04-06-2025, 21:48 - Wörter:

Cathal löste sich aus seiner Starre und setzte sich langsam wieder in Bewegung. Seine Finger glitten über das raue Holz der Boxenwände, ertasteten Risse und Kerben, alte Spuren aus Tagen, die längst vergangen waren. Der kalte Stahl der Eisenscharniere fühlte sich vertraut an, der Siegelring an seiner Hand kratzte mit einem leisen, metallischen Ton über das Holz – ein Geräusch, das seltsam laut wirkte in der dumpfen Stille. Das Stroh unter seinen Schritten raschelte trocken, fast spröde, und wirbelte feinen Staub auf, der im schrägen Licht tanzte. Die Luft war schwer – durchtränkt von dem leichten Geruch frischen Heus und Tier. Doch in all dem lag etwas Beruhigendes. Etwas, das nach Zuhause roch. Und nach Moira.
Vor der Boxentür von Saille hielt Cathal inne. Seine Finger umschlossen das raue Holz der niedrigen Wand, drückten sich leicht hinein, als könnte er sich über den Griff festhalten an dem, was ihn innerlich längst ins Wanken brachte. Er hob den Kopf, sein Gesicht suchte die Richtung, in der er Moira vermutete – als könne er ihre Anwesenheit spüren, selbst ohne sie zu sehen. Hinter der Wand schnaubte Saille leise, ein dumpfes, warmes Geräusch, das den Staub in der Luft erzittern ließ. Ein vertrautes Gewicht legte sich auf seine Brust.
Reue.
Sie kam oft, wenn er Moira von sich stieß, weil er sich wieder einmal in sich selbst verlor. Sie war sein Anker gewesen, so lange er denken konnte, doch je mehr er in den Strudel seiner eigenen Gedanken geriet, desto häufiger schnitt er auch das Tau durch, das sie verband. Und jedes Mal, wenn er aufblickte, war da die Angst, dass sie es irgendwann nicht mehr zusammenknotete. "Es tut mir leid." Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch, brüchig am Rand, als hätte sie den Mut auf halber Strecke verloren. Cathal streckte die Hand aus, hinein in das Halbdunkel des Stalls, ohne genau zu wissen, ob er sie ihr oder der Erinnerung reichte. "Ich war egoistisch…", fügte er leise hinzu, und spürte im nächsten Moment die weichen Nüstern von Saille an seinen Fingern – suchend, fordernd, ganz gegenwärtig. Ein kurzer Laut entkam ihm, etwas zwischen Lächeln und Seufzen. Natürlich war es das Pferd, das zuerst reagierte. ".. und das schon zu oft." Diese Seite von Cathal bekam sonst niemand zu sehen. Nicht sein Vater. Nicht einmal seine Mutter, solange sie noch gelebt hatte. Es war kein Teil von ihm, den er teilen wollte – geschweige denn konnte.
