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Planta quae saepius transfertus non coalescit
17.08.1016 - 08:00
Das Schloss des Fürsten von Bardon Pass
Elithea Trakas Belisarius Caderitor

Unregistered
Elithea Trakas
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User
#9
Die Flamme einer Kerze mochte nichtig wirken in der absoluten Dunkelheit einer dämonischen Hölle. Doch selbst ein einziger hellentflammter Docht konnte einen Lichtschein der Zuversicht und Wärme erzeugen als rettender Anker in einem Meer voller nachtschwarzem Nass. Und war es nicht so, dass je erdrückender die Düsternis, die einen umgab, desto heller und bedingungsloser leuchtet eben jener Strahl und sei er auch noch so klein. Dieses scheinbar unbedeutende Licht war nun Elithea, die sich nicht scheute der Finsternis entgegen zu halten, was in ihrem eigenen Innersten an Mitgefühl und Güte gärte. Je länger sie in der Nähe des düstren Kriegstreibers ausharrte, in sich selbst die Kraft findend ihm und seinem verdammten Sein einen Spiegel vorzuhalten, desto sicherer wurde sie in ihrem Auftreten und in der Überzeugung, dass die Welt und die Menschen darin es wert waren Barmherzigkeit zu erfahren. Auch er, denn auch er war Teil dieses schrecklichen Kreislaufs aus Gewalt und Verderben. Was der Spiegel ihr von ihm zurück warf, erschreckte und ergriff die junge Prinzessin gleichermaßen. Da blitzten Momente der Menschlichkeit in seinen teuflischen Augen auf, versteckt unter einer ach so harten Schale geformt von Brutalität und Leid. Noch war sie sich unsicher, ob diese Menschlichkeit wirklich hervorbrechen wollte oder sich scheute in den hellen Schein zarten Verständnisses einzutauchen. Es stand ihr auch nicht zu einen Menschen zu beurteilen, den sie erst seit wenigen Momenten kannte, wobei kennen ein wahrlich dehnbarer Begriff war in diesem Zusammenhang. Und dennoch kam sie nicht umhin in den spärlich gesäten aber doch verstohlen aufkeimenden Augenblicken des freundlichen Zuvorkommens einen Riss in der sonst so kühlen Fassade erkennen zu wollen. Es steckte mehr dahinter, hinter der wohl durchdachten Maskerade, die auch sein wahres Wesen verdeckte.

Welch seltsames Paar sie in dieser steinernen Halle abgaben. Ein Paar der Widersprüche, sogar in sich selbst. Die Prinzessin, deren Wärme und Anteilnahme als stiller, doch beständiger Faden die zerfallende Fürstenfamilie zusammen zu halten gezwungen war, und er der unerbittliche Meister von Krieg und Verderben, der weder Blut und noch Kälte scheute. Licht und Schatten, Engel und Teufel, dunkle Trauerrobe und gleißende Ritterrüstung. Jahre der bitteren Erfahrung standen einer naiven Gutgläubigkeit gegenüber, präsentierten ihr unverblümt das ungerechte Leben außerhalb der sicheren Burgmauern und des unbeschwerten Adelalltags. So sehr sich die junge Prinzessin auch gern gerühmt hätte, dass sie sich der Sorgen und Nöte der einst ihr Untergebenen annehmen wollte, so hatte sich doch keinen Unzen an wahrer Einsicht, welches Ausmaß dies wirklich annehmen konnte. Das Erlebte der letzten Tage und Wochen zeigten dem jungen Mädchen mit brachialer Deutlichkeit, welche Schmerzen die Welt einem auferlegen konnte, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Welch Widersinn, dass sie gerade in dem sicheren, doch kühlen Griff seiner Hände genau jene Gewissheit fand, diesem Leid entgegen treten zu können. Was es auch war, dass er an sich hatte, es festigte Elitheas Herz und labte ihre eigene Hoffnung in dem göttlichen Vertrauen darauf, dass allem Schlechtem auch etwas Gutes entwachsen konnte, auch wenn dies nicht im selben Moment offensichtlich sein würde.

Seine unauffälligen, unaufdringlichen Berührungen leiteten sie gleich einem verführerischen Tanz, dessen Musik nur für ihrer beider Ohren bestimmt waren, immer mehr in seinen betörenden Dunstkreis. Die Nähe, die er erzeugte, lockten sie in seine Welt, aus der es scheinbar kein Entrinnen zu geben schien, auf einen Pfad, der schmal und schlüpfrig keinen Fehltritt erlaubte, wollte sie das Kerzenlicht ihrer Seele nicht verlieren. So nahe, dass sie seinen Atem an ihrer Haut spüren konnte. So nahe, dass die Sehnsucht nach einer Umarmung, nach einem Moment des Schwachseins und der Geborgenheit einfach unerträglich schienen. Wie gern würde sie sich einfach nur fallen lassen können für einen winzigen Augenblick. In den Armen eines anderen beruhigenden Trost finden, nur für einen Herzschlag der Trauer um ihren verlorenen Vater und die verlassene Heimat nachgeben, für eine Nichtigkeit um sich selbst und die unsichere Zukunft klagen. All die Anspannung und die in sie gesetzten Ansprüche ablegen und einfach nur Elithea sein, ohne Erwartungen. Doch es blieb ihr nichts anderes übrig als die Augen zu schließen und die Unmittelbarkeit seines Körpers in sich aufzunehmen. Zumindest in ihren Gedanken musste dies als Besänftigung ihrer aufgewirbelten Seele reichen, was ihr die harsche Wirklichkeit verwehrte. Die Unausweichlichkeit der Situation brachten auch eine gewisse Ruhe mit sich. Es half nichts dagegen anzukämpfen oder Erwartungen aufrecht zu halten, die sie einfach nicht erfüllen konnten.

So absurd es auch klingen möge, aber die Fürstentochter fühlte sich mittlerweile in der Gegenwart des Verderbten aus unerfindlichen Gründen wohler, als sie es gedacht hätte. Vielleicht war es einfach die unverfrorene Ehrlichkeit, die er zwar hinter wohl gewählten und dunstig ausgeschmückten Worten geschickt maskierte, ihr aber nicht vorenthielt. Wenn sich schon ihr Leben auf den Kopf gestellt hatte, hinten vorn und links zu rechts geworden war, dann wollte sie wenigstens wissen, womit sie es zu tun hatte. Es war doch ohnehin nicht mehr möglich in der bisherigen Blase aus Geborgenheit und Unbeschwertheit zu verharren. Die nächsten Schritte auf dem unbekannten Weg, der vor ihr lag, sollten daher bewusst und so kenntlich wie möglich getan werden. Wenn sie schon als lodernde Fackel der aufrechten Moral ihrer Familie voranschreiten sollte, dann musste sie wissen, welchen Stolpersteinen es auszuweichen galt. Vermutlich war es daher diese vertraute Offenheit, die sich zwischen der Prinzessin und dem Krieger unerwartet schnell aufgetan hatte, die sie in seiner Nähe hielt. An seinem Wissen, seiner Erfahrung, seinen Gedanken wollte sie teilhaben, wollte sie mit den eigenen Ansichten verknüpfen und daraus ihren eigenen Weltenteppich weben. Mit wachem Geist aber galt es seinen Worten Aufmerksamkeit zu schenken, denn sie waren ebenso glatt und berechnend, wie sein ganzes Wesen. Immer um den einen Funken Wahrheit bedacht, sie glaubhaft zu gestalten, aber doch mit so viel Hintergedanken beladen, dass es der noch unerfahrenen Trakastochter schwerfiel, sich nicht völlig von ihnen bezaubern zu lassen.

Er sprach von Verunsicherung und Räumen, dem sie nicht ganz folgen konnte, denn solch abstrakte Konzepte waren ihr noch fremd, ungewohnt in der naiven Geradespurigkeit ihrer sonstigen Konversationen. Doch ihr neugieriger, nachdenklicher Blick verrieten ihm, dass diese neuen Ideen auch zu neuen Denkweisen führten, die neue Ansichten und Verständnisse bilden würden, je mehr man sie pflegte und hegte. Wieder kam er näher, als wären sie zwei Magnete, unterschiedliche Pole, die sich doch anzogen und nicht voneinander lassen konnten. Der Wein benebelte Elithea die Sinne, sodass es erst das tadelnde Räuspern der Dienerin brauchte, bis die junge Prinzessin wieder einen für alle Öffentlichkeit akzeptierten Abstand zwischen sie brachte. Ein seltsames Klopfen hatte sich in ihr Herz geschlichen, dessen Ursache sie nicht benennen konnte. Vielleicht war es nur der Alkohol, dem sie besser nicht noch weiter zusprechen sollte. Oder aber die Freude an den harzigen, sandwarmen Düften, die ihn umgaben und die sich so gut mit den ihr eigenen, blumigen Noten verbanden? Während er sprach, stellte Elithea den Becher wieder zurück auf das Tischchen und es war wiederum die Dienerin, Iulia, die in ihrer Aufgabe als Anstandshüterin diesen Becher sofort an sich nahm und ihm so dem eigenständigen Wiederbefüllen entzog.

Ihr entwich ein gar zu schneller, tiefgefundener Atem, als er neuerlich auf ihren Vater zu sprechen kam, um dessen Todestrauer sie immer noch beraubt wurde. Gebrochene, schmerzerfüllte Anklage lag in ihren feucht glänzenden Augen, als sie sich am Tischchen anklammerte und ihm vorwurfsvoll still die Bitte zukommen ließ, sie mit diesem vernichtenden Ereignis nicht weiter zu quälen. Welch geschicktes Spiel er doch vollführte, welch waghalsigen Balanceakt zwischen süßer Nähe und ernüchternder Pein. So geschickt und doch so verheerend. Zeit also, Zeit, die alle Wunden heilen sollte, Zeit, die jedem Menschen nur in einem vorgegebenen Umfang zur Verfügung stand, Zeit, die endlos dauern konnte oder viel zu schnell verging. Zeit also, war der Schlüssel zu Macht. Und sie hatten keine Zeit. Doch sollte man sie sich nicht gerade in diesen Augenblicken der Getriebenheit nehmen? Zeit? Zeit zu durchdenken und zu planen. Sich von der Zeit drängen und hetzen zu lassen, würde doch genau zu der Falle führen, die er sich durch die Ermordung der Dienerin erhofft hatte, oder nicht? Dass man panisch würde, überhastet handelte, Fehler machte und dadurch noch verwundbarer wurde. Genau in diesem zeitlosen Geschehen war es doch wichtig, nicht den Kopf zu verlieren. Welch Ironie.

Sie schwieg, behielt seine Worte in ihrem Herzen auf und ließ sie dort zu Sprösslingen neuer Gedanken heranreifen. Seine Dringlichkeit ließ sie wissen, dass jetzt auch nicht die Zeit war für große Diskussionen und ausufernde Gespräche. Dafür würden sich die Möglichkeiten noch ergeben, wenn sie einmal auf dem Weg waren. Und so Heofader wollte, noch viele weitere. Sie nickte also, gewahr der verdeckten Worte, die nicht gesprochen wurden, doch in seinen Aussagen mitschwangen. Da war etwas tiefer, verborgen, ein Sinn, der sich ihr noch nicht offenbaren wollte, aber dessen Spur sie gewillt war zu folgen. Das Blitzen in seinen Augen, so flüchtig wie ein Flügelschlag, ließen sie nur verstohlen schmunzeln. Sie wollte sich nicht einbilden, dass sie, eine ahnungslose Tochter aus gutem Hause, ihn noch irgendwie überraschen konnte, der doch schon alles gesehen haben musste, was die Welt zu bieten hatte. Und doch konnte sie nicht umhin zu bemerken, dass da doch vielleicht etwas in ihr war, das er nicht erwartet hatte.
Doch dieser kurze Augenblick der fast schon stolzen Sicherheit erstarrte alsbald. Wieder wurde er frostig, wie ein Apriltag so wankelmütig und launisch, und dämpfte augenblicklich Elitheas Übermut, der ihr ohnehin nicht gut zu Gesicht stand. Die Zeit der Plänkeleien war nun eindeutig vorbei und es ging daran die Abreise einzuleiten.„Unser Gepäck ist bereit verladen zu werden, Condottiere. Um alles weitere werde ich mich persönlich nach euren Anweisungen kümmern.“ nahm auch sie nun wieder einen unpersönlicheren Ton ein, da sie nun wieder aus der Zweisamkeit ihrer Empfindungen hinaus in die Welt der Anderen traten. Und dieser Welt sollten sie nun auf sein Geheiß mit ganz anderem Aussehen begegnen. Ob das gut gehen sollte? Wie weit sich ihre werte Familie auch in Gehabe und Haltung als Dienerschaft präsentieren könnten, wagte sie zu bezweifeln. Ihre Mutter hatte mittlerweile eine fast schwebend, göttliche Präsenz, der wohl eine Nonnenkutte glaubwürdiger stehen würde. Ihre Schwester, eitel wie immer, wäre schwer zu überzeugen krumm und derb daher zu kommen. Und die selbstgerechte Nase des Bruders musste wohl auch des Öfteren erinnert werden, sich Richtung Staub und Dreck zu senken. Und wiederum lag es an ihr, ob dieses Unterfangen gelingen würde oder nicht. Ihr wurde die Sorge übertragen ihre Familie entsprechend vorzubereiten, sich mit ihren Eigenheiten herum zu schlagen.

Zu protestieren lohnte sich nicht. Nichts würde sich ändern. Es war nun mal ihr Schicksal die Zügel der Familie Trakas fest in ihren Händen zu halten, bis ein anderer kam und sie ihr abnahm. Und dann? Was dann? Was würde dann aus ihr werden? Was würde von all dem hier bleiben, das ihrem Leben Sinn und Tiefe geben könnte? Die Zukunft hatte viele Namen: für Schwache war sie das Unerreichbare, für die Ängstlichen das Unbekannte. Aber für die Mutigen war sie eine Chance auf eine Veränderung. Der Vergangenheit nachzuhängen war sinnlos. Die Hoffnung der Zukunft lag im Hier und Jetzt. Der Weg, den sie jetzt einschlagen würde, jetzt, da sie ein Mindestmaß an Selbstbestimmung hatte ohne die beherrschenden Anweisungen der Eltern und den einschränkenden Zwängen des Adels, dieser Weg würde über ihre Zukunft bestimmen. Sie würde über ihre Zukunft bestimmen. In der Schwäche und Trauer der durcheinander gewürfelten Familienstruktur lag die Aussicht auf eine Neuordnung, an der sie selbst mitreden konnte. Et lux perpetua luceat Und ewiglich leuchte das Licht.

Schon war sie in Gedanken bei den an sie gestellten Aufgaben, sodass sein mehr als unerwartetes, halb gemurmeltes Geständnis sie fast zu spät erreichte. Voller Erstaunen wandte sie sich ihm erneut zu. Ja, sie hatte es auch genossen und diese Zustimmung begleitet von dem ähnlichen Bedauern, dass dieses Gespräch – und damit wohl die erste Lehrstunde des Teufelmeisters – nun zu Ende wäre. Ohne zu Zögern nahm sie seine Hand, durstig nach jeder noch so kleinen Geste menschlicher Zuneigung, die ihr ein wenig Kraft und Tröstung spenden könnte. Und sie hielt diese innige Verbundenheit, hielt der kühlen Härte seiner Finger neuerlich die zarte Wärme ihrer Haut entgegen. Gegensätze zogen sich an und schafften eine Balance, die für beide zu einer wertvollen Bereicherung werden könnte. Sie schaffte das, denn sie war nicht mehr allein. Wie hypnotisiert von dem Singsang in seiner Stimme und dem berauschenden Wüten in seinen Augen hob sie die Distanz zu ihm zu schmälern, sich näher in seine verführerische Gegenwart ziehen zu lassen, sich endgültig an ihn zu binden. Doch die in sie gesetzten Erfordernisse zerrten an ihr. Sie durften keine Zeit verlieren. Mit einem Lächeln, dessen Sanftmut nun durch den durch ihn bestärkten Glauben an eine in ihre schlummernde Stärke an Facetten gewann, nickte sie ihm zu. Es war Zeit.

Sich von ihm zu lösen, zehrte an ihr mehr, als sie zugeben wollte. Doch bevor sie ihre Hand von der seinen nahm, versank sie anmutig in eine schier unauffällige Andeutung eines Knicks, der ihm eigentlich gar nicht zustand. Sie war ihm höhergestellt, doch dieses kleine Zeichen von Respekt brachte sie in diesem Moment auf Augenhöhe. Arglos hatte sie sich einem Dämon verschrieben, doch welches Leitbild, welche Führungsgestalt blieb ihr denn noch als Orientierung auf einem steinigen, tückischen Pfad? “Prinzessin, was habt ihr euch dabei gedacht?“ japste Iulia besorgt, als sie beide die Stufen wieder hinauf hasteten. Nichts, Elithea hatte sich nichts dabei gedacht, aber sie würde sich nicht entgehen lassen, die sich ihr bietende Gelegenheit beim Schopfe zu packen. Wohin es führen würde, nun, das würde sich früh genug weisen. „Das geht dich nichts an, Iulia. Bring mich zu meinem Bruder.“ Harschte die Fürstentochter strenger zurück, als man von ihr gewohnt war. Ein letzter Blick zurück von der Empore, von der aus sie noch vor wenigen Momenten zum ersten Mal den Condottiere gesehen hatte. Sie würde den Kriegsherrn nicht enttäuschen. Den Bruder zu überzeugen sich in derbes Gewand zu hüllen und seine Gestalt zu ändern, war denkbar einfach. Man musste es ihm nur über den Hebel der Strategie und Taktik vermitteln, als wäre es ein Militärspiel, eine Übung in Krieg und Täuschung. Mithilfe der ihn umgebenden Berater, die ihm geschickt den Eindruck gaben, dass er selbst jetzt noch ein Wörtchen mitzureden hatte, obwohl der Plan gänzlich eines anderen Hirn entsprungen war, brauchte es wenig Überzeugung. Auch die Mutter ergab sich ohne viel Widerstand ihrem Schicksal und legte das Büßergewand mit stoischer Miene an. Die Schwester allerdings wehrte sich mit all ihrem Stolz und ihrer Selbstherrlichkeit eisern gegen den Tausch der Kleider. „Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich meine wohlgeformten Finger in den Dreck stecke und mir Asche ins Gesicht schmiere! Weißt du wie lang ich an der Frisur gesessen bin und jetzt erzählst du mir, ich muss sie unter einem verlausten Tuch verstecken? Niemals, Elithea, niemals kannst du mich dazu zwingen!“

Woher sie die Kraft fand, ihrer Schwester einfach eine Ohrfeige zu verpassen, das wusste Elithea selbst nicht. Doch mit fester, ruhiger Stimme machte sie ihrer Schwester das Unausweichliche klar. „Das wirst du, Larissa. Du wirst dich umziehen, deine Haare mit einem Tuch bedecken, deinen Schmuck abnehmen, dein Parfum abwaschen und dich so gut du kannst als Dienerin präsentieren. Wenn du zu dem vereinbarten Zeitpunkt nicht dementsprechend unten in der Halle bist, werden wir dich hier zurücklassen. Alleine. Glaub mir, der Condottiere, den der Großkönig geschickt hat, wird keinen Augenblick lang zögern dich deinem Schicksal zu überlassen.“ Das hatte gesessen. Immer noch zeternd und jammernd und nun alle verfügbaren Dienerinnen um sich scharend, ließ Larissa die Prozedur über sich ergehen. Nun endlich fand Elithea Zeit für ihre eigenen Transformation. Wie symbolträchtig war es die edlen Gewänder abzulegen, eines nach dem anderen. Als würde sie aus der adeligen Haut steigen und diese Welt nun auch sinnbildlich hinter sich lassen. Bedacht ordentlich legte sie die Kleider, die ohnehin nicht ihr gehörten, wieder auf das Bett. Schuhe und Strümpfe folgten, die Haarnadeln, die die dunklen Locken zusammengehalten hatten, die Kette, die aus ihrer Heimat stammte. Nichts sollte an ihr altes Sein erinnern. Alles legte sie ab, legte damit Schicht um Schicht ihrer selbst bloß. Rasch flocht sie sich die Haare zu einem unbedachten Zopf, der ihr über die Schulter fiel und zwängte die Füße in unbequeme, einfache Pantoffeln. Iulia brachte eine Schale mit Wasser, in dem ein Stücken einfache Kernseife schwamm. Mit jedem Eintauchen des Schwammes, mit jeder sanften Bewegung über ihre Haut überfiel Elithea ein Schauer der Bescheidenheit und des Abschieds. Hier in dieser Schüssel würde sie sich selbst zurücklassen. Das Mädchen, das sie bisher war. Und mit jedem neuen, raugesponnenen Kleidungstück aus Nesselstoff wurde sie zu einer anderen. Keine Fürstentochter mehr, doch auch keine Dienerin. Ein Zwischenwesen gefangen in einem Übergang vom Gestern zum Morgen, schwebend in einem unklaren Heute. Fast schon einem Ritual gleich kniete sie sich vor den offenen Kamin, verunklärte ihre zarte Haut mit dem Aschengrau, rieb es sich unter die Nägel, in den Nacken, unters Kinn. Wer bist du nun, Elithea, Lichtgestalt oder Gespenst der Dämmerung?

Dann war es soweit. Ein seltsamer Zug an verkleideten Gestalten, die nach außen etwas anderes zeigen wollten, aber doch ihr Inneres sein kaum verbergen konnten, kam die Stiegen herab. Zuerst die Mutter, gleich einer Märtyrerin. Dann der Bruder, mit kühlem Kalkül. Dahinter die Schwester, immer noch trotzig in Selbstbedauern versunken. Und am Schluss Elithea, die unscheinbare, stille Fädenzieherin. Wie sehr die Familie zerrüttet war in ihrer innersten Struktur, zeigte schon ihr Gegenübertreten an den Condottiere. Wer sollte nun das Wort ergreifen? Die Mutter, als Matriarchin? Der Bruder, als Erbprinz? Sicherlich nicht Larissa, die sich im Selbstmitleid suhlte. Bevor es noch zu einer peinlichen Pause kommen konnte, trat Elithea aus dem Schatten der zweiten Reihe. An ihre Familie gewandt, sprach sie mit fester Stimme. „Darf ich vorstellen, Condottiere Belisarius Caderitor, Gesandter des Großkönigs und Anführer unserer Eskorte nach King’s Portal“. Und ihr Verbündeter zu dem sie nun sprach. "Herr, wir sind für die Abreise bereit." Damit übergab sie ihre Schicksal also nun an Belisarius.
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Planta quae saepius transfertus non coalescit - von Elithea Trakas - 27-03-2024, 17:22
RE: Planta quae saepius transfertus non coalescit - von Belisarius Caderitor - 28-03-2024, 22:39
RE: Planta quae saepius transfertus non coalescit - von Elithea Trakas - 01-04-2024, 18:34
RE: Planta quae saepius transfertus non coalescit - von Belisarius Caderitor - 09-04-2024, 21:00
RE: Planta quae saepius transfertus non coalescit - von Elithea Trakas - 17-04-2024, 22:23
RE: Planta quae saepius transfertus non coalescit - von Belisarius Caderitor - 18-04-2024, 15:27
RE: Planta quae saepius transfertus non coalescit - von Elithea Trakas - 23-04-2024, 22:09
RE: Planta quae saepius transfertus non coalescit - von Belisarius Caderitor - 26-04-2024, 18:00
RE: Planta quae saepius transfertus non coalescit - von Elithea Trakas - 30-04-2024, 23:09
RE: Planta quae saepius transfertus non coalescit - von Belisarius Caderitor - 02-05-2024, 20:47

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