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My mind feels like a foreign land
26.10.1016 - 09:11
Rabenrast - Dorf nahe Wolfsmark
Asgrim Blutfjell Eydís Vigdal

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Eydís Vigdal
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#2
Der Korb war fast voll. Ein Tuchbündel mit getrocknetem Frauenmantel, Johanniskraut und den Resten einer zerstoßenen Weidenrinde. Das Salbengefäß hatte sie doppelt eingebunden – die Kräutersalbe war empfindlich gegen Kälte, und draußen erhob sich der erste richtige Schneefall in dieser Woche. Sie musste vorbereitet sein. Zwei frische Leinentücher, ein gebrannter Tonkessel für warmes Wasser, ein geschnitztes Holzmaß, das ihre Tochter Runa für sie gefertigt hatte – und eine kleine, scharfe Klinge, die sie stets bei sich trug. Für die Nabelschnur. Oder für das, was das Leben manchmal sonst noch von einer Hebamme verlangte.

Eydís knotete das Lederband des Korbes fest und schlüpfte unter ihren Wollumhang. Die Geburt war noch nicht fällig, aber das Ziehen im Rücken der Frau war stark genug gewesen, um sie von einem beunruhigten Ehemann rufen zu lassen. Kein Risiko, hatte das Oberhaupt der Gerberfamilie gesagt. Nicht bei dem dritten Kind in zwei Jahren. Da sprang selbst ein missgünstiger Mann wie der der werdenden Mutter über seinen Schatten und richtete das Wort an die, mit der man für gewöhnlich nicht sprach. Zumindest zwischen zusammengepressten Zähnen hindurch.

Sie war gerade dabei, ihre Stiefel zu schnüren, als es draußen zu lärmen begann – das polternde Geräusch von zwei Paar kleinen Füßen auf der Holztreppe, der lautstarke Protest ihrer Jüngsten. „Njall!“, rief sie, ohne aufzusehen, „Wenn du Solveig wieder geärgert hast—“ Doch da flog die Tür schon auf. Ihr Sohn, mit Schnee im Haar und einer zerkratzten Wange, stand in der Tür. Hinter ihm Solveig, die ihm kaum bis zur Brust ragte, ihre kleinen Finger klammerten sich in seinen Mantel, zerrten daran, das Gesicht vor Wut hochrot. Doch der Junge achtete nicht auf sie.

’Mutter – da ist jemand auf dem Platz!’ Eydís richtete sich auf, blinzelte stirnrunzelnd. „Vermutlich ein Händler?“ Njall schüttelte den Kopf. ‘Nein. Nur ein Mann. Auf einem Pferd. Er hat … er hat mich angeschaut.’ Sie sah ihren Ältesten eine Sekunde lang prüfend an. Der Junge war ernst, aber nicht verängstigt. Eher irritiert. Sie trat zu ihm, strich ihm eine unbändige Strähne aus der Stirn.  „Und du meinst, das ist Grund genug, deine Schwester wie einen Mehlsack durch durch das Dorf zu zerren?“ Ihre Stimme war ruhig, doch ihr Blick sprach von einem großen Erfahrungsschatz. In den letzten Wochen lieferten sich die beiden stets einen erbitterten Kampf aus Neckereien und kindlichem Zwist, und sie hatte es satt, Richterin spielen zu müssen. 

Njall öffnete den Mund, hatte aber wie üblich nichts zu seiner Verteidigung zu sagen. Stattdessen deutete er nur mit einem Nicken zur Tür. Eydís seufzte leidgeprüft, doch etwas in seinem Schweigen, seinem Blick, ließ sie aufhorchen. Sie drehte sich um, griff nach dem Korb, dann zog sie das Tuch, das ihr in die Armbeugen gefallen war, hoch um ihre schmalen Schultern und öffnete die Tür. Der Schnee fiel inzwischen dichter, in dicken, schweren Flocken, die lautlos auf die Dächer fielen wie Staub auf längst Vergessenes. Als sie die Tür hinter sich zuzog, spürte sie die Kälte wie unzählige Schnitte auf der Haut – nicht wegen der Temperatur. Sondern wegen der Stille.

Der Platz lag wie ausgestorben da. Alles schien zu schweigen: die Linde, krumm und kahl, der Brunnen, selbst das Holz der umliegenden Häuser. Und inmitten davon – ein Reiter. Er saß reglos im Sattel, als wäre er mit dem Tier verschmolzen, ein Schatten aus einer anderen Zeit. Das Pferd war groß, der Schweiß stand ihm dampfend in den Flanken, doch es rührte sich nicht. Eydís blieb vor dem Haus stehen, die Finger fester um den Henkel des Korbes gekrallt. Ihre Augen glitten über das Tier, über den Reiter, bis zu dessen Gesicht.

Zu weit weg, um es klar zu erkennen. Aber etwas … etwas war da. Die Haltung vielleicht. Die Art, wie er sie ansah – denn sie spürte seinen Blick, noch ehe sie diesem begegnete. Er brannte. Nicht wie Feuer, sondern wie Eis. Etwas in ihr zog sich zusammen. Eine Erinnerung vielleicht. Ein Echo. Ein Name, den sie sich selbst verboten hatte, so oft, dass sie ihn nicht einmal mehr im Gebet zu flüstern wagte.

Instinktiv machte sie einen Schritt zurück, zog das Tuch über ihr Haar, zupfte es tief in die Stirn. Der Schnee begann, sich in ihren Wimpern zu verfangen, aber sie blinzelte nicht. Sie konnte nicht aufhören, ihn anzusehen. Länger diesmal. Als wollte sie sich überzeugen, dass sie sich irrte. Seine Augen waren seltsam hell. Ein klares, stechendes Blau, keine Farbe, die sie zuordnen konnte – oder wollte. Er war ein Fremder. Kein Name in ihrem Gedächtnis passte zu diesem Gesicht, zu diesen Augen. Und sie hatte lange aufgehört, in jedem Vorübergehenden ein Gespenst ihrer Erinnerung zu suchen. Diese Erinnerung war tot. Oder schlimmer: im Begriff vergessen zu werden.

Und doch… bewegten sich seine Lippen. Sie glaubte, ihren Namen zu hören. Etwas traf sie, wie ein Schlag gegen ihre Brust. Kein Laut – nur das Echo eines Namens, den sie längst verlernt hatte. Es musste ein Zufall sein. Ein Trugbild. Der Wind hatte den Klang verzerrt. Niemand würde sie bei ihrem Namen nennen. Sie war das Weib für ihren Ehemann. Die Hebamme für die schwangeren Frauen. Mutter für ihre Kinder. Hure für die Gemeinschaft. Niemand rief sie so – niemand, außer …

Ihre Finger begannen zu zittern, also schloss sie die Hand fester um den Korbgriff. Sie zwang sich zur Ruhe, atmete kontrolliert durch die Nase. Ihre Gedanken rasten schneller, als sie sie fassen konnte, doch ihr Gesicht blieb ruhig, unbewegt. Kein Zucken, kein Beben. Nur ein einziger, flüchtiger Ausdruck, der vielleicht Sehnsucht sein könnte. Oder Furcht.

Eydís nickte. Knapp. Wie man einem Fremden zunickt, dessen Weg man kreuzt, und dem man gezwungenermaßen ein wenig Höflichkeit zugesteht. Dann setzte sie sich in Bewegung. Machte einen Bogen um den Mann und sein Pferd, als sei es einfach ein weiteres Hindernis auf ihrem Weg. Ihre Schritte knirschten unter dem frischen Schnee, während sie den Platz querte,  ohne sich umzudrehen. Doch der Blick dieses Mannes – dieses Fremden – haftete ihr an, wie ein Schatten, den kein Licht warf. Und mit jedem Schritt wuchs in ihr die Gewissheit. Und diese ließ sie ihre Schritte unwillkürlich beschleunigen.
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My mind feels like a foreign land - von Asgrim Blutfjell - 14-06-2025, 15:38
RE: My mind feels like a foreign land - von Eydís Vigdal - 14-06-2025, 16:20
RE: My mind feels like a foreign land - von Asgrim Blutfjell - 14-06-2025, 18:07
RE: My mind feels like a foreign land - von Asgrim Blutfjell - 15-06-2025, 09:36
RE: My mind feels like a foreign land - von Asgrim Blutfjell - 15-06-2025, 18:56
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RE: My mind feels like a foreign land - von Eydís Vigdal - 14-06-2025, 22:40
RE: My mind feels like a foreign land - von Eydís Vigdal - 15-06-2025, 17:45
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