28-08-2024, 19:49 - Wörter:

Ana hatte keinen speziellen Grund für ihre Frage genannt, und Gareth nickte nachdenklich. Vielleicht lag es daran, dass der Zeitpunkt, an dem er in Ceridwens Schoß zurückkehren sollte, wie es die Hohepriesterin ihm seit seiner Kindheit prophezeit hatte, immer näher rückte. Je älter er wurde, desto mehr drängte dieser Moment in sein Bewusstsein und auch in das seiner Ziehgeschwister. Sie hatten von Anfang an gewusst, dass Gareth eines Tages die Familie Henaghen verlassen und zurückkehren würde.
„Manchmal vermisse ich es tatsächlich“, gestand der blonde junge Mann. „Besonders, wenn meine Mutter zu Besuch ist. Dann sehne ich mich danach, mit ihr zu gehen und an den Ort zurückzukehren, an dem meine Wurzeln liegen. Aber wenn sie wieder weg ist, bin ich mir nicht mehr so sicher, ob ich diesen Schritt wirklich machen möchte.“
Gareth nahm die Flasche zurück und betrachtete die Prinzessin erstaunt. Ihre Worte überraschten ihn, und er hörte ihr schweigend zu, als sie Fragen stellte, die er noch nie von der Rothaarigen gehört hatte. Ana war für ihn immer die Brave gewesen, die sich in die Rolle fügte, die die Gesellschaft ihr als Frau auferlegte. Muirín war die Aufmüpfige, die sich nicht an Regeln zu halten schien. Doch Gareth erlebte Ana jetzt auf eine völlig neue Weise, und es berührte ihn, wie stark sie sich in ihrer Rolle gefangen fühlte.
„Du hast recht“, sagte er nachdenklich und begann, mit einem Stock in der Glut zu stochern. Dann sah er Ana erneut an und bemerkte die Entschlossenheit in ihren Augen, gemischt mit einem Hauch von Frustration. „Oft wird uns gesagt, was wir tun sollen, was angemessen ist und was nicht—besonders den Frauen. Aber das Leben besteht nicht nur aus Regeln und Pflichten. Es sollte auch entdeckt und gelebt werden. Ein bisschen Rebellion kann manchmal genau das sein, was man braucht. Also, wenn du noch einen zweiten Pudding essen willst, dann tu es. Wenn du in eine Taverne gehen möchtest, such dir jemanden, der mit dir kommt. Wenn du jemanden küssen willst, dann mach es.“
Gareth lächelte die Prinzessin an, und es schien ihm, als ob die Temperatur in der Hütte um einige Grad gestiegen wäre. „Ich verstehe, wie es ist, sich gefangen zu fühlen, als ob man keinen eigenen Willen hätte. Oft fühle ich mich wie ein Spielball der Hohepriesterin, die mich nach ihrem Gutdünken formen und lenken kann. Dabei versuche ich, mich selbst nicht zu verlieren, sondern meinen eigenen Weg zu finden. Das kannst du auch, Ana. Du bist stärker, als du glaubst. Du musst nicht alles tun, was von dir verlangt wird, aber sei dir auch der Konsequenzen bewusst.“
Der Sohn der Hohepriesterin beugte sich zu der Rothaarigen, strich ihr die verirrte Strähne aus dem Gesicht und fügte schmunzelnd hinzu: „Wenn du möchtest, nehme ich dich in eine Taverne mit. Und ich würde dich auch küssen, wenn du das willst. Wir haben bereits zusammen Alkohol getrunken, also ist schon eines der Dinge auf deiner Liste erledigt.“
