05-05-2024, 18:16 - Wörter:
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 01-09-2025, 15:54 von Naila Castellanos.)
Push and Pull
Is not the romantic trope we should be going for

Aber eigentlich war es nicht er, auf den sie wütend war; er war nur ein nettes Nebenprodukt, das sie in Gedanken verfluchen konnte, während sie mit gerafften Rocken durch Pferdemist und faule Äpfel und trockenen Schlamm stapfte. Der nächste, der sie auf dem Marktplatz anrempelte, bekam ein „Geh die Wand anrempeln, du Köter“ zu hören mit einem gehobenen Mittelfinger, als er meinte, sie ebenfalls zu beleidigen. Diese Sprache sprach sie flüssig, seit sie alt genug für die Schule gewesen war, und sie war notwendig, um hier unten akzeptiert und als eine der ihren angesehen zu werden. Niemand mit einem weichen Herzen und zurückhaltender Zunge überlebte in dem Loch, das dieser eine Mann sein Zuhause nannte, dem sie im Laufe der letzten Tage schon eine ganze Schimpftirade an gedanklichen Beleidigungen gewidmet hatte. Dabei konnte sie auf ihn eigentlich auch nicht wütend sein; aber es war nunmal einfacher, als sich selbst anzukeifen.
Was sagte das eigentlich über sie aus, dass sie ganz genau wusste, wo genau sein Haus stand? Fahrig strich sie sich die offenen, gewellten Strähnen hinters Ohr, welche sich in der heutigen Hitze besonders widerspenstig anfühlten, ehe sie ihre Faust hob und an der hölzernen Tür klopfte. Es dauerte nicht lange, bis die Tür sich (erstaunlich eingeölt) nach innen öffnete und für eine Sekunde, für einen minimalen Herzschlag stand Aurelia einfach nur da und starrte den hochgewachsenen, gewaltigen Mann an. Dann besann sie sich eines besseren, sich selbst für ihre Macke scheltend, und schob sich auch an Ronan mit einem „Zur Seite“ vorbei.
Es war nicht seine Präsenz, die sie aus der Ruhe brachte, nicht die ungemütliche Ausstrahlung der gewöhnlichen, zu gewöhnlichen Wände, nicht einmal die merkwürdige Stille im Vergleich zum Rauschen der Stadt, nichts, wenn sie schon ganz rastlos hier angekommen war und erst gar nicht zur Ruhe hatte finden können. Er war es, auf den sie wütend war, er, der ihren sprühenden Blick schlucken musste, er, gegen den sie ihre Stimme erheben wollte, dann aber doch wieder ihre Lippen schloss, sich umdrehte und um den Esstisch herum rauschte. Dann wiederum war nicht er es, auf den sie wütend war, und wieder blieb sie stehen, hob ihre Arme, nur um sie schließlich doch vor der Brust zu verschränken und sie Sekunden später wieder zu lösen. „Du hast mich einen Kapitän vergiften lassen“, spuckte sie schließlich aus. Wieder setzte sie sich in Bewegung, der Rock über den Boden und um ihre Beine streichend, während sie ihre Sprache mit ihren Händen fortsetzte, dort, wo Worte versagten. „Nicht einen Kapitän, den Kapitän. Wenn er das rausfindet, bin ich tot. Du kannst mich keinen Piratenkapitän vergiften lassen.“ Die letzten Worte waren gezischt und ganz eindeutig vorwurfsvoll gegen Ronan gerichtet, furchtlos gegen den selbsternannten König der Unterwelt, dabei wusste Aurelia ganz genau, dass sie mindestens die Hälfte der Schuld. Sie hätte ja die angebotenen Münzen einfach ablehnen können. Dann wiederum war es immer einfacher, die Schuld jemand anderem in die Schuhe zu schieben, und Aurelia wollte heute lieber den einfachen Weg gehen – was auch immer das bedeutete.
