15-06-2025, 09:36 - Wörter:

„Du bist nicht tot.“
Ihre Stimme war farb- und tonlos. Ein Hauch, kaum mehr als Atem, und doch reichte er aus, um etwas in ihm gefrieren zu lassen. Sie wich einen halben Schritt zurück. Das Gesicht des Blutfjells verhärtete sich, eine Miene wie aus Stein geschlagen. "Nein. Aber du anscheinend", entgegnete er. Die Worte kamen härter, schärfer, als beabsichtigt. Kein Vorwurf. Keine Enttäuschung. Nur die nüchterne Klinge einer Erkenntnis, die schnitt.
Er hatte nicht erwartet, dass sie gewartet hatte. Nicht, dass sie stehen geblieben war. Aber er hatte geglaubt, gehofft vielleicht, dass sie ihr Feuer bewahrt hatte. Dieses unbändige Leuchten, das einst stärker war als jeder Sturm. Doch das, was da vor ihm stand, war nicht Eydís. Es war der Schatten ihrer selbst. Gebrochen. Leise. Schwach. Und Asgrim verabscheute Schwäche. Hatte er schon immer. Besonders jene, die in vertrauten Zügen lauerte. Diese Empfindung, so alt wie sein Stolz, schmerzte im Bezug auf Eydís mehr als alles, was zwischen ihnen je ungesagt geblieben war. Mehr als die Tatsache, dass er sie all die Jahre vermisst hatte. Mehr als das Eingeständnis, dass ein Teil seines Herzens immer noch ihr gehörte – oder dem Mädchen, das sie einst gewesen war. Und vielleicht war genau das das Grausamste an dieser Begegnung: Dass sie nicht das war, was er sich in dunklen Nächten ausgemalt hatte. Dass sie nicht mehr das Licht trug, das ihn einst zurückgehalten hätte.
Stattdessen war da nur Stille. Und ein Schatten, der aussah wie sie. Und das schmerzte. Tiefer, giftiger als all die Jahre der Abwesenheit.
„Verschwinde.“
War es ein Flehen, ein Befehl – oder der letzte Versuch, etwas zu wahren, das längst in sich zusammengefallen war? Asgrim rührte sich nicht. Nur sein Blick – kalt, unergründlich – blieb auf ihr liegen, wie der erste Frost auf einem Grabstein. Dann, mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung seiner Schenkel, lenkte er den Hengst zur Seite. Der Schnee knirschte dumpf unter den schweren Hufen, als das Tier den Weg freigab. Aber der Winterländer machte keinen Schritt zurück. Er wich nur äußerlich. Innerlich blieb er dort stehen, wo ihre Worte ihn getroffen hatten. Dort, wo das Echo von „Verschwinde“ mehr war als ein Wunsch nach Abstand. Es war ein Urteil. Eines, das tiefer schnitt als jedes Schwert.
Asgrim blieb reglos, nur sein Blick veränderte sich. Eine Spur Verachtung vielleicht – aber nicht für sie. Sondern für das, was aus ihr geworden war. Seine Stimme war leise, aber sie schnitt durch den fallenden Schnee wie eine schartige Klinge: "Ich habe dich stärker in Erinnerung." Ein kurzer Moment, in dem er sie beinahe erwartungsvoll ansah. Fast so, als wolle er sie herausfordern, sich zu erheben, ihm zu widersprechen, das Feuer zu zeigen, das er einst in ihr geliebt und gefürchtet hatte. Doch er sah nur den Schatten eines Widerspruchs in ihren Zügen. Und vielleicht auch das Echo von Schmerz. Er schnaubte leise, nicht spöttisch – resigniert. Das Pferd unter ihm trat unruhig auf der Stelle, als würde es das Gewicht seiner Worte spüren. Doch Asgrim hielt es noch einen Moment, wartete. Als hinge irgendetwas in der Luft, das ausgesprochen werden wollte.
