30-09-2024, 20:21 - Wörter:

Ihre Fähigkeit, mit scharfen Worten zu kontern und Situationen rasch zu erfassen, ließ ihn sich oft langsam und unbeholfen fühlen – eine Qual für jemanden, der sein Leben auf körperliche Stärke und Reflexe aufgebaut hatte. Wenn es um Kämpfe mit dem Schwert ging, wusste er, was zu tun war. Aber im Kampf der Köpfe, vor allem gegen Elaine, schien er immer ein paar Schritte zu spät zu kommen.
Erst, als er endlich fähig war, einen klaren Gedanken zu fassen, begann er zu begreifen, dass die Frau, die ihm in dieser schmutzigen Gasse gegenüberstand, tatsächlich seine totgeglaubte Ehefrau war – kein Geist, kein Trugbild seines alkoholgetränkten Verstandes. Die Erkenntnis, dass Elaine lebte, löste eine Welle der Erleichterung in ihm aus, die er nicht erklären konnte. Und doch spürte er sofort die alte Anziehungskraft, so stark wie damals. Ein Teil von ihm war bereit, ihr alles zu vergeben, einfach nur, damit sie wieder bei ihm war. Seine Liebe zu ihr war unverändert tief. Ein einziges Wort der Reue, ein Zeichen, dass ihre Liebe echt gewesen war, und er hätte alles andere vergessen.
Und genau diese Erkenntnis erschütterte Godwyn mehr als die Tatsache, dass sie wie durch ein Wunder den Brand im Gefängnis überlebt hatte und nun vor ihm stand. Denn das durfte nicht sein. Sie hatte ihm mehr als nur das Herz gebrochen. Er hatte ihr alles gegeben – schöne Kleider, Schmuck, ein sorgenfreies Leben. Er hatte sich wegen ihr von seiner Familie distanziert, sie vor allen verteidigt, wenn man ihn vor ihr gewarnt hatte. Und er wäre ohne zu zögern noch weiter gegangen. Hätte sie ihm gesagt, er solle springen, er wäre gesprungen. Denn diese Frau hatte ihm mehr bedeutet als sein eigenes Leben. Bis zu jenem Tag, als ihr Konstrukt aus Lügen wie ein Kartenhaus zusammenbrach.
Vielleicht hätte er ihre Lügen über ihre Vergangenheit verziehen, wenn sie ihm beteuert hätte, dass das alles hinter ihr lag. Aber sie hatte Harold ermordet – und das war unverzeihlich. Natürlich hatte sie auf Notwehr plädiert, und ein Teil von ihm wollte das glauben. Doch ein anderer Teil sah darin nur den Höhepunkt eines ausgeklügelten Plans, in dem sie sich bei den Wakefields eingeschlichen hatte, um sie zu zerstören. Genau das, wovor ihn seine Familie gewarnt hatte.
Godwyn stand vor Elaine, unfähig, seine Gefühle zu ordnen. Ihre Kälte und ihr Zynismus rissen alte Wunden auf, und das, was ihn am meisten schmerzte, war die Ungewissheit. All die Jahre hatte er sich gefragt, was zwischen ihnen echt gewesen war. Und jetzt, da sie hier vor ihm stand, brachte ihn diese Frage beinahe um den Verstand. Doch da war auch ihre Verzweiflung, die immer wieder durch ihre Maske der Unnahbarkeit blitzte – ein Schmerz, der seinem eigenen in nichts nachstand.
Als sie schwieg, überrascht über sein Geständnis, dass er ihre Hinrichtung verhindert hatte, suchte sie für einen Moment in seinen Augen nach Antworten. Godwyn spürte, wie seine Brust sich zusammenzog, als ihre Fassade kurz fiel und Verletzlichkeit durchschimmerte. Für einen Moment war er versucht, sie in seine Arme zu ziehen. Schon hob sich sein Arm, fast von alleine, doch Elaine wich zurück, und im nächsten Moment stieß sie ihm erneut Dolche ins Herz – scharfe Vorwürfe, dass er sie nicht vor Gericht verteidigt hatte.
Der Vorwurf traf Godwyn tief. Diese Frage hatte er sich selbst jahrelang gestellt – warum er geschwiegen hatte, warum er nichts getan hatte, um seine geliebte Frau zu retten. Doch die Beweise über ihre wahre Identität, die Lügen, die sie aufgebaut hatte, hatten ihn zu sehr geschockt, um klar denken zu können.
„Das hast du dir selbst zuzuschreiben, Elaine,“ sagte er schließlich, seine Stimme rau und gequält. „Oder wie auch immer du wirklich heißt. Du hast die Lügen gelebt, die du mir erzählt hast. Ich hätte dich niemals ins Gefängnis geschickt, wenn ich eine Wahl gehabt hätte.“ Seine Stimme brach, die Wut und der Schmerz flossen ineinander. „Aber die Beweise waren erdrückend. Alles sprach gegen dich. Der Fürst wollte dich hängen sehen, Elaine. Du hast seinen Sohn, meinen Bruder, getötet. Ich hatte keine andere Möglichkeit.“
Als sie ihm vorwarf, dass er sie den Rest ihres Lebens im Gefängnis leiden lassen wollte, zuckte Godwyn zurück, als hätte sie ihn geschlagen. „Glaubst du wirklich, ich hätte gewollt, dass du leidest?“ Seine Stimme brach erneut, als er sich mit der Hand über die Stirn rieb, wo das getrocknete Blut klebte. „Ich habe dich mehr geliebt als mein eigenes Leben. Und du glaubst, ich wollte, dass es so endet?“ Es fiel ihm schwer, sie so zu sehen – zurückweichend, fast ängstlich. Bilder der Prozesstage drängten sich ihm auf, als sie ihn mit großen, verzweifelten Augen ansah. Augen, die um Gnade flehten, bis er es nicht mehr ertragen konnte, überhaupt hinzusehen.
Godwyn senkte den Blick und schluckte schwer, als die Erinnerungen ihn überwältigten. Der Gedanke, dass alles nur eine Lüge gewesen war, erschien ihm als der einfachste Ausweg. Wenn er das glauben konnte, könnte er sich vielleicht endlich von ihrem Schatten lösen. Doch als er sie damit konfrontierte, war ihre Antwort nicht eindeutig. Statt einfach zuzugeben, dass alles ein Betrug gewesen war, reagierte sie wütend und ehrlich getroffen. Selbst in seinem verwirrten Zustand erkannte er, dass sie nicht die Reaktion zeigte, die er erwartet hatte. Sie hätte ihn in seiner Überzeugung lassen können, aber stattdessen sah er in ihr Schmerz und Verletzlichkeit – etwas, das er nicht mit der Frau verband, die ihm all das angetan hatte.
Er hob erneut den Blick, sein Herz schwer vor Verwirrung. „Wenn alles eine Lüge war…“, begann er leise, seine Stimme brüchig vor den unausgesprochenen Fragen, „warum reagierst du dann so? Was soll das heißen, dass ich "vielleicht" recht habe?“ Er löste sich zögerlich von der Wand, die ihm Schutz gegeben hatte und trat einen Schritt näher, als ob er die Wahrheit in ihrem Gesicht lesen könnte. „Warum kannst du es mir nicht einfach sagen? Sag mir, dass es von Anfang an nur ein geplanter Betrug war, und wir gehen getrennte Wege - für immer.“
Godwyns Augen wanderten über ihr Gesicht, suchten Antworten, die er so lange vermisst hatte. „Heofader, Elaine, ich wollte dir glauben. Ich wollte an uns glauben.“ Er schüttelte den Kopf, als ob er die Erinnerung an seine eigene Naivität abschütteln könnte.„Vielleicht hast du mich benutzt, vielleicht hast du gelogen – aber ich habe immer gehofft, dass wenigstens ein Teil von uns echt war.“ Er fing ihren Blick ein und für einen Moment sahen sie sich nur an. „Ich hätte dich immer geliebt, egal, wer du warst. Aber du hast mir nie die Chance gegeben, dich wirklich zu kennen."
