10-10-2024, 00:25 - Wörter:
Die Natur zu wählen, war für den hochgewachsenen Helias nicht zwangsläufig abwegig. Immerhin wuchs er in ihr auf - und obgleich er schon Jahre besser lebte als der Durchschnitt der Bevölkerung, so war ihm ein weiches Bett und die Wärme einer Decke nicht halb so wichtig wie vielen anderen Menschen. Womöglich war es anfangs noch eine Umstellung, doch mittlerweile vermisste er gar die Kälte und Einfachheit seiner Vergangenheit. Fast schon befürchtete er, dass komfortable Leben könnte ihn zu einem dieser vielen rückgratlosen Adeligen machen. Doch dahingehend unterschied er sich seit jeher von ihnen allen. Klar, es gab auch unter den Adeligen nicht nur jene, die ihre politischen Fähigkeiten einsetzten, sondern auch die Kampfkunst beherrschten. Aber insgesamt bestand doch das Bild, dass Könige nicht ihre eigenen Schlachten schlugen - und obgleich er kein König war, wusste er, dass er nie so werden wollte. Wenngleich er einst ein Wilder war, so hatte er sich doch grundsätzlich an das neue Leben angepasst. Und doch wusste er, dass er nie an all jene heranreichte, die seine Familie darstellten. Allein menschliche Kontakte fielen ihm schwer und was anderen leicht fiel, beispielsweise die Liebe einer Frau zu ergattern, war für ihn eine der größten Herausforderungen. Schüchternheit traf es dann zwar gewiss nicht, aber eine kalte Introvertiertheit, die - mitsamt seines einschüchternden Äußeren - nicht zur Erwiderung gewisser Avancen beitrugen, wenngleich man auch nicht davon sprechen konnte, dass er es jemals aktiv probierte.
Und so war er außerhalb der Stadt, was für einen Adeligen meist schon alles andere als akzeptabel war. Und obwohl er nicht derart in der Öffentlichkeit stand wie sein Ziehbruder, so war der wilde Ziehbruder mit der Augenklappe meist fast eine Art Hauptattraktion, die man zumindest mal zu Gesicht bekommen wollte.
Das Feuer, das ihn in der tiefen Nacht anzog, wärmte nur eine junge Frau, die - verständlicherweise - auf sein Auftauchen aggressiv reagierte. Helias bewahrte sichere Distanz - so sehr, dass er nicht den Impuls hatte, sich sofort zu verteidigen. Womöglich vertraute er auf die Fähigkeit, im Zweifel schneller zu sein. Das Feuer, das die Sicht erhellte, aber nicht zwangsläufig klar machte, gepaart mit dem einen Augenlicht, das er noch hatte, machten die Situation nicht vollends klar, aber klarer. So nahm er war, dass sie nach der Axt griff, die sie in seine Richtung hielt - und er nahm wahr, dass ihr Bein - ihr rechtes Bein - nicht funktionierte. Helias war trainiert darauf, Schwächen zu erkennen. Seine Intention jedoch war keine aggressive.
Er hatte die Hände gehoben, was ihr die Zeit gab, auf jene Geste zu reagieren und ihm die Möglichkeit, sie zu analysieren. Sie war schön, sah jung aus und wirkte doch zugleich nicht wie eine Frau der Frühlingslande, vielmehr wies sie klare Merkmale des Winterlandes auf, was jedoch nichts heißen musste, denn ... wohin würde man den blonden Helias schon einordnen? Er besaß jedoch nicht den Körperbau eines Mannes der Winterlande - er war hochgewachsen, jedoch dünn und fast schon schmal.
Die Reaktion, die Axt zu senken, ließ ihn - parallel dazu - die Hände senken. Zwei Krüppel, ein Lagerfeuer fasste es womöglich gut zusammen. Für ihn war das eine Auge so selbstverständlich geworden, dass er es nicht als Beeinträchtigung sah - sehen wollte. Und doch fassten ihre Worte es perfekt.
Sie bot ihm einen Platz an, den er nutzte. Er ließ sich nieder und musterte sie dabei. Sie hatten eine Distanz zwischen sich, was gut war. Helias hatte das Lagerfeuer bewusst gewählt; er hatte jedoch ohnehin eine Tendenz, gefährliche Situationen aufzusuchen, denn ohne sie wäre das Leben beinah schon langweilig. Für ihn jedenfalls, der in einem sicheren Elfenbeinturm aufwuchs und die Gefahr beinah schon bewusst aufsuchte.
Zugleich erfrischend war, dass sie nicht wusste, wer er war. Keine Knickse, keine Titel oder Anreden. Und doch brachte es ihn immer in Verlegenheit, seinen Namen zu nennen. "Helias", sprach er und musste sich abgewöhnen, in die Förmlichkeit zu verfallen. "Und ... deiner?" Es fiel ihm fast schon schwer, nicht 'Eurer' zu sagen, oder ein MyLady dran zu hängen. Dennoch entgegnete er die freche Art nicht, sie als Mädel oder Weib zu bezeichnen.
