01-06-2024, 05:18 - Wörter:

Normalerweise hatte Devan sich innerhalb der Palastmauern nicht mit solchen Charakteren herumzuschlagen. Seine Interaktion beschränkte sich häufig auf die anderen Gardisten, wenn sie ihre Waffen ablegten und sich über die Kleinigkeiten ihres privaten Lebens austauschten, miteinander witzelten, von ihren Beobachtungen erzählten und den einen Gardisten mit seiner Schwärmerei aufzogen. Manchmal, wenn sie sich unbeobachtet fühlten, obwohl sie doch die Beobachter waren, kam es zum Austausch mit der anderen Dienerschaft. So hatte er auch Amira kennen gelernt; es war ein leichtherziger Spruch von seinen Lippen gewesen, als sie sich in einen der Innenhöfe zurückgezogen hatte. Um sie aufzumuntern, behauptete er heute, oder abzulenken, vielleicht auch beides. Ein Lachen später hatte er ihren Namen erfahren und seinen mit ihr geteilt, und er hatte begonnen, in seiner Schicht nach ihr Ausschau zu halten. Damals schon hatte sie es verstanden, mit ihrem Körper Zeichen zu setzen, die in dem anderen ein Wohlgefühl auslösten, ein zu Hause ankommen, wenn man es so wollte. Und auch jetzt setzte sie ihre Signale so bedacht, dass Tarik sich ihr gegenüber nicht in eine Verteidigungshaltung begeben musste; wenn, dann wollte er sich vor Devan rechtfertigen, nicht vor ihr. Es brauchte keine Worte mehr, nachdem sie ihre gesprochen hatte, weil es sich für einen Gardisten auch nicht gehörte, im Beisein von Gästen öfter die Stimme zu erheben als nötig. Stattdessen verstand er Amiras Worte als Absicherung, weshalb er sich zwei Schritte von ihr entfernte und sich tief verbeugte. Er verstand. Deswegen war er auf ihrem Weg zu Tariks Gemächern der lange Schatten, der sich in gesundem Abstand an ihre Fersen heftete.
In gesundem Vertrauen auf Amiras Kommunikationsfähigkeiten schritt er nicht ein, als Tarik sich noch einmal mit einem Angebot an sie wandte, sondern begnügte sich damit, seinen Schatten im Fackellicht tanzen zu lassen, um seine Anwesenheit zu unterstreichen. Manchmal genügte die Abwesenheit einer Aktion, um andere zu einer Reaktion zu bewegen, und Tarik beließ es bei dem Angebot, ehe er – lauter als notwendig – die Tür hinter sich zufallen ließ. „Hier“, löste sich Devan von der Wand, als wäre er bis eben noch ein Teil davon gewesen. Nur ein namenloser Gardist, bis Amira ihm einen Namen gab. Eine frische Wachheit lag in seinem Blick, als er in den Lichtkegel der Fackel trat und mit jedem Schritt immer persönlichere Züge annahm. Ein Lächeln lag auf seinen Lippen, aber das konnte sie nicht sehen. „Ich muss den Hof patrouillieren. Vielleicht leistet Ihr mir ein wenig Gesellschaft, bevor Ihr zu der Versammlung zurückkehrt?“ Das war eine offensichtliche Lüge, hatte er doch vorhin nur im Innenhof gestanden. Aber wer achtete schon darauf, ob ein namenloser Gardist ein wenig aus der Reihe tanzte, wenn sich eh kaum jemand draußen aufhielt. Untereinander deckten sich die Gardisten oft – zum Beispiel, wenn ein bestimmter Kollege Zeit mit einer dienenden Küchensklavin verbringen und ihren Weg abpassen wollte.
Man merkte Devan an, dass er seine Pflicht zwar ernst nahm, aber nicht so stoisch war wie andere Gardisten, deren Blick starr geradeaus gerichtet war. Trotz eines geraden Rückens und präsentierter Brust wirkte sein Gang gelassen, fast sprungleicht, während er seinen Speer locker in der rechten Hand hielt und man fast meinen könnte, er würde ihn gleich über den Boden schleifen. Er wartete auch nicht lange, bis er das Wort an sie richtete; laut genug, um trotz des Stoffes vor Mund und Nase gut hörbar zu sein. „Es gehört zu meinen Aufgaben, die Gäste und Bewohner des Palastes zu schützen, wisst Ihr. Ihr müsst mir nicht dafür danken, dass ich meine Arbeit erledige.“ Es waren locker gesprochene Worte ohne Anschuldigung, mehr ein Gespächsaufhänger als eine Klarstellung. Ohne wirklich den Weg vorzugeben, bewegte er sich doch in eine Richtung und führte Amira in gemütlichem Schritt durch den Flur zum nächsten Innenhof, der zu dieser Stunde überhaupt keine Gäste aufwies und dennoch genauso beleuchtet wurde wie der vorherige. In der Schrittgeschwindigkeit war es ein leichtes, sich zu seiner Begleitung zu beugen, ohne den Blick von seinem Pfad abzuwenden. „Aber ein bisschen neugierig bin ich schon. Wie haltet Ihr es in solcher Gesellschaft aus?“, senkte er seine Stimme zu einem Raunen, als rechnete er mit aufmerksamen Ohren in den Schatten. „Es ist nicht das erste Mal, dass ich Euch so beherrscht gesehen habe. Würde jemand mich so anfassen, wäre er vermutlich seine Hand los.“ Die Worte waren vielleicht mit einem gewissen Amusement gesprochen, aber Amira kannte ihn und seinen Humor lange genug, um zu wissen, dass er nur halb scherzte. Vermutlich waren sie alle besser beraten, dass Devan weiter seine Aufgaben als Gardist erfüllte und Amira in ihrer Position als Gesellschafterin aufging.
