24-11-2024, 01:02 - Wörter:
I am not the only traveler
who has not repaid his debt

Caeus wartete, suchte unbewusst nach etwas – einer Nuance, einem Unterton, der ihn störte. Etwas, das diesem Wiedersehen den bitteren Beigeschmack geben würde, den er zu erwarten meinte. Aber da war nichts. Kein Gift, keine unterschwellige Abscheu. Nur sie, Vanja, mit all dem Stolz und der Eleganz, die sie schon damals besessen hatte. Er war kein verliebter Narr mehr, längst nicht. Und doch – er leugnete nicht, dass ihm einmal etwas an ihr gelegen hatte. Etwas Tiefes, beinahe Unerträgliches. Er erinnerte sich an die Nächte, die sie geteilt hatten – die tiefe, allumfassende Hingabe, mit der sie sich ihm geschenkt hatte. Auf jede nur erdenkliche Weise.
Caeus musterte sie jetzt, ihr Gesicht ein wenig härter, ein wenig gezeichneter, aber immer noch Vanja. Und während die Jahre ihre Spuren auf ihm hinterlassen hatten, fragte er sich, ob sie dasselbe dachte. Ob sie ihn jetzt ansah und den Mann suchte, der er damals gewesen war – und ob sie fand, was sie erwartete.
Ihre Stimme war ein vertrauter Klang, tief und klar, und ließ einen seiner Mundwinkel in die Höhe zucken – eine Geste, die halb Belustigung, halb Erinnerung war. Ohne zu zögern ließ er sich neben sie auf die Bank gleiten, so selbstverständlich, als lägen all die Jahre nicht zwischen ihnen. Die Wachen, die sich wie Schatten um sie geschart hatten, musterte er mit einem flüchtigen Seitenblick, doch er ignorierte ihre Präsenz mit kühler Gleichgültigkeit. Sie traten zurück, auf ein Zeichen ihrer Herrin, das kaum mehr war als ein leichtes Neigen ihrer Finger. Wie Hunde, die darauf trainiert waren, den Willen ihrer Meisterin zu verstehen, ohne dass Worte notwendig waren.
„Nun, ich bin ebenso überrascht.“, seine Worte waren ruhig, beinahe beiläufig, doch ein Schatten von Belustigung schwang darin mit. Vielleicht erinnerte er sich noch vage daran, dass sie einst in das Sommerland verheiratet worden war – eine vorteilhafte Verbindung, wie sie es ihm damals erklärt hatte, mit der kühlen Selbstsicherheit einer Frau, die ihr eigenes Schicksal zu lenken wusste. „Und ich weiß ja, dass du einen Faible für sonderbare Etablissements und... verschiedene Menschen hast – aber...“, seine Worte brachen ab, als sein Blick einer anderen Frau folgte, die mit anmutigen Schritten an ihrem Tisch vorbeiging. Sie war jung, mit der sonnengeküssten Haut und den mandelförmigen Augen, die so typisch für die Frauen des Sommerlandes waren. Eine Schwäche, die er sich schon vor langer Zeit eingestanden hatte.
Vielleicht erinnerte er sich aber auch noch an das Temperament der blonden Frau – ein loderndes Feuer, das selbst in den stillsten Momenten spürbar war. Er hatte es oft genug erlebt, damals, in jenen Jahren, als sie noch glaubten, dass sie die Welt gemeinsam niederbrennen könnten. Und er wusste ebenso gut um ihre Abneigung gegen das eigene Geschlecht, vor allem, wenn die andere Frau mindestens so hübsch war wie sie selbst.
Es war ein scharfer, fast schon spöttischer Kontrast zu ihrer sonst so kontrollierten Art, ein Riss in ihrer kühlen Fassade, der ihn mehr fasziniert hatte, als er zugeben wollte.Der Gedanke ließ ihn schmunzeln, während sein Blick noch einen Moment länger auf der jungen Sommerländerin ruhte, die gerade hinter einer schimmernden Stoffbahn verschwand. Er bildete sich jedoch nicht ein, dass sein Interesse an anderen Frauen noch etwas in Vanja auslöste. Nicht mehr. Solche Eifersucht, solche Reaktionen – sie gehörten der Vergangenheit an, eingeschlossen in den Ruinen ihrer erloschenen Beziehung.
Früher hätten ihre Augen gefunkelt, und ein scharfer, spöttischer Kommentar wäre über ihre Lippen gekommen, gerade heraus genug, um ihn zu treffen, aber nie so tief, dass er nicht hätte zurück stechen können. Es war seltsam, wie vertraut sie ihm dennoch blieb.
„…solch ein Ort.“, seine Stimme senkte sich, während er sich entspannt auf der Bank zurücklehnte, den Arm lässig auf die Lehne gleiten ließ. Es war eine unauffällige Geste, doch sie verriet die scharfe Aufmerksamkeit eines Mannes, der in jedem Moment die Kontrolle behielt – oder es zumindest so aussehen ließ. „Bist du die Königin von Dharan al-Bahr, oder woher kommen all die Leibwachen?“, Caeus's Blick wanderte zurück zu Vanja, ein interessierter Glanz in dem dunklen Braun seiner Augen, der wie eine Flamme schien, die mit Neugier und einer Spur von gutmütigen Spott genährt wurde.
