13-07-2025, 18:31 - Wörter:

Orpheus hatte den Schläger fallen lassen, kaum dass die ersten schweren Tropfen fielen, und instinktiv nach Nailas Hand gegriffen. Gemeinsam rannten sie die marmornen Treppen hinauf, hinein in die geschützten Gänge des Palastes. Doch anstatt sich über den überraschenden Wolkenbruch zu ärgern, der nicht nur kunstvoll aufgesteckte Frisuren ruinierte, sondern auch teure Gewänder durchnässte, lachten sie. Lachend liefen sie durch den Regen, wie Kinder, frei von jedem höfischen Zwang. Es war, als hätte der Sommer in einem letzten Aufbäumen all seine Hitze und Schwere weggespült – samt der Sorgen, die sich über die letzten Wochen unmerklich zwischen ihren Schultern festgesetzt hatten. Zumindest für diesen einen Moment war alles leicht. Nailas Lachen klang hell durch den Hall des Gangs, und Orpheus, der sie einen Schritt hinter sich her zog, drehte sich zu ihr um – nur, um von ihrer Ausgelassenheit angesteckt zu werden. Ihr Gesicht, nass vom Regen, strahlte vor Lebendigkeit. In der kurzen Zeit, die sie nun verheiratet waren, war sie ihm nicht nur ans Herz gewachsen. Die junge Prinzessin war ihm zur Vertrauten geworden – und das, obwohl er sich sonst schwer tat, Menschen nahe an sich heranzulassen. Doch bei Naila fiel es ihm mit jedem Tag leichter, sich zu öffnen.
Tagsüber sahen sie sich selten. Orpheus war oft in Besprechungen gebunden, in denen es um die Vorbereitung auf den Krieg ging – Themen, die ihn innerlich ermüdeten, weil sie ihm zutiefst widerstrebten. Nicht, weil er die Pflicht scheute, sondern weil sein Herz für andere Dinge schlug. Für das Denken. Das Lesen. Die Kunst. Die leisen Zwischentöne. Doch abends, wenn die langen Schatten sich über den Hof legten und der Tag sich dem Ende neigte, suchten sie zunehmend die Nähe des anderen. In aller Stille. Oft saßen sie dann über einem Schachbrett, verloren sich in ruhigen Zügen, in kleinen Gesten. Oder sie sprachen über Bücher. Über Gedanken. Über alles, was sich außerhalb der Mauern von Strategien und Bündnissen bewegte. Der Prinz hörte ihr gerne zu, wenn sie erzählte, was sie in der großen Bibliothek entdeckt hatte. Manchmal war sie beinahe verlegen dabei, als wüsste sie selbst nicht, ob sie ihn mit ihrer Begeisterung langweilte – doch er ermutigte sie stets, fortzufahren. Und immer öfter entdeckte er dabei, wie klug sie war, wie wach ihr Geist und wie groß ihr Hunger nach Wissen. Sie war keine jener adligen Frauen, die sich nur für Seide und Schmuck interessierten oder ihre Tage mit höfischem Getuschel verbrachten. Naila stellte Fragen, die ihn überraschten – über Naturphänomene, über Philosophie, über Astrologie, über fremde Länder, über Dinge, die selbst ihm neu waren. Und es war ihm eine stille Freude, sie darin zu bestärken.
Sie waren gerade auf halbem Weg zu ihren Gemächern, als eine Stimme durch den Gang hallte. Naila hielt inne, wandte sich um – ihre kleine Schwester war zu ihnen aufgeschlossen. Mit einem Blick, in dem Wärme und Verantwortungsgefühl lagen, löste sie sich von Orpheus’ Hand. „Ich komme gleich nach“, sagte sie leise – und er hatte nur genickt, ehe sie sich abwandte. Also ging er allein weiter, ließ die vertrauten Geräusche des Regens hinter sich und betrat wenig später das gemeinsame Gemach. Die Bediensteten hatten bereits frische Tücher und trockene Kleidung bereitgelegt, sorgsam über einem Hocker drapiert. Orpheus streifte das nasse Obergewand ab, griff nach einem der Tücher und rubbelte sich durch die klatschnassen Locken.
Noch war er damit beschäftigt, als die Tür sich hinter ihm öffnete und Naila eintrat. Tropfnass stand sie im Gemach – das Kleid klebte an ihrer Haut, dunkle Haarsträhnen hingen ihr ins Gesicht, die Wangen gerötet vom Wind und Regen. Doch ihr Blick war lebendig, voller kindlichem Staunen, und Orpheus musste lächeln. Sie sah bezaubernd aus – nicht trotz, sondern gerade wegen dieser Unvollkommenheit. Bevor er etwas sagen konnte, war sie jedoch schon an ihm vorbei, eilte zur offenen Balkontür, und blieb dort stehen, als würde sie das Schauspiel draußen aufsaugen wollen. Orpheus trat leise neben sie, folgte ihrem Blick in den Himmel.
„In dieser Jahreszeit kommt es hin und wieder vor“
, entgegnete der Prinz ruhig. „Es regnet selten – aber wenn, dann so, als wolle die Welt sich alles auf einmal vom Leib spülen.“
In diesem Moment zuckte ein greller Blitz über den Himmel. Naila fuhr erschrocken zusammen, und wie instinktiv griff sie nach seinem Arm. Er spürte, wie ihre kalten Finger sich darum schlossen, und legte beruhigend eine Hand auf ihre Schulter. „Du bist ganz durchnässt, meine Liebe“
, sagte er sanft, fast ein wenig besorgt. „Möchtest du dich nicht umziehen?“
Er deutete auf die bereitgelegten Tücher und das frische Gewand. „Ich möchte nicht, dass du krank wirst.“
