16-07-2024, 06:35 - Wörter:

“Könntest du draußen nach Tee schicken lassen?”, griff sie den Vorschlag dankbar auf und linste über ihre Schulter, wobei sie den Blick von Imani suchte. “Ich möchte jetzt ungern allein sein.” Ihrer Stimme wohnte die Aufforderung einer Frau inne, die sich daran gewöhnt hatte, Befehle zu erteilen, aber von Schwester zu Schwester schwang eine Bitte mit, die sie angreifbar und unsicher machte. Naila hatte nie den Gedanken aufkommen lassen, sich vor Imani zu verstecken und in eine Maske zu schlüpfen, auf dass sie die junge Frau wie jeden anderen auch mit einem Schleier aus Perfektion und Erhabenheit abspeiste, nein. Es war schon immer Imani gewesen, welche die Prinzessin besser kannte als ihren eigenen Schatten.
In einem Versuch, ihre Schultern zu entspannen, atmete Naila hörbar durch Mund und Nase aus, mittlerweile in ihr bodenlanges Seidenhemd gekleidet, als sie die Schritte wieder näherkommen hörte. Der Zweiteiler des Gewandes lag ordentlich drapiert auf dem Raumteiler, ihre Schuhe waren darunter platziert. Es ging für sie fast schon in Routine über, den Weg zum Spiegeltisch einzuschlagen, wobei sie ein kleines Ziehen in der Brust empfand, weil sich der Grundriss des Zimmers doch deutlich von dem in ihrer Heimat unterschied. Die Glieder etwas schwerer als sonst, ließ sie sich auf den Hocker fallen und erwartete von Imani, dass sie ihr die Nadeln und Spangen aus dem hochgesteckten Haar löste. “Ich weiß nicht, Imani. Würdest du an meiner Stelle aufgeregt sein?” Die Frage klang ein wenig angespannter als die vorherige, merkte man doch, dass Nailas sonst so ruhige Fassade mit jeder befreiten Nadel ein Stück weiter von ihr abfiel. Es war keine Ablenkung mehr, die sie brauchte, sondern Zuspruch. Vielleicht fühlte es sich leichter auf ihren Schultern an, wenn sie merkte, wie aufgeregt Imani selbst war oder sein würde, wenn sie in ihren Schuhen steckte. Was Naila brauchte war keine Ablenkung und kein Zuspruch von Freunden. Sie brauchte das Gefühl, nicht alleine in dem Ganzen zu stehen und jemanden zu haben, der sie verstand, der wusste, dass das nicht nur irgendeine Hochzeit für sie. Jemand, der sich genauso wohl in den Schatten fühlte wie sie selbst und der wusste, wie schwierig es für Naila war, in der ganzen Aufmerksamkeit zu stehen und nicht darin unterzugehen. Sie war keine Rajani, die gerne in der Aufmerksamkeit schwamm und sich darin gehen ließ - es strengte sie an und zog ihr Energie. So sehr sie ihre Anspannung auch mit einem Lächeln zu verbergen wusste, pflichtbewusst, wie sie war, so oft fühlte sie sich doch Imani zugehörig, auf der nie die Aufmerksamkeit lag. Manchmal, da fragte sie sich, wie sie sich ihr Leben zurechtlegen würde, wenn sie anstelle der Leibdienerin im Schatten ihrer Herrin stand. Wäre sie an Imanis Stelle aufgeregt, wenn ihre Herrin sie fragen würde?
