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Im Auge des Sturms

FACING
THE
STORM

Tritt ein in eine düstere Welt aus Macht, Verrat und alten Schwüren.

Thema

The Weight of What Awaits

Baumstrukturmodus
Szeneninformationen
Szeneneinstellung
feste Postreihenfolge
Datum
12. November 1016
Ort
Anwesen der Al-Mazhirs
Tageszeit
20:00
#11
Samir tat gut daran nicht zu wissen, was in Tariqs Kopf vorging. Was seine wahren Beweggründe waren, die Gefühlslage – oder eher die fehlende Gefühlslage - die seinen Geliebten antrieb. Unbewusst trug er so seine Unwissenheit wie eine Rüstung um sein Herz, während er seinen Körper offen für den Älteren darlegte und ihn frei darüber verfügen ließ. Die Überzeugung, dass er all dies hier verdiente, war tief in ihm verankerte und er sehnte die Bestrafung genauso sehr herbei, wie er sie fürchtete. Nein, Samir war kein Narr, der Situationen wie diese heraufbeschwor, um willentlich den Zorn Tariqs auf sich zu ziehen, aber er hätte sich selbst einen Lügner schelten müssen, wenn er leugnete, dass die Behandlung, die ihm eben zuteilwurde, nicht etwas mit ihm machte. Der Grat zwischen Lust und Schmerz, Erregung und Angst, war ein schmaler, auf dem er wie ein Seiltänzer wandelte, nicht wissend, ob der freie Fall in einem schmerzhaften Aufprall oder einem Fangnetz höchster Euphorie enden würde.

Die Zunge des jungen Al-Mazhir fühlte sich an, als wäre sie in einen Sandsturm geraten. Dennoch schluckte er erneut bei Tariqs Worten. Die Erinnerung an diesen Fehltritt war ihm noch gut im Gedächtnis geblieben, auch wenn Details davon im Nebel lagen. Seine Mutter hatte ihn damals vor dem Zorn seines Vaters geschützt, hatte die Aktion als jugendlichen Leichtsinn abgetan, während das Familienoberhaupt seinen Sohn von oben herab abschätzig betrachtet und mit einem enttäuschten Kopfschütteln in seiner Misere hatte sitzen lassen. Die Kopfschmerzen und die Übelkeit, die noch einen langen Tag nach dem Vorfall angehalten hatten, waren Samir weniger Lehre gewesen als diese Behandlung. Darum hatte er sich auch zusammengerissen und selbst in Gesellschaft den Alkohol nur noch so genossen, dass die Grenzen der Verträglichkeit bei weitem noch nicht erreicht gewesen waren. Schon alleine aus diesem Grund hatte er sich nicht sonderlich etwas dabei gedacht, als er das Glas Wein zur Beruhigung seiner Nerven zu sich genommen hatte. Tariq machte ihm nun aber sehr deutlich, dass er eben immer zu denken hatte. Möglichkeiten, Gefahren und Konsequenzen abzuwägen. Obwohl… Unwillkürlich drängten seine Hüften sich mit einem Keuchen erneut den Berührungen des Al-Fawahir entgegen. Ein Keuchen, dass in ein Wimmern überging, als ihm der so willkommene Druck wieder entzogen wurde. Bei den Worten die folgten war er kaum fähig zu antworten, rang mit sich, um einen klaren Satz bilden zu können, Buchstaben in seinem Kopf sinnvoll aneinander zu reihen. Die Aussicht auf die Bestrafung, die auf ihn warten sollte, wenn er sich widersetzte, schien dabei seine Erregung nur noch zu steigern. Eine absurde Reaktion seines Körpers, hätte er auch nur einen Moment rational darüber nachgedacht. Aber Rationalität war wie weggewischt, wenn er sich in den Armen des Älteren befand, dessen Händen ausgeliefert. Ein Fremdwort, dass ihm nicht einmal in den Sinn gekommen wäre, wenn er sich noch so angestrengt hätte.

Seine Arme zitterten, als er leise den Kopf senkte, sich auf die seltsam spröde Unterlippe biss. “Ich…“ Seine Stimme kam nur erstickt aus seinem Mund, kaum mehr als ein Wispern, während sich alle seine Nervenenden auf jene Bereiche konzentrierten, an denen er Tariqs warmen Atemhauch und die rau anmutende Haut auf seiner spürte. “Ich habe verstanden.“ Wie hätte es auch anders sein sollen? Zwar war Verständnis etwas, das gerade sehr stark mit dem pulsierenden Druck in seinen Lenden konkurrierte, aber er konzentrierte sich dennoch auf die Worte, die an ihn gerichtet wurden. Zwang sich, diesen Fokus zu behalten, auch wenn er sich am liebsten in Ekstase verloren hätte. Einzig und allein der klare Schnitt, den das abrupte Stoppen in den Bewegungen Tariqs hervorrief, ließ ihn noch den Kopf behalten. “Ich … werde mich daran halten…“ Beinahe schon schmerzhaft schnellten seine Zähne aufeinander, ließen nur einen zischenden Laut zu, als er die Lippen seines Geliebten auf seiner trotz des kühlen Nachthauches erhitzten Haut spürte. Ehrfürchtig lehnte er den Kopf etwas zurück, ihn dabei aber nicht ganz in den Nacken legend, um dem Älteren besseren Zugang zu bieten. “Bitte…“ Samirs Rücken schmiegte sich dichter an Tariq, sein Gesäß unwillkürlich der Erregung Tariqs entgegendrängend, die deutlich für ihn vernehmbar war. Alles in ihm war auf jede noch so kleine Reaktion seines Geliebten gepolt, fast schon wie die Fäden eines Teppichs verwoben in seinem Bewusstsein. “Ich bin dein. Ich gehöre nur dir.“ Seine Hände ballten sich zu Fäusten, innerliche Qual die ihn zerriss, weil er Tariq nicht berühren konnte. Nicht berühren durfte.
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#12
Tariqs Lippen verzogen sich zu einem kaum sichtbaren Lächeln, während seine Stirn für einen flüchtigen Moment gegen Samirs Schulter sank und der dessen Worte in sich aufsog wie etwas, dass ganz allein ihm zustand. Er schöpfte regelrecht Energie aus der Liebe, aus der Anerkennung, des Jüngeren. Und wie leicht ihm diese Dinge doch über die Lippen gingen. Wie leicht es Samir doch fiel, ihm diese Anerkennung, diese Aufmerksamkeit zu geben die Tariq brauchte, um noch tiefer in ihn einzudringen. Sein Denken einzunehmen. Samir öffnete ihm bereitwillig alle Türen. Ganz selbstverständlich.
Und vielleicht war genau das der schönste Teil daran, denn nichts davon war natürlich gewachsen oder hatte sich aus einem Zufall heraus entwickelt. Es gab kein echtes Vertrauen. Keine echte Hingabe. Nur Abhängigkeit. Die war bewusst erschaffen worden. Tariq hatte sorgfältig und geduldig, mit einer absolut unzerstörbaren Konsequenz, seine Finger immer tiefer in Samirs Leben und seine Seele geschoben. Und in vielen Nächten auch tief in ihn, während er ihn dabei beobachtet hatte, wie er sich hin und her gewunden hatte, bis er ihm doch die Erleichterung gestattet hatte. Sex war ein hilfreicher Verbündeter und Samir hing an ihm. Viel mehr, als eine Klette im Fell eines Straßenköters.
Andere formten feuchten Ton, er hatte den zukünftigen König geformt. Er glättete Unsicherheiten und Zweifel, bevor sie überhaupt richtig aufkommen konnten. Bedürfnisse wurden gestillt, bevor er sie äußerte. Er fütterte ihn mit Liebe und Zuneigung und ließ ihn daran wachsen. Die Abhängigkeit von diesen Gefühlen würde am Ende dafür sorgen, dass Samir ohne ihn nicht handlungsfähig sein würde. Er würde nichts tun, dass Tariq nicht gefiel und sollte er doch in dieses moralische Dilemma hineinrutschten, so würde es ihn verunsichern. Alles Teil des Plans.
Die Tatsache, dass er nun so vor ihm stand, der zukünftige König, mit zitternder Stimme, berauscht von der Handhabung der Situation und seiner Nähe, ließ etwas Dunkles und zufriedenes in ihm anschwellen. Samir hätte alles für ihn getan. Genau jetzt, wenn er ihm befahl, es zu tun – würde er es tun. Tariq konnte es spüren, in jeder angespannten Bewegung seines Körpers, in dem verzweifelten Drängen gegen ihn. Er würde alles tun, nur in dem Wunsch und Bestreben, ihm zu gefallen. Es war keine echte Liebe, die Samir empfand. Nicht wirklich. Es war immer noch nur die Abhängigkeit, fein genug verpackt, dass der jüngere Mann sie selbst für Hingabe hielt und Tariq liebte diesen Umstand mehr als alles andere an ihm. Nicht Samir selbst war das Wertvolle.
Es war die Kontrolle. Die Gewissheit, dass der Mann, der bald eine Krone tragen würde, nachts zitternd unter seinen Händen lag und auf Erlaubnis wartete, wie ein durstiger Hund.
Langsam glitten seine Finger über Samirs Hüften. Massierten, streichelten, mal langsamer, mal schneller. Er bugsierte ihn noch enger gegen sich, seine Finger schlossen sich fester um das mittlerweile hart erigierte Glied seines Vordermannes.
«Natürlich tust du das», murmelte er leise und mit fester Stimme, die nie Widerspruch duldete, gegen Samirs Ohr. «Du bist brav für mich, nicht wahr? Und du lernst schnell. Genau deshalb brauche ich dich ja an meiner Seite.»
Er konnte spüren, wie der Penis zwischen seinen Fingern sich immer wieder aufzubäumen begann und stoppte abrupt in der Behandlung.
Ein leises Ausatmen streifte die Haut des zukünftigen Königs, ehe Tariq die Augen schloss und den Moment genoss. Keineswegs aufgrund er Nähe an sich. Viel mehr wegen der Macht, die in dieser kleinen Handlung lag.
«Und ich passe auf dich auf, hm? Solange du auf mich hörst, wird dir nichts geschehen. All das Unheil werde ich von dir fern halten.» Seine Lippen streiften Samirs Hals, lustvoll und fast schon unbeherrscht. «Du gehörst doch zu mir. Und ich liebe dich», versetzte er ihm den Todesstoß, den es noch brauchte, um ihn zu einer für heute Abend vermutlich willenlosen Puppe zu machen.
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#13
Tariqs Worte standen im krassen Kontrast zu den Handlungen, den Berührungen, die er Samirs Körper zuteil werden ließ. Seine Stimme glich der eines liebevollen Elternteils, das Anerkennung versprach, wenn sich das Kind dessen Wünschen und Willen beugte, gehorsam war, den Kopf senkte. Sie triggerten einen Punkt in ihm, einer öden Stelle Wüstlands gleich, die bei jeder Silbe, jedem Tropfen Lob zu erblühen schien. Ein sattes Grün annahm und Ranken, Blätter und Blüten wachsen ließ. Es war diese innere Drang nach Bestätigung, der danach, gesehen zu werden, der das Herz des zukünftigen Königs in seiner Brust anschwellen ließ. Tariqs Hände hingegen waren die eines Liebhabers und eines Kerkermeisters zugleich, er war Teufel und Heiliger, versprach im einen Moment Erlösung, bevor er Samir im anderen wieder an die Tore der körperlich lustvollen Hölle trieb. Und bei allem was ihm heilig war, der junge Al-Mazhir hätte bereitwillig sein Leben gekettet an diese Schwelle verbracht, wenn er sich nur weiter in der Aufmerksamkeit des Älteren sonnen konnte.
Leise schluckte er, seine Kehle trocken, die Lippen von den hastigen und doch flachen Atemzügen fast schon spröde. Die Tatsache, dass er sich nicht bewegen durfte, nichts tun konnte, um sich selbst oder der Situation Abhilfe zu verschaffen, bohrte sich wie der Dorn einer Rose in sein Fleisch, die man soeben noch betrachtet hatte. Doch wenn Samir eines gelernt hatte, dann war es die Lektion, dass mit der Schönheit auch der Schmerz einzog, dass es es kein Erlösung gab, ohne dafür zu bluten. Gerade die Parabel der Rose zeigte dies auf eindrückliche und deutliche Art und Weise. Niemals wäre dem 29-Jährigen dabei in den Sinn gekommen, dass eigentlich er eben jenes schöne Gewächs sein konnte, das sich mit einer Rüstung aus Stacheln zu schützen vermochte. Schon alleine aus dem Grund, weil er keine Notwendigkeit sah, Schutz zu suchen. Zu sehr hatten sein Körper und sein Geist bereits verinnerlicht, dass Liebe mit Abhängigkeit Hand in Hand ging. Samir hatte nie gelernt diese Dinge zu unterscheiden, sah sie wie die zwei Brüder eines Zwillingspaares, wobei er die Augen vor letzterem verschloss. Ein klarer Blick, ein geschickt positioniertes Wort an richtiger Stelle hätte seine Welt wohl nicht nur ins Schwanken sondern zum Zerbersten gebracht. Ein Wort, das dazu geführt hätte, dass er hinterfragte. Eine Hand, die ihm zeigte, dass eine liebevolle Berührung bedingungslos war und nicht mit Forderungen einherging. Nur wer wäre schon in der Lage gewesen, das zu tun? Und gab es dafür überhaupt eine Notwendigkeit? Samir sah sich allem gegenüber, was er sich je gewünscht hatte. Was er erreich wollte. Und doch schlummerte tief in ihm eine Angst, die sich mit jedem Fehler, für den ihn Tariq rügte, aufbäumte wie ein wildes Tier. Die ihre Zähne zeigte, umfangen von triefenden Speichelfäden, aus denen sich ein Netz um den zukünftigen König sponn und ihn gefangen hielt. Dass er dabei mitunter selbst sein eigener Kerkermeister war, der Schlüssel und neunschwänzige Peitsche in die Hand seines Geliebten legte, das war ein blinder Fleck in seinem Bewusstsein, an den so schnell kein Licht dringen würde.

In all seiner Obsession war die prekäre Lage, in der er sich befand wenn man an den Ort dachte, an dem sie sich aufhielten, weit in den Hintergrund gerückt. Weder nahm Samir mehr die kühle Nachtluft, noch die leisen, langsam abflauenden Geräusche seiner Umgebung wahr. Sehr wohl aber spürte er Tariqs warmen Atem, der einer Liebkosung gleich seine Haut streichelte. Fühlte den sanften aber doch bestimmten Druck seiner Hand, die ihn umschloss und mit ihm spielte, die Erlösung jedoch immer wieder verwehrte. Hätte man ihn gefragt, so hätte der zukünftige König jedoch nicht sagen können, was ihm mehr Befriedigung verschaffte: Das Spiel oder dessen Finale. Die körperlichen Empfindungen waren jedoch nichts gegen den seelischen Frieden, die Ekstase, die ihm diese bedeutsamen Worte von Tariqs Lippen verschafften. Schon alleine diese hätten es geschafft, ihn über die Klippe der Erregung zu schicken. Taten dies auch in gewisser Weise, jedoch nicht auf körperliche Art. Er fühlte sich ganz. Er fühlte sich wichtig und vor allem richtig auf seinem Platz, in dieser Welt. In der Welt, für die er Tariq zu seinem Zentrum erklärt hatte. Worte bildeten sich in seinem Kopf, versuchten sich hinter seiner Stirn aneinander zu reihen, wollten als Erwiderung auf dieses Ich liebe dich aus ihm heraus, jedoch überkam seine Lippen nur ein leises Wimmern. Sein Kopf senkte sich gen Brust, während ein seltsames Gefühl der Nässe seine Wangen unter der Augenbinde benetzte. Gerade so, als hätte sich etwas in ihm ein Überlaufventil gesucht, nachdem es für ihn gerade keinen anderen Ausweg zu geben schien. Ein leichtes Beben ging durch seinen Körper, der Atem ein Zittern, verkrampfte Hände, deren feingliedrigen Finger Halt suchten und doch keinen fanden. Er war verloren und fühlte sich dennoch seltsam ... gefunden?
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