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Im Auge des Sturms

FACING
THE
STORM

Tritt ein in eine düstere Welt aus Macht, Verrat und alten Schwüren.

Thema

Healing Hands

Baumstrukturmodus
Szeneninformationen
Charaktere
Szeneneinstellung
feste Postreihenfolge
Datum
14. Oktober 1016
Ort
Burg von Kenmara, Cathals Gemächer
Tageszeit
16:00
#1
The Sky speaks more honestly
To those willing to Dive.

Wie Yue in den letzten Jahren hatte feststellen dürfen, gefielen ihr Burgen nicht besonders, oder generell große Gebäude. Wenn man von außen zu ihnen hinauf blickte, hatten sie etwas von der Gewaltigkeit, an dem kein irdisches Wesen Anteil haben sollte, wenn man die Novizin fragte. Manche Türme ragten gar so weit in den Himmel hoch, als hätten sie nur eine Absicht: Ihn in zwei zu reißen und bluten zu lassen. Man mochte gar nicht glauben, dass es in den Gebäuden so still sein konnte; als würden die kühlen Wände sie von der Wucht der Elemente fernhalten und abschirmen wollen. Trennen, wie es sich manchmal anfühlte, unter ihren Füßen nur Stockwerke aus angefertigtem Holz und geschliffenem Stein, weit weg von der feuchten, grünen, weichen Erde, die sie mittlerweile zu lieben gelernt hatte. Was sich vor sieben Jahren fremd und kalt und ungemütlich angefühlt hatte, war nun ihr Zuhause, aber das hier - die stillen Burgmauern, wo kleine Fenster nur einen Bruchteil des hellgrauen Lichtes hindurch ließen und ein hohles Pfeifen durch die Flure fegte -, damit würde sie sich nie anfreunden.
Vielleicht lag es auch an der Höhe, in der die Gemächer der Fürstenfamilie lagen. Wenn sie sich nur ein wenig gegen das Fenster lehnte, konnte sie unter sich die Wellen an den Felsen brechen sehen. Manchmal flog ein Vogel auf einer Höhe mit ihr vorbei und stürzte nach unten auf der Jagd nach Beute. Ob nun offensichtlich nach außen getragen oder nicht, es ließ ihr Herz doch jedes Mal ein bisschen höher schlagen.
Dabei bemühte sie sich so, heute einmal ein wenig normaler zu sein, nachdem sie die letzten zwei Tage schon so Schwierigkeiten gehabt hatte, zu ihrer Mitte zurückzufinden. Nicht, dass sie das Gespräch mit Maebh sonderlich mitgenommen hätte; wenn überhaupt, dann ließ es sie immer ein Stück geerdeter zurück, wenn sie in den Gesichtern anderer sehen konnte, dass sie geholfen hatte. Es war aber nunmal so, dass sie sich kaum an dieses Gespräch erinnerte. Leider. Auch auf den Stunden danach lag ein Nebel, nur durchschnitten von Neuigkeiten wie dem Absagen der Hochzeit, dem Klettern, um die heilige EIche von den Lampen und Laternen zu entfernen, oder dem Ritual im Gemach der Braut, um böse Geister zu vertreiben. ”Du gehst früher zurück”, hatte Erin ihr aufgetragen, als Yue ihr von dem Traum erzählt hatte, mit dem Drängen nach Wahrheit in ihren Augen und der Richtungslosigkeit, die nur einer beiwohnte, die drohte, vom Weg abzukommen. Dabei war es so klar gewesen. Yue wusste, dass dieses Gefühl in ihrer Brust echt war; sie wusste nur nicht, was ihre Göttin ihr damit sagen wollte.

Der Besuch bei Cathal war schon lange im Voraus geplant gewesen und genau deswegen hatte die gebürtige Nomadin ihren Aufbruch so lange heraus gezögert, dass sie ihn noch wahrnehmen konnte. Ihre wenigen Habseligkeiten waren bereits gepackt und warteten in ihrer Stube darauf, mitgenommen zu werden, irgendwo ein paar Stockwerke weiter unten in dem Flügel, der den Priesterinnen und Druiden vorbehalten war. Sie trug nur noch das erdfarbene Reisegewand mit den langen Trichterärmeln und der angenähten Kapuze, ihre Haare zu einem langen, praktischen Zopf geflochten und halb hochgesteckt.
Obwohl ihr Burgen nicht behagten, fand sie doch eine gewisse Vertrautheit in dem Flur, den sie zu Cathals Gemächern einschlug, einfach, weil sie ihn schon so oft gegangen war. Erst mit Erin oder der ansässigen Hohepriesterin, dann irgendwann alleine. Vier Jahre war es her, seit sie zum ersten Mal ihre Hände an seine Schläfen gelegt hatte. Wie unsicher damals gewesen war, dass sie sogar gezittert hatte. Wie unangenehm die Berührung eines Fremden, obwohl sie ihm nur hatte helfen wollen.
Damals hatten sie trotz aller Widrigkeiten Hoffnung in ein Paar Hände gelegt, um Cathal zu heilen. Heute, nach vier Jahren, blieb von jener Hoffnung nur noch Routine übrig.
Fast zumindest, denn wenn man Yue fragte, dann hatte jeder ihrer Besuche einen Sinn. Sie konnte sich nicht damit zufrieden geben, dass Cathal unheilbar blieb. Wenn jahrelange medizinische Behandlung nicht geholfen hatten, dann musste es ein geistiges Leiden sein, dessen Ursprung noch niemand gefunden hatte - das, oder die Göttin hatte eine Bestimmung für ihn vorgesehen, derer sich noch keiner bewusst war. Alleine diese Möglichkeit, und die Unfähigkeit, Dinge unvollendet liegen zu lassen, wenn sie doch wusste, dass es irgendetwas geben musste, führten Yue jedes Mal vor dieselbe Tür. Wie geduldig sie wartete, nachdem sie geklopft hatte, auf den dumpfen Laut seiner Stimme. Wie selbstverständlich sie in sein Gemach trat, wo sie die ersten Male doch mit dem Gedanken gespielt hatte, einfach wieder umzukehren. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, auch wenn sie wusste, dass er es nicht sehen konnte - aber hören.
“Euer Majest- äh, Euer Gnaden, ach, Cathal.”
Er hörte vermutlich das dumpfe Klatschen, auf dass ihre Stirn einen roten Abdruck von ihrer Handfläche zeichnete. Gefolgt von einem Rascheln ihres Gewands, als sie ihre Hände vor der Mitte faltete und eine kleine Verbeugung andeutete. Dann machte sie sich ganz schnell daran, aus ihren Schuhen zu schlüpfen und Barfuß zu ihm rüber zu laufen.
Vor Cathal musste sie sich nicht mehr verstellen, was Stück für Stück und Begegnung für Begegnung dafür gesorgt hatte, dass sie in seiner Gegenwart einfach Yue war. Die, die lieber den kalten Stein unter ihren nackten Füßen spürte. Die, die auch tagsüber träumte und manchmal Gesprächsfetzen nicht mitbekam, als wäre ihr Geist an einem vollkommen anderen Ort. Aber auch die, die sich ehrlich um das Wohlbefinden des Fürstensohnes kümmerte und sich freute, ihn zu sehen. Sie hatten einen langen Weg gemeinsam zurückgelegt, bis sie zusammen in dieses Vertrauensgefühl gewachsen waren.
“Weißt du, ich habe heute etwas Verblüffendes gesehen. Wusstest du, dass Vögel minutenlang auf einer Stelle segeln können, ohne auch nur einmal mit dem Flügel zu schlagen? Als ich auf dem Weg zu dir war, hab ich einen Falken gesehen. Er ist quasi auf meiner Augenhöhe stehen geblieben und hat sich nicht vom Fleck bewegt. Als würde er auf der Stelle schweben.”
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#2
Er erwartete sie. Obwohl seine naiven Hoffnungen, sie könnte ihn von seinem erbärmlichen Zustand befreien, bereits vor Jahren zerschlagen worden waren. Anfangs hatte es ihn mit Frust erfüllt, mit Wut und dem Verlangen, die Priesterin aus seinen Gemächern zu jagen. Doch etwas hatte ihn aufgehalten. Wie eine unsichtbare Hand, die sich auf seine Schulter gelegt hatte und ihn zur Ruhe mahnte. Cathal neigte nicht dazu, seine Wut zu zügeln. Bei Yue hatte er es getan - aus ihm unerklärlichen Gründen.
Heute waren ihre Besuche willkommen, weil sie sich wie diese Hand auf seiner Schulter anfühlte, die ihn ruhig hielt. Er mochte die Priesterin und in den vergangenen Jahren hatten sie Gespräche geführt, die der junge Fraser mit niemandem führte. Vielleicht verstand sie ihn, vielleicht tat sie auch nur so und selbst wenn sie ihn täuschen sollte, so ließ sich Cathal von ihr gerne täuschen.

Ihre Stimme oder vielmehr ihre Worte entlockten Cathal ein schwaches Schmunzeln und er stieß amüsiert die Luft aus seiner Nase. “Wie lange kennen wir uns jetzt schon?”, fragte er sie rein rhetorisch. Das Schmunzeln wurde zu einem schiefen, fast dreisten Grinsen, als er das leise Klatschen ihrer Hand gehörte, gefolgt vom Klang ihrer nackten Füße auf dem Boden seines Gemachs. “Majestät… Könnte ich mich dran gewöhnen, fühlt sich sehr königlich an.”, scherzte der 25-Jährige und ließ seinen Kopf leicht zur Seite kippen, als würde er sie mustern wollen. Konnte er natürlich nicht. Das Gold seiner Augen würde ihr Gesicht nie erblicken. Er bedauerte es.
Obwohl Yue eine Priesterin war, war sie für Cathal mehr als das. Sie war zu einer Art Freundin und Vertrauten geworden in den vergangenen Jahren. Ihre Besuche waren nicht so oft, wie er es sich wünschte, aber er zehrte unfassbar von ihnen. “Darf ich dich noch Yue nennen oder wäre dir eine förmliche Anrede heute lieber?”, selbst ihr Geruch war ihm mittlerweile vertraut. Es war nichts aufdringliches, nichts dominantes und wenn er es hätte beschreiben müssen, wäre es wohl eine Mischung diverser Blüten gewesen, deren Namen der Fürstensohn nicht kannte. Für ihn war das einfach Yue’s Geruch, er gehörte zu ihr wie ihre weichen Fingerspitzen oder der ungewollte Humor in ihrer Stimme, den sie bei ihm nicht immer zu verbergen wusste. Oder wollte.

Interessiert hob Cathal den Blick, manchmal staunte er selbst über diesen Reflex, als sie von ihrer heutigen Beobachtung erzählte. “Ich habe davon gehört.”, seine Worte wurden von einem Nicken begleitet. Natürlich hatte er es nie selbst gesehen, aber die Ältesten in ihrer Burg hatten ihm diverse ‘Naturphänomene’ näher gebracht. “Man erklärte mir mal, dass er den Gegenwind nutzen würde.”, er hob seine linke Hand und ließ sie in einem sanften Bogen nach oben gleiten. “Wenn der Wind dann von vorne kommt, kann er den Wind reiten.”, fuhr er fort, ehe er seine Hand wieder sinken ließ. “Sehr beeindruckend.”, schloss der 25-Jährige und lehnte sich in dem Stuhl, in dem er saß, leicht zurück. “Wusstest du, dass sie eine Maus aus dieser Höhe auf dem Boden rumlaufen sehen können?”, etwas, was Cathal noch mehr beeindruckte.
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#3
“Lange genug, ich weiß ich weiß. Tut mir leid.”
Dass die beiden sich recht nahe standen, zeigte sich in der Regel nicht so offensichtlich. Eigentlich gar nicht. In öffentlichen Situationen teilten sie kaum Berührungspunkte, standen oft auf der entgegengesetzten Seite des Raumes und hatten vollkommen andere Aufgaben zu erfüllen, ihrem politischen und religiösen Stand entsprechend. Man sah sie selten ein Wort wechseln und nie allein, denn was hatte eine lausige Priesternovizin schon gemein mit einem Fürstensohn?
Vielleicht war es auch ihre Art, sowas nicht anzusprechen, sondern leise vor sich hinleben zu lassen. Unter anderen Umständen hätte Yues Entschuldigung mehr Gewicht getragen und sie hätte sich mehr Gedanken über den Fauxpas gemacht, den sie sich ausgerechnet vor einem Fürstensohn geleistet hatte. Aber sie waren allein, und Cathal grinste, und solange sie ihn in diesen vier Wänden so unbeschwert und glücklich sah, war die Welt für sie in Ordnung.
“Oh, ich nenne dich gerne Majestät, aber ob sich das bis zum nächsten Mal durchsetzt… Wie wär's mit Lady?”
, scherzte sie und nahm sich dabei selbst nicht so ernst. Sie wusste, dass sie Schwierigkeiten damit hatte, Titel korrekt zu verwenden. Auch wenn sie daran arbeitete und sich so eine Peinlichkeit immer seltener erlaubte, schien doch oft ihre Bürgerlichkeit durch. Oder Andersartigkeit. Vielleicht hatte sie deshalb kein Problem mit dem leeren Blick, den Cathal in ihre Richtung warf, auch wenn sie wusste, dass er andere damit beunruhigte.
“Wenn du schon nachfragst, ich möchte heute eine Prinzessin sein. Prinzessin Dummkopf.”
Bèndàn, in der Überlieferung ihrer eigenen Sprache, was ihr Lächeln etwas in sich kehren ließ.
“Aber Yue ist auch in Ordnung.”
Neben ihm zum Stillstand kommend, bedachte sie Cathal für einen Augenblick mit einem warmen Ausdruck in den Augen, und fügte etwas ruhiger hinzu:
“Ausnahmsweise.”

Es machte ihr Spaß, von ihren Erlebnissen zu berichten. Zum einen, weil sie solche Beobachtungen nicht mit jedem teilen konnte. Manchmal, wenn ihre Gedanken abschweifen, fielen ihr solche Kleinigkeiten auf, die andere oft als Nichtigkeiten bedachten, weil sie einfach als Teil der Welt akzeptiert wurden. Eine Ameise, die ein Stück Brot, dreimal so groß wie sie selbst, über dem Kopf trug? Ein Skorpion, der winzige Spuren im Sand hinterließ? Ein Vogel, der immer die gleichen, perfekten Kreise in der Luft zog? Es waren oft die letzten Bilder, die ihre Aufmerksamkeit wegzogen, und die ersten, die wieder klar in ihr Blickfeld traten. Was dazwischen passierte, dem war sie sich meist selbst nicht bewusst.
Zum anderen aber erstaunte sie das Wissen des Fürstensohnes, und es war oft der Grund, warum sie überhaupt mit solchen Nichtigkeiten bei ihm aufkreuzte. In den Jahren hatte sie die Schönheit am Zuhören zu schätzen gelernt. Wenn er ihren Gedanken aufgriff, den sie eher mit einem Gefühl verband, und mit für sie großartigen wissenschaftlichen Erkenntnissen bereicherte. So lag ihr Blick auf seiner Hand, die eine Steigung in der Luft andeutete, und ihre Aufmerksamkeit auf seinen Worten, während ihre Arme geistesabwesend nach dem unbesetzten Stuhl ohne Armlehne griffen und ihn in der freien Fläche des Raumes platzierten. Dumpf hallte das Geräusch von Holzbeinen an den Steinwänden wieder, fast zu laut für jemanden, die eigentlich kein Geräusch machen und Cathal unterbrechen wollte.
“Nein, echt? Ich hab mich immer gefragt, wie Vögel das machen.”
In ihren Träumen war sie oft ein Vogel, ein Rabe. Aber ihr Sichtfeld war nicht immer scharf, und es konzentrierte sich auf keine Maus auf dem Boden.
“Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen dumm… Aber ich hab irgendwie immer geglaubt, dass sie einfach wissen, wo sie jagen müssen. Als würden sie ihrem Instinkt vertrauen und zur richtigen Zeit zuschlagen.”
Wie wenn sie einem Gefühl am Boden folgte und sich von den Winden tragen ließ. Es war schwer zu beschreiben gegenüber jemandem, der ihr gerade mit Fakten die Welt erklärte.
Während sie wartete, dass Cathal ihrer Vorbereitung folgte und Platz auf dem Stuhl nahm, rücklings, dass er seinen Arme bequem auf die gepolsterte Rückenlehne ablegen konnte und sie freien Zugang zu seinen Schultern und Hinterkopf hatte, öffnete Yue die Knöpfe ihres Reiseobergewandes und streifte es ab. Die Priesterrobe darunter war leichter, weil sie aus nicht wetterfestem Stoff gemacht war, und gab ihr mehr Bewegungsfreiheit, weil die Ärmel und die Brustpartie nicht so steif waren. Achtsam legte sie das Reisegewand über eine der Oberflächen und näherte sich dem Stuhl. Die Ärmel zurückgekrempelt, blieb sie hinter der Rückenlehne stehen.
“Darf ich?”
Es war eine schlichte Frage, aber keine einfache oder nebenher ausgesprochene. Vom ersten Treffen an hatte sie stets nach seiner Erlaubnis gefragt, ihn zu berühren, weil Berührung für Yue nie selbstverständlich war. Auch für sie war es eine Überwindung; eine, der sie sich mit Cathal immer wieder ausgesetzt hatte, bis der innere Widerstand so zusammengeschrumpft war, dass er sich nur noch in einem dumpfen, leisen Summen ausdrückte. Da sie sich vertraut waren und eine Routine gefunden hatten, war es Teil ihrer Kommunikation; etwas, das sie nicht mehr mit leichten Gesprächen verdrängen mussten, sondern fast mühelos davon begleiten lassen konnten. Doch die Notwendigkeit des Einverständnisses, aus Respekt und gegenseitigem Vertrauen, hatte sich nie geändert.
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