15-12-2024, 10:41 - Wörter:

Reinka war das andere Weibsbild, das sich von seiner Scharade wenig beeindrucken ließ, weshalb er fast erleichtert ausatmete, als er Eriks Stimme hinter sich hörte. Für einen Moment hielt er inne und senkte die Äxte, während er sich endlich die Zeit nahm, seinen Atem zu regulieren und die kühle Luft auf seiner brennenden Haut wertzuschätzen. Ein heiseres, dunkles Lachen verließ seine trockene Kehle, kaum so laut, dass es gerade seinen Waffenbruder erreichte. “Und dir die Arbeit nehmen, damit du dir ne Wampe zulegen kannst?” Die Hand auf seiner Schulter sorgte nur dafür, dass er sich wieder in Bewegung setzte und zu seinem Bruder umdrehte. Und immer wieder führten sie ihre Wege an diese Mauer, hm?
Wie viel sie hier schon gelacht hatten. Wie oft die Burgdiener die Strohpuppen ersetzen mussten, weil die Resistenz von Stroh nicht mit der Stärke der Jungs wachsen konnte und sie sich bald Holz, Stein, Tier und andere Menschen zum Kräftemessen gesucht hatten. Blut und Schweiß hingen an dieser Mauer, die sie erklommen hatten, weil da dieser eine Vorsprung in zwei Meter Höhe war, den man nur mit Springen erreichen konnte. Leif war der Erste gewesen, der ihn erreicht hatte, mit einem fetten, triumphalen Grinsen im Gesicht; nur damit Erik zwei Wochen später der Erste war, der genug Stärke gesammelt hatte, um sich an dem Vorsprung hochzuziehen. Immer waren sie sich dicht auf den Fersen gewesen und waren aneinander gewachsen, in Größe, Können und Erfahrung. Jetzt, wo sie Frau und bald Kinder haben würden, und wo Leif seinem Bruder mit aufgeheiztem Atem ins Gesicht sah, waren sie sich ferner denn je.
Mit zusammengezogenen Augenbrauen schüttelte er den Kopf und drehte sich so, dass die Hand von seiner Schulter glitt. “Kriegsvorbereitungen”, antwortete er auf die Frage, die er von Erik ehrlich gesagt nicht erwartet hatte und ihn deswegen ziemlich unvorbereitet erwischte. Aber er wollte nicht darüber reden. Sie redeten nie über sowas. Ihre Beziehung war so rau wie der Winter und von vielen gemeinsamen Abenteuern geprägt; er musste mit Erik nicht über so unnötige, verwirrende Gefühle reden und das schätzte er an ihm. Es gab genug Komplikationen im Leben, aber sein Bruder war niemals eine Komplikation gewesen.
Etwas in Leifs Mimik verschloss sich vor Erik, genauso wie seine Haltung, während er den gemarterten Baumstumpf anstarrte. “Aber wenn du schonmal hier bist. Ich verpass lieber dir eine neue Frisur als dem Baumstumpf.” Damit drückte er Erik eine seiner Äxte in die Hand und positionierte sich parallel zur Mauer ihm gegenüber in der Erwartung, dass, wenn er schon hier runter gekommen war, ihm auch weiterhin Gesellschaft leisten würde; mit der Sprache, die sie beide wohl am besten verstanden.
