10-06-2024, 15:47 - Wörter:

Ehrlich gesagt hatte sie es nicht mehr ausgehalten. Jeden Tag fühlte sie sich aufs Neue, als würde sie die wenige, kostbare Zeit in ihrer Heimat vergeuden, wenn sie in ihren Gemächern blieb und nicht jedes Detail ihrer geliebten Gärten aufsog wie die trockenen Steppen das seltene Regenwasser. Es war ihr auch ein leichtes, in den Schatten ihres Schlafgemachs an die wohlriechenden Düfte erinnert zu werden, die auf ihrer Haut mittlerweile eine Gänsehaut auslösten, denn diese Düfte hatten sich in den königlichen Gemächern des Königs festgesetzt und ebenso in ihrer Kleidung, wenn sie ihrem Vater einen Besuch abstattete. Langsam, doch stetig schlug ihr Blick nach oben, über die Pflanzen hinweg dorthin, wo eine Palme den Blick auf den großen, ausladenden Balkon verbarg. Ob ihr Vater wieder rauchte? Ob sein Verstand überhaupt klar genug war, dass er ihr zuwinken könnte, wenn er an seinem Fenster stehen würde?
Vermutlich hätte Naila den Neuankömmling selbst nicht bemerkt hinter all den Farnen und neben dem Plätschern des Brunnens, auf dessen Sims sie sich niedergelassen hatte. Die langen, schwarzen Haare zu zwei schlichten Zöpfen gebunden und gekleidet in einen Zweiteiler aus Silber-Ornamenten und einem fliederfarbenen Satinrock hatte sie nicht erwartet, dass sie heute noch jemand anderen außerhalb ihrer Familie antreffen würde. Das transparente Tuch, das ihre nackten Arme und ihre Taille verdecken sollte, hatte sie der Erfrischung wegen neben sich auf den warmen Stein gelegt. Es überraschte sie, Ismeth zu sehen, wie er - ohne scheinbar eine Ahnung zu haben - auf sie zu schlenderte und erst ein paar Meter vor ihr seinen Blick auf sie richtete. Ebenso erstaunt, wie Naila feststellte; in halbem Recht, denn sie hatte sich nicht anderweitig bemerkbar gemacht. Auf seine Verbeugung speiste ein sanftes, dezentes Lächeln ihre Lippen, perfektioniert in einer Vollkommenheit, wie sie vermutlich nur den Prinzessinnen dieses Landes innewohnte. Auch sie ließ sich nichts von ihrer inneren Unruhe anmerken, griff aber doch nach dem Stoff neben sich auf dem Stein, um ihn sich um die Schultern zu legen. “Nicht doch, Ihr stört nicht.” Naila war es gewöhnt, Menschen mit Halbwahrheiten abzuspeisen, um sie nicht in Verlegenheit zu bringen. Genau genommen gehörte es sich nicht, dass Mann und Prinzessin allein miteinander sprachen, ohne die Sicherheit einer Gouvernante oder dritten Person. Da dies die privaten Gärten der königlichen Familie waren, ließ sich Naila keine Schuld zusprechen, dass dieses Aufeinandertreffen so überhaupt stattfand - zwei wandernde Seelen, die ihrergleichen Ablenkung oder Beistand suchten. Etwas sagte ihr, dass Ismeth sich ebenso verloren hatte wie sie selbst, auch wenn er schon wieder drauf und dran war, sich von ihr zu entfernen. Sie kannten sich nicht sonderlich gut, doch besser, als sie sich zugestehen würden, und Naila konnte ehrlich gesagt ein wenig Ablenkung gut gebrauchen. Und wenn es nur ihr gegenseitiges Schweigen war, was sie davon abhielt, ihre Gedanken in die Zukunft schweifen zu lassen. “Dieser kleine Platz ist groß genug für Zwei”, deutete sie mit einer ausgelassenen Geste auf diese kleine Oase inmitten des Gartens, gelegt aus Stein, der vor einer Stunde noch die Sonne geküsst hatte. Neben dem Brunnen war außerdem eine Bank im Schatten der Palmen aufgestellt worden. “Wenn Ihr möchtet, könnt Ihr mir auch ein wenig Gesellschaft leisten.” Es war keine Aufforderung, mit ihr Zeit zu verbringen - Naila war nicht die Person, die Forderungen an einen Mann stellte. Wenn er sich entschied, hier zu bleiben, dann aus vollkommen freien Stücken und nicht etwa, weil sie ihn darum bat. Im Falle einer Zustimmung würde sie die Sklavin in ihrem Rücken bitten, Erfrischungen zu holen und ihre Gouvernante zu benachrichtigen, wohl im Wissen darüber, dass sie hier im Palast nie unbeobachtet sein würde. Ganz gleich, wie versteckt die aufmerksamen Augen auch sein mochten.
