31-05-2025, 05:28 - Wörter:

“Sicher geht es Elithea gut. Ich hatte sie gebeten, meine Schwester nach ihrem Unterricht abzuholen, der jetzt vorbei sein müsste.”
Als würde sie etwas mit dem Winkel der Sonne anfangen können, legte sie ihren Kopf kurz in den Nacken und betrachtete die Baumkronen, die ein wanderndes Muster auf ihr blassrotes Gewand warfen. “Ich habe die Zeit ganz aus den Augen verloren. Geht es nur mir so, oder fühlt sich der Tag heute an wie ein Traum?”
Das war tatsächlich zu einem großen Teil die Wahrheit und nur wenig überzogen - Naila hatte seit ihrer Hochzeit ein wenig das Gefühl zur Realität verloren. Ob es all die neuen Eindrücke waren, die ihre Sinne beanspruchten? Der innere Druck, den sie sich selbst machte, mit diesem dumpfen, sehnsüchtigen Pochen ind er Brust nach ihrer Heimat? Oder war die Wärme Schuld daran, die sich ausbreitete wie ein weiches, milchiges Laken, wann immer sie sich erlaubte, an die Hände zu denken, die ihre umfassten? An die langen, dünnen Fingergelenke eines Künstlers. An die tiefen, dunklen Augen eines Poeten, der mehr mit sich trug als er durch seine Oberfläche dringen ließ. Es war erstaunlich, und erschreckend zugleich, wie langsam, so schleichend, dass Naila es selbst lange nicht wahrgenommen hatte, eine andere Sehnsucht neben der anderen entstanden war. Selbst an einem schönen Tag wie diesem, in einer angenehmen Gesellschaft wie dieser, erwischte sich Naila dabei, wie sie sich den Abend herbei wünschte. Was sollte sie nur mit sich anfangen, wenn die Neugierde sie aus der Realität hin in die Gemächer zog, die ihr ein Zuhause geworden waren?Vielleicht waren es auch die Melodien, die sie emotional gemacht hatten. Ihr Lächeln, jedenfalls, war ganz und ehrlich den beiden Frauen gewidmet, die sich so an dem Gebäck erfreuen, das die Prinzessin selbst unangetastet ließ. Verständnis zeigte sich in ihrem Blick, als Aurora von den Gärten schwärmte.
“Ich kann Euch nur zustimmen. Palastgärten sind an ihrer Schönheit kaum zu übertreffen. Selbst in Wintergard, wo nur spärlich Flora blüht, verleihen die Blumen dem Winter eine einzigartige Tastbarkeit. Als würden sie das unerbittliche Wetter zart und angreifbar machen.”
Ob Aurora schon einmal in Norsteading gewesen war? Ihre Augen würden es verraten, wie sie die Erzählungen aufsaugte. “Hier ist es wie ein Stück Frieden, der von Heofader selbst vom Himmel gebrochen und unserem Großkönig geschenkt wurde. Meint ihr nicht?”
Naila wollte wissen, wie empfänglich Aurora für das Schöne im Leben war, wie leicht sie sich begeistern ließ. Sie wollte wissen, wie tief sie in den Strukturen des Hofes verankert war und welche Möglichkeit sich auftaten, wenn Naila diesen Knoten im Netz für sich gewinnen konnte. Weswegen sie noch etwas tiefer greifen wollte. Ihr Blick schwenkte zu Rajani, mit einer Aufforderung, die einem mentalen, spielerischen Anstupsen gleichkam. “Erzähl Lady Acilius doch von unseren Gärten in Matariyya.”
Denn Rajanis Geschichten lagen nicht in ihren Worten, die sie wählte; sie lagen in ihrem Ausdruck und der ganzen Liebe, die sie für ihre Heimat empfand.