02-07-2025, 15:48 - Wörter:
Prophet girl
Chosen by the sun, do you hear god whisper

Eine von beiden spielte das Spiel besser als die andere. Wenn es nicht bereits in Desdemonas Natur gelegen hatte, dann hatten sie die Jahre am Großkönigshof zu dem gemacht, was sie jetzt war: Eine Tänzerin, die blind den Ablauf der Fliesen unter ihren Füßen kannte. Naila erinnerte sich an die junge Prinzessin auf den Geburtstagen ihres Vaters, zu denen jede Königsfamilie eingeladen gewesen war, als wäre es erst gestern. An den wachen, hellen Blick, als wäre sie die Ältere, die mehr wusste als eine einfache Wüstenprinzessin der Inseln. Vielleicht hatte sie damals zu ihr aufgesehen, wie mühelos sie sich durch die Gesellschaft bewegte, während Naila die Blicke von fremden Königen und Prinzen schon immer etwas unsicher gemacht hatte. Was sich damals schon abzeichnete, hatte sich nur verfeinert in Nuancen, die zwischen ihnen woben und sich zogen, wenn man zu stark an ihnen zupfte. Denn Desdemona hatte genau eines, was Naila beneidete und was sie willig machte, die Fäden etwas anzuziehen und einen Schritt auf sie zuzugehen.
Zugang zum Hof und zu seinen Intrigen.
Natürlich waren es keine niederträchtigen Absichten, welche die Prinzessin auch heute wieder zu den offenen Balkonterrassen trieben, die an Desdemonas Gemächern grenzten. Um an einem fremden Hof zu überleben und nicht von einem Stein über den nächsten zu stolpern, musste man ihn kennen, seine Bewohner so wie die Dynamiken, die sich zwischen ihnen gebildet hatten. Als Außenseiter, Neuling fiel es ihr schwer, ein echtes Lächeln aus den Gesellschafterinnen zu kitzeln, und mittlerweile war sie sich sicher, dass der Zusammenhalt zwischen Frauen hier in Castandor längst nicht so groß geschrieben war, wie in Matariyya. Die Blicke, die sie trafen, waren nicht mit Wärme gefüllt, ja nichtmal mit Mitgefühl. Beizeiten hatte sie das Gefühl, dass man ihr nach ihrer Position trachtete, als hätte sie mit ihrer Hochzeit die kleine Welt des Adels um einen Junggesellen beraubt. Da gab es die kleinen Lichter, wie etwa Aurora, die sie mit ihrer Herzlichkeit tröstete und Hoffnung gab, aber Naila war nicht dumm; sie wusste, dass sie sich hier nie einleben würde, wenn sie sich diesem Problem nicht annahm. Die Castellanos schienen allesamt genau zu wissen, wie man das Spiel spielte, und sie war jetzt eine von ihnen.
Heute hatte sie ihr eigenes Schachset mitgebracht, sorgfältig geschnitzte Elfenbeinfiguren mit kleinen, goldenen Akzenten, die ihr Onkel ihr vor der Abreise mitgegeben hatte. Getragen wurden sie von Imani, ihrem Schatten, in einer schlichten Kiste mit einem einzigen rechteckigen Mandala bemalt. Naila hatte einen Sinn für das Schöne und sie achtete die dekorative Auswahl, die Desdemona selbst für ihre Gemächer gewählt hatte. Alles war groß und räumig, aber nicht zu leer. Selbst der Boden spiegelte die Stille des Raumes, auch als Nailas Schritte über den Marmor hallten, und die Terrasse hatte eine wunderschöne Aussicht auf den stillen Teil des Gartens, der mit seinen Farnen und Olivenbäumen im Vergleich zum Rest fast schon etwas wild wirkte. Als die Prinzessin ihre Schwägerin erblickte, erwärmte ein ehrliches Lächeln ihre Züge.
“Prinzessin Desdemona”
, begrüßte sie mit sanfter Freundlichkeit. “Ich beginne, unsere wöchentlichen Spiele schon nach dem zweiten Tag zu vermissen.”
Imani trat vor und platzierte die Schachtel auf dem Spielbrett, bevor sie wieder in den Schatten trat und Naila sich niederließ, die Schachtel öffnete und sorgfältig die Spielfiguren auf ihrer Seite platzierte. “Wie geht es dir?”
