02-05-2024, 20:47 - Wörter:
Damit war es beschlossen. Ein Beschluss, der nahezu unmöglich zu revidieren war und wenn, nur mit einem erheblichen Schaden für die junge Trakas. Belisarius verstand derartige Dinge nicht einfach nur als festes Urteil, sondern auch als dauerhafte Beständigkeit. Seine Hand fiel in die ihre und stand in der Reminiszenz auf die geteilte Erfahrung, diesen einen Augenblick, welcher nicht minder verloren war, gebaren sie beide einen eigenen Fluch, den beide tragen mussten. Elithea konnte spüren, ersinnen, was vor sich ging aber konnte es ebenso wenig greifen, so unbewusst war die verkettete Absicht des Belisarius. Auch Belisarius begriff, verstand sogar, dass dies etwas Besonderes war. Nicht weil er ein Mann des Glaubens war oder ein Mann der esoterischen Hoffnungen, sondern weil er schlicht wahrnahm, dass Elithea für ihn etwas Besonderes war, denn sie hatte sein Mitgefühl geweckt und diente sich fast schon zuvorkommend der neuen Welt an. Eine Welt, in die sie so grausam geworfen war, wie Belisarius selbst. Kurz erlaubte sich der teuflische Narr einen stillen Wunsch. Die Berührung machte sie beide zu gleichen Menschen, keinerlei Trennung firmierte zwischen beiden und die Welt verzieh ihm seine Boshaftigkeit. Er stahl der jungen Prinzessin ihre Menschlichkeit, eignete sich eine menschliche Erscheinung und Dasein an, welche ihm nicht zustanden und doch nahm er sie sich, da er auch einmal Mensch sein wollte. Auch Dämonen träumten von einer besseren Welt, da die Asche, die sie hinterließen, nichts erschuf, was wirklich bleiben konnte. Ihre geteilten Blicke verweilten, schufen Kreise innerhalb von Kreisen, erlaubten einen neuen Traum, der einst vergangen war und doch war die Berührung nichts mehr als ein hoffnungsvoller Versuch eines Mannes, Vergebung am Wegesrand seines Lebens zu stehlen und dem Schicksal jene Gnade zu entwenden.
Doch Belisarius erkannte ebenso schnell, dass diese Berührung nicht von Dauer war, sein Diebstahl so bedeutungslos war, wie die Kreise innerhalb von Kreisen, die seine Gedanken zogen. Es war ihre Gnade, es war ihr Mitgefühl und ihre Seele, die er nie wirklich stehlen konnte. Die Prinzessin hatte eine Macht, die ihr nicht mal bekannt war und doch erkannte der Teufel jene Macht an. Ihre Welten wurden zusammengeführt, verbunden durch diese Geste und der stille Dieb ließ seine Spur nicht mal vertuscht. Ein beständig müdes Lächeln versuchte ihr die Gnade zu entrücken, sich dankbar zu zeigen oder auch nur zu vergelten, was sie gegeben hatte, ohne das es gefordert worden war. Sie gab ihr Mitgefühl so frei, dass darin große Macht lag. Belisarius verstand es nicht, sah es nur als jenes Unikum in der Zeit, jene Macht, die ihm entzogen war und doch war er nicht blind für die Dinge, die diese Welt auch verbanden, wie Liebe, Hoffnung oder eben dieses Mitgefühl, welche Elithea in ihrer eigenen Schönheit verkörperte. Doch der Meister der Schatten, der Grausamkeiten und ständigen Intrigen, folgte diesem Tunnel hinab, wollte mehr sehen, begreifen und verstehen, was sich ihm darbot und doch war es nur ein ungeduldiger Versuch eines Mannes, der ein anderer hätte sein können.
Doch er war kein anderer Mann. Seine Schuld folgte ihm stets, so gab es auch keine Entschuldigung. Lügen gebaren neue Lügen, so dass Wahrheit keinerlei Bedeutung hatte. Leider war es diese Wahrheit, die er so sehr brauchte, da er inzwischen zwischen den ganzen Spielebenen seiner Welt verloren war. Elithea gab ihm genau diese Erinnerung an das, was es hieß, ein Mensch zu sein. Er wusste nicht, warum dies so war, erahnte nur und erinnerte sich daran, was er halbvergessen hatte. Seine Finger suchten ihre Wärme in ihrer Hand, wollten niemals loslassen, was so gut in dieser Welt war und doch war es sein Gebot, sein Wille, der die Verbindung lösen musste. Seine vielschichtigen Augen suchten ihre gnadenvollen und schön-klugen Augen. Sie versicherten sich einander, dass es gut so war, wie es war. Dort war diese verlorene Entschuldigung, in ihren Augen, die er vermisst hatte. Er glaubte sie dort zu sehen. Sein Herz schmerzte, weil er wusste, dass er nicht die Person sein konnte, die sie in ihm sehen wollte. Er war nie die Person, die Menschen in ihm sahen. Belisarius konnte sich selbst nicht verzeihen, was er war. Die kalte Verbitterung kochte frostig in seiner Seele, weil er sich nicht erinnern konnte, wer er wirklich und wahrhaftig war. Alles war so diesig, unstet und endlos verworren, dass er nicht mal mehr wusste, was er wirklich erreichen wollte, außer zu überleben und dem einen Traum zu dienen, der genauso verdorben war, wie alles, was er hinterließ, wie die Asche, die einem Dämon entkam. Elitheas Macht schmerzte ihn, riss sie doch das ein, was er sich wünschte. Belisarius war kein Dämon mehr, kein Teufel aus den Höllen, da er in ihrem Angesicht Mensch geworden war. Doch der unheilsame Fluch der Zeit und der im Halbschein stehenden Erinnerung durchbrach jenes kleines Wunder. Er nahm die Hand zurück, löste die liebevolle Verbindung zwischen den beiden Menschen, die ohne Worte mehr geteilt hatten, als er jetzt erwarten konnte. Die Menschlichkeit verblasste erneut, zog sich zurück an diesen einen verlorenen Ort, den Belisarius geheimnisvoll bewahrte. Dort, wo die Kriegstrommeln schweigen musste; dort, wo niemand schrie und alles seltsam ruhig war. Wie gerne hätte er ihr mehr von der Welt gezeigt, hätte erfahren, was es hieß, wirklich als Mensch zu fühlen und dies nicht nur zu imitieren, wie ein Chamäleon seine Farbe wechselte. Wie gerne hätte er sich als Mensch bewiesen, doch er war nur jener Kriegsherr, der auf dem beherzt grausamen Wünschen des teuflischen Vaters beruhte. All die Stockhiebe in seiner Kindheit, all die Schläge und das Geschrei gegen sein junges Herz, hinterließen nicht viel Menschlichkeit, die systematisch und bösartig in Form gebracht worden war. - Und so wiederholte Belisarius nur das, was ihm vorgegeben war, im Glauben, frei zu handeln. Niemand war wirklich frei und in seinem Herzen wusste er längst, dass er niemals frei sein konnte. Kreise innerhalb von Kreisen zogen sich im Nebel seines Verstandes, wie ein Rad in einem Rad, wollten als Uhrwerk funktionieren und doch blieb alles nur ruckartig und wenig geschmeidig. Die Maschine, die er war, sprang langsam an, wurde immer beständiger und fand jene Eigenschaft wieder, die ihn zu jener Kraft machte, die handeln konnte; egal, welche Aufgabe gestellt wurde. Seine Augen verloren ihr menschliches Angesicht, fanden jene Kälte wieder, wie ein Sommer, der sich schnell aufgegeben hatte. Doch ein Fragment verlieb in der Atmosphäre, im Moment und in der Zeit, was nicht verlustig ging. Dieser Augenblick zwischen beiden war wahr gewesen und dies war mehr Gnade, als er mit Sicherheit verdiente.
"Das ist gut," antwortete er mit sachlicher Stimme, fand sich selbst wieder in seiner Aufgabe, agierte wieder als der Teufel, der er nun einmal war. Dies war seine Hölle, dies war sein Leben und keinerlei Bedeutung lag hinter den Schatten. Er war hier und handelte. Das Fragment blieb und war jetzt halbvergessene Erinnerung, die ihn heimsuchen würde, wie all die Schuld, die ihm immer folgte. Belisarius war immer schuldig, da ihm nichts mehr lag, als die Macht zu erringen, seine Zeit zu kontrollieren. Elithea wollte sich persönlich kümmern. Sie machte sich gemein mit seiner Aufgabe, diente sich an und verwandelte sich in ein geeignetes Werkzeug, wie so viele vor ihr und doch war sie anders. Ihm tat es leid, dass er sie benutzen konnte und er sie benutzen würde. Belisarius blickte ihr sanftmütig hinterher, als sie die Treppen hinaufstieg. Dorthin, wohin er noch nicht gegangen war. Sie tat das, was er tun musste. Die Prinzessin trat vor ihre Familie und führte die Befehle aus, die er geben wollte. Der Kriegsherr blieb zurück, verweilte in der Halle, fühlte sich entrissen einsam, da ihm ihr Angesicht fehlte, ihr Gespräch und diese Menschlichkeit, die er nun gewissenhaft verloren glaubte. Dieses verdammte Fragment einer Erinnerung, welches spürbar verweilte. Die Hölle war ein Ort an dem man sicher war, bis man in ihr verbrannte. Seine Rüstung wog immer schwerer, immer mehr war es sein wahre Gestalt, die er nicht mehr verbergen konnte. Ein Hund des Krieges war er, der sein blutiges Tatwerk begierte, um sich selbst zu entkommen. Doch er wollte es nicht mehr sein. Er wollte mehr sein als das und so war die ersten Minuten in dieser Halle allein mit seinen Soldaten fremd für ihn. Elithea hatte es für ihn fremd gemacht. Ihre wenigen Worte, ihre wenigen Fragen, ihr Angesicht und diese Aura hinterließen eine Leere, die Belisarius nicht geeignet füllen konnte. Es gelang ihm einfach nicht mehr. Keinerlei Lebenslüge, kein Selbstbetrug, war hier gut geeignet und passend. Belisarius irrte also Schritt um Schritt in der Halle auf und ab, als sie ihm entzogen war, um sein Tatwerk zu begehen. Elithea verrichtete seine Arbeit, richtete ihre Familie auf die Mission aus, und ließ nicht zu, dass er seinen Platz darin fand. So zog er nun selbst sichtbare Kreise innerhalb von Kreisen, übertrug diese Unruhe, die sein Geist gebar, auf seine Umwelt. Seine Soldaten verweilten ruhig und gut gedrillt auf ihren Posten. Sie gaben ihm keine Aufmerksamkeit, keinerlei Regung, die über bloße Funktion hinausging. Belisarius legte so viel Wert darauf, dass alles sichtbar funktionierte, Menschen ihren Platz fanden und doch war genau diese Funktion so seltsam leer, da sie ihm keinen Ort bot, die ihn als Mensch annahm. Er musste mehr Teufel, Kriegsherr und Heermeister sein, so riss er sich zusammen, was ihm Mühe kostete. Abrupt beendete er seine gegangenen Kreise, atmete tief durch und wartete schließlich geduldig auf die Familie, deren Schutz seine Mission war. Dies natürlich in Abstufungen. Der Prinz hatte oberste Priorität und doch hatte sich Elithea insgeheim als wirkliche oberste Priorität etabliert. Belisarius würde beides verknüpfen müssen, da er Elithea nicht mal mehr als Nebenmission sah, sondern als Teil seiner Pläne innerhalb von Plänen.
Die Familie trat, wie befohlen gestaltet, auf. Belisarius nickte zufrieden, als Elithea die Ihrigen präsentierte. Wissend suchten seine Augen nach Fehlern in der Aufmachung und Darbietung der Familie, fanden sie folglich auch. Die Mutter hatte ihre Stolz nicht verloren und ihre Haltung war nicht gebrochen durch Arbeit, der Prinz versuchte seine Gestalt zu wahren aber auch er hatte jene Aristokratie im Blick, die nicht wirklich zur Erscheinung passte und die ältere Schwester war ihr Unmut ins Geschicht geschrieben. Halt, was war das dort. War dort eine leichte Rötung zu sehen? Die Schwester hatte wohl eine Ohrfeige erhalten. - Aber war hatte dies getan? Es blieb nicht viel Auswahl, so dass er annahm, dass es zu einem Konflikt zwischen Elithea und ihr gekommen war. Diesen Konflikt hatte Elithea wohl derartig beendet, da sie keinerlei Verwundungen zeigte. Erstaunlich war es in der Tat. Belisarius hatte nicht angenommen, dass die junge Prinzessin so schnell lernen würde und ihre eigene Person derartig verriet, indem sie zu dieser Form der Lösung griff. Scheinbar hatte er bereits mehr bewirkt, als er bisher angenommen hatte. Elithea erweckte noch mehr Interesse, da sie nicht nur brauchbar war, sondern einzigartig. Ein bisschen schuldig glaubte er sich daran, da seine Worte der Dringlichkeit und Notwendigkeiten, ihr sicherlich die Grundlage gegeben hatten, schnell handeln zu wollen. Notwendigkeit war immer eine gute und geeignete Ausreden von Despoten, vor allem gegen das eigene Gewissen. Belisarius schmunzelte salzig, während er vor die Familie trat. Ja, Elithea machte als einzige den Eindruck, wirklich verstanden zu haben. Ihre Erscheinung, ihre Transformiation, fügte sich gut ein aber auch ihr stand noch ihre sensible Klugheit in den Augen, die nicht ganz zur desolaten Erscheinung passte. So seufzte er leise, kratzte sich am Kinn und trat die Familie, wie eine militärische Formation ab. "Damit können wir ein wenig arbeiten," sagte er, ohne sich weiter vorzustellen, zu erklären oder sonstig eine höfliche Bemühung zu signalisieren. Sie waren nun Figuren im Spiel und vielleicht auch ein wenig, wie seine Soldaten. Sie mussten lernen, Anweisungen zu folgen, sich zu fügen und die Mission exakt so auszuführen, wie sie geplant war. Ihr Überleben hing genau davon ab.
"Es wird auf einige Entfernung ausreichend sein aber sobald euch jemand ins Gesicht blickt, wird man möglicherweise erkennen, was er ihr in Wahrheit seid. Doch ihr müsst verinnerlichen, dass euer Überleben davon abhängt, wie glaubhaft eure Charade ist. Ab sofort bis King's Portal seid ihr alle Dienerschaft, geboren in Armut und ohne jede Ausbildung. Ihr könnt nicht lesen oder schreiben, sondern ihr dient seit eurer Geburt immer als niedere Dienerschaft. Schmutz und Schlamm sind euch vertraut. Sucht euch passende Lebensgeschichten zu eurer Erscheinung und übt diese in Gedanken ein, damit ihr bei einer Kontrolle stets nur das von euch gebt, was zu diesem Leben passt," erklärte er und ging dabei immer wieder auf und ab. "Für die Frauen sind Waschweiber passend und für den Jungen Müllträger und Abortendiener. Scheiße und Schmutz passt doch ganz gut," fügte er noch an aber ließ keinen Zweifel daran, dass er dies wirklich so meinte. "... das ist so einfach und auch so stinkig, dass es keinen interessieren wird." Belisarius schmunzelte dann doch, ein wenig böse und räusperte sich dann, als er vor Elithea stehen blieb, die ihre Arbeit sehr gut gemacht hatte. Er klopfte ihr vorsichtig und sehr behutsam auf die Schulter. "Gute Arbeit," bestätigte er dies, bevor er sich umwandte. "Der Ochsenkarren hier vorne ist für Prinzessin Elithea und Prinz Endymion bestimmt. Die Lady Trakas und Prinzessin Larissa werden durch zwei Soldaten zu Fuß aus der Stadt gebracht. Wir treffen bei einem Gasthaus auf halber Strecke wieder zusammen," komplettierte er die Erklärungen zur Mission.
"Die baldigen Waschweiber werden Wäschesäcke auf ihrem Rücken tragen und die Abortendienerschaft wird Dung, Scheiße und Mist auf den Karren transportieren, der schön stinken wird, damit uns ja niemand anhält." Mit einem Fingerzeig deutete er auf große Wäschebündel, dicht zusammengeschnürt, welche neben der Treppe lagen. Während er seine Kreise gezogen hatte, hatte sein Leutnant die eigentlich geheimen Befehle ausgeführt und alles vorbereitet. Die Mission war ja schon lange voraus geplant worden und Belisarius überließ nichts dem Zufall. "Die Bündel werden die beiden Damen tragen, die begleitenden Soldaten werden Obstkisten auf dem Rücken tragen. Unweit der Stadtmauer an einem Bach wartet auf euch auch ein Ochsenkarren." Belisarius nahm den Arm zurück und lächelte dann Elithea zu. "Wir müssen nur den Gestank ertragen und reisen ab hier mit dem Karren. Ich begleite euch," sagte er und nickte ihr fürsorglich zu. "Wir reisen getrennt, damit wir die Entdeckungsmöglichkeiten verringern," meinte er und begann dann seine Rüstung abzulegen, wobei ihm alsbald ein Soldat half. Sofern die Familie protestieren sollte, würde er diesen Protest nicht zulassen. Er ging davon aus, dass Elithea als Verbündete auf seiner Seite war. Er sprach leise zu ihr: "Achtet darauf, dass ihr wisst, was ihr zurücklässt, denn es wiegt oft schwerer, als das, was man mitnimmt," gab er ihr einen Ratschlag, den er von Herzen meinte.
So brachen sie auf. Seinen Soldaten hatte er noch letzte Befehle gegeben, wie mit den Wertsachen der Familie zu verfahren war und wie man diese als Geleit mitsamt den Pferden geleiten sollte. Der teure Tross war der Köder, so dachte er sich, und hatte explizit auf große Banner verwiesen, die die Reiter tragen sollten. Die Waren und Güter, jenes Gepäck, würden in einem angemessenen Reisewagen reisen unter einem glänzenden Gardegeleit. In Wahrheit würde die eigentliche Familie nicht so glamourös reisen.
[...] (Fortsetzung)
Doch Belisarius erkannte ebenso schnell, dass diese Berührung nicht von Dauer war, sein Diebstahl so bedeutungslos war, wie die Kreise innerhalb von Kreisen, die seine Gedanken zogen. Es war ihre Gnade, es war ihr Mitgefühl und ihre Seele, die er nie wirklich stehlen konnte. Die Prinzessin hatte eine Macht, die ihr nicht mal bekannt war und doch erkannte der Teufel jene Macht an. Ihre Welten wurden zusammengeführt, verbunden durch diese Geste und der stille Dieb ließ seine Spur nicht mal vertuscht. Ein beständig müdes Lächeln versuchte ihr die Gnade zu entrücken, sich dankbar zu zeigen oder auch nur zu vergelten, was sie gegeben hatte, ohne das es gefordert worden war. Sie gab ihr Mitgefühl so frei, dass darin große Macht lag. Belisarius verstand es nicht, sah es nur als jenes Unikum in der Zeit, jene Macht, die ihm entzogen war und doch war er nicht blind für die Dinge, die diese Welt auch verbanden, wie Liebe, Hoffnung oder eben dieses Mitgefühl, welche Elithea in ihrer eigenen Schönheit verkörperte. Doch der Meister der Schatten, der Grausamkeiten und ständigen Intrigen, folgte diesem Tunnel hinab, wollte mehr sehen, begreifen und verstehen, was sich ihm darbot und doch war es nur ein ungeduldiger Versuch eines Mannes, der ein anderer hätte sein können.
Doch er war kein anderer Mann. Seine Schuld folgte ihm stets, so gab es auch keine Entschuldigung. Lügen gebaren neue Lügen, so dass Wahrheit keinerlei Bedeutung hatte. Leider war es diese Wahrheit, die er so sehr brauchte, da er inzwischen zwischen den ganzen Spielebenen seiner Welt verloren war. Elithea gab ihm genau diese Erinnerung an das, was es hieß, ein Mensch zu sein. Er wusste nicht, warum dies so war, erahnte nur und erinnerte sich daran, was er halbvergessen hatte. Seine Finger suchten ihre Wärme in ihrer Hand, wollten niemals loslassen, was so gut in dieser Welt war und doch war es sein Gebot, sein Wille, der die Verbindung lösen musste. Seine vielschichtigen Augen suchten ihre gnadenvollen und schön-klugen Augen. Sie versicherten sich einander, dass es gut so war, wie es war. Dort war diese verlorene Entschuldigung, in ihren Augen, die er vermisst hatte. Er glaubte sie dort zu sehen. Sein Herz schmerzte, weil er wusste, dass er nicht die Person sein konnte, die sie in ihm sehen wollte. Er war nie die Person, die Menschen in ihm sahen. Belisarius konnte sich selbst nicht verzeihen, was er war. Die kalte Verbitterung kochte frostig in seiner Seele, weil er sich nicht erinnern konnte, wer er wirklich und wahrhaftig war. Alles war so diesig, unstet und endlos verworren, dass er nicht mal mehr wusste, was er wirklich erreichen wollte, außer zu überleben und dem einen Traum zu dienen, der genauso verdorben war, wie alles, was er hinterließ, wie die Asche, die einem Dämon entkam. Elitheas Macht schmerzte ihn, riss sie doch das ein, was er sich wünschte. Belisarius war kein Dämon mehr, kein Teufel aus den Höllen, da er in ihrem Angesicht Mensch geworden war. Doch der unheilsame Fluch der Zeit und der im Halbschein stehenden Erinnerung durchbrach jenes kleines Wunder. Er nahm die Hand zurück, löste die liebevolle Verbindung zwischen den beiden Menschen, die ohne Worte mehr geteilt hatten, als er jetzt erwarten konnte. Die Menschlichkeit verblasste erneut, zog sich zurück an diesen einen verlorenen Ort, den Belisarius geheimnisvoll bewahrte. Dort, wo die Kriegstrommeln schweigen musste; dort, wo niemand schrie und alles seltsam ruhig war. Wie gerne hätte er ihr mehr von der Welt gezeigt, hätte erfahren, was es hieß, wirklich als Mensch zu fühlen und dies nicht nur zu imitieren, wie ein Chamäleon seine Farbe wechselte. Wie gerne hätte er sich als Mensch bewiesen, doch er war nur jener Kriegsherr, der auf dem beherzt grausamen Wünschen des teuflischen Vaters beruhte. All die Stockhiebe in seiner Kindheit, all die Schläge und das Geschrei gegen sein junges Herz, hinterließen nicht viel Menschlichkeit, die systematisch und bösartig in Form gebracht worden war. - Und so wiederholte Belisarius nur das, was ihm vorgegeben war, im Glauben, frei zu handeln. Niemand war wirklich frei und in seinem Herzen wusste er längst, dass er niemals frei sein konnte. Kreise innerhalb von Kreisen zogen sich im Nebel seines Verstandes, wie ein Rad in einem Rad, wollten als Uhrwerk funktionieren und doch blieb alles nur ruckartig und wenig geschmeidig. Die Maschine, die er war, sprang langsam an, wurde immer beständiger und fand jene Eigenschaft wieder, die ihn zu jener Kraft machte, die handeln konnte; egal, welche Aufgabe gestellt wurde. Seine Augen verloren ihr menschliches Angesicht, fanden jene Kälte wieder, wie ein Sommer, der sich schnell aufgegeben hatte. Doch ein Fragment verlieb in der Atmosphäre, im Moment und in der Zeit, was nicht verlustig ging. Dieser Augenblick zwischen beiden war wahr gewesen und dies war mehr Gnade, als er mit Sicherheit verdiente.
"Das ist gut," antwortete er mit sachlicher Stimme, fand sich selbst wieder in seiner Aufgabe, agierte wieder als der Teufel, der er nun einmal war. Dies war seine Hölle, dies war sein Leben und keinerlei Bedeutung lag hinter den Schatten. Er war hier und handelte. Das Fragment blieb und war jetzt halbvergessene Erinnerung, die ihn heimsuchen würde, wie all die Schuld, die ihm immer folgte. Belisarius war immer schuldig, da ihm nichts mehr lag, als die Macht zu erringen, seine Zeit zu kontrollieren. Elithea wollte sich persönlich kümmern. Sie machte sich gemein mit seiner Aufgabe, diente sich an und verwandelte sich in ein geeignetes Werkzeug, wie so viele vor ihr und doch war sie anders. Ihm tat es leid, dass er sie benutzen konnte und er sie benutzen würde. Belisarius blickte ihr sanftmütig hinterher, als sie die Treppen hinaufstieg. Dorthin, wohin er noch nicht gegangen war. Sie tat das, was er tun musste. Die Prinzessin trat vor ihre Familie und führte die Befehle aus, die er geben wollte. Der Kriegsherr blieb zurück, verweilte in der Halle, fühlte sich entrissen einsam, da ihm ihr Angesicht fehlte, ihr Gespräch und diese Menschlichkeit, die er nun gewissenhaft verloren glaubte. Dieses verdammte Fragment einer Erinnerung, welches spürbar verweilte. Die Hölle war ein Ort an dem man sicher war, bis man in ihr verbrannte. Seine Rüstung wog immer schwerer, immer mehr war es sein wahre Gestalt, die er nicht mehr verbergen konnte. Ein Hund des Krieges war er, der sein blutiges Tatwerk begierte, um sich selbst zu entkommen. Doch er wollte es nicht mehr sein. Er wollte mehr sein als das und so war die ersten Minuten in dieser Halle allein mit seinen Soldaten fremd für ihn. Elithea hatte es für ihn fremd gemacht. Ihre wenigen Worte, ihre wenigen Fragen, ihr Angesicht und diese Aura hinterließen eine Leere, die Belisarius nicht geeignet füllen konnte. Es gelang ihm einfach nicht mehr. Keinerlei Lebenslüge, kein Selbstbetrug, war hier gut geeignet und passend. Belisarius irrte also Schritt um Schritt in der Halle auf und ab, als sie ihm entzogen war, um sein Tatwerk zu begehen. Elithea verrichtete seine Arbeit, richtete ihre Familie auf die Mission aus, und ließ nicht zu, dass er seinen Platz darin fand. So zog er nun selbst sichtbare Kreise innerhalb von Kreisen, übertrug diese Unruhe, die sein Geist gebar, auf seine Umwelt. Seine Soldaten verweilten ruhig und gut gedrillt auf ihren Posten. Sie gaben ihm keine Aufmerksamkeit, keinerlei Regung, die über bloße Funktion hinausging. Belisarius legte so viel Wert darauf, dass alles sichtbar funktionierte, Menschen ihren Platz fanden und doch war genau diese Funktion so seltsam leer, da sie ihm keinen Ort bot, die ihn als Mensch annahm. Er musste mehr Teufel, Kriegsherr und Heermeister sein, so riss er sich zusammen, was ihm Mühe kostete. Abrupt beendete er seine gegangenen Kreise, atmete tief durch und wartete schließlich geduldig auf die Familie, deren Schutz seine Mission war. Dies natürlich in Abstufungen. Der Prinz hatte oberste Priorität und doch hatte sich Elithea insgeheim als wirkliche oberste Priorität etabliert. Belisarius würde beides verknüpfen müssen, da er Elithea nicht mal mehr als Nebenmission sah, sondern als Teil seiner Pläne innerhalb von Plänen.
Die Familie trat, wie befohlen gestaltet, auf. Belisarius nickte zufrieden, als Elithea die Ihrigen präsentierte. Wissend suchten seine Augen nach Fehlern in der Aufmachung und Darbietung der Familie, fanden sie folglich auch. Die Mutter hatte ihre Stolz nicht verloren und ihre Haltung war nicht gebrochen durch Arbeit, der Prinz versuchte seine Gestalt zu wahren aber auch er hatte jene Aristokratie im Blick, die nicht wirklich zur Erscheinung passte und die ältere Schwester war ihr Unmut ins Geschicht geschrieben. Halt, was war das dort. War dort eine leichte Rötung zu sehen? Die Schwester hatte wohl eine Ohrfeige erhalten. - Aber war hatte dies getan? Es blieb nicht viel Auswahl, so dass er annahm, dass es zu einem Konflikt zwischen Elithea und ihr gekommen war. Diesen Konflikt hatte Elithea wohl derartig beendet, da sie keinerlei Verwundungen zeigte. Erstaunlich war es in der Tat. Belisarius hatte nicht angenommen, dass die junge Prinzessin so schnell lernen würde und ihre eigene Person derartig verriet, indem sie zu dieser Form der Lösung griff. Scheinbar hatte er bereits mehr bewirkt, als er bisher angenommen hatte. Elithea erweckte noch mehr Interesse, da sie nicht nur brauchbar war, sondern einzigartig. Ein bisschen schuldig glaubte er sich daran, da seine Worte der Dringlichkeit und Notwendigkeiten, ihr sicherlich die Grundlage gegeben hatten, schnell handeln zu wollen. Notwendigkeit war immer eine gute und geeignete Ausreden von Despoten, vor allem gegen das eigene Gewissen. Belisarius schmunzelte salzig, während er vor die Familie trat. Ja, Elithea machte als einzige den Eindruck, wirklich verstanden zu haben. Ihre Erscheinung, ihre Transformiation, fügte sich gut ein aber auch ihr stand noch ihre sensible Klugheit in den Augen, die nicht ganz zur desolaten Erscheinung passte. So seufzte er leise, kratzte sich am Kinn und trat die Familie, wie eine militärische Formation ab. "Damit können wir ein wenig arbeiten," sagte er, ohne sich weiter vorzustellen, zu erklären oder sonstig eine höfliche Bemühung zu signalisieren. Sie waren nun Figuren im Spiel und vielleicht auch ein wenig, wie seine Soldaten. Sie mussten lernen, Anweisungen zu folgen, sich zu fügen und die Mission exakt so auszuführen, wie sie geplant war. Ihr Überleben hing genau davon ab.
"Es wird auf einige Entfernung ausreichend sein aber sobald euch jemand ins Gesicht blickt, wird man möglicherweise erkennen, was er ihr in Wahrheit seid. Doch ihr müsst verinnerlichen, dass euer Überleben davon abhängt, wie glaubhaft eure Charade ist. Ab sofort bis King's Portal seid ihr alle Dienerschaft, geboren in Armut und ohne jede Ausbildung. Ihr könnt nicht lesen oder schreiben, sondern ihr dient seit eurer Geburt immer als niedere Dienerschaft. Schmutz und Schlamm sind euch vertraut. Sucht euch passende Lebensgeschichten zu eurer Erscheinung und übt diese in Gedanken ein, damit ihr bei einer Kontrolle stets nur das von euch gebt, was zu diesem Leben passt," erklärte er und ging dabei immer wieder auf und ab. "Für die Frauen sind Waschweiber passend und für den Jungen Müllträger und Abortendiener. Scheiße und Schmutz passt doch ganz gut," fügte er noch an aber ließ keinen Zweifel daran, dass er dies wirklich so meinte. "... das ist so einfach und auch so stinkig, dass es keinen interessieren wird." Belisarius schmunzelte dann doch, ein wenig böse und räusperte sich dann, als er vor Elithea stehen blieb, die ihre Arbeit sehr gut gemacht hatte. Er klopfte ihr vorsichtig und sehr behutsam auf die Schulter. "Gute Arbeit," bestätigte er dies, bevor er sich umwandte. "Der Ochsenkarren hier vorne ist für Prinzessin Elithea und Prinz Endymion bestimmt. Die Lady Trakas und Prinzessin Larissa werden durch zwei Soldaten zu Fuß aus der Stadt gebracht. Wir treffen bei einem Gasthaus auf halber Strecke wieder zusammen," komplettierte er die Erklärungen zur Mission.
"Die baldigen Waschweiber werden Wäschesäcke auf ihrem Rücken tragen und die Abortendienerschaft wird Dung, Scheiße und Mist auf den Karren transportieren, der schön stinken wird, damit uns ja niemand anhält." Mit einem Fingerzeig deutete er auf große Wäschebündel, dicht zusammengeschnürt, welche neben der Treppe lagen. Während er seine Kreise gezogen hatte, hatte sein Leutnant die eigentlich geheimen Befehle ausgeführt und alles vorbereitet. Die Mission war ja schon lange voraus geplant worden und Belisarius überließ nichts dem Zufall. "Die Bündel werden die beiden Damen tragen, die begleitenden Soldaten werden Obstkisten auf dem Rücken tragen. Unweit der Stadtmauer an einem Bach wartet auf euch auch ein Ochsenkarren." Belisarius nahm den Arm zurück und lächelte dann Elithea zu. "Wir müssen nur den Gestank ertragen und reisen ab hier mit dem Karren. Ich begleite euch," sagte er und nickte ihr fürsorglich zu. "Wir reisen getrennt, damit wir die Entdeckungsmöglichkeiten verringern," meinte er und begann dann seine Rüstung abzulegen, wobei ihm alsbald ein Soldat half. Sofern die Familie protestieren sollte, würde er diesen Protest nicht zulassen. Er ging davon aus, dass Elithea als Verbündete auf seiner Seite war. Er sprach leise zu ihr: "Achtet darauf, dass ihr wisst, was ihr zurücklässt, denn es wiegt oft schwerer, als das, was man mitnimmt," gab er ihr einen Ratschlag, den er von Herzen meinte.
So brachen sie auf. Seinen Soldaten hatte er noch letzte Befehle gegeben, wie mit den Wertsachen der Familie zu verfahren war und wie man diese als Geleit mitsamt den Pferden geleiten sollte. Der teure Tross war der Köder, so dachte er sich, und hatte explizit auf große Banner verwiesen, die die Reiter tragen sollten. Die Waren und Güter, jenes Gepäck, würden in einem angemessenen Reisewagen reisen unter einem glänzenden Gardegeleit. In Wahrheit würde die eigentliche Familie nicht so glamourös reisen.
[...] (Fortsetzung)
