29-01-2025, 18:00 - Wörter:
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 29-01-2025, 18:01 von Leif Stelhammer.)

Dabei leugnete er nicht, dass die Worte einen bitteren Beigeschmack hinterließen. Was sie beide miteinander verband, waren nicht nur die vielen gemeinsamen Erinnerungen, das gemeinsame Training oder die Zeit in der Einöde. Es war das Produkt aus all dem und vielleicht war es auch schon immer da gewesen: Tiefe, unerschütterliche Loyalität, die keine Worte brauchte, um gehört, verstanden und erwidert zu werden. Nicht umsonst suchte Leif die Gesellschaft von Erik, wenn er das Gefühl hatte, seine Welt enge ihn ein. Immer wieder hatte er das Bedürfnis, mit Erik zu lachen, weil er wusste, er verurteilte ihn nicht. Seine Unbeschwertheit war ansteckend, wenn hin und wieder auch nervenaufreibend, und die Ehrlichkeit, die hinter seinen Worten steckte, musste manchmal einfach von den richtigen Ohren gehört werden. Leif hatte ihm die gleiche Loyalität immer bedingungslos zurückgegeben und auch wenn er schwieg, auch wenn er die Worte unbeantwortet ließ, stand das deutliche Versprechen zwischen ihnen, dass auch er nie an seinem Bruder zweifelte. Dass auch er ihm überall hin folgte, als bestimme die Einöde noch immer ihrer beider Leben.
Deswegen war der Stich auch so scharf, welcher Leif schließlich dazu bewegte, stehen zu bleiben. Dumpf drängte es ihn noch zu seinem Pferd, doch ebbte es ab zu einem dumpfen, stetigen Pochen in seinem Hinterkopf, während er das Gesagte verarbeitete. Es fühlte sich an wie ein Schlag ins Gesicht, dass Leifs Kieferknochen malmten. „Was glaubst du, warum ich dir nicht vertraue“, fragte er hypothetisch, ohne eine Antwort zu erwarten. Erik wollte Ehrlichkeit? Bitte, dann sollte er sie jetzt schlucken. „Wenn du dich so volllaufen lässt, dass du jedem Dahergelaufenen erzählst, mit welchem Mädchen ich im Heu geschlafen habe.“ Mittlerweile war es kein Geheimnis mehr, dass Leif seine Jungfräulichkeit an eine Kriegerin in ähnlichem Alter verloren hatte, auch, dass es nicht unbedingt zu seinen besten Erfahrungen zählte, und mittlerweile konnte er auch über die Geschichte lachen. Aber damals hatte er es Erik im Vertrauen erzählt, bevor er verstanden hatte, dass man Geheimnisse und Met besser nicht mit Erik verband. Auch jetzt lachte Leif nicht, als er sich umdrehte und endlich den Blick seines Waffenbruders erwiderte; fest und wild, mit einem Stich von Verletztheit. „Wenn du einen Fremden als Freund akzeptierst und aus jeder Fliege einen Bären machst, nur damit man dir für deine Geschichte an den Lippen hängt. Glaubst du, ich weiß das nicht??“ Im Vergleich zu Erik war Leifs Stimme ungehaltener, roher und durchdrängt von vielen Gefühlen, aber seit er stehen geblieben war, hatte sein Unterton eine andere Nuance angenommen.
Verletztheit.
Vielleicht mochte er es nicht zugeben, aber Leif traf diese Absprache von Loyalität. Es war ein grundlegendes Fundament ihrer Brüderlichkeit und er konnte diesen Bruch nicht auf sich sitzen lassen, musste dagegen argumentieren und Erik von seinem Standpunkt überzeugen — auch wenn er ihm dafür den Kopf einschlagen musste. „Wenn du deinen verdammten Mund einfach mal halten könntest, dann hätte ich dir schon längst davon erzählt. Aber ja, ich kann dir nicht vertrauen“ , streckte er seine Arme aus, fast provokativ in der Geste Das ist die Wahrheit, was willst du mehr von mir? „Mein Leben vertraue ich dir jederzeit an und das habe ich schon immer getan. Aber ich kann nichts mit dir teilen, was das Leben anderer gefährdet. Überleg dir das mal. Lass es dir durch deinen hohlen Kopf gehen.“
