20-06-2025, 09:31 - Wörter:

Die Tatsache, dass das Mädchen bereits starke Wehen hatte, als Veith sie auf dem Weg Richtung Wolfsmark fand, zwang den Krieger dazu, die Verantwortung für die Dunkelhaarige zu übernehmen. So standen sie nun da, vor dem Haus der Hebamme am Dorfplatz - das Mädchen erschöpft und atemlos, Veith mit gerunzelter Stirn, nicht sicher, ob man ihnen hier helfen würde.
Eine weitere Wehe durchzuckte die junge Frau und zwang die Schwangere zu einem schmerzhaften Aufschrei. Veith, oft wegen seiner schonungslosen Ehrlichkeit und seines vermeintlich fehlenden diplomatischen Geschicks kritisiert, erregte häufig den Unmut seiner Mitmenschen. Doch er gehörte auch zu denjenigen, die mit ihrer Hilfsbereitschaft nicht zögerten. „Wie lautet dein Name, Mädchen?“ fragte er die Schwangere die offenbar keinerlei Scheu davor hatte, die gesamte Ortschaft mit ihren Schreien in Aufruhr zu versetzen. Es dauerte einen Moment, bis die junge Frau in der Lage war, auf seine Frage zu antworten. Ihr Atem ging schnell und das Sprechen fiel ihr zunehmend schwerer. "Hilda... mein Name ist Hilda", hauchte sie mühsam. Hilda war jung, vielleicht 17 oder 18 Jahre alt und allem Anschein nach war sie ganz allein mit ihrem Kind. Andeutungen seitens der Dorfbewohner ließen darauf schließen, dass sie von außerhalb stammte und keinen Ehemann hatte und somit niemand hier war, der ihr beistehen würde. Ihre Familie schien sie wegen der Tatsache, dass sie unverheiratet ein Kind erwartete, verstoßen zu haben. Es war wohl ein glücklicher Zufall gewesen, dass der Krieger gerade an diesem Morgen in der Nähe der Siedlung Rast machte und Hilda entdeckte.
In dem Moment, als Veith seinen Blick zurück zum Haus der Hebamme schweifen ließ, spürten er einen Schwall Wasser, der sich über den Boden ergoss und dabei auch einen Teil seiner Stiefel benetzte. Ein vorbeigehender Dorfbewohner warf ihnen einen angewiderten Blick zu, der keinen Zweifel daran ließ, was er von der Szene hielt. Veith presste die Zähne aufeinander, unterdrückte einen Fluch. Nicht wegen der nassen Stiefel, sondern weil er immer noch nicht begreifen konnte, wie ausgerechnet er in diese Lage geraten war.
Der großgewachsene Krieger trat an die Tür des Häuschens heran und klopfte. Als zunächst keine Reaktion erfolgte und Hilda erneut von einer Wehe gepackt wurde, klopfte er fester, diesmal mit Nachdruck. „Wir brauchen Hilfe!“ rief er, die Stimme schärfer, als beabsichtigt. So sehr er sich bemühte, der jungen Frau beizustehen, so sehr sehnte er den Moment herbei, in dem er sie in die Obhut der Hebamme übergeben und sich wieder entfernen konnte. Dieser Zwischenfall hielt ihn auf und Veith wusste, dass sein Onkel bereits auf ihn wartete.
