17-11-2024, 10:24 - Wörter:

„Das klingt... beeindruckend. Hast du damit die Träume deiner Jugend erfüllt?“, seine Stimme war warm, fast ehrfürchtig, als er die Frage stellte, bevor sein Blick in die Ferne glitt.
Die Straße vor ihnen lag zunehmend in Schatten, die Dämmerung hatte das Hafenviertel längst verschluckt. Das violette Blau der hereinbrechenden Nacht flutete das Hafenbecken wie eine Flutwelle aus Tinte. Die Schiffe auf den sanften, aber unbarmherzigen Wellen wirkten wie schlafende Giganten, herrenlose Bestien, die auf den Ruf zum Erwachen warteten. Nur in wenigen brannten noch Öllampen, deren schwaches, flackerndes Licht wie einsame Sterne in einer endlosen Dunkelheit schwebte. Ihre Frage, mit der er hätte rechnen müssen, ließ das Lächeln auf seinen Lippen verblassen, bis es nur noch ein Hauch war. Langsam löste er den Blick von den Schiffen, den Wellen, die so unermüdlich gegen die Kaimauer schlugen, und richtete ihn wieder auf die zierliche Gestalt an seiner Seite.
„Ich habe mich zum Ritter ausbilden lassen.“, begann er, seine Stimme ruhig, doch in ihr schwang ein leiser Anklang von Bitterkeit mit. Sein Blick glitt erneut in die Ferne, wo sich der Horizont wie eine unsichtbare Grenze spannte, ein Versprechen und eine Mahnung zugleich. Es war ein Horizont, den er nie überschritten hatte, ein fernes Irgendwo, das immer nur ein Traum geblieben war.
„Doch das Schicksal... hatte andere Pläne.“, seine Worte wurden schwerer, seine Augen dunkler. „Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände war ich gezwungen, meine Heimat zu verlassen. Meinen Status. Alles, was ich war.“, er hielt kurz inne, als würde die Erinnerung selbst ihm die Luft abschnüren. „Seitdem lebe ich als Söldner.“
Die Ausbildung, die er einst als stolzer Knappe begonnen hatte, war sein Fluch und sein Segen geworden. Sie öffnete Türen – und versperrte zugleich den Weg zurück. Er war ein Mann, der für seine Fähigkeiten geschätzt, aber niemals geliebt wurde. Ein Fremder in jedem Land, ein Werkzeug in den Händen derer, die es sich leisten konnten.
Einen Moment lang hielt er inne, fast als würde er überlegen, ob er weitersprechen sollte. Schließlich hob er den Kopf, und seine Stimme nahm einen drängenderen Ton an: „Ist dir zufällig Leander in Farynn begegnet?“ die Frage hing schwer in der Luft, fast wie eine Beschwörung. „Ich suche ihn.“
Hinter der scheinbaren Ruhe in seinen Worten brodelte etwas Dunkles, ein nicht ausgesprochenes Wissen, ein Schmerz, der tief in ihm wühlte. Leanders Name war wie ein Schatten, der über ihnen schwebte. Wusste Caragh von dem Mord? Von dem Verbrechen, das Leander vor Jahren begangen hatte? Dem Verbrechen, das ihre Familie in Schande gestürzt und Remus’ Leben aus den Fugen gerissen hatte?
