23-02-2026, 21:37 - Wörter:
Mira hatte bemerkt, wie seine Worte nachklangen. Nicht in dem, was er sagte – sondern in dem, was zwischen den Sätzen lag. Sie erwiderte seinen nachdenklichen Blick nicht direkt, doch ein feines, beinahe unsichtbares Lächeln huschte über ihr Gesicht, als er von Drachen sprach.
"Ein hungriger Drache in Gestalt einer Schwiegermutter," wiederholte sie mit einem leisen Schmunzeln. "Ich hoffe, Ihr besitzt ausreichend Rüstung für ein solches Ungeheuer."
Dann wurde ihr Ausdruck wieder sanfter, ernster.
"Doch Ihr habt recht. Man weiß nie, wofür man etwas braucht. Vielleicht sind Fähigkeiten weniger dafür da, uns zu definieren, als uns vorzubereiten."
Sie sagte nichts dazu. Nicht, weil es sie nicht interessierte, sondern weil sie wusste, dass man manche Türen nicht mit Fragen öffnete, sondern mit Geduld.
Der Wald atmete schwer um sie herum. Feuchte Erde, das leise Tropfen von Wasser aus den Zweigen, das ferne Knacken eines Astes unter irgendeinem unsichtbaren Tier. Mira liebte diese Art von Stille. Sie war ehrlich. Sie verlangte nichts und versprach nichts.
Als Rowan von Fähigkeiten sprach, die immer ein Gewinn seien, dachte sie unwillkürlich an all das, was sie gelernt hatte, weil sie hatte lernen müssen. An Nächte, in denen Wachsamkeit wichtiger gewesen war als Schlaf. An Worte, die sie geschluckt hatte, statt sie auszusprechen. An das feine Gespür für Stimmungen, das sie sich angeeignet hatte wie andere das Lesen oder Rechnen.
„Nicht jede Fähigkeit fühlt sich wie ein Geschenk an.“
Es war kein Widerspruch, eher eine Ergänzung. Ihre Stimme war weich, aber nicht brüchig. Sie hatte Frieden geschlossen mit dem, was war. Meistens zumindest.
Als er darüber sprach, was eine Kriegerin ausmache, hörte sie ihm aufmerksam zu. Sie beobachtete die Art, wie er sprach, die leise Schärfe in seinen Worten, wenn es um Gold und Befehle ging. Da lag Überzeugung. Und etwas wie Abscheu.
Er war keiner von denen, die blind folgten. Das gefiel ihr mehr, als sie erwartet hätte.
„Kämpfen zu können, macht noch niemanden zur Kriegerin.“
Sie strich mit dem Daumen über das raue Holz des Axtstiels. Die Splitter waren klein, aber spürbar.
„Entscheidend ist, wofür man es einsetzt.“
Ein kurzer Atemzug, beinahe unhörbar.
„Manche Kämpfe wählt man nicht. Aber man kann wählen, ob man sich von ihnen formen lässt oder verformen.“
Ein flüchtiger Gedanke huschte durch sie hindurch. Wie oft hatte sie sich klein gemacht, um nicht anzuecken. Wie oft hatte sie Stärke gezeigt, nur um nicht zerbrechlich zu wirken. Sie hatte gelernt, präzise zu sein, weil sie es musste. Schnell zu denken. Wenig Angriffsfläche zu bieten.
Als Rowan ins Rutschen geriet, sah sie es im Augenwinkel. Ihr Körper reagierte instinktiv, spannte sich an, bereit, einzugreifen, falls er fiel. Erst als er sich fing, ließ sie die Spannung wieder los. Sie tat, als hätte sie es kaum bemerkt. Doch innerlich registrierte sie jedes Detail. Nasser Boden. Glatte Rinde. Ein Schritt zu viel Schwung.
Auch das war eine Fähigkeit. Nicht wegzusehen.
Bei der Axt legte sie all ihre Aufmerksamkeit in die Bewegung. Das Gewicht zog an ihren Armen, ehrlicher als jedes Wort. Als Rowan ihre Hände korrigierte, ließ sie es zu, ohne Zögern. Sie spürte die Veränderung sofort. Der Schwerpunkt verlagerte sich. Mehr Kontrolle, weniger Ausuferung.
Es war seltsam beruhigend, etwas so Greifbares in den Händen zu halten. Holz. Metall. Widerstand.
Sie hob die Axt erneut. Diesmal ohne Übermut. Der Schlag traf sauberer. Das Holz gab nach, nicht viel, aber genug.
Ein feines Brennen zog durch ihre Schultern. Sie ignorierte es nicht. Sie nahm es wahr. Schmerz bedeutete, dass sie lebte, dass sie arbeitete, dass sie nicht ausweichen konnte.
„Wenn man weniger Kraft hat, lernt man, genauer zu werden.“
Es war mehr als eine Feststellung. Es war eine Wahrheit, die tief in ihr verankert war. Sie hatte nie die Wahl gehabt, sich auf bloße Stärke zu verlassen. Also hatte sie gelernt zu beobachten. Zu warten. Den richtigen Moment zu erkennen.
Sie setzte erneut an. Nicht hastig. Nicht trotzig. Bewusst.
Der zweite Schlag traf die bestehende Kerbe fast exakt. Ein Splitter löste sich und fiel zu Boden. Ein kleiner Erfolg, unscheinbar, aber real.
In ihr breitete sich kein Stolz aus, eher eine stille Zufriedenheit. Kontrolle war ihr lieber als Triumph.
Sie dachte an seine Worte über Mütter, über Entscheidungen. Und zum ersten Mal erlaubte sie sich, ihn nicht nur als Begleiter zu sehen, sondern als jemanden, der ebenfalls Grenzen zog, wo andere sie überschritten.
„Ihr wirkt nicht wie jemand, der für Lärm kämpft.“
Ein kurzer Blick zu ihm, ruhig, aufrichtig.
„Das ist selten.“
Mehr öffnete sie sich nicht. Doch in ihrem Ton lag etwas Neues. Kein Schutz. Kein Ausweichen. Nur Anerkennung.
Dann hob sie die Axt wieder, spürte das Gewicht in ihren Händen, die leichte Müdigkeit in den Muskeln, und führte den nächsten Schlag aus. Nicht stärker als zuvor. Aber sicherer.
Und während das Metall erneut ins Holz schnitt, wusste sie, dass nicht jede Stärke laut sein musste, um Bestand zu haben.
"Ein hungriger Drache in Gestalt einer Schwiegermutter," wiederholte sie mit einem leisen Schmunzeln. "Ich hoffe, Ihr besitzt ausreichend Rüstung für ein solches Ungeheuer."
Dann wurde ihr Ausdruck wieder sanfter, ernster.
"Doch Ihr habt recht. Man weiß nie, wofür man etwas braucht. Vielleicht sind Fähigkeiten weniger dafür da, uns zu definieren, als uns vorzubereiten."
Sie sagte nichts dazu. Nicht, weil es sie nicht interessierte, sondern weil sie wusste, dass man manche Türen nicht mit Fragen öffnete, sondern mit Geduld.
Der Wald atmete schwer um sie herum. Feuchte Erde, das leise Tropfen von Wasser aus den Zweigen, das ferne Knacken eines Astes unter irgendeinem unsichtbaren Tier. Mira liebte diese Art von Stille. Sie war ehrlich. Sie verlangte nichts und versprach nichts.
Als Rowan von Fähigkeiten sprach, die immer ein Gewinn seien, dachte sie unwillkürlich an all das, was sie gelernt hatte, weil sie hatte lernen müssen. An Nächte, in denen Wachsamkeit wichtiger gewesen war als Schlaf. An Worte, die sie geschluckt hatte, statt sie auszusprechen. An das feine Gespür für Stimmungen, das sie sich angeeignet hatte wie andere das Lesen oder Rechnen.
„Nicht jede Fähigkeit fühlt sich wie ein Geschenk an.“
Es war kein Widerspruch, eher eine Ergänzung. Ihre Stimme war weich, aber nicht brüchig. Sie hatte Frieden geschlossen mit dem, was war. Meistens zumindest.
Als er darüber sprach, was eine Kriegerin ausmache, hörte sie ihm aufmerksam zu. Sie beobachtete die Art, wie er sprach, die leise Schärfe in seinen Worten, wenn es um Gold und Befehle ging. Da lag Überzeugung. Und etwas wie Abscheu.
Er war keiner von denen, die blind folgten. Das gefiel ihr mehr, als sie erwartet hätte.
„Kämpfen zu können, macht noch niemanden zur Kriegerin.“
Sie strich mit dem Daumen über das raue Holz des Axtstiels. Die Splitter waren klein, aber spürbar.
„Entscheidend ist, wofür man es einsetzt.“
Ein kurzer Atemzug, beinahe unhörbar.
„Manche Kämpfe wählt man nicht. Aber man kann wählen, ob man sich von ihnen formen lässt oder verformen.“
Ein flüchtiger Gedanke huschte durch sie hindurch. Wie oft hatte sie sich klein gemacht, um nicht anzuecken. Wie oft hatte sie Stärke gezeigt, nur um nicht zerbrechlich zu wirken. Sie hatte gelernt, präzise zu sein, weil sie es musste. Schnell zu denken. Wenig Angriffsfläche zu bieten.
Als Rowan ins Rutschen geriet, sah sie es im Augenwinkel. Ihr Körper reagierte instinktiv, spannte sich an, bereit, einzugreifen, falls er fiel. Erst als er sich fing, ließ sie die Spannung wieder los. Sie tat, als hätte sie es kaum bemerkt. Doch innerlich registrierte sie jedes Detail. Nasser Boden. Glatte Rinde. Ein Schritt zu viel Schwung.
Auch das war eine Fähigkeit. Nicht wegzusehen.
Bei der Axt legte sie all ihre Aufmerksamkeit in die Bewegung. Das Gewicht zog an ihren Armen, ehrlicher als jedes Wort. Als Rowan ihre Hände korrigierte, ließ sie es zu, ohne Zögern. Sie spürte die Veränderung sofort. Der Schwerpunkt verlagerte sich. Mehr Kontrolle, weniger Ausuferung.
Es war seltsam beruhigend, etwas so Greifbares in den Händen zu halten. Holz. Metall. Widerstand.
Sie hob die Axt erneut. Diesmal ohne Übermut. Der Schlag traf sauberer. Das Holz gab nach, nicht viel, aber genug.
Ein feines Brennen zog durch ihre Schultern. Sie ignorierte es nicht. Sie nahm es wahr. Schmerz bedeutete, dass sie lebte, dass sie arbeitete, dass sie nicht ausweichen konnte.
„Wenn man weniger Kraft hat, lernt man, genauer zu werden.“
Es war mehr als eine Feststellung. Es war eine Wahrheit, die tief in ihr verankert war. Sie hatte nie die Wahl gehabt, sich auf bloße Stärke zu verlassen. Also hatte sie gelernt zu beobachten. Zu warten. Den richtigen Moment zu erkennen.
Sie setzte erneut an. Nicht hastig. Nicht trotzig. Bewusst.
Der zweite Schlag traf die bestehende Kerbe fast exakt. Ein Splitter löste sich und fiel zu Boden. Ein kleiner Erfolg, unscheinbar, aber real.
In ihr breitete sich kein Stolz aus, eher eine stille Zufriedenheit. Kontrolle war ihr lieber als Triumph.
Sie dachte an seine Worte über Mütter, über Entscheidungen. Und zum ersten Mal erlaubte sie sich, ihn nicht nur als Begleiter zu sehen, sondern als jemanden, der ebenfalls Grenzen zog, wo andere sie überschritten.
„Ihr wirkt nicht wie jemand, der für Lärm kämpft.“
Ein kurzer Blick zu ihm, ruhig, aufrichtig.
„Das ist selten.“
Mehr öffnete sie sich nicht. Doch in ihrem Ton lag etwas Neues. Kein Schutz. Kein Ausweichen. Nur Anerkennung.
Dann hob sie die Axt wieder, spürte das Gewicht in ihren Händen, die leichte Müdigkeit in den Muskeln, und führte den nächsten Schlag aus. Nicht stärker als zuvor. Aber sicherer.
Und während das Metall erneut ins Holz schnitt, wusste sie, dass nicht jede Stärke laut sein musste, um Bestand zu haben.

