15-06-2025, 18:56 - Wörter:

"Das hätte nichts geändert und das weißt du." Er sagte es, als stelle er eine Tatsache fest. Kein Bedauern. Keine Bitte. Nur ein bleiernes Wissen, das sich zwischen ihre Brustkörbe legte – kalt, schwer und endgültig. Sein Blick blieb an ihrem haften, suchte nicht mehr nach dem Alten, sondern maß das Neue. Die Dunkelheit darin. Die Leere. Die fremde Tiefe, die sich mit seiner eigenen zu spiegeln schien – verzerrt, aber erkennbar.
Der Wind zerrte an den Stofflagen ihres Mantels, wie ein ruheloser Mahner, der zur Eile drängte. Doch sie wich nicht zurück. Stattdessen trat sie einen Schritt vor, das Kinn trotzig gereckt, und in ihren grauen Augen loderte eine Wut, die kälter wirkte als jeder Sturm Norsteadings. Keine Hilflosigkeit, keine Tränen – nur Stahl.
Asgrim verharrte. Etwas in ihrem Blick hielt ihn fest. Dann, ohne ein Wort, schwang er sich aus dem Sattel. Der große Apfelschimmel schnaubte leise, als der Mann neben ihm auf dem gefrorenen Boden landete, der unter seinem Gewicht kaum nachgab. Er blieb stehen, regungslos, nur der Umhang bewegte sich im Wind. Zwei Statuen aus Erinnerung – und dazwischen nichts als verlorene Jahre.
„Wenn ich tot bin, dann hast du den Dolch geführt.“
Wie konnte sie es wagen, ihm solch einen Satz an den Kopf zu werfen? Die Worte hallten nach – leise, aber mit dem Gewicht eines Urteils. Eine von Asgrims Brauen hob sich, langsam, im Unglauben, während in dem eisigen Blau seiner Augen etwas Dunkles aufflackerte. Etwas, das er lange unter Verschluss gehalten hatte. Er trug nicht ihre Schuld. Nicht nach all der Zeit. Zehn Jahre hatte sie gehabt – zehn Winter, um ihr Leben neu zu ordnen, aufzubauen, zu füllen. Und offenbar war ihr das gelungen: mindestens zwei Kinder, vermutlich ein Ehemann. Was, bei Heofader, hätte sie denn noch gewollt? Oder gebraucht? "Wenn du glaubst, ich hätte auch nur einen Hauch Macht über dein Leben gehabt, dann hast du dich längst selbst eingesperrt." Seine Stimme war ruhig, fast zu ruhig – doch das leise Beben darunter verriet die Spannung, die sich wie ein Riss durch seine Fassade zog. "Ich war fort, Eydís. Du warst hier. Alles, was aus dir geworden ist, ist deine Geschichte – nicht meine Schuld." Ein Muskel zuckte an seinem Kiefer. Er ließ sich nicht den Dolch in die Hand drücken, für Wunden, die sie sich selbst geschlagen hatte. Für ein Leben, das sie scheinbar selbst aufgegeben oder gewählt hatte.
"Wenn ich dein Verderben bin, Eydís... dann hast du dich ihm mit offenen Armen hingegeben." Ein Schatten huschte über sein Gesicht, als wäre die Wahrheit, die er aussprach, auch für ihn eine Last. Sein Blick war hart, fast mitleidlos. Der Abstand zwischen ihnen schmolz als er auf sie zutrat, doch die Kälte in seinen Worten fror jede Nähe wieder ein.
