04-10-2024, 18:39 - Wörter:

Ivars Geduld war längst nicht mehr dort, wo sie mal gewesen war. Sein ohnehin schon kurzer Faden war aufgerollt, seine Gutmütigkeit - wenn man sein Schweigen denn überhaupt als solche bezeichnen konnte -, aufgebraucht, dass das Gesagte von einem Ohr direkt wieder durchs andere hinausging. Statt Stuar loszulassen, wie er es provokant verlangte, schüttelte er ihn nur nochmal, weil er es konnte. Ihn mit einer Hand am Kragen auf genug Abstand schiebend, machte sich eine grobe Hand auf Wanderschaft über die Stellen, wo er sich den größten Erfolg versprach. Hätte sein Gegenüber Titten oder einen wohlgeformten Arsch, hätte er seine Hand allein aus Provokation über die Rundungen fahren lassen, aber so beschränkte er sich nur auf den nötigsten Kontakt und wurde bald schon fündig genau da, wo er gesucht hatte.
Sein Lächeln rutschte ab in ein Grinsen, das keinerlei Nettigkeit mehr zuließ. “Gefunden”, griff er grob den Hosenstoff an Stuars Hüftknochen und malte die Münzen unter der Stofflage aneinander, bis sie klimperten. Ivar quetschte sie durch den in der Hose eingenähten Schlitz - ein mangelhafter Schutz vor Diebstahl, wirklich - und besah sich zufrieden die Handfläche, die um Silber und Bronze schwerer geworden war. “Ich hoffe für dich, dass du schreien kannst.” Im Grunde genommen landete das Geld sogar wieder bei seinem Gegenüber; nur halt in der Faust eingeschlossen, die abermals seine Wange küsste.
Ivar hielt sein Wort. Sein nächster Schlag traf die andere Wange, bevor er die Schulter seines Opfers packte, nur um die Gegenwirkung zu verstärken, als er sein Knie in die Bauchgegend grub und Stuars Körper kaum Zeit ließ, sich vornüber zu beugen. Mit einem weiteren Tritt gegen die Kniekehle sorgte er vollends dafür, dass er zu Boden ging und von da an wurde Ivar kreativ. Tritte in die Seite, gegen den Oberschenkel, die schützenden Arme - er malte ein Bild auf einem Körper, dessen Farben sich erst am nächsten Tag entfalten würden. Für den Jungen machte es vermutlich in diesem Moment keinen Unterschied, ob der Schmerz von folgenden Prellungen ausging oder tatsächlich von gebrochenen Rippen. Dabei ließ Ivar nicht einmal einen Knochen knacken. Er hatte gesagt, er würde ein Schauspiel daraus machen, wenn das Geld stimmte, und dieses Wort hielt er auch.
Abgesehen von dem Stöhnen und dem gelegentlich angestrengten Grunzen des Söldners war es fast ausschließlich ruhig um sie herum. Man nannte das auch die Unfähigkeit, wegzuschauen, während einer der ihren, einer der Geldmachenden sich den Falschen zum Feind gemacht hatte und jetzt den Preis dafür zahlte. Ivar hätte sein persönliches Kunstwerk gerne noch mehr geschmückt, aber die Zeit saß ihm im Nacken und er wusste, dass er zu viel davon verschwendet hatte, diesem Esel zuzuhören. Sprechen konnte der leider immer noch, aber immerhin wusste Ivar mittlerweile, wie er diese nervige Stimme ausblenden konnte, während er endlich seine Faust öffnete und das Silber zählte. Sechs, hm.
Als würde er sich schon gar nicht mehr für Stuar interessieren, wanderte sein Blick kurz über die Zelte und blieb rasch an einem der Schaulustigen hängen, der sich am nächsten an das Schauspiel herangetraut hatte - oder nicht gewusst hatte, wie er am besten floh, ohne die Aufmerksamkeit des Söldners auf sich zu ziehen. Jetzt war es leider zu spät, wie der Junge selbst merkte und angespannt seine Schultern in die Höhe zog. “Du”, reckte Ivar ihm sein Kinn entgegen und stieg über Stuar drüber wie über einen schlafenden Straßenköter. Das Silberstück landete in dem Gras vor den Füßen des Jungen. “Du hast gesehen, wie dein Kollege verprügelt worden ist. Groß, braunes Haar, Königsländer. Einer von der üblen Sorte, mit einer Narbe über der Wange.” Und weil die Zeit drückte, weilte Ivars Blick nicht lange auf dem eingeschüchterten Jungen, oder auf der Frau, die aus einem Zelt heraus lugte, ehe er sich doch wieder zu Stuar in die Hocke begab und eine Silbermünze durch das Blut auf seiner Wange zog. “Wir alle sind doch irgendwie käuflich, nicht wahr? Du im Bett, ich mit meiner Faust.” Ivar ließ die restlichen Bronzemünzen, die er mit aus dem Versteck in der Hose gezogen hatte, vor Stuars Gesicht fallen. “Verrate irgendwem, wer dich aufgesucht hat, und du wirst deine Nächte mit zwei offenen Augen schlafen dürfen.” Ein Lächeln dehnte sich über Ivars trockene, dreckige Lippen, aber ohne seine Augen zu erreichen. Es war nichts weiter als ein geschäftlicher Vertrag, den er hier abschloss, bevor er sich wieder aus der Hocke hob, sich den Schweiß von der Stirn wischte und mit breiten Schritten den Trampelpfad entlang schlenderte, den er gekommen war.
