27-12-2024, 19:34 - Wörter:
To Sisterhood, Love, and Friendship

Die Gemahlin eines Großkönigsprinzen zu sein, hatte viele Vorteile, wie sie jeden Tag aufs Neue und in ganz anderen Winkeln erfuhr. Man hütete sich, ihr irgendetwas vorzuschreiben, angefangen von einfachen Routen in den Gärten bis hin, ihr das Sprechen zu erlauben. Um über neue Kleiderstoffe zu entscheiden, wurde sie in ein eigens dafür vorgesehenes Zimmer begleitet, während ihr drei Beauftragte mit Schmuck und Rat zur Seite standen. Zu Tisch kamen die erlesensten Speisen, die es auf den Inseln nicht so leicht zu erstehen gab, und Naila genoss die ruhigen Abende, die sie jetzt schon zweimal nur mit Orpheus in seinen Gemächern verbracht hatte, wenn sein Zeitplan ihn spät hatte heimkehren lassen. Aber am meisten schätzte sie den Zugang zur königlichen Bibliothek. Zu Hause hätte sie sich nie träumen lassen, einmal durch die heiligen Hallen zu treten, in denen Schriften fünf Köpfe über ihr nur mit der Leiter zu erreichen waren, das Licht samtig weich durch die Kuppel fallend und den Marmor in ein angenehmes Elfenbein tauchend. Ein in sich gekehrtes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie daran dachte, dass zwei neue Schriften in ihrem Gemach darauf warteten, gelesen zu werden.
Vor ihrem Schoß lag das Werk, das Elithea Trakas ihr am dritten Hochzeitstag geschenkt hatte, aufgeschlagen nach der Legende der drei Schicksalsschwestern. Auf ihrem Schoß ruhte der Bauch der Laute, über dessen Saiten sie mit zarten Fingern fuhr und im Schatten des Olivenbaumes eine leichte Melodie anstieß. In den letzten Tagen hatte sie die Routine wachsen lassen, die Nachmittagsstunden in dem vertrauten Kreis ihrer Gesellschafterinnen zu verbringen. Neben dem gegenseitigen Vorlesen (heute war Rajani dran gewesen) musizierte sie auch gerne hier, wo der Hof seine Tüchtigkeit verlor und der Weite der Gärten Platz gewährte, wie er an den Steinstufen einen wunderbaren Ausblick auf das Meer und die steinige Küste preisgab. Sie alle - ihre Gesellschafterinnen aus der Heimat, aber auch Elithea - erlebten hier jeden Tag so viel, dass sich die Treffen oft bis in die späten Nachmittagsstunden zogen und Naila sie an ihre täglichen Pflichten erinnern musste, aber wann, wenn nicht jetzt konnten sie die Freiheit genießen, die einer frischen Heirat in einen höheren Stand zu verdanken waren? Sie alle waren doch auch nur jung und völlig neu in einer Welt, die groß genug für zwei Leben schien, und Naila… Selten erlebte man sie in einer solchen Seligkeit, die auch durch ihre sorgfältig aufrecht erhaltenen Gesellschaftsmasken schien, wenn sie sich gerade unbeobachtet fühlte. Nämlich genau dann, wenn ein Gedanke an dunkelbraune Locken sie kurz aus der Wirklichkeit riss.
Die letzten Töne der Laute vibrierten durch ihre Finger, während sie tief durch die Brise atmete, die das Meer zu ihnen trug. Das gleiche, echte Lächeln, das Naila schon seit Tagen trug, vertiefte sich und ließ leichte Grübchen erkennen, als sie die Laute zu dem Legendenwerk auf die Steinbank vor sich legte und in die Runde schaute. Dass Naila in Matariyya nie in der Öffentlichkeit zu einem Musikinstrument gegriffen hatte, sondern nur in ihren eigenen, behüteten Gemächern, das wussten nur ihre Gesellschafterinnen aus der Heimat. “Lasst uns das öfter zusammen machen. Elithea, spielst du ein Instrument?”, wandte sie sich freundlich an die einzige gebürtige Castandorianerin im Kreis; gleich, welches Land ihre Heimat nun als eigen anerkannte. Im gleichen Zuge lehnte sie sich ein wenig nach hinten und gab damit den Gesprächen Raum, sich natürlich zu entfalten. Rajani würde sowieso nicht lange still halten können, vor allem nicht, wenn sie noch nicht vom heutigen Tag hatte berichten können.
