04-09-2025, 20:43 - Wörter:
In dieser Nacht hatte Moira keinen Schlaf gefunden. Sie hatte unter den wärmenden Daunen gelegen, den Blick an den samtenen Himmel ihres Bettes geheftet, während draußen der Wind gegen die Mauern ankämpfte. Nicht der nahezu immerwährende Sturm hatte sie wachgehalten, oder das unruhige Meer, das tief unter den Klippen gegen den Stein donnerte, sondern der gedämpfte Lärm aus der Halle. Das Festmahl. Das Mahl, zu dem man sie nicht zugelassen hatte, als wäre sie ein Kind, das man aus dem Raum schickt, wenn die Männer beraten. Maebh hatte entschieden, dass es besser so sei, und ihr Vater hatte nichts dagegen gesagt. Im Gegenteil, er hatte es für gut befunden.
Noch jetzt, Stunden später, brannte es in ihr. Nicht wie loderndes Feuer, das rasch alles um sich herum verzehrt, sondern wie eine Glut, die unaufhörlich schwelt. Ein einziges Wort ihres Vaters hätte genügt, um sie die Seite ihres Bruders zu lassen. Stattdessen hatte sie in der Stille gesessen, während unten ein neuer Bund geknüpft wurde.
Ihre Zofe hatte am Morgen berichtet, was das Gesinde tuschelte. Sie hatte es zunächst nicht erzählen wollen, doch Moira kannte Sive zu gut, um das Zögern nicht zu deuten. Schließlich waren ihr die Worte nur so über die nervös bebenden Lippen gepurzelt: dass Cathals Zukünftige sich aufgeführt habe wie eine Halbwilde. Dass sie die höfliche Konversation verweigert habe, die man bei einem ersten Kennenlernen in höheren Kreisen nun einmal führte, und dabei süßlich gelächelt habe, doch mit einer Schärfe darunter, die sich nicht geziemte. Sive hatte verlegen gelacht, leise, beinahe entschuldigend. Für Moira aber war es kein Lachen wert gewesen. Wenn das die intime Runde gewesen war, die ihre Stiefmutter für angemessener hielt, dann hätte sie sehen wollen, wie die unruhige Option aussehen sollte.
Die Gedanken daran schnürten ihr die Brust zusammen. Sorge um Cathal, der sie bisher noch nicht aufgesucht hatte. Bitterkeit, weil man ihr nicht zugetraut hatte, als seine Schwester an seiner Seite zu stehen, wenn er seiner Zukünftigen entgegentrat. Als ob ihre Gegenwart eine Gefahr für den so sorgsam inszenierten Frieden des Hauses Fraser gewesen wäre. Und etwas anderes – ein kleiner, aber dunkler Stachel –, dass man sie eines Tages ebenso aus ihres Lebens enteignen würde, um sie selbst vor den Altar zu zerren.
Sie hatte sich an ihren Schreibtisch gesetzt, mit dem Blick über die Klippen, das polierte Holz kühl unter ihren Fingern. Die Korrespondenzen ihres Bruders verlangten dringliche Zuwendung, doch ihre Hand konnte nicht schreiben. Stattdessen strich sie mit dem Daumen über den verziertel Deckel des Tintenfasses: Meine Worte, durch dich. Worte, die man sie gestern nicht hatte sprechen lassen. Worte, die nun schwer auf ihren Schultern wogten. Der Saum ihrer Röcke war noch steif vom Salz, das der Ausritt in den frühen Stunden des jungen Morgens gebracht hatte. Saille hatte unter ihr geschnaubt, frei und wild, als könnte sie die ganze Schmach der Nacht abschütteln. Für eine Stunde hatte Moira geglaubt, die Luft würde sie reinigen. Doch sie hatte sich getäuscht.
Das Klopfen an der Tür riss sie der gedanklichen Spirale. Dreimal, gleichmäßig, kontrolliert. Ein Klang, der nicht verlangte, sondern wartete. Sie hob den Kopf, atmete tief durch und nahm die Schultern zurück. Sie wusste, wer sie aufsuchte. Und sie würde sich vor ihm nichts anmerken lassen. „Herein“, sagte sie, und ihre Stimme klang fester, als sie sich fühlte.
Die Tür schwang auf. Ihr Vater trat ein, füllte den Rahmen wie der Fels, als den sie ihn kannte. In seiner Gegenwart schien selbst das tosende Meer einen Augenblick zu verstummen. Er sagte nichts, und jenes Schweigen legte sich wie ein Gewicht auf den Raum zwischen ihnen. Moira blieb sitzen, die Hände auf der Tischkante, den Blick ernst und unverwandt über die linke Schulter auf den Fürsten gerichtet, der in erster Linie ihr Vater war.
In Moira wirbelten die Bilder der Nacht, die Sives hastige Worte gezeichnet hatten. Die Fremde, die morgen zu ihrer Schwester werden sollte, und mit einem falschen Lächeln ihrer Familie den Respekt verweigert hatte. Cathal, allein am Tisch, weil man seine Schwester ausgeschlossen hatte. Weil Maebh es als sinnvoll betrachtet hatte.
Moira hob das Kinn, als er näher trat. Das, was sie sagen wollte, simmerte in ihren Eingeweiden – Anklagen, Fragen, all die Schärfe, die sich aufgestaut hatte. Doch sie schluckte all das hinunter. Nur ein Satz drang über ihre Lippen, klar und knapp wie der Schlag eines Schwertes: „Ich hoffe, der Abend ist zu Eurer Zufriedenheit verlaufen, Vater.“ Nüchtern formuliert. Alles andere ließ sie in der Luft hängen, wie lose Enden eines Fadens. Worte, die er aufgreifen konnte, wenn er wollte. Doch dann musste er auch mit der Glut leben.
Noch jetzt, Stunden später, brannte es in ihr. Nicht wie loderndes Feuer, das rasch alles um sich herum verzehrt, sondern wie eine Glut, die unaufhörlich schwelt. Ein einziges Wort ihres Vaters hätte genügt, um sie die Seite ihres Bruders zu lassen. Stattdessen hatte sie in der Stille gesessen, während unten ein neuer Bund geknüpft wurde.
Ihre Zofe hatte am Morgen berichtet, was das Gesinde tuschelte. Sie hatte es zunächst nicht erzählen wollen, doch Moira kannte Sive zu gut, um das Zögern nicht zu deuten. Schließlich waren ihr die Worte nur so über die nervös bebenden Lippen gepurzelt: dass Cathals Zukünftige sich aufgeführt habe wie eine Halbwilde. Dass sie die höfliche Konversation verweigert habe, die man bei einem ersten Kennenlernen in höheren Kreisen nun einmal führte, und dabei süßlich gelächelt habe, doch mit einer Schärfe darunter, die sich nicht geziemte. Sive hatte verlegen gelacht, leise, beinahe entschuldigend. Für Moira aber war es kein Lachen wert gewesen. Wenn das die intime Runde gewesen war, die ihre Stiefmutter für angemessener hielt, dann hätte sie sehen wollen, wie die unruhige Option aussehen sollte.
Die Gedanken daran schnürten ihr die Brust zusammen. Sorge um Cathal, der sie bisher noch nicht aufgesucht hatte. Bitterkeit, weil man ihr nicht zugetraut hatte, als seine Schwester an seiner Seite zu stehen, wenn er seiner Zukünftigen entgegentrat. Als ob ihre Gegenwart eine Gefahr für den so sorgsam inszenierten Frieden des Hauses Fraser gewesen wäre. Und etwas anderes – ein kleiner, aber dunkler Stachel –, dass man sie eines Tages ebenso aus ihres Lebens enteignen würde, um sie selbst vor den Altar zu zerren.
Sie hatte sich an ihren Schreibtisch gesetzt, mit dem Blick über die Klippen, das polierte Holz kühl unter ihren Fingern. Die Korrespondenzen ihres Bruders verlangten dringliche Zuwendung, doch ihre Hand konnte nicht schreiben. Stattdessen strich sie mit dem Daumen über den verziertel Deckel des Tintenfasses: Meine Worte, durch dich. Worte, die man sie gestern nicht hatte sprechen lassen. Worte, die nun schwer auf ihren Schultern wogten. Der Saum ihrer Röcke war noch steif vom Salz, das der Ausritt in den frühen Stunden des jungen Morgens gebracht hatte. Saille hatte unter ihr geschnaubt, frei und wild, als könnte sie die ganze Schmach der Nacht abschütteln. Für eine Stunde hatte Moira geglaubt, die Luft würde sie reinigen. Doch sie hatte sich getäuscht.
Das Klopfen an der Tür riss sie der gedanklichen Spirale. Dreimal, gleichmäßig, kontrolliert. Ein Klang, der nicht verlangte, sondern wartete. Sie hob den Kopf, atmete tief durch und nahm die Schultern zurück. Sie wusste, wer sie aufsuchte. Und sie würde sich vor ihm nichts anmerken lassen. „Herein“, sagte sie, und ihre Stimme klang fester, als sie sich fühlte.
Die Tür schwang auf. Ihr Vater trat ein, füllte den Rahmen wie der Fels, als den sie ihn kannte. In seiner Gegenwart schien selbst das tosende Meer einen Augenblick zu verstummen. Er sagte nichts, und jenes Schweigen legte sich wie ein Gewicht auf den Raum zwischen ihnen. Moira blieb sitzen, die Hände auf der Tischkante, den Blick ernst und unverwandt über die linke Schulter auf den Fürsten gerichtet, der in erster Linie ihr Vater war.
In Moira wirbelten die Bilder der Nacht, die Sives hastige Worte gezeichnet hatten. Die Fremde, die morgen zu ihrer Schwester werden sollte, und mit einem falschen Lächeln ihrer Familie den Respekt verweigert hatte. Cathal, allein am Tisch, weil man seine Schwester ausgeschlossen hatte. Weil Maebh es als sinnvoll betrachtet hatte.
Moira hob das Kinn, als er näher trat. Das, was sie sagen wollte, simmerte in ihren Eingeweiden – Anklagen, Fragen, all die Schärfe, die sich aufgestaut hatte. Doch sie schluckte all das hinunter. Nur ein Satz drang über ihre Lippen, klar und knapp wie der Schlag eines Schwertes: „Ich hoffe, der Abend ist zu Eurer Zufriedenheit verlaufen, Vater.“ Nüchtern formuliert. Alles andere ließ sie in der Luft hängen, wie lose Enden eines Fadens. Worte, die er aufgreifen konnte, wenn er wollte. Doch dann musste er auch mit der Glut leben.
