04-06-2025, 20:49 - Wörter:
Die Stallungen rochen nach Heu, Leder und Regen. Vertraut. Nach Zuflucht. Moiras Hände glitten über das seidig schimmernde Fell von Saille, das schiefergraue Licht, das durch das geöffnete Tor fiel, malte bleiche Streifen auf den Rücken der Stute. Sie war allein mit dem Tier, das Schnaufen beruhigend, der gleichmäßige Rhythmus ihrer Bewegungen beinahe meditativ. Sie hatte sie gestriegelt, bis ihre Arme schmerzten. Und doch kam sie nicht zur Ruhe.
Schon morgen würde sie ankommen – die Verlobte ihres Bruders. Ihre zukünftige Schwägerin. Die Frau, die von nun an seinen Alltag teilen würde. Seine Abende. Seine Gedanken. Seine Zukunft. Moira schluckte trocken. Muírin, so hieß sie. Ein schöner Name, das musste sie zugeben. Er klang weich. Klug. Aber auch unberechenbar. Und Moira mochte keine unberechenbaren Dinge. Diese neigten dazu, sie hinterrücks zu überfallen.
Moira hatte sie nie gesehen, wusste kaum mehr als ihren Namen, den Titel, das Herkunftshaus – vielleicht den ein oder anderen Tratsch – und doch spürte sie bereits, wie sich ein Schatten zwischen sie und ihren Bruder schob. Es wird Zeit, hatte ihr Vater gesagt. Dass er eine Frau brauchte. Einen Erben. Eine Verbindung, die Bestand hat. Und Moira ahnte: sie würde die Nächste sein, eher früher als später. Also gewöhnte sie sich besser schon mal an den Gedanken.
Aber wie gewöhnte man sich an den Gedanken, seinen Bruder zu verlieren? Nicht an Tod, nicht an Entfremdung. Aber an dieses langsame Auseinanderdriften, das unvermeidlich war, wenn andere Herzen, andere Wünsche, andere Bindungen Raum einnahmen. Moira drückte die Stirn sanft gegen die warme Flanke der Stute. Das Tier verstand nichts von alledem. Zum Glück. Das Pferd schnaubte, rührte sich nicht. Es war ein gutes Tier. Unkompliziert. Treu. Berechenbar.
Ganz anders als das Leben, das vor ihr lag. Cathal hatte sie nicht einmal großartig eingeweiht in die Pläne ihres Vaters. Hatte sie nicht gebeten, Erkundigungen über seine künftige Gemahlin einzuholen. Hatte sie nicht gefragt, was sie von dem Ganzen hielt. Vielleicht, weil er die Antwort kannte. Vermutlich, weil er sich selbst nicht sicher war. Stattdessen war er einfach verschwunden. Hatte sie mit Niamhs überbordenden Geplapper, mit den neugierigen Blicken der Höflinge und dem Getuschel der Dienerschaft allein gelassen. Sie hatte geschwiegen. Natürlich hatte sie geschwiegen. Sie war gut im Schweigen, und würde Cathal niemals in den Rücken fallen.
Als sie seine Schritte vernahm, hielt sie kurz inne. Da war dieses kaum hörbare, fast schon ärgerliche Geräusch – wie jemand, der eine Entscheidung zu spät trifft und sich dessen bewusst ist. Und Moira war sich sicher: Ihr Bruder wusste, dass er zu lange gewartet hatte. Und sie wusste, dass diese Erkenntnis leider nichts mehr änderte.
’Moira?’
Seine Stimme war ruhig, sanft. Warm. Und sie spürte, wie es ihr kurz die Kehle zuschnürte. Er klang wie immer. Nur dass ‘wie immer’ morgen vorbei sein würde.
„Hier.“ Mehr nicht. Sie wandte den Kopf nicht, sprach leise, beinahe beiläufig – gerade laut genug, damit er sie hören konnte. Es war kein Zorn in ihrer Stimme, aber auch kein Willkommen. Nur die Feststellung ihrer Anwesenheit. Sie wollte, dass er spürte, dass sie es gemerkt hatte – seine Abwesenheit. Seinen Rückzug. Seine Stille. Und dass sie ihn verstanden hatte. Weil sie ihn liebte. Und weil es ihr dennoch wehgetan hatte. Ihre Finger ruhten noch immer auf dem warmen Fell der Stute. Saile wirkte friedlich, und Moira wirkte es auch. Aber innerlich war da ein Riss. Ein leiser, feiner Riss, wie der erste Sprung in einer Fensterscheibe. Ob sie Muírin mochte, wusste sie nicht. Ob sie es überhaupt wollte, wusste sie noch weniger. Sie hoffte nur inständig, dass diese Frau ihrem geliebten Bruder gut tun würde. Und gleichzeitig, dass sie es nicht tat, weil sie dann vielleicht doch noch gebraucht wurde.
Schon morgen würde sie ankommen – die Verlobte ihres Bruders. Ihre zukünftige Schwägerin. Die Frau, die von nun an seinen Alltag teilen würde. Seine Abende. Seine Gedanken. Seine Zukunft. Moira schluckte trocken. Muírin, so hieß sie. Ein schöner Name, das musste sie zugeben. Er klang weich. Klug. Aber auch unberechenbar. Und Moira mochte keine unberechenbaren Dinge. Diese neigten dazu, sie hinterrücks zu überfallen.
Moira hatte sie nie gesehen, wusste kaum mehr als ihren Namen, den Titel, das Herkunftshaus – vielleicht den ein oder anderen Tratsch – und doch spürte sie bereits, wie sich ein Schatten zwischen sie und ihren Bruder schob. Es wird Zeit, hatte ihr Vater gesagt. Dass er eine Frau brauchte. Einen Erben. Eine Verbindung, die Bestand hat. Und Moira ahnte: sie würde die Nächste sein, eher früher als später. Also gewöhnte sie sich besser schon mal an den Gedanken.
Aber wie gewöhnte man sich an den Gedanken, seinen Bruder zu verlieren? Nicht an Tod, nicht an Entfremdung. Aber an dieses langsame Auseinanderdriften, das unvermeidlich war, wenn andere Herzen, andere Wünsche, andere Bindungen Raum einnahmen. Moira drückte die Stirn sanft gegen die warme Flanke der Stute. Das Tier verstand nichts von alledem. Zum Glück. Das Pferd schnaubte, rührte sich nicht. Es war ein gutes Tier. Unkompliziert. Treu. Berechenbar.
Ganz anders als das Leben, das vor ihr lag. Cathal hatte sie nicht einmal großartig eingeweiht in die Pläne ihres Vaters. Hatte sie nicht gebeten, Erkundigungen über seine künftige Gemahlin einzuholen. Hatte sie nicht gefragt, was sie von dem Ganzen hielt. Vielleicht, weil er die Antwort kannte. Vermutlich, weil er sich selbst nicht sicher war. Stattdessen war er einfach verschwunden. Hatte sie mit Niamhs überbordenden Geplapper, mit den neugierigen Blicken der Höflinge und dem Getuschel der Dienerschaft allein gelassen. Sie hatte geschwiegen. Natürlich hatte sie geschwiegen. Sie war gut im Schweigen, und würde Cathal niemals in den Rücken fallen.
Als sie seine Schritte vernahm, hielt sie kurz inne. Da war dieses kaum hörbare, fast schon ärgerliche Geräusch – wie jemand, der eine Entscheidung zu spät trifft und sich dessen bewusst ist. Und Moira war sich sicher: Ihr Bruder wusste, dass er zu lange gewartet hatte. Und sie wusste, dass diese Erkenntnis leider nichts mehr änderte.
’Moira?’
Seine Stimme war ruhig, sanft. Warm. Und sie spürte, wie es ihr kurz die Kehle zuschnürte. Er klang wie immer. Nur dass ‘wie immer’ morgen vorbei sein würde.
„Hier.“ Mehr nicht. Sie wandte den Kopf nicht, sprach leise, beinahe beiläufig – gerade laut genug, damit er sie hören konnte. Es war kein Zorn in ihrer Stimme, aber auch kein Willkommen. Nur die Feststellung ihrer Anwesenheit. Sie wollte, dass er spürte, dass sie es gemerkt hatte – seine Abwesenheit. Seinen Rückzug. Seine Stille. Und dass sie ihn verstanden hatte. Weil sie ihn liebte. Und weil es ihr dennoch wehgetan hatte. Ihre Finger ruhten noch immer auf dem warmen Fell der Stute. Saile wirkte friedlich, und Moira wirkte es auch. Aber innerlich war da ein Riss. Ein leiser, feiner Riss, wie der erste Sprung in einer Fensterscheibe. Ob sie Muírin mochte, wusste sie nicht. Ob sie es überhaupt wollte, wusste sie noch weniger. Sie hoffte nur inständig, dass diese Frau ihrem geliebten Bruder gut tun würde. Und gleichzeitig, dass sie es nicht tat, weil sie dann vielleicht doch noch gebraucht wurde.
