08-07-2025, 13:48 - Wörter:
Castandor war anders als die anderen Länder. Nicht zwingend schöner, nicht einmal größer – zumindest nicht, soweit Desdemona es beurteilen konnte. Ihre Reisen hatten sie bisher nur ins Sommerland und ins Herbstland geführt. Und doch lag etwas in der Luft von Castandor, etwas Unverkennbares. Es war nicht nur der Sitz der Krone, es war der Herzschlag des Reiches. Von hier aus sollte Macht ausgehen – über das schnöde Walleydor, das rohe Norsteading, das abergläubische Farynn und das darbende Matariyya.
Dass ihr Vater diese Verantwortung nie mit der gebotenen Hingabe trug, war ihr seit jeher ein Dorn im Auge. Wie konnte jemand, dem so viel Macht zufiel, sie so achtlos aus der Hand geben?
Desdemonas Blick ruhte auf den Olivenbäumen im Garten, ihre Finger glitten gedankenverloren über das kühle Steinholz des Terrassengeländers. Sie mochte dieses Zuhause – das Land, die Luft, den Geruch nach Sonne auf Stein. Aber sie war nicht davon abhängig. Sie wusste, dass sie überall leben, überall überleben konnte. Wurzeln waren etwas für andere. Sie war biegsam, wandelbar – bereit, sich selbst zu zersplittern, nur um sich neu, härter, klüger zusammenzusetzen.
Alles würde sie aufgeben.
Für Macht.
Doch noch war der Pfad zur Macht ihr verhüllt – ein dichter Nebel, der sich nicht einfach beiseiteschieben ließ. Farynn? Zu ängstlich. Das Sommerland? Bereits gebunden – ein weiteres Bündnis wäre politisch töricht, vergeudetes Potenzial. Ihr Blick verengte sich, als schliefe in ihr eine neue Berechnung, ein Ringen mit der Landkarte im Kopf. Vielleicht ein unbedeutendes Fürstentum – klein genug, um kontrollierbar zu sein, ehrgeizig genug, um sich lenken zu lassen? Doch dafür war sie selbst zu ambitioniert.
Desdemonas Lippen pressten sich zu einer dünnen Linie. Ihre Augen – kühles, kalkulierendes stahlblau – ruhten auf einem Punkt in der Ferne, als könne sie ihn durch bloßen Willen in ihren Griff ziehen. Wer wusste schon was der nahende Krieg bringen würde.
Leise Schritte rissen die junge Blondine aus ihren Gedanken, ihr Gesicht entspannte sich, und mit ruhiger Eleganz, einer fast mühelosen Form von Erhabenheit, wandte sie sich in die Richtung aus der die Schritte kamen. Der Ausdruck in ihren Augen blieb wachsam, doch ihre Züge wurden weich – nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Kontrolle. Es war jene Art von Beherrschung, die aus innerer Überlegenheit geboren wurde, nicht aus Arroganz. Und als sie Naila erblickte, legte sich ein beinahe höfliches Lächeln auf ihre Lippen – höflich, aber nicht leer. "Prinzessin Naila, Du schreitest so leicht, man könnte Dich für einen Gedanken halten, der den Boden kaum berührt", sagte sie, mit einem Tonfall, der zwischen Charme und Prüfung schwebte.
Nailas Herzlichkeit und Freundlichkeit waren von Anfang an eine Prüfung für Desdemona gewesen. Sie mochte die Prinzessin aus Matariyya – und gerade das war gefährlich. Denn Zuneigung schwächte, machte nachlässig, ließ einen vergessen, dass jeder Blick, jedes Lächeln auch ein Spielstein sein konnte. Und manchmal, wenn sie in der Sonne saßen und der Wein weich über ihre Zungen floss, wenn das Lachen leicht fiel, vergaß Desdemona beinahe, dass sie sich inmitten eines Schachbretts befand.
Und so stand sie nun da, aufrecht wie immer, mit jenem Lächeln, das sowohl willkommen hieß als auch auf Abstand hielt. Die Art von Lächeln, bei dem man nie wusste, ob es ein Kompliment war oder eine Warnung.
Sie machte eine einladende Bewegung in Richtung des Schachbretts und trat heran, neugierig auf die Figuren, die Naila an diesem Abend mitbrachte. "Da geht es dir wohl wie mir. Endlich habe ich jemanden gefunden, der meine Leidenschaft für Schach teilt – und eine Herausforderung darstellt." Das Lächeln das sich nun auf Desdemonas Lippen legte, war schmeichelnd, doch mit einem Hauch von Schärfe. Für einen Moment wirkte es fast gefährlich, als ob das Spiel längst begonnen hätte, bevor auch nur ein Stein gesetzt war.
Sie ließ sich mit geschmeidiger Ruhe auf einen der angenehm gepolsterten Stühle nieder und beobachtete Naila dabei, wie sie mit routinierter Gelassenheit die Figuren auf dem Brett platzierte.
Desdemonas Finger glitten beinahe ehrfürchtig über einen der Springer – ein kunstvoll gearbeiteter Elefant aus Elfenbein, glatt poliert, mit winzigen, goldenen Intarsien verziert. Bei ihnen war der Springer ein Pferd.
"Die Figuren sind wunderschön", sagte sie leise, fast wie ein anerkennender Gedanke, den sie laut werden ließ. In ihrem Blick lag eine gewisse Bewunderung – oder zumindest Respekt vor der Sorgfalt, die selbst in diesem Detail steckte.
Sie stellte den Springer mit derselben Bedachtsamkeit wieder zurück an seinen Platz, lehnte sich leicht in ihrem Stuhl zurück – souverän, aber nicht angespannt. Nur für einen flüchtigen Moment glitt ihr Blick zu Imani, die wie ein Schatten an Nailas Seite verweilte. Präsenzvoll in ihrer Stille.
Nailas Frage nach ihrem Wohlbefinden ließ Desdemona einen Moment lang in Schweigen verharren. Sie wusste es schlicht nicht. In Wahrheit hatte sie selten innegehalten, um sich damit auseinanderzusetzen – ihre Ziele standen über ihrem Empfinden, über Müdigkeit, Zweifel oder Sehnsucht. "Wie es einem wohl als Prinzessin von Castandor geht", erwiderte sie schließlich mit einem weichen Seufzen, das fast schon gespielt klang. Ein Hauch Theatralik lag in ihrer Stimme, ein halbes Lächeln zuckte um ihre Lippen, wie um die Bitterkeit in etwas Elegantes zu kleiden. Sie wusste schließlich um ihren goldenen Käfig.
Sie legte den Kopf leicht zur Seite, der Blick nun ruhiger, fast ein wenig wärmer:
"Und dir? Lebst du dich langsam ein?"
Ihre Stimme trug eine Nuance von Mitgefühl – oder zumindest etwas, das dem nahekam. Echte Sorge vielleicht nicht, aber ein ehrliches Interesse, das nicht gespielt wirkte.
Dass ihr Vater diese Verantwortung nie mit der gebotenen Hingabe trug, war ihr seit jeher ein Dorn im Auge. Wie konnte jemand, dem so viel Macht zufiel, sie so achtlos aus der Hand geben?
Desdemonas Blick ruhte auf den Olivenbäumen im Garten, ihre Finger glitten gedankenverloren über das kühle Steinholz des Terrassengeländers. Sie mochte dieses Zuhause – das Land, die Luft, den Geruch nach Sonne auf Stein. Aber sie war nicht davon abhängig. Sie wusste, dass sie überall leben, überall überleben konnte. Wurzeln waren etwas für andere. Sie war biegsam, wandelbar – bereit, sich selbst zu zersplittern, nur um sich neu, härter, klüger zusammenzusetzen.
Alles würde sie aufgeben.
Für Macht.
Doch noch war der Pfad zur Macht ihr verhüllt – ein dichter Nebel, der sich nicht einfach beiseiteschieben ließ. Farynn? Zu ängstlich. Das Sommerland? Bereits gebunden – ein weiteres Bündnis wäre politisch töricht, vergeudetes Potenzial. Ihr Blick verengte sich, als schliefe in ihr eine neue Berechnung, ein Ringen mit der Landkarte im Kopf. Vielleicht ein unbedeutendes Fürstentum – klein genug, um kontrollierbar zu sein, ehrgeizig genug, um sich lenken zu lassen? Doch dafür war sie selbst zu ambitioniert.
Desdemonas Lippen pressten sich zu einer dünnen Linie. Ihre Augen – kühles, kalkulierendes stahlblau – ruhten auf einem Punkt in der Ferne, als könne sie ihn durch bloßen Willen in ihren Griff ziehen. Wer wusste schon was der nahende Krieg bringen würde.
Leise Schritte rissen die junge Blondine aus ihren Gedanken, ihr Gesicht entspannte sich, und mit ruhiger Eleganz, einer fast mühelosen Form von Erhabenheit, wandte sie sich in die Richtung aus der die Schritte kamen. Der Ausdruck in ihren Augen blieb wachsam, doch ihre Züge wurden weich – nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Kontrolle. Es war jene Art von Beherrschung, die aus innerer Überlegenheit geboren wurde, nicht aus Arroganz. Und als sie Naila erblickte, legte sich ein beinahe höfliches Lächeln auf ihre Lippen – höflich, aber nicht leer. "Prinzessin Naila, Du schreitest so leicht, man könnte Dich für einen Gedanken halten, der den Boden kaum berührt", sagte sie, mit einem Tonfall, der zwischen Charme und Prüfung schwebte.
Nailas Herzlichkeit und Freundlichkeit waren von Anfang an eine Prüfung für Desdemona gewesen. Sie mochte die Prinzessin aus Matariyya – und gerade das war gefährlich. Denn Zuneigung schwächte, machte nachlässig, ließ einen vergessen, dass jeder Blick, jedes Lächeln auch ein Spielstein sein konnte. Und manchmal, wenn sie in der Sonne saßen und der Wein weich über ihre Zungen floss, wenn das Lachen leicht fiel, vergaß Desdemona beinahe, dass sie sich inmitten eines Schachbretts befand.
Und so stand sie nun da, aufrecht wie immer, mit jenem Lächeln, das sowohl willkommen hieß als auch auf Abstand hielt. Die Art von Lächeln, bei dem man nie wusste, ob es ein Kompliment war oder eine Warnung.
Sie machte eine einladende Bewegung in Richtung des Schachbretts und trat heran, neugierig auf die Figuren, die Naila an diesem Abend mitbrachte. "Da geht es dir wohl wie mir. Endlich habe ich jemanden gefunden, der meine Leidenschaft für Schach teilt – und eine Herausforderung darstellt." Das Lächeln das sich nun auf Desdemonas Lippen legte, war schmeichelnd, doch mit einem Hauch von Schärfe. Für einen Moment wirkte es fast gefährlich, als ob das Spiel längst begonnen hätte, bevor auch nur ein Stein gesetzt war.
Sie ließ sich mit geschmeidiger Ruhe auf einen der angenehm gepolsterten Stühle nieder und beobachtete Naila dabei, wie sie mit routinierter Gelassenheit die Figuren auf dem Brett platzierte.
Desdemonas Finger glitten beinahe ehrfürchtig über einen der Springer – ein kunstvoll gearbeiteter Elefant aus Elfenbein, glatt poliert, mit winzigen, goldenen Intarsien verziert. Bei ihnen war der Springer ein Pferd.
"Die Figuren sind wunderschön", sagte sie leise, fast wie ein anerkennender Gedanke, den sie laut werden ließ. In ihrem Blick lag eine gewisse Bewunderung – oder zumindest Respekt vor der Sorgfalt, die selbst in diesem Detail steckte.
Sie stellte den Springer mit derselben Bedachtsamkeit wieder zurück an seinen Platz, lehnte sich leicht in ihrem Stuhl zurück – souverän, aber nicht angespannt. Nur für einen flüchtigen Moment glitt ihr Blick zu Imani, die wie ein Schatten an Nailas Seite verweilte. Präsenzvoll in ihrer Stille.
Nailas Frage nach ihrem Wohlbefinden ließ Desdemona einen Moment lang in Schweigen verharren. Sie wusste es schlicht nicht. In Wahrheit hatte sie selten innegehalten, um sich damit auseinanderzusetzen – ihre Ziele standen über ihrem Empfinden, über Müdigkeit, Zweifel oder Sehnsucht. "Wie es einem wohl als Prinzessin von Castandor geht", erwiderte sie schließlich mit einem weichen Seufzen, das fast schon gespielt klang. Ein Hauch Theatralik lag in ihrer Stimme, ein halbes Lächeln zuckte um ihre Lippen, wie um die Bitterkeit in etwas Elegantes zu kleiden. Sie wusste schließlich um ihren goldenen Käfig.
Sie legte den Kopf leicht zur Seite, der Blick nun ruhiger, fast ein wenig wärmer:
"Und dir? Lebst du dich langsam ein?"
Ihre Stimme trug eine Nuance von Mitgefühl – oder zumindest etwas, das dem nahekam. Echte Sorge vielleicht nicht, aber ein ehrliches Interesse, das nicht gespielt wirkte.
