen entgegen brachte.
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