14-06-2024, 04:42 - Wörter:

Ob das schlechte Gewissen gerechtfertigt war, wenn sie wieder einmal vor Augen geführt bekam, wie nah Ilyas dem Vater kam, den sie sich immer gewünscht hatte?
Seine dunkle Stimme hatte für sie etwas Sanftes an sich, das ihre Nerven beruhigte und einen angenehmen Gleichstrom in ihrem Kopf erzeugte, immer ein wenig zu sehr dazu geneigt, seinen Worten einfach Recht zu geben, ohne sie innerlich zu zerlegen. In Zustimmung summend, spürte sie das Lächeln zu ihrer Seite und merkte, wie sie sich der Wärme in seinen Worten entgegen lehnte. Dummes, dummes Kind, das immer noch den Geschichtenerzähler in Erinnerung hatte anstatt des Adjutanten, der sie aus rein politischen Gründen begleitete.
“Danke”, antwortete sie ehrlich und nun war Naila es, die ihren Kopf leicht neigte und Ilyas ein leichtes Lächeln schenkte. Es erreichte kaum ihre Augen hinsichtlich der Umstände, die sie besprachen, doch war da eine unverkennbare Wärme, die in ihrem Blick sprenkelte. Sie war ihm wirklich dankbar dafür, dass er ihr solche Versprechungen machte, aber noch mehr, dass er ehrlich seine Gedanken mit ihr teilte. Von ihm konnte sie erwarten, mit Informationen versorgt zu werden, hatte er ihr gegenüber doch nie etwas anderes getan. Es war lediglich neu, dass sie sich über Politik unterhielten und nicht über den Schatz an Forschungsarbeiten im Besitz des Adjutanten.
Ihr Schweigen setzte sich und schien auf Ilyas überzuspringen, ob er nun eine künstlerische Pause einlegte oder tatsächlich um Worte rang. Mit jedem verstreichenden Herzschlag wurde sich Naila ihrer Frage und der potentiellen Unmöglichkeit einer Antwort bewusster, doch statt sie wieder zurückzunehmen, senkte sich nur ihr Blick auf ihre Hände, die den kleinen Splitter mittlerweile mutwillig durch die Haut trieben, bis sie ihn als unangenehm empfand. Besser? Warum sollte es ihrem Volk dort in Castandor besser gehen? Was hieß denn schon besser, wenn man von einer Katastrophe in die nächste geladen wurde? Ilyas gab ihr nur recht mit seinen Worten, die wieder einmal das Bild einer gebeutelten Gesellschaft aufmalten, die Prinzessin selbst der Grund und das Epizentrum der Veränderung eines ganzen Volkes. Nicht, dass es in ihrer Entscheidungsgewalt liegen würde; auch sie beugte sich den Umständen und formte ihre eigene Zukunft um das, womit die Welt sie zu erdrücken versuchte.
“...ich verstehe, warum sich manch König gezwungen fühlt, einen Krieg anzufangen”, brach sie schließlich ihr eigenes Schweigen. “Aber warum muss unsere Bevölkerung dafür leiden? Es ist nicht unser Krieg, in den wir unser Volk schicken.” Vielleicht würde er zu Nailas Krieg werden, den Launen eines Königs geschuldet, in dessen Familie sie heiratete. Doch Ilyas beschrieb es so treffend: Die Überschneidung zweier Katastrophen war denkbar ungünstig und verstärkte doch nur die Unruhen im Lande, mit denen ihre Familie zu kämpfen hatte. Warum schlossen sie überhaupt dieses Bündnis, wenn nicht, um sich die Unterstützung des Großkönigs in ihrer Situation zu erhoffen? Stattdessen unterstützte ihre Familie nun das Königsland mit wehrfähigen Männern, die von ihren eigenen Familien getrennt wurden. Es war nicht ihr Krieg, den sie doch auskämpfen mussten.
