15-12-2024, 12:07 - Wörter:
Was auch immer den Sommerländer dazu bewegte, sich in dem Fass einzuschließen, obwohl er schon längst aufgeflogen war, Aurelia verstand ihn auf eine ganz merkwürdige Art und Weise. Nicht, weil sie etwa genau das Gleiche getan hätte - verflucht, nichts hätte sie in ein Weinfass bekommen, nur um auf nem Schiff ordentlich durchgeschüttelt zu werden und am Ende Wochen zu brauchen, bis sie den Wein aus ihren Haaren bekam -, aber sie konnte sich doch vorstellen, wie schrecklich es sein musste, in einem fremden Land auf sich allein gestellt zu sein. Hätte Aurelia zu Hause keine kranke Familie und einen Berg an Aufgaben, die auf sie warteten, hätte sie vermutlich auch mehr Verständnis für einen blinden Passagier gehabt; zumindest so lange, bis dieser sich mit zwei ihrer Kupferstücke was zu essen kaufte und dann für immer aus ihrem Leben verschwand. Aber so, selbst auf sich alleine gestellt und den Kopf voll Stress und einer laaaangen Liste, kräuselte sie nur unzufrieden ihre Nase und wünschte den Sommerländer zu Heofaders haarigen Füßen direkt in die Hölle.
Dass er zuerst auch nicht auf seinen Landsgenossen horchte, ließ sie nur genervt eine gelöste Locke aus ihrem Gesicht pusten. Dann aber geschah doch tatsächlich ein Wunder, das sie eigentlich fast schon abgeschrieben hatte; die dünnen Finger des Sommerländers lösten sich von dem Deckel und gaben dem Druck nach, den der Soldat ausübte. “Ich komm”, meldete sich eine dünne Stimme aus dem Bauch des Fasses, dick mit dem typischen Dialekt, der irgendwo in den tiefen Inselregionen seinen Ursprung gefunden haben musste - soweit Aurelia wusste, hatte die Bevölkerung in Abu Kabir sich so gut durchgemischt, dass man dort fast genauso sprach wie hier in der Hauptstadt. Der Kopf, der nun aus dem Fass lugte, sah auch genau so aus, wie sie sich die Inselmänner vorstellte, wie hieß noch gleich die Stadt? Yalewdal. Die Haut von einer deutlich heißeren Sonne gegerbt, als sie hier in Castandor jemals scheinen würde, das Haar kraus und zerfressen von Sand, die Hände rau von harter Arbeit. Das Gesicht selbst war hohl, unterernährt, genauso wie der restliche Körper, aber die Augen starrten wach und aufmerksam, nachdem sie sich an das Licht gewöhnt hatten. Fast… Misstrauisch. Nicht gegen Aurelia, die sich nunmehr im Hintergrund aufhielt. Gegen den Soldaten. “Bitte, ich wusste nur nicht wo-... Ich wusste nicht wohin.” Trotz der deutlichen Schwäche, herbeigeführt durch tagelanges Hungern und einer Reise in einem zu kleinen Fass für einen großen Körper, war die Stimme des Sommerländers doch klar. Das Leinenhemd hing an seinem Körper herunter, ein paar Nummern zu groß, aber Aurelia erkannte die starken Schultern, die es ausfüllten - oder einmal ausgefüllt hatten. “Bitte schickt mich nicht ins Lager. Überall hin, aber nicht dorthin.”
Ah, fiel es Aurelia lautlos von den Lippen. Nunja, mutig, so eine Bitte an einen Soldaten der sommerländischen Armee zu richten, der damit beauftragt war, solche Blindgänger ins Lager zu begleiten. Für sie war es gar keine Abwägung wert. wie das hier ausgehen würde. Als würde der blinde Passagier ihre Unzufriedenheit bemerken, richtete sich sein Blick auch endlich auf sie, kurz stockend (was sie bereits gewohnt war, sie wusste schließlich, wie sie auf jemanden wirkte, der tagelang keine Frau mehr gesehen hatte), doch dann mit einer unangenehmen Intensität, die an Ehrlichkeit kaum zu übertreffen war. Damit hatte sie nicht gerechnet und ehrlich gesagt wusste sie auch nicht, wie sie damit umgehen sollte, außer einen winzigen Schritt nach hinten zu treten und das Mitgefühl runter zu schlucken, dass hier echt nichts verloren hatte. “Ich schwöre bei Heofader, dass ich Eure Ware nicht angefasst habe, Mylady”, legte er sich eine Hand übers Herz. Die falsche Anrede ging leider runter wie Butter, weshalb ihre Stimme auch nicht mehr den Schneid von vorher hatte. “Ist mir schon klar, aber das macht den Verlust auch nicht wett.” In stummer Anschuldigung reckte sie ihr Kinn nach vorne und der Sommerländer senkte seinen Blick betreten nach unten auf den Fassrand. “Ich weiß… Es tut mir leid. Ich wollte euch wirklich keine Umstände bereiten.”
Dass er zuerst auch nicht auf seinen Landsgenossen horchte, ließ sie nur genervt eine gelöste Locke aus ihrem Gesicht pusten. Dann aber geschah doch tatsächlich ein Wunder, das sie eigentlich fast schon abgeschrieben hatte; die dünnen Finger des Sommerländers lösten sich von dem Deckel und gaben dem Druck nach, den der Soldat ausübte. “Ich komm”, meldete sich eine dünne Stimme aus dem Bauch des Fasses, dick mit dem typischen Dialekt, der irgendwo in den tiefen Inselregionen seinen Ursprung gefunden haben musste - soweit Aurelia wusste, hatte die Bevölkerung in Abu Kabir sich so gut durchgemischt, dass man dort fast genauso sprach wie hier in der Hauptstadt. Der Kopf, der nun aus dem Fass lugte, sah auch genau so aus, wie sie sich die Inselmänner vorstellte, wie hieß noch gleich die Stadt? Yalewdal. Die Haut von einer deutlich heißeren Sonne gegerbt, als sie hier in Castandor jemals scheinen würde, das Haar kraus und zerfressen von Sand, die Hände rau von harter Arbeit. Das Gesicht selbst war hohl, unterernährt, genauso wie der restliche Körper, aber die Augen starrten wach und aufmerksam, nachdem sie sich an das Licht gewöhnt hatten. Fast… Misstrauisch. Nicht gegen Aurelia, die sich nunmehr im Hintergrund aufhielt. Gegen den Soldaten. “Bitte, ich wusste nur nicht wo-... Ich wusste nicht wohin.” Trotz der deutlichen Schwäche, herbeigeführt durch tagelanges Hungern und einer Reise in einem zu kleinen Fass für einen großen Körper, war die Stimme des Sommerländers doch klar. Das Leinenhemd hing an seinem Körper herunter, ein paar Nummern zu groß, aber Aurelia erkannte die starken Schultern, die es ausfüllten - oder einmal ausgefüllt hatten. “Bitte schickt mich nicht ins Lager. Überall hin, aber nicht dorthin.”
Ah, fiel es Aurelia lautlos von den Lippen. Nunja, mutig, so eine Bitte an einen Soldaten der sommerländischen Armee zu richten, der damit beauftragt war, solche Blindgänger ins Lager zu begleiten. Für sie war es gar keine Abwägung wert. wie das hier ausgehen würde. Als würde der blinde Passagier ihre Unzufriedenheit bemerken, richtete sich sein Blick auch endlich auf sie, kurz stockend (was sie bereits gewohnt war, sie wusste schließlich, wie sie auf jemanden wirkte, der tagelang keine Frau mehr gesehen hatte), doch dann mit einer unangenehmen Intensität, die an Ehrlichkeit kaum zu übertreffen war. Damit hatte sie nicht gerechnet und ehrlich gesagt wusste sie auch nicht, wie sie damit umgehen sollte, außer einen winzigen Schritt nach hinten zu treten und das Mitgefühl runter zu schlucken, dass hier echt nichts verloren hatte. “Ich schwöre bei Heofader, dass ich Eure Ware nicht angefasst habe, Mylady”, legte er sich eine Hand übers Herz. Die falsche Anrede ging leider runter wie Butter, weshalb ihre Stimme auch nicht mehr den Schneid von vorher hatte. “Ist mir schon klar, aber das macht den Verlust auch nicht wett.” In stummer Anschuldigung reckte sie ihr Kinn nach vorne und der Sommerländer senkte seinen Blick betreten nach unten auf den Fassrand. “Ich weiß… Es tut mir leid. Ich wollte euch wirklich keine Umstände bereiten.”
