03-09-2025, 15:24 - Wörter:
Eine Gänsehaut überzog plötzlich die Arme der Rothaarigen. Nicht etwa, weil sie langsam anfing zu frieren, weil ihr die Haare nass an der Stirn und an der Wange klebten, oder sie ihre Kleider nach dem kleinen Ausflug erst einmal auswringen konnte, sondern viel mehr der Tatsache wegen, dass Maebh über das Kinderkriegen sprach. Es war, als hätte sie damit ein neues Thema angeschnitten, dass der jungen Frau eine ungeheure Angst einjagte, über das sie aber tatsächlich bislang noch gar nicht nachgedacht hatte. Das würde immerhin nach der Hochzeit anstehen. So war es doch immer. Man heiratete, zog in ein gemeinsames Haus und widmete sich dann dem Nachwuchs. Sie fröstelte. Muirín Henaghen war nicht bereit. Für nichts von alldem. Sie wollte nicht heiraten und sie wollte noch viel weniger eine Mutter sein. Sie hatte sich ja noch nicht einmal selbst gefunden, wie sollte sie dann jemand anderem dabei helfen, sich zu finden? Sie wusste, worin ein solcher Weg enden würde: darin, sich selbst niemals gefunden zu haben. Selbst nie zu wissen, was das Leben eigentlich für einen bereit gehalten hätte, wenn man denn genug Zeit bekommen hätte. Und wenn man sie nicht anhand ihres Geschlechts bemessen hätte. Vielleicht wäre sie dann Gelehrte oder Priesterin, Schneiderin oder Gerberin geworden? Poetin, Bardin oder vielleicht auch einfach nur eine glückliche Hausfrau, nachdem sie genug Zeit hatte, all das auszuprobieren, wonach ihr der Sinn stand. Aber das war in ihrer Gesellschaft nicht so vorgesehen. Muirín Henaghen würde morgen schon heiraten. Würde ihren Familiennamen ablegen und den, der Frasers annehmen. Würde die Prinzessin eines Fürstentums sein, ohne jemals Anspruch auf mehr zu haben. Würde vielleicht irgendwann Mutter werden - wenn es denn jemals dazu kommen sollte, dass ihr Ehemann das Bett mit ihr teilte... - und nach vielen Jahren irgendwann sterben. Ohne jemals zu wissen, was sie alles hätte sein können.
"
"
Das klingt fantastisch
", murmelte sie leise und nestelte noch immer an ihren Fingern herum. Einen Verlobungsring gab es nicht, dafür war nicht einmal Zeit gewesen. Ab morgen würde es stattdessen vermutlich einen Ehering geben, aber eine emotionale Bedeutung würde er nicht besitzen. Verstohlen blickte sie auf die Hände der jungen Fürstin, um herauszufinden, ob sie einen Ring trug. Und tatsächlich: an der linken Hand zierte ein schmaler und schlichter Ring den Finger der jungen Frau. Muirín blinzelte ein paar Mal und richtete ihren Blick wieder auf das freundliche Gesicht neben ihr. "Ich werde ganz sicher darauf zurückkommen...
", erwiderte sie lächelnd und nickte zustimmend. Noch ehe sie einen weiteren Gedanken fassen konnte, spürte sie, wie Maebh ihre Hand nahm und sie zum Aufstehen zwang. Sie traten gemeinsam an die feuchte Steinbrüstung. Plötzlich war es so viel schwerer die Worte der zierlichen Frau zu verstehen, weil die Wellen so viel Lauter gegen die Klippen donnerten. "Ich kann diesen Ansprüchen überhaupt nicht gerecht werden. Wer soll denn sowas alles schaffen? Wir sind doch keine Puppen!
", antwortete sie verzweifelt und fuhr sich mit beiden Händen durch die mittlerweile klitschnassen Haare. Sie konnte spüren, wie all die Emotionen sich Bahn brachen, einen Weg an die Oberfläche suchten und nach draußen gelassen werden wollten. Sie konnte sehen, dass Maebh sich die Gewalt des Meeres zunutze machte, um ihre Emotionen raus zu lassen, hören war jedoch kaum möglich. Das Tosen der Wellen war zu laut, die spritzende Gischt ermöglichte es beinahe unsichtbar zu werden und die Rauheit der Natur zeigte ihnen erbarmungslos, wie klein und unwichtig sie und ihre Probleme eigentlich waren. Sie konnte alle Unsicherheiten und Sorgen der letzten Wochen spüren, konnte die Zweifel und Ängste an die Oberfläche kriechen sehen, wie sie ihr einredeten, dass sie selbst an allem Schuld war und dass sie niemals genug sein würde. Dass sie nichts, als eine einfache Dirne war, die nichts auf die Reihe bekam. Und noch ehe sie sich versah, schmetterte sie brüllend all' das nach draußen, was sich seit Wochen und Monaten unter der Oberfläche angestaut hatte. Die Wellen verschluckten den Laut, sodass es sich kurz danach anfühlte, als sei nie etwas passiert. Mit Tränen in den Augen blickte die Rothaarige auf das Meer und hatte für einen kurzen Moment vergessen, dass sie gar nicht alleine war.
