02-03-2026, 07:04 - Wörter:
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 02-03-2026, 07:09 von Yue Bai.)
“Keine Sorge, ich mach das”
, wandte sich Yues Stimme an Creidne, mit den Fingern schon die Widerstandsfähigkeit des niedrig hängenden Astes erprobend. “Bist du sicher? Ich kann eine Räuberleiter für dich machen.” Die junge Priesternovizin mit dem haselnussbraunen, gelockten Haar hielt die gefaltete Papierlaterne in der Hand, einen unsicheren Gesichtsdruck aufgelegt - konnte man ihr nicht verübeln, denn in vielerlei Hinsicht war es Creidnes erste richtige Reise mit verantwortung lastigen, betrauten Aufgaben. “Geht schon. Moment.”
Behände schlüpfte Yue aus ihren Lederpantoffeln, raffte ihren Rock und setzte einen Fuß an die Rinde, den Halt testend, ehe sich ihre Hand am Ast festhielt und sie sich langsam, doch sicher an dem Baum hochzog. Was für ein unnötig schwieriges Unterfangen mit langen Roben mit weiten Ärmeln. Doch sie beschwerte sich nicht. Der Baum, jünger und biegsamer als die Eiche in der Mitte des Gartens, bot genug Halt für eine leichte Person und der Ast auf Kopfhöhe bog sich nur leicht, als sie sich darauf niederließ und die Hand nach unten ausstreckte. Er war noch feucht von dem vergangenen Regen und dem sich bildenden Morgentau. Hier oben roch es nach Laub, das bald abgeworfen werden würde, nur um in wenigen Monaten Platz für neues Leben zu schaffen. Die Farben des Herbstes schimmerten dunkel in dem Dämmerlicht des Morgengrauens und würden heute Nachmittag ihre ganze Pracht entfalten, wenn die eigentliche Zeremonie begann. Es war, wie Yue in den Jahren im Gebirge gelernt hatte, eine der wundersamsten Zeiten des Jahres. Die Fraser hatten richtig damit getan, die Hochzeit auf diesen Tag zu legen, an dem die Natur in Liebe zur Welt singen würde - man musste nur wissen, wie man hinhörte, um sich von den Klängen mitreißen zu lassen.Yue nahm eben die dritte Laterne von Creidne an und befestigte sie an den Ästen, niedrig genug, um sie später vom Boden aus anzuzünden, da erkannte sie aus dem Augenwinkel, wie sich ihnen jemand ohne Priesterroben näherte. Es dauerte ein bisschen, bis die Gestalt eine scharfe Form annahm, während Creidne die Ablenkung ihrer Freundin richtig deutete und sich zu der Frühaufsteherin umdrehte. Priesterinnen, auch Novizinnen, belegten in Farynn einen hohen Stand, weshalb sie nicht sofort alles stehen und liegen lassen mussten, wenn jemand vom Adel ihnen begegnete. Gerade junge Novizinnen hingegen hatten es sich angewöhnt, den Kopf in einer Begrüßung zu senken.
“Guten Morgen Euer Gnaden”
, sprachen beide deshalb aus reiner Gewohnheit im Chor, wobei Yue sich innerlich dafür einschlug, den richtigen Titel verwendet zu haben. Ihr Gesicht zeigte mehr Vertrautheit, als es Creidnes Gesicht tat; kein Wunder, denn vor beziehungsweise unter ihr stand eine Frau, die sie mittlerweile ihre Freundin nennen durfte. Kein seltenes Unterfangen zwischen Adelsfrauen und Priesterinnen, hatte sie sich sagen lassen - zwischen Fürstin und Novizin schon ein wenig seltener.“Oh, wirklich?”
, fragte sie ehrlich überrascht und wandte einen Blick in die Richtung, aus der Maebh gekommen war. War sie etwa den weiten Weg bis zu ihrer Priesterkammer gelaufen? “Natürlich, warte, ich komm kurz runter.”
Es lag in Yues Natur, für Menschen ein lauschendes Ohr zu haben, die es brauchten, für Freundinnen nur umso mehr. Für einen kurzen Moment die Beine über den Ast baumeln lassend, sprang sie schließlich und landete mit einem dumpfen Geräusch auf dem aufgeweichten Gras. Nachdem sie trotz schmutziger Füße zurück in ihre Schuhe geschlüpft war und ihre Handflächen grob an ihrem Rock abwischte, wandte sie sich noch einmal Creidne zu, die schon dabei war, die Bänder an den aufgehängten Lampen zu befestigen. “Du kannst was für mich übrig lassen, ich komm später wieder”
, bot sie indirekt ihre Hilfe an, worauf Creidne nur lächelte und mit der Hand wedelte. “Geh schon, ich komme hier zurecht.” Ein dankbarer Ausdruck lag in Yues dunklen Augen, als sie sich von der anderen Novizin verabschiedete und Maebh in die Richtung folgte, die sie für ihr Gespräch angedacht hatte.
“Du weißt, ich habe auch ein paar längere Augenblicke für dich. Warum bist du nicht früher zu mir gekommen?”
In ihrer Stimme lag keine Anschuldigung, sondern mehr eine indirekte Entschuldigung, dass sie in den letzten Tagen keine Zeit miteinander verbracht hatten. Seit Yues Ankunft standen Vorbereitungen an, die sie beansprucht hatten, aber das war nicht der Grund dafür, dass sie sich nicht gesehen hatten. Sie wusste, dass Maebh mit ihren Pflichten als Mutter und Fürstin beschäftigt war, also hatte sie gewartet. Sicher würde sie sich nicht in ihr Leben drängen, wenn sie andere Dinge beschäftigten… die sie scheinbar doch nicht mehr mit sich selbst ausmachen konnte, wie ihre Sorge im Gesicht verriet. Dass Yue sich freute, Maebh zu sehen, war offensichtlich an ihrem leichteren, federnden Gang neben ihrer Freundin, an dem offenen, freundlichen Ausdruck in ihrem Gesicht, doch in ihren Augen lag eine Aufmerksamkeit, die auf das gerichtet war, was Maebh davon abhielt, die selbe leichte Freude mit ihr zu teilen.

