21-07-2025, 15:16 - Wörter:
Es war ein Abend, wie er nur ein einziges Mal in ihrem ganzen Leben kam. Die Verbundenheit, die sie beide spürten, würde schwinden, würde schwächer werden und im Hintergrund ruhen, bis es eine Möglichkeit gab, sie aufleben zu lassen. Denn morgen schon würde ihre Tochter den Weg in ihr erstes großes Abenteuer antreten und auch, wenn sie sie gerne begleitet hätte, so warteten ihre ganz eigenen Abenteuer doch hier in Matariyya. Aber Yasirah war sich sicher, dass Naila die ganze Welt offen stand. Eine Verlobung mit Orpheus Castellanos war das beste, was ihr passieren konnte. Er sollte ein intelligenter, gutherziger und ruhiger Prinz sein, kein Thronfolger, aber dafür beim Volk beliebter, als sein großer Bruder Leandros. Niemals hätte sie zugelassen, dass Naila diesen Mann heiratete, aber mit Orpheus war sie mehr als zufrieden. Er würde ihrer Tochter hoffentlich das Leben schenken, das ihr hier in ihrer Heimat immer verwehrt blieb. Vielleicht würde sie sich dort durch Bücherregale voller Bücher wühlen dürfen, vielleicht würde sie mit Gelehrten sprechen und ihre Theorien anbringen, an denen sie sicher in so vielen Nächten unter der Bettdecke getüftelt hatte. Naila war zu gut, um hier zu bleiben. Sie war ein Vogel, den man sein Leben eingesperrt hatte und nun bekam sie endlich die Möglichkeit ihre Flügel auszubreiten und zu fliegen. Und auch, wenn das bedeutete, dass Yasirah ihre Tochter vielleicht niemals wieder sehen würde, so freute sie sich doch für Naila. Sanft drückte sie erneut ihre Hand, die sie noch immer hielt.
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Du bist in vielen Dingen gut, aber Komplimente konntest du schon als kleines Kind nicht annehmen
", erzählte sie sanft grinsend und streichelte über ihren Handrücken, ehe sie losließ. Es fühlte sich wie das Öffnen der Hand an, in dem besagter Vogel saß, um nun endlich losfliegen zu können. Obwohl so viele Gefühle in ihrem Herzen tobten und um die Vorherrschaft kämpften, überwog das Gefühl der Freude. "Dein Leben wird mit der Ankunft in Castandor erst so richtig beginnen, glaube mir. Du wirst dort neue Freunde finden und mit deinen alten Freunden lachen, Ranya aufwachsen sehen und sie bitte in ihrer Jugend davon abhalten, irgendwelche Dummheiten zu machen - das musst du mir wirklich versprechen, dieses Kind hat manchmal nur Unsinn im Kopf! - und du wirst dort ganz bestimmt die Liebe finden, nach der du hier für immer verzweifelt gesucht hättest. Orpheus ist ein anständiger junger Mann, was man so hört. Dort hast du viel mehr Möglichkeiten, du selbst zu sein
", endete sie mit brüchiger Stimme und strich mit ihrem Daumen die verlorene Träne weg, die ihrer Tochter über die Wange rollte. "Ich werde dich auch vermissen
", flüsterte sie leise und beobachtete erst für ein paar Sekunden ihre Tochter, ehe sie ihren Blick gen Himmel wandte. "Die Sterne sehen in Castandor genauso aus, wie hier in Dharan al-Bhar. Wir müssen also nur des nachts nach oben sehen und fühlen uns dann verbundener, als zuvor
", murmelte sie leise und schloss für einen tiefen Atemzug kurz die Augen.
