18-05-2024, 18:36 - Wörter:

Und dennoch konnte Naila nicht umhin, sich von seiner Begeisterung anstecken zu lassen. Sie hatte nur Krumen gelegt, die Orpheus nun aufgriff und sie fast drohte, mitzureißen in seiner Leidenschaft. Auch wenn sie sich sicher war, dass es nicht ihre eigene Leidenschaft war, die sie spürte, erzählten die Funken in ihrem Blick doch eine andere Geschichte, bevor sie amüsiert durch ihre Nase schnaufte und den Blick senkte. „Ich kann mich kaum daran erinnern, wann ich das letzte Mal kalten Regen auf meiner Haut gespürt habe. Außerdem hat eine verregnete Landschaft sicher ihren ganz eigenen Charme.“ Die Natur brauchte Regen, um gedeihen zu können und Naila wusste aus der Handvoll ihrer eigenen Reisen, dass die Landschaften dort immer grüner waren, wo man mit regelmäßigem Niederschlag rechnen konnte. Wie mussten erst Hügel aussehen, die mehr Regen als Sonne sahen? Wenn Naila einmal all die Gedanken an ihre Familie und ihr Volk hintenanstellte, dann konnte sie es eigentlich kaum erwarten, so eine Schönheit mit eigenen Augen sehen zu dürfen. Sie wollte den Augen Glauben schenken, die ihr von heißen Quellen und roten Blumenmeeren berichteten und in denen sie sich erlaubte, für einen Herzschlag zu versinken. „Die Ehre wäre ganz meinerseits, Eure Majestät.“
Warum war sie es nun, die verlegen auf die Blumengestecke schaute und vergeblich versuchte, einen Gesprächsfaden zu finden? Es schien ihr, als erwartete man von ihr, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken oder den Prinzen zu entlassen, jetzt, wo sie seine Antworten zum Arrangement der Hochzeitsdekoration bekommen hatte. Etwas in ihr wehrte sich aber, ihn gehen zu lassen. Man sah es ihr an ihren Fingern an, die sich in der Verschränkung vor ihrer Körpermitte verknoteten und versuchten, Zeit zu schinden, die ihr gleichermaßen durch die Finger rann. Anstatt Nailas Stelle hingegen räusperte sich nun Orpheus und erwartend hob sich ihr Blick. Eine angenehme Wärme baute sich in ihrer Brust auf, schnürte sie aber auch gleichzeitig ein wenig enger. Ihr Atem stockte und ihre Lippen öffneten sich, schlossen sich aber gleich wieder.
Orpheus bot ihr all das an, was sie zu hoffen gewagt hatte.
Und jetzt war es ihr zu viel. Sie hatte nicht erwartet, dass er nach tagelanger Distanzsuche auf sie zukommen würde mit der Bitte, Zeit zu verbringen; wenn überhaupt, dann hatte sie damit gerechnet, dass er sich gleich wieder in sein Arbeitszimmer verkriechen wollte, sobald er ihrer Bitte entgegengekommen war. Zum ersten Mal in diesem Gespräch war sie nicht Herr über ihre Sprache und starrte ihn nur an, als eröffne er ihr gerade, Heofader höchstpersönlich besuchen zu gehen. Dabei war es doch genau das, was sie gewollt hatte und das größte Geschenk, das man ihr machen konnte. Wie töricht von ihr, auch nur daran zu denken, sich wie er am liebsten in ihre Gemächer zurückzuziehen und ihre Pflichten auszublenden.
Ein Blick an Orpheus vorbei bestätigte der Prinzessin, dass ihre zwei Gesellschafterinnen noch immer im Hintergrund standen und Aanyas sanftes Nicken stupste sie an, sich wieder ihrem Gesprächspartner zuzuwenden. Das Lächeln, was sie ihm schenkte, war weder Lüge noch Wahrheit, doch galt es ganz ihm. „Was für eine wunderbare Idee. Und bitte lasst dies auf Gegenseitigkeit beruhen. Ich bin mir sicher, Ihr möchtet mich genauso kennenlernen, wie ich neugierig über Eure Reisen und Erfahrungen bin.“ Es war ein Anfang und öffnete ihnen Tore, über die Naila erleichtert sein müsste. Bewusst verdrängte sie den kleinen Stein im Magen, während sie sich an die Dienerschaft richtete, sie bat, den Fliederstoff, die Lilien und die Drillingsblumen für die Hochzeitsdekoration zur Seite zu legen und anschließend den Tisch umrundete. Ein Blick durch ihre Wimpern ließ sie Mut fassen und den Arm ihres Verlobten annehmen. Sie konnte nur hoffen, dass er ihr Herz nicht klopfen hörte, während sie durch den Torbogen in Richtung der Palastgärten schritten.
Szenenende
