22-07-2025, 11:23 - Wörter:

Leichte Füße waren nichts weiter als eine Farce und vielleicht ein kleiner Schatten von ihrer Vergangenheit als Prinzessin, die stets Beiwerk, doch nie Hauptattraktion war. Im Sommerland hatte Naila es perfektioniert, einen Blick zum Geschenk zu machen und ein Wort mit einem Phänomen aufzuwiegen. Sie war sich der neugierigen Blicke von männlichen Gästen stets bewusst gewesen, die sie nur zu besonderen Anlässen zu Gesicht bekommen hatten, wenn sie aus ihrem goldenen Käfig getreten war und sich an der Gesellschaft beteiligt hatte, als würde sie den Anlass mit ihrer Präsenz segnen. Hier, in Castandor, standen die Türen ihres Käfigs offen — zumindest bis zu den Haupttoren — und wie mit den anderen Frauen am Hof teilte sie sich dieselben Wege, dieselben Aussichten, dieselben Gitterstäbe mit Desdemona. Für Naila war es eine neue Welt, die sich ihr auftat, neue Wege, die es zu finden gab, neue Winkel, in denen sie sich bewegen durfte; die jüngere Prinzessin hingegen hatte ihr gesamtes Leben in diesem Käfig verbracht und kannte alle Wege, alle Winkel, ihre Welt bereits. Die Pfade durch die Gärten, der Weg zum Schachbrett… das einzige, was Naila ihr bot, war das Verhaltensmuster einer neuen Spielpartnerin, das es zu lernen galt. Sie lächelte ob des kleinen Seitenhiebs, den Desdemona wohl bewusst an all die anderen Spielbegeisterten am Hof austeilte.
„Eine temporäre Herausforderung zumindest, bis auch du weißt, wie ich spiele, und uns nur noch die gemeinsame Leidenschaft bleibt“
, entgegnete sie mit einem weicheren Lächeln und einer Leichtigkeit in ihren Worten, als hätte sie diese Zukunft bereits akzeptiert; aber auch mit einem Vielleicht im Hintergrund, das den Raum einer Frage offen ließ. „Wie lange hat es bei Orpheus gedauert, bis er keine Herausforderung mehr darstellte?“
Für einen Moment hielt sie inne, als zögerten ihre Finger, welche Figur sie als Nächstes aufstellen sollte, aber vielleicht hörte sie auch nur aufmerksam zu. Die beiden Geschwister wirkten auf sie tatsächlich recht familiär, mehr als Orpheus und Leandros, doch sie hatte kaum eine Ahnung davon, wie viel vom gemeinsamen Leben sie eigentlich miteinander teilten. In ihren Augen war Orpheus auch ein kluger Kopf, mit dem sie ihresgleichen gefunden hatte — aber für Naila war auch alles spannend, was er mit ihr tat. Sie war wohl kaum der richtige Messstab, um das Können beider Geschwister miteinander aufzuwiegen. Schönheit lag im Auge des Betrachters, doch hin und wieder einigte sich der Konsens, welchen Dingen das Auge die Schönheit zuzuschreiben hatte. Im Falle von Nailas Schachfiguren war unbestreitbar, dass es sich um fein gearbeitete Werke handelte, in die viel Zeit geflossen war; ein Geschenk, in Auftrag gegeben von jemandem, der die Präsenz der Prinzessin hoch hielt und ihr ein kleines Stück der Perfektion schenken wollte, die sie für ihn verkörperte. Doch während sie ihre Figuren platzierte, streifte auch ihr Blick die gegenüber stehenden Figuren mit einer Ruhe, wie man nur Kunstwerke betrachtete.
„Das kann ich nur zurückgeben. Obsidian besticht am besten, wenn man es mit Liebe fürs Detail behandelt.“
Doch das wusste Desdemona sicher. Überhaupt schien sie mehr zu wissen, als sie bereit war, preiszugeben. Schweigen sprach oft in ungesagten Worten, vielleicht kalkuliert, vielleicht aber auch in die Länge gezogen von Gedanken, die sich entgegen der Sprache nicht so leicht kontrollieren ließen. Naila hob nicht den Blick, als sie ihre einfache Frage mit einer ebenso einfachen Antwort bedachte, wollte sie ihrer Schwägerin doch den Raum und die Freiheit geben, sich nicht beobachtet zu fühlen. Doch trotz der simplen Antwort glaubte sie zu wissen, was hinter den Worten steckte; was im Schweigen zu laut gewesen war, um es auszusprechen. Die kleine Unzufriedenheit, die von jemandem ausging, der sich nicht damit abspeisen wollte, immerzu im Palast zu sitzen und zu warten, bis das Schicksal anders für einen entschied.Das Lächeln Nailas war vielleicht eine Spur zurückhaltender, aber auch einen Ton sanfter. Ihre Lippen stets wie ein Pinsel, dessen Farbe sich in kleinen Fäden durch Wasser zog, waren die Lippen Desdemonas der Federkiel, der die verwässerte Farbe aufwirbelte. Sie wollte ihr gerne Glauben, das Mitgefühl in ihrer Stimme mitschwang.
„Deine Familie tut alles dafür, dass ich mich hier wohl fühle.“
Die Begegnung mit Leandros ließ sie bewusst aus. „Und - wenn ich ehrlich bin“
, hob sie den Blick doch, in ihren Augen ein Glanz, der fast verspielt wirkte. „bin ich doch froh, hier zu sein und nicht in Norsteading. Schon einmal von einer sommerländischen Prinzessin im Winterland gehört?“
Amüsement streifte ihre Züge, ehe sie die leere Schachtel wieder an sich nahm, sich zurücklehnte und das Feld betrachtete. Die Figuren standen allesamt präzise platziert auf dem Brett, ruhig und geduldig wartend, gesetzt zu werden. Ilyas hatte ihr damals beigebracht, dass man mit seinem ersten Zug schon seine Strategie verriet, und Naila war sich bewusst, dass Desdemona vermutlich ihre eigenen Schlussfolgerungen dazu ziehen konnte. Dennoch entschied sie sich für die sichere Strategie, in der sie am meisten Spielraum hatte, weil sie diese am öftesten spielte, und bewegte den kleinen Diener ein Feld nach vorne, der vor ihrer Dame stand — eine in Tücher gehüllte Frau, die eine Sonne über ihrem Kopf hielt.