12-01-2025, 06:44 - Wörter:

Deswegen schwieg Leif, obwohl er ihm genauso gut hätte erklären können, dass Aleena nicht die richtige Frau war, neben der er wichtige Entscheidungen treffen konnte. Sie verstand überhaupt nichts von Krieg, dass er sie ungern damit behelligte, und die Last, die er eigentlich auf dem Herzen trug… Sie war der Grund, warum er es heute nicht mehr länger neben seiner Frau ausgehalten hatte. Aber so, wie er Aleena von seinem Schatten fern hielt und sie mit Ausreden abspeiste, so wollte er auch seinen Waffenbruder nicht daran teilhaben lassen. Denn so wie er nicht verstand, dass das eigene Bett samt Frau nicht immer der Himmel auf Erden war, so würde er auch nicht verstehen, was Leif so rastlos aus dessen Wärme trieb.
Stattdessen versteinerte Leifs Miene, während er Eriks breites Grinsen mit einem unbeeindruckten Starren entgegnete. “...macht dich noch dümmer als du eh schon bist", beendete er den Satz des anderen. Idiot. “Hat meine Schwester dir so den Kopf verdreht, dass du nur noch mit deinem Schwanz denkst oder was.” Leider half der Schlagabtausch nicht wirklich dabei, die Bilder seiner Schwester zu verdrängen, wie sie in den Fellen auf Erik wartete. Schlau, Leif. Genervt rümpfte er die Nase und hob die Hand, bevor die grinsende Visage ihm gegenüber irgendwas erwidern konnte. “Wills gar nicht wissen.” Endlich wandte er sich ab und ging auf Abstand, um eine lockere Kampfhaltung einzunehmen; die Knie gebeugt, der Oberkörper leicht vorne, Axt- und Greifhand vor sich und den Blick - trotz Müdigkeit - fokussiert auf Erik gerichtet. Eine einzige Geste mit seiner Hand, das knappe ’Komm doch’, war der Anfang ihres Gesprächs, das nicht mehr mit Worten ausgetragen wurde.
Wenn einem Kampf jahrelange Erfahrung vorausging, fühlte es sich schon fast nicht mehr wie ein Kampf an. Leif hatte sich so an Eriks Haltung, seine Schläge und seine Bewegungen gewöhnt, dass er ihn kaum mehr als einzelner Gegner wahrnahm; mehr als die Verlängerung seines eigenen Geistes. Sein fleischgewordener Berg eines Schattens, der genau dann kraftvoll zuschlug, wenn er es auch getan hätte, genau dann auswich, wenn er es erwartete, und ihm genau dann ein angestrengtes Grunzen entlockte, wenn er die Anstrengung in Eriks Blick erkannte. Denn wenn sie kämpften, dann waren sie eins; ein Gedanke, ein Herz, ein führender Arm. Gegen Erik zu gewinnen, bedeutete, sich selbst auszutricksen, und zu verlieren bedeutete, von sich selbst ausgetrickst zu werden. Wäre heute doch nur ein anderer Tag, an dem sie genau darin die Herausforderung sahen.
Mit der Zeit verwischte Eriks Gestalt, die buschigen Augenbrauen wurden dunkler, die Schultern etwas schmaler, sein führender Arm sehniger. Zwei verschiedene Arten von Gewalten waren sie und doch erkannte Leif nur sich selbst wieder. Dass der Drang, immer stärker auf etwas einzuschlagen, langsam von seinen Muskeln Besitz ergriff und mehr Energie in seine Angriffe steckte, bemerkte er kaum. Gefühle waren schneller als Gedanken und fegten mit zerstörerischer Geschwindigkeit durch seinen Kopf, dass er selbst kaum registrierte, wie er Schlag um Schlag gegen seinen Bruder wandte und fast vollständig in die Offensive übergegangen war. Seine Rage explodierte, als sich beide Axtschneiden ineinander verkeilten und mit einer Wucht in den Baumstumpf donnerten, dass die Wurzeln unter ihnen fast vibrierten - oder es war Leifs Brüllen, das sich aus seiner Kehle freisetzte und gegen die Mauer prallte. Sofort riss er sich von dem Stiel los und glich den Schwung mit wenigen Schritten aus, während er Erik den Rücken kehrte. Seine Hände gruben sich in seine Haare, während der Schweiß kalt seinen Nacken hinunter lief. Tief atmete er die kalte Nachtluft ein, um seinen ausgelaugten Körper zu beruhigen, mehr, um dem Sturm in seinem Kopf Herr zu werden. Dabei wusste er selbst am besten, dass solche Stunden in der Nacht nicht dafür gemacht waren, die Kontrolle zu behalten.
