20-06-2024, 21:58 - Wörter:

Ishcateslieve war eine nette Gebirgsstadt, nicht zu groß und nicht zu klein, genau richtig, um nicht gleich aufzufallen und doch einen gewissen Überblick zu behalten. Marek hatte sich gegen Mittag zu der Stadt aufgemacht, seine Laute mitgenommen, um zu sehen, was es heute so zu holen gab. Er schlenderte über den Markt, musterte scheinbar interessiert die Auslagen, sein wirkliches Interesse galt allerdings den Menschen, die den Markt besuchten. Sein geübter Blick hatte schnell erfasst, wer einen prall gefüllten Beutel hatte und wer seine Münzen mühsam zusammenkratzte, um etwas zu essen zu kaufen. Diese armen Schlucker waren tabu für ihn, denn er konnte durchaus davon erzählen, was es hieß, Hunger zu haben.
Nachdem er sich einen Überblick verschafft hatte, suchte Marek sich ein Plätzchen etwas abseits, legte seinen Hut auf den Boden und begann ein Lied zu spielen. Dabei blickte er scheinbar verträumt in die Gegend, was allerdings nur Täuschung war. In Wahrheit hatte er bereits genau im Blick, wen er um ein paar Münzen erleichtern würde. Sein Lautenspiel gefiel dem einen oder anderen wohl ganz gut, denn ein paar Münzen landeten im Hut und er bedankte sich höflich.
Eine junge rothaarige Frau blieb vor ihm stehen und hörte ein paar Momente zu, bevor sie ihm ebenfalls eine Münze in den Hut warf. Marek lächelte sie an und nickte, bevor sie weiterlief. Als er das Stück beendet hatte, hob er den Hut auf, steckte die Münzen ein und schlenderte betont langsam erneut über den Markt, scheinbar ohne ein bestimmtes Ziel zu haben. Doch er hatte sein Opfer bereits seit längerem beobachtet, eine ältere, rundliche Frau, die an mehreren Ständen schon eingekauft hatte. Der prall gefüllte Münzbeutel war nicht zu übersehen gewesen.
Soeben blieb sie bei einem Kräuterstand stehen, studierte die Auslage und unterhielt sich mit dem Verkäufer. Die Frau war derart abgelenkt, sodass es für Marek ein leichtes war, an den Gürtel zu greifen und den Beutel abzuschneiden. Er hatte dafür immer ein kleines Messer im Ärmel seiner Jacke stecken. Eine schnelle Bewegung und der Beutel wechselte den Besitzer. Ohne innezuhalten, setzte er seinen Weg fort, verließ den Marktplatz und wandte sich dem Weg, der aus der Stadt herausführte, zu. Ein kleines Lied pfeifend hatte Marek keine Ahnung, dass er beobachtet worden war.
Marek hatte den Wald bereits erreicht, als er hinter sich eine Stimme vernahm, die er zuerst ignorierte. Doch sie rief weiter und schien näher zu kommen, sodass er sich schließlich umdrehte und stehen blieb. Die hübsche Rothaarige kam ihm hinterhergerannt und konfrontierte ihn schließlich mit dem Diebstahl. Er hob die Augenbrauen, als Ana ihre Anschuldigungen vorbrachte, doch statt sich zu rechtfertigen oder den Beutel zurückzugeben, schlich sich ein amüsiertes Lächeln auf seine Lippen.
"Ach, meine Dame", begann er mit einem charmanten Unterton, "ich glaube, Ihr irrt euch da gewaltig. Ich bin lediglich ein einfacher Musiker, der versucht, sein Brot zu verdienen." Er machte eine theatralische Geste und verbeugte sich leicht. "Doch ich muss sagen, ich bin entzückt von Eurer Entschlossenheit und Eurem Mut, mir hierher zu folgen." Marek warf einen bedeutsamen Blick in die Umgebung, immerhin befanden sie sich bereits mitten im Wald und keine Menschenseele war zu sehen.
Er ließ seine Laute sacht erklingen, als ob er die Situation nur wenig ernst nahm. "Ich danke Euch von Herzen für die Münze, die Ihr mir vorhin gegeben habt. Sie war sehr großzügig von Euch. Wirklich."
Marek trat einen Schritt zurück und sein Lächeln wurde breiter. "Nun, wenn ihr mich entschuldigen würdet, ich habe noch einiges zu tun. Man muss schließlich immer auf der Suche nach der nächsten Melodie sein, nicht wahr?"
Er verbeugte sich leicht, zwinkerte Ana zu und drehte sich ohne ein weiteres Wort um. Er schulterte das Instrument, und setzte seinen Weg fort, als sei nichts geschehen.
