28-10-2024, 23:02 - Wörter:
In jüngeren Jahren hat sie noch oft darauf geachtet, sich nicht allzu sehr zu exponieren wenn es um intellektuelle Gespräche ging. Viele Männer hatten nämlich eine Abneigung gegenüber Frauen, die sich in bestimmte Wissensgebiete vertieften. Vor allem konnten sie den Gedanken nicht ertragen, unter Umständen vielleicht sogar weniger gut informiert zu sein als eine Frau. In ihrem Alter hat sie aber längst jede Rücksicht auf fragile männliche Gemüter aufgegeben. Stavros Castellanos schien auch keiner dieser Männer zu sein. So wie er redete machte er viel mehr den Eindruck als sei es ihm wichtiger was gesagt wird und nicht wer es sagt. Er wirkte wie jemand, für den das konkrete Argument mehr zählte als das Geschlecht oder der soziale Status des Sprechers. "Ich stimme Euch da selbstredend zu und Aristomachos würde es sicher auch. Gemeinschaften entstehen wegen ihres Nutzens für die darin lebenden Menschen. Sie machte eine kurze Pause und holte zu einem Gegenargument aus. "Allerdings gab es sowohl zu Zeiten des Aristomachos als auch in unserer Zeit gewisse radikale Denker, die in Zweifel zogen, dass wirklich alle Menschen einen Nutzen davon haben, wie die menschliche Gemeinschaft eingerichtet ist. So manch einer sagt, dass der Adel einen viel größeren Nutzen davon hat als etwa die Bauern, die Handwerker oder die Kaufleute. Allerdings waren diese Denker ziemlich randständig und es war kaum vorstellbar, dass ihre Vorstellungen irgendwann einmal in die Tat umgesetzt würden, von daher konnte man es sich ohne weiteres erlauben, ihren Gedanken einen gewissen Reiz zuzugestehen und vielleicht sogar ein wenig advocatus diaboli zu spielen. " Ich finde es zuweilen höchst interessant, mich auch in eine Gedankenwelt hineinzuversetzen, die der meinen völlig entgegengesetzt ist. Die Menschen in Farynn würden ihr Land und ihre Geschichte sicher völlig anders beurteilen als wir es hier tun. Sie würden sich wahrscheinlich weder als sture Verweigerer des Fortschritts sehen noch unser Verständnis von Fortschritt überhaupt anerkennen. Ihr Land mag ihnen erscheinen als eines, das, aus ihrer Sicht, die Fehlentwicklung der anderen Länder aus Gründen nicht gemacht hat, die ihnen selbst vermutlich völlig einsichtig sind. Wie Ihr schon sagtet, die Kultur und die Traditionen Farynns scheinen den Menschen dort so großen Nutzen zu bringen, dass Sie eine Änderung nicht in Betracht ziehen. Da sie selbst Farynn nur aus der Literatur kennt und es nie mit eigenen Augen gesehen hat, lässt sie sich aber nicht zu weitergehenden Spekulationen hinreißen. Es muss in jedem Fall höchst faszinierend sein, ein so fremdes Land selbst zu erleben.
