12-05-2025, 10:49 - Wörter:
Es war ein seltener, fast bitterer Moment der Genugtuung, der Sanna durchfuhr, als sie die Erkenntnis in Ivars Gesicht aufblitzen sah – dieses stumme, unübersehbare Erkennen, das ihn für einen Herzschlag lang entwaffnete.
Ja, sie war wütend.
Ja, sie war enttäuscht – zutiefst.
Aber zwischen diesen beiden Gefühlen, die wie rostige Klingen in ihr arbeiteten, lag noch etwas anderes. Etwas, das sie nicht erwartet hatte. Erleichterung. Freude.
Ihr Bruder lebte.
Er stand vor ihr – nicht als Kind von einst, sondern als Mann, gezeichnet vom Leben, aber aufrecht. Nicht gebrochen. Und obwohl sie sich zwang, nicht zu lange auf die Narben zu starren, die sie an Hals und Armen erspähen konnte, sprach ihr Blick Bände. Narben, die Geschichten trugen, von denen sie keine einzige gehört hatte.
Er hatte sich verändert. Hatte sich gemacht – körperlich, zumindest. Aber der Schatten in seinen Augen, die Härte in seiner Haltung… all das verriet ihr mehr, als er je in Worte fassen würde. Und in ihrem Inneren regte sich leise, schmerzlich klar, die Gewissheit: Er war einer von ihnen geworden. Ein Söldner. Ein Kind des Schmerzes, das gelernt hatte, zurückzuschlagen.
"Das hat aber lang gedauert …" Ihre Stimme war leiser als beabsichtigt, ein rauer Hauch, der den Versuch, stark zu klingen, kaum verbergen konnte. Der Satz sollte spitz sein, eine Klinge – doch er schnitt mehr in sie selbst als in ihn. Denn in dem Moment, in dem sich ihre Blicke trafen, war sie nicht mehr die Frau, die gelernt hatte, allein zu bestehen.
Sie war wieder das Mädchen, das am Rand des Weges stand, die Fäuste geballt, Tränen im Gesicht, während Ivar davonging – und nie wieder zurückkam.
Der Moment war wie ein Riss in der Zeit. Ein Herzschlag, in dem all die Jahre schrumpften und das Alte, Ungesagte, Unverheilte wieder aufstieg wie Rauch aus kalter Asche. Was blieb, war die Leere, die er hinterlassen hatte.
Die Wut, die sie lange fest umklammert hielt, als sei sie ein Schild. Und die Angst – die stille, nagende Angst – dass er längst tot war, dass sie nie erfahren würde, warum.
Nun stand er vor ihr.
Und obwohl ihr Herz schrie, ihn zu umarmen, zu schlagen, ihn zu fragen, ob es ihm je leidgetan hatte – blieb sie stehen. Weil man nicht einfach zurückkehrt in eine Lücke, die man selbst gerissen hat.
Sannas Hand griff fast instinktiv nach Valdas kleiner Hand, zog das Mädchen behutsam näher an sich, als wolle sie sie zugleich schützen und verankern. Valda gehorchte ohne Zögern, doch ihre Augen wanderten neugierig zu dem Fremden, der so seltsam vertraut wirkte.
Der Mann mit dem Schatten in den Augen. Der nicht sprach. Der Sanna ansah, als hätte er etwas verloren – und gerade erst wiedergefunden.
"Wer ist das, Mama?", fragte Valda. Ihre Stimme, hell wie ein Windspiel im Frühling, durchschnitt die gespannte Luft mit kindlicher Unbefangenheit. Sanna blinzelte, und für einen Moment flackerte etwas in ihrem Blick – Schmerz, Erinnerung, etwas, das sie nicht benennen wollte. Dann sprach sie leise, aber mit fester Stimme:
"Das ist dein Onkel. Ivar." Das Wort schwebte für einen Augenblick zwischen ihnen, als müsste es sich erst seinen Platz in der Welt zurückerobern. Valda sah zu ihm hoch, den Kopf leicht schräg gelegt – voller Fragen, die sie noch nicht stellen konnte.
Ja, sie war wütend.
Ja, sie war enttäuscht – zutiefst.
Aber zwischen diesen beiden Gefühlen, die wie rostige Klingen in ihr arbeiteten, lag noch etwas anderes. Etwas, das sie nicht erwartet hatte. Erleichterung. Freude.
Ihr Bruder lebte.
Er stand vor ihr – nicht als Kind von einst, sondern als Mann, gezeichnet vom Leben, aber aufrecht. Nicht gebrochen. Und obwohl sie sich zwang, nicht zu lange auf die Narben zu starren, die sie an Hals und Armen erspähen konnte, sprach ihr Blick Bände. Narben, die Geschichten trugen, von denen sie keine einzige gehört hatte.
Er hatte sich verändert. Hatte sich gemacht – körperlich, zumindest. Aber der Schatten in seinen Augen, die Härte in seiner Haltung… all das verriet ihr mehr, als er je in Worte fassen würde. Und in ihrem Inneren regte sich leise, schmerzlich klar, die Gewissheit: Er war einer von ihnen geworden. Ein Söldner. Ein Kind des Schmerzes, das gelernt hatte, zurückzuschlagen.
"Das hat aber lang gedauert …" Ihre Stimme war leiser als beabsichtigt, ein rauer Hauch, der den Versuch, stark zu klingen, kaum verbergen konnte. Der Satz sollte spitz sein, eine Klinge – doch er schnitt mehr in sie selbst als in ihn. Denn in dem Moment, in dem sich ihre Blicke trafen, war sie nicht mehr die Frau, die gelernt hatte, allein zu bestehen.
Sie war wieder das Mädchen, das am Rand des Weges stand, die Fäuste geballt, Tränen im Gesicht, während Ivar davonging – und nie wieder zurückkam.
Der Moment war wie ein Riss in der Zeit. Ein Herzschlag, in dem all die Jahre schrumpften und das Alte, Ungesagte, Unverheilte wieder aufstieg wie Rauch aus kalter Asche. Was blieb, war die Leere, die er hinterlassen hatte.
Die Wut, die sie lange fest umklammert hielt, als sei sie ein Schild. Und die Angst – die stille, nagende Angst – dass er längst tot war, dass sie nie erfahren würde, warum.
Nun stand er vor ihr.
Und obwohl ihr Herz schrie, ihn zu umarmen, zu schlagen, ihn zu fragen, ob es ihm je leidgetan hatte – blieb sie stehen. Weil man nicht einfach zurückkehrt in eine Lücke, die man selbst gerissen hat.
Sannas Hand griff fast instinktiv nach Valdas kleiner Hand, zog das Mädchen behutsam näher an sich, als wolle sie sie zugleich schützen und verankern. Valda gehorchte ohne Zögern, doch ihre Augen wanderten neugierig zu dem Fremden, der so seltsam vertraut wirkte.
Der Mann mit dem Schatten in den Augen. Der nicht sprach. Der Sanna ansah, als hätte er etwas verloren – und gerade erst wiedergefunden.
"Wer ist das, Mama?", fragte Valda. Ihre Stimme, hell wie ein Windspiel im Frühling, durchschnitt die gespannte Luft mit kindlicher Unbefangenheit. Sanna blinzelte, und für einen Moment flackerte etwas in ihrem Blick – Schmerz, Erinnerung, etwas, das sie nicht benennen wollte. Dann sprach sie leise, aber mit fester Stimme:
"Das ist dein Onkel. Ivar." Das Wort schwebte für einen Augenblick zwischen ihnen, als müsste es sich erst seinen Platz in der Welt zurückerobern. Valda sah zu ihm hoch, den Kopf leicht schräg gelegt – voller Fragen, die sie noch nicht stellen konnte.
